„Es ist kein Spiel der Überlebenden, sondern der Verlierer.“

Ich kenne dieses Klischee. Es ist unmöglich, darüber zu diskutieren. Das chinesische Wort für „Welt“, TianXia, meint buchständlich „Alles unter dem Himmel“ und ist zugleich ein Synonym für „China“. Das bedeutet, wir denken nicht nur, China ist die Welt, wir haben nicht einmal einen Namen für den Unterschied zwischen beidem. Diese Arroganz wurde kurzzeitig unterdrückt, als der Westen im 18. Jahrhundert China erobert hat. In dieser Zeit haben wir ein neues Wort erfunden, ShiJie, „Grenze der Welt“, was vor allem Europa und Amerika meinte. Unser Führer Mao hat die Arroganz wieder hergestellt und heute sind wir genauso überheblich wie früher.

Ich kann nicht widersprechen, weil es stimmt: China ist die Welt, die Welt ist ein Teil von China. Man muss nur die Fakten sehen. Keine der tragenden Säulen des westlichen Internets ist in China populär: twitter, facebook, youtube, dropbox, google, ebay, paypal, amazon, skype ICQ, what’s up, craglist, pinterest – und so weiter. Die Hälfte davon ist gesperrt, und vom Rest hat niemand in China je gehört. Man könnte denken, das Internet sei ohne sie leer, aber tatsächlich haben wir unsere eigenen Ebenbilder von allen, und sie sind sogar größer. In China wird mit e-commerce der meiste Umsatz der Welt gemacht. Hier gibt es den größten Microblogging-Dienst, den größten instant messenger, und so weiter. Ein Investor sagte einmal zu mir: „Wenn du die Welt eroberst, kommst du nicht mehr nach China hinein; aber wenn du China eroberst, hast du schon den größten Teil der Welt, ohne in sie hinaus zu müssen.“

Natürlich haben viele Chinesen einen weiten Weg zurückgelegt und in jedem Land der Welt Fußabdrücke hinterlassen. Doch wir scheinen zu glauben, dass in dem Moment, in dem wir unsere Füße absetzen, jene Fläche Erde, die unser Gewicht trägt, auf magische Weise zu einer Verlängerung Chinas wird – nur diese Fläche, nicht mehr. Daher wächst die Welt tatsächlich niemals über die Grenzen Chinas hinaus; die Welt ist China. Mich macht das tieftraurig: Ich komme nicht über die Grenzen hinaus. Wenn ich es mache, wenn ich mir die Freiheit nehme, überwältigt von einem exotischen Land zu sein und vergesse, dass China durch meine Füße definiert wird, dann höre ich auf, ein Chinese zu sein, und meine ehemaligen Landsleute starren auf mich mit dieser Leere, die sie für Fremde reserviert haben.

Chinesen sind davon genervt, dass der Westen Gerüchte streut.

Sogar die Bitcoin-Welt bestätigt unser großes Ego. China war der Grund für das letzte Allzeithoch im November, und es ist der Grund für den derzeitigen Fall. Westliche Nachrichten behaupten manchmal, dass 83 Prozent aller Bitcoins in den USA gehandelt werden. „Das ist eine Fälschung,“ sagen chinesische Bitcoiner, „die westlichen Börsen fälschen ihr Volumen. Die Wahrheit ist, dass 83 Prozent aller Bitcoins in CNY gehandelt werden und dass Dollar-Händler uns folgen und manchmal überreagieren, wenn wir kaufen oder verkaufen.“ Nachdem die Bitcoin Foundation hier gescheitert ist, hat China die Bit Foundation gegründet, und so, wie im Westen kaum jemand von dieser Imitation gehört hat, kennt in China kaum jemand das Original. Und während der Westen genervt davon ist, dass China den Bitcoin „verbieten“ will, sind Chinesen davon genervt, dass der Westen „Gerüchte streut.“ „Traue niemals einer englischen Quelle,“ sagte jemand auf einem Bitcoin Event.

Ich weiß, dass es vom Westen aus so aussieht, als schließe sich China selbst ein. Aber wir sehen das Gegenteil – dass wir euch eingesperrt haben, in einem kleinen, lebensfeindlichen Platz außerhalb der Grenze Chinas. Die Erde ist rund und begrenzt, wie könnt ihr sagen, dass eure Sicht besser ist als unsere? Wenn wir die größere Wirtschaft, die größeren Unternehmern, die größeren Fabriken, die größere Umweltverschmutzung, die größere Egos haben – alles ist hier größer als im Westen – dann ist es doch klar, dass wir euch von der Welt aus- anstatt uns eingesperrt haben.

Ich habe dem Chef der Börse versprochen, ihm in einer Woche zu antworten. Er schickte mich in mein Hotelzimmer, und ich sah, wie sich die Türe hinter ihm schloss. Ich war traurig, da ich in den nächsten Jahren vermutlich keine Gelegenheit mehr haben werde, mich so offen mit einem jungen Mitglied der chinesischen Elite zu unterhalten. China ist ein großes Land, es gibt genügend Platz für Überlebende, und vielleicht wird er einer davon sein. Mein Plan ist es jetzt, mit dem potenziellen amerikanischen Partners ins Geschäft zu kommen. Vielleicht werde ich am Ende wieder mit Chinesen arbeiten, in unserer kleinen Welt die alles unter dem Himmel umfasst. Aber zuvor warte ich auf mein Flugzeug, das zu spät kommt.

Zhang Weiwu ist ein chinesischer IT-Unternehmer, der seit zehn Jahren mit deutschen Unternehmen handelt und sich seit zwei Jahren mit dem Bitcoin beschäftig. Die virtuelle Währung ist für ihn die größte Erfindung dieser Dekade. Er sucht aktiv nach Gelegenheiten und Partnern für Bitcoin-Geschäfte. Er ist über linkedin zu erreichen.

Mehr von Zhang Weiwu: Wahrheit, Gerüchte und Gehorsam

Über Zhang Weiwu (7 Beiträge)
Ist unser Korrespondent aus China. Der IT-Unternehmer ist immer auf der Suche nach Geschäftspartnern und gibt unseren Lesern einen Blick hinter die Kulissen der chinesischen Bitcoin-Szene.

12 Kommentare zu „Es ist kein Spiel der Überlebenden, sondern der Verlierer.“

  1. Soweit ich das sehen kann, reichen die sogenannten größeren Egos unserer kleinen gelben Freunde nichtmal bis zu meinen Kniekehlen. Aber Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall – was sicher überall unter dem Himmel gilt.

    • @rico666 Du ungebildeter Tropf. Es gibt in China mehr Leute mit dem Nachnamen Li als es Deutsche gibt, da wird schon der oder andere dabei sein, der mehr auf dem Kasten hat als du!

      • Gääähhhnnnn …

      • rico666 // 13. April 2014 um 20:00 //

        Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Mir scheint, da hat einer das Gesetz der großen Zahlen falsch verstanden. Und die Tatsache, dass ich einigermaßen vernünftige deutsche Sätze bilden kann macht mich noch nicht zum deutschen Staatsbürger. Soviel zu logischen Fehlschlüssen.
        Wenn ich in der TNS (http://www.triplenine.org/ – ist nicht überall bekannt) ein paar mehr Mitglieder aus dem Reich der Mitte begrüßen kann, reden wir weiter.

  2. Chinesen kann man erst dann wirklich ernst nehmen, wenn sie sich der restlichen Welt öffnen.
    Dann wird man sehen, was passiert. Vorher ist alles nur Gelaber.

  3. Here ein Kommentar von 小虎 unter der englischen Version:
    „Jaja. So ist das halt hier, im ach so tollen freien Westen. Keine Ahnung von nichts, aber hauptsache allen sagen wie man zu leben hat. Dass es die Chinesen schon ein paar tausend Jahre länger gibt, ist den meisten hier sowieso egal, wenn sie es überhaupt wissen. 中国, das Reich der Mitte. Wir sind für sie nur lächerliche Barbaren die nichtmal unbewaffnet zu Tisch gehen (Messer und Gabel). In China gehört ein Messer in die Küche und nicht an den Esstisch. Das ist nur eines von unzähligen Beispielen, warum man sich besser informieren sollte über so genannte Entwicklungsländer. China hat sich alles über Jahrtausende hart erarbeitet. Wir haben unseren Reichtum auf dem Rücken von dutzenden anderen Völkern und der Erde selbst (Sklaven, Globalisierung, Umweltverschmutzung) aufgebaut und es nicht geschafft zusammen zu halten, weil wir durch Gier uns auch noch gegenseitig bekämpfen mussten. Armer Westen, hoffentlich kommen sie bald und “retten” uns. Ich habe mal in der Schule gelernt, dass wir die Guten waren und die Kommunisten, damals im kalten Krieg die “Bösen”. Ich befürchte seit längerem, dass die “Propaganda” der Kommunisten im großen und ganzen schon richtig war und der Kapitalismus das pure Böse ist. Wie man unschwer erkennen kann ist die Welt voller Probleme und unser tolles System, das die Reichen reicher macht und die armen noch ärmer wird, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht im Stande sein auch nur ein einziges davon zu lösen.
    Tut mir leid wenn es ein bisschen offtopic ist. Aber meine Freundin ist Chinesin und ich ärgere mich jedes Mal wieder aufs Neue wenn ich irgendetwas über China lese was nicht aus China kommt. Dieser Artikel ist eine Ausnahme und interessant zu lesen. Ich rede von dem typischen kritischen “Smog gibts nur in China und er ist so böse, außerdem von Chinesischen Firmen und wir sind an überhaupts nicht schuld, weil wir wollen ja nur helfen Probleme von anderen zu lösen – Süddeutsche Zeitung Artikel”

    小虎特别喜欢比特币。“

  4. HAHAHAHAHA, das immer noch so viele menschen gibt die wirklich glauben wir hätten zurzeit den Kapitalismus

    einfach nur traurig…

  5. Guten Tag ich verfolge ihren Blog nun eine weile schon
    Möchte ihnen danken füe die tollen Blogs
    Ich finde es Ok wenn man die Option hat für einen Artikel zu bezahlen aber trotzdem die freie wahl
    Z.b weil ich momentannkeine Btcs habe könnte ich auch nocht bezahlen

  6. Ein wirklich guter Artikel. Thanks a lot.

  7. Ich habe noch nie jemanden eine Geschichte aus China so offen und unverfälscht lesen dürfen und hoffe, dass Sie uns in der Zukunft mehr dieser indirekten Einblicke in die chinesische Kultur bieten werden!

  8. Euch kleingeistigen Spöttern sei gesagt, das dieser Beitrag, losgelöst um das immer noch nicht gelöste Geheimnis der weiteren Zukunft des BC in China, den Nagel hinsichtlich Sichtweise der Chinesen auf den Punkt bringt.
    Und wenn man die Begriffen hat, sollte man sich vor dem Hintergrund, das die Chinesen DIE Werkbank der Welt sind (deshalb auch die größten Divisenhalter; was uns im Kalten-Krieg bei den Russen in den Wahnsinn getrieben hätten, weil die dann mit einem Fingerschnipp die s.g. Weltwirtschaft abgeschossen hätten), sich in Afrika im großen Stiel ohne politische Einflussnahme Ressourcen sichern (und nicht nur Bodenschätze, sondern auch den Wert des Bodes an sich) mal anfangen, über den mittelfristigen wirtschaftlichen Stellenwert des ach so hoch aufgehängten Westens Gedanken zu machen…
    Viel Spaß beim Nachdenken

  9. MasterOfFight // 15. April 2014 um 8:56 // Antworten

    Das es interkulturelle Unterschiede gibt, verschiedene Ansichten, ein unterschiedlicher Horizont etc, muss man einfach Akzeptieren.
    Die Chinesen sind sehr sehr stark auf ihr eigenes Land fixiert, sowie der Amerikaner oder viele andere.
    Wenn man zusammen Spielen würde, gäbe es viele viele viele neue Möglichkeiten und Lösungen zu vielen Problemen.

    Jedes Land fälscht ein bisschen an seinen Zahlen rum um besser dazustehen.
    Das China eine der größten oder sogar die größte Wirtschaftsmacht darstellt, mag gut sein, aber worauf wird sie Aufgebaut? Auf zich tausenden rücken kleiner Menschen die Arbeiten bis sie umfallen. Natürlich alles Regions und Berufsabhängig. Und in anderen Teilen der Welt auch vertreten, aber trotzdem…

    Gäbe es weniger Engstirnigkeit und mehr offenes Miteinander könnten wir Wirtschaftlich alle Profitieren.

    Zum Artikel selber:
    Sehr gut und leserlich geschrieben. Vor allem auch sehr interessant zu beobachten was vor sich geht im Staate China bezüglich unser aller Bitcoin Geschäfte.

    Ich bin sehr gespannt was die Zukunft bringt.

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