Es gibt keine “low hanging fruits”

"Counting on Success" by Alan Cleaver from flickr. Lizenz nach Creative Commons 2.0

Im letzten Artikel hat Adrian Monk von scaberia.com geraten, sich genau zu überlegen, was man eigentlich macht, und Dinge zu hinterfragen, bevor man in irgendwas investiert. Im dritten Teil seines Trading-Guides geht es darum, sich genau zu überlegen, wie man Risiko, Einsatz und Ertrag kalkuliert. Dabei gilt: Das Risiko sollte so gering wie möglich sein, aber der Ertrag hoch genug, damit man Profit macht. Auch dem Bauch raus zu handeln hilft selten, stattdessen braucht man einen nüchternen Blick, eine genaue Kalkulation und viel Disziplin.

Einmal hat mich jemand aus Denver, Colorado angerufen, der hat 20 Jahre auf ein Haus gespart, wollte aber nicht länger warten und ging damit an den Optionsmarkt, ohne sich Gedanken zu machen. Er war eben überzeugt, dass er es drauf hat, und dass es an der Börse lauter „low hangig fruits“ gibt.

Tja. Zwei Wochen später waren 80% seines Kapitals weg. Als er zu mir kam, musste ich ihm leider vorrechnen, das er bei weiterem Trading mit kleinem Risiko ca. 3000% im Monat auf seinen Einsatz machen muss, um dass jemals wieder zu bekommen. Andere Alternativen wären Las Vegas, eine Bank ausrauben oder Marihuana anbauen gewesen. Letzteres ist da gerade legal in Colorado geworden. Ich hatte ihm dann vorgeschlagen, sein Geld in Ausbildung zu investieren, mehr Gehalt zu verlangen (evtl. einen Teil in einen steuerbegünstigten Sparplan zu setzen) und so sein Geld wieder rein zubekommen. Es hat dann weiter gemacht, die 20% auch noch verloren und die Frau hat die Scheidung eingereicht, weil es kein Haus gab.

Was hat er falsch gemacht? So gut wie alles. In erster Linien hat er aber gemeint, er braucht keinen Tradingplan. Das ist wie bei jedem anderen Business: Ich muss einmal durch den gesamten Prozess durchdenken, was ich eigentlich machen will und mir das durchrechnen. Ein wichtiger Punkt zum profitablen Traden ist, dass, anders als der Mann aus Denver dachte, es keine sogenannten „Low Hanging Fruits“ gibt, die man einfach nur pflücken muss, um den großen Profit zu machen. So was geht vielleicht im Casino, beim Lotto oder im Traum. Im Trading ist es harte Arbeit.

Prinzipiell muss man nur mit ein paar Werten umgehen: Einsatz, Risiko, Ertrag. Das Ziel ist es, eine stetig steigende Equitykurve zu erreichen – also ein konstantes Wachstum des Guthabens – aber so wenig wie möglich einzusetzen und ein möglichst geringes Risiko zu haben. Punkt. Das ist harte Arbeit und es gibt keinen Shortcut. Es gibt aber auch Tradingtechniken, die bei gleichem Risiko den Profit steigern können, aber die werde ich zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen.

Also: ich plane, wie und wodurch ich mit dem Traden Geld verdienen will. Das ist ein dynamischer Prozess und sollte immer upgedatet werden. Ich muss auch einkalkulieren, was mache ich, wenn ich mal verlieren (das kann immer passieren) und ich muss mir ein Ziel setzen, WANN ICH AUFHÖRE, weil ich die untere Gesamtgrenze überschritten habe. Ich logge außerdem alle Trades und schaue mir sehr genau an, warum ich eventuell einen Trade verloren haben. Als ich noch manuell aktiv war, kamen 90% meiner Verluste von der mangelnden Disziplin, meine Stop Losses einzuhalten oder ich habe andere menschliche Fehler gemacht. Gier verliert, Disziplin ist King.

Was ich normalerweise mache, ist, ich fange hinten an zu rechnen, um zu sehen, was ich brauche, um profitabel bei geringem Risiko zu traden. Das gibt bereits einen guten Einblick, wo ich stehe. Wie ich dann trade, kommt im nächsten Schritt.

Wie gesagt der Fokus ist auf „profitabel“. Sicher kann man Mining und Bitcoin Trading als Hobby betrachten, aber selbst dann muss ich einen Überblick haben, wieviel ich wie verlieren kann.

Dies bedeutet, ich liste Dinge auf, wie zum Beispiel :

  • Die generellen Kosten (Mein Budget: z.B. IT, Buecher, Reisen, Kurse, Software)
  • Meine Arbeitszeit, Lernzeit, Mittagspause
  • Die Steuern ( was muss ich zahlen, was kann ich absetzen)
  • Wenn ich bereits weiß, was ich traden will: die Tradingkosten im einzelnen (z.B. Brokerkosten, Fundtransferkosten, „vom Broker zurücküberweisen“ Kosten , Roll Over)
  • Sonstige Kosten, z.B. Kaffee, Tee, Essen, wenn man ne Nacht durch macht
  • Testkosten, also Geld, was ich zum testen versemmeln kann. Usw.

Wenn ich das habe, weiß ich ca. ich brauche ne gewisse Summe X, die mein Trading bringen muss, sonst geht das in die Miesen. Das ist sozusagen eine Erfolgsverplichtung. Es bringt nichts, wenn man am Tag 50 Euro Gewinn macht aber Kosten von 100 Euro hat. Mit der Zeit und wachsender Erfahrung werden diese Berechnungen immer genauer und einfacher. Daraus kann ich meinen Kapitalbedarf und Einsatz ableiten.
Beim Mining ist das wesentlich einfacher, weil man einfach Hardware kauft, IT installiert, Software laufen lässt, die Stromkosten einkalkuliert und der Rest (z.B. Bitcoin Kurs) einfach abzuschätzen ist. Trading ist da noch eine ganz andere Liga, auch weil es wesentlich dynamischer. ist

Um jetzt meinen akzeptablen Kapitalbedarf zu ermitteln, muss ich das direkte und offene Risiko betrachten, wie bereits zuvor erwähnt. Was akzeptabel bedeutet, muss jeder selber entscheiden. Ich gehe immer davon aus, es ist die Summe, die ich verlieren kann und die nicht kreditfinanziert ist. Das ist meine Linie, über die ich nicht gehe. Eine Faustregel zum Risiko ist: so klein wie möglich, dass ich profitabel bin.

Nehmen wir einfach mal ein Bitcoin Trading Beispiel :

Kosten X : 50 Euro am Tag (Zeit, Gebühr, Strom, Kaffee)
Kurse : 1 Bitcoin = 500 Euro
Quantity : 1 BTC
Konto 1 : 500 Euro
Kontol 2 : 5000 Euro

Es gibt jetzt mehrere Kombinationen, wie man auf mindestens 51 Euro Gewinn kommt:

Um jetzt die x > 50 Euro zu verdienen, muss ich zum Beispiel :

Mit einen Bitcoin Einsatz bei einem Trade bereits 10 % vom Einsatz am Tag machen. Bei Konto 1 sind dass 100% Einsatz meines Kapitals, bei Konto2 ergeben sich 10%. Beides ist viel zu hoch.
Man kann auch 10 x Traden, dann brauch ich „nur“ 1% Gewinn pro Trade. Aber gibt der Markt das her? Oder ist das offene Risiko dabei zu hoch?

Ein anderen Parameter, den man braucht, definiert das direkte Risiko. Manche kennen das als Stopp Loss. Der Stop Loss ist was gutes, er beschützt mich vor dem vorzeitigen Ende meiner Trader Karriere, wenn es in die falsche Richtung geht. Im Laufe der Zeit habe ich viele gesehen, die daran gescheitert sind, auch weil die Disziplin fehlte, diesen einzuhalten.

Für unser Beispiel bedeutet dies (Brokerkosten mal weggelassen)

Wenn ich nur einen Stop Loss von 10% vom Einsatz pro Trade setze, sind bei einem Verlust 50 Euro weg.
Bei Konto 1 bedeutet dies ich habe 450 Euro über und ich muss aufhören
Bei Konto 2 habe ich 4550 Euro über, und einen Teil meines Kapitals verloren, kann aber weiter machen, jedoch verschiebt sich das Risiko

So jetzt kann jeder selber rechnen, was ich brauche, wenn 1 Bitcoin 500 Euro kostet ich ein offenes Risiko von 5% setze (wieviel Kapital ich auf den Tisch lege) und einen Stop Loss von 1% auf mein Kapital (wieviel ich mit dem jeweiligen Trade verlieren kann) gerechnet und 50 Euro am Tag machen will, um nur meine Kosten zu decken.

Das Beispiel dient nur der Kapitalbestimmung, um die Zahlen in den Griff zu bekommen, was eine Grundvoraussetzung ist. Alles andere ist Blindflug und Chaospilot. Bitte lasst das.

Es soll zeigen, dass man anhand des Risikos, welches immer gering sein sollte, seinen Kapitalbedarf bestimmen kann und muss.

Wenn ich an diesem Punkt angelangt bin, habe ich einen Milestone erreicht. Das muss jedem klar sein. Das ist der Key und der Anfang des Tals der Tränen, weil viele dieses Kapital nicht haben. So, was machen ?

Ein guter Anfang ist sicher in sehr viel kleineren Quantities zu traden und dann zu steigern. Dies bedeutet weniger Anfangskapital und man kann mit geringem Risiko für das eigene Kapital anfangen. Eine Gefahr ist aber, dass, wenn es gut läuft, man zu viel riskiert und sich dann overtradet, sprich: das Geld versemmelt. Auch muss man beachten, dass sich die Kosten verändern und ich mit evtl. weniger Einsatz mehr Profit machen muss.

Die Kunst des Tradens ist es, die Disziplin zu haben, bei den gesetzten Zahlen und Zielen zu bleiben. Gute Trader investieren regelmäßig und in kleinen Schritten und sind sehr disziplinierte Menschen. Das beeindruckt mich immer wieder.

Die wichtigste Regel ist aber: Trade niemals auf Kredit. Das, was ich einsetze, muss ich auch verlieren können. Es gibt immer wieder Geschichten, wo Leute auf Dispo Traden und 25% Dispo bezahlen und 5% Gewinn machen, Ihr Haus verpfänden, Bankkredit nehmen, ihre Rente verpfänden oder sich wie auch immer Kapital verschaffen. Auch wenn sich das nicht normal anhört, das passiert jeden Tag in jedem Land. Siehe den Mann aus Denver. Eben weil manche den Hals nicht voll bekommen können.

Das Kapital, welches man einsetzt, muss man auch verlieren können, weil das eben passieren kann. Wer jetzt sagt: „Passiert mir nicht, ich mach nur supersichere Sachen, hab alles im Griff“, der sollte mal unter „Infinus“ im Internet nachschauen. „Passiert mir nicht, ich investier nur in Sachwerte, ich kauf eine Wohnung und vermiete.“ Dann warte auf den ersten Mietnomaden, der erst keine Miete zahlt und dann die Wohnung in Stücke hinterlässt. Es gibt keine sicheren Sachen. Man kann nur kalkulieren, wie es mich trifft. Dann ist die Wand nicht mehr ganz so hart, wenn ich dagegen laufe.

Zum Abschluss noch eine Warnung. Wenn ich es nicht schaffe, genug Kapital zu haben, um bei geringem Risiko zu traden, muss ich entweder sparen oder es lassen. Viele machen es trotzdem, riskieren zu viel und verlieren. Dabei immer an Eddi und den Hochdruckreiniger denken. Da steckt viel Sinn drin.

About Adrian Monk (7 Articles)
Ist unser Mann fürs Trading. Er hat mehrere Jahrzehnte Erfahrung im Börsenhandel und beschäftigt sich vornehmlich mit der Programmierung von Bots. Für das Bitcoinblog schreibt er über aktuelle Tradingtrends und führt die Leser in die Grundlagen des Tradens ein.

2 Comments on Es gibt keine “low hanging fruits”

  1. Ich hab eine Methode mit der ich im Monat ca. 10.000 – 15.000 Euro mache. Was interessiert mich dann das ganze Rumanalysiere? Das bringt doch nix und ist irgendwie nichtssagend. Reine Spekulation ist reines Glücksspiel, da braucht man nicht anfangen Risiken auszurechnen. Denn egal was man rechnet. Im Mittel verliert man so viel wie man gewinnt. Alle Ausnahmen liegen auf der Kurve der gaußischen Normalverteilung.

    Ab 100 BTCs verrat ich, wie ich relativ “sicheren” Gewinn mache. 🙂

  2. 2014 lag der Kurs noch tief, aktuell ist dieser wieder hoch, wenn man den Einstieg verpasst hat, hat leider Pech gehabt 😦
    Ich denke, dass man auch mit wenig Investition auch Gewinn machen kann, leider wenig, aber möglich, von daher wäre es schon sinnvoller, mehrere tausende Euro oder Dollar zur Verfügung zu haben, erst bei richtigen Hoch und Tiefs kann es Sinn machen, wobei ein Risiko ja immer besteht….

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