Das ist das Potenzial, das das Weltwirtschaftsforum in der Blockchain erkennt

Das Weltwirtschaftsforum erörtert in einem auführlichen Bericht, wie die Blockchain das Finanzwesen verändern kann. Auf mehr als 100 Seiten findet man erstaunlich konkrete Anwendungsfälle für die Blockchain – aber auch ebenso konkrete Hinternisse.

“He, Gerhard, ab sofort machen wir es so: Wir verlinken nur noch auf unsere eigene Seite, sonst nirgendwo hin. Das bringt uns suchmaschinenoptimierungsmäßig volle Kanne voran.” Etwa so stelle ich mir das Gespräch zwischen dem Digitalmanager der FAZ und den Redakteuren vor. Verlinke niemals nach draußen, weil dich Google sonst für einen Schwächling halten könnte.

Dass diese Parole zuweilen dazu tendiert, den Leser zu bevormunden, beweist die FAZ mit einem Artikel über die Blockchain. Das Weltwirtschaftsforum hat vor kurzem nämlich einen umfangreichen Bericht zur Blockchain im zukünftigen Finanzwesen veröffentlicht, und die FAZ schreibt darüber – unterlässt es aber, auf den Bericht selbst zu verlinken. Man könnte ja ein Stückchen Linkjuice an das Weltwirtschaftsforum verlieren. Na danke!

Leider ist den Lesern des FAZ-Artikels unbedingt zu empfehlen, den Bericht nachzulesen. Denn der Artikel in der FAZ thematisiert vor allem Grenzen, Bedingungen und Probleme (“Und es wird dauern … aber es bleiben erhebliche Hürden auf dem Weg zur großflächigen Einführung … Aber man sollte auch die Grenzen sehen … Und man sollte sich die Einführung nicht zu leicht vorstellen …”). Über die Details und Anwendungen, die das Weltwirtschaftsforum sieht, schweigt er sich hingegen weitgehend aus bzw. gibt diese dermaßen verkürzt und verknappt wieder, dass kaum etwas brauchbares übrig bleibt. Weil für uns nicht die Grenzen am spannendsten sind, sondern die Art, wie die Blockchain das Finanzwesen verändert, holen wir das nun nach.

Optimistisch bis euphorisch

Also, kurz zu den Fakten: Das Weltwirtschaftsforum hat den vielleicht bislang größten und umfangreichsten Bericht zur Blockchain im Finanzwesen verfasst. Mit Rat und Auskunft geholfen haben neben den Unternehmensberatern von Deloitte (Nordamerika) zahlreiche Vertreter der Finanzindustrie, von Blockchain-Unternehmen und den Regierungen sowie Wissenschaftler. Man könnte sagen, dass der Bericht das offiziellste ist, was es zum Thema Blockchain und Finanzwesen derzeit gibt.

Der Bericht des Weltwirtschaftsforums nennt, wie die FAZ korrekt schreibt, einige Hindernisse bei der flächendeckenden Einführung der Blockchain bzw. Distributed Ledger Technology (DLT). Ja. Aber im großen und ganzen ist er optimistisch bis euphorisch und überzeugt, dass Blockchain die Finanzwirtschaft verändern wird.

Das beginnt schon mit dem Meinungsbild, dass ganz am Anfang des Berichts steht: Mehr als 2.500 Patente, mehr als 24 Länder investieren, mehr als 80 Prozent der Banken kündigen ein Blockchain- bzw. DLT-Projekt bis 2017 an, mehr als 90 Unternehmen sind in Blockchain-Konsortien beteiligt, und mehr als 1,4 Milliarden Dollar wurden in den vergangenen drei Jahren investiert.

Diese Zahlen sind beeindruckend. Aber was verbirgt sich dahinter? Wie soll die Blockchain das Finanzwesen auf den Kopf stellen?

Unveränderbar, transparent, autonom

Der Bericht beschreibt eine Vielzahl von Anwendungsfällen, bei denen die Blockchain das bestehende Finanzwesen bereichert und verändert. Dabei geht er aber ein wenig chaotisch vor, wodurch ein Geknäuel aus Eigenschaften, Wertschöpfungen, Anwendungsfällen und Potenzialen entsteht. Ich versuche dennoch, es in geordneter Folge wiederzugeben.

In den folgenden Bereichen entdeckt das Weltwirtschaftsforum ein Potenzial der Blockchain, Werte zu schöpfen: Sie kann

  • Prozesse vereinfachen (automatisieren), die bislang noch manuell erfolgen mussten,
  • die Effizienz der Regulierung erhöhen, indem sie die Echtzeitüberwachung von Finanzunternehmen ermöglicht,
  • das Risiko durch einen Ausfall der Gegenpartei reduzieren, indem Verträge in sicherer und deterministischer Umgebung ausgeführt werden,
  • das Clearing und Settlement beschleunigen,
  • die Liquidität auf Finanzmärkten erhöhen
  • und Betrug minimieren.

In allen diesen Bereichen kann die Blockchain also zum Einsatz kommen und dabei Kosten sparen und Werte schöpfen. Die Kerneigenschaften der Blockchain, die dabei zum Tragen kommen, sind ihre Unveränderbarkeit, ihre Transparenz und ihre Autonomie. Eine Blockchain stellt eine bewiesene, einzige Version der Wahrheit dar. Sie baut Informations-Ungleichgewichte im Handel ab, da sie für jeden einsehbar ist. Und sie macht die Mittelsmänner überflüssig, denen zu vertrauen ist oder die Konflikte lösen, da Blockchain-Verträge automatisch ausgeführt werden können.

Wie aber sieht das konkret aus? Welche Anwendungsfälle gibt es genau? Auch hierfür hat der Bericht des Weltwirtschaftsforums Antworten. Er erläutert neun recht greifbare Anwendungsfälle.

Von Versicherungen über die Regulierung zum Wertpapierhandel

Wir nähern uns den konkreten Anwendungsfällen. Zunächst aber greift der Bericht die Eigenschaften oder Bestandteile der Blockchain-Technologie auf, in denen er ein großes Potenzial sieht. Dies wären (1) geteilte Kontenbücher, etwa zwischen Regulierern und den Regulierten, (2) mehrfache Autoren, also die Möglichkeit, dass verschiedene Personen die Datenbank fortschreiben, (3) eine Minimalisierung des notwendigen Vertrauens, (4) die Eliminierung oder Reduzierung von zentralen Mittelsmännern und schließlich (5) die gegenseitige Abhängigkeit von Transaktionen.

Und nun kommen wir zu den Anwendungsfällen, von denen das Weltwirtschaftsforum meint, dass in ihnen die Blockchain das zukünftige Finanzwesen prägen wird:

  • internationale Zahlungen können in Echtzeit gesettelt werden.
  • Versicherungen können Versicherungen automatisch ausführen und damit den Aufwand sowie das Betrugsrisiko reduzieren.
  • Syndikat-Kredite: Mit der Blockchain können sich automatisch Syndikate bilden, um Kredite zu vergeben und auszuzahlen. Dies kann den Ablauf verbessern und Risiken reduzieren.
  • Indem finanzielle Verträge und Details in der Blockchain gespeichert werden, können finanzielle Dokumente in Echtzeit geprüft und angenommen werden.
  • Durch Smart Contracts können die Berichte an Regulatoren automatisiert werden
  • Indem finanzielle Informationen auf der Blockchain gespeichert werden, können Fehler in einem Audit ausgeschlossen und die Kosten für Prüfungen gesenkt werden
  • Proxy Voting: indem Wahlrechte über die Blockchain weitergegeben werden, kann sich die Teilnahme von Investoren an Unternehmen verbessern
  •  Wenn man die Weiterverpfändung von Wertpapieren über die Blockchain aufzeichnet und verwaltet, kann der Handel in Echtzeit kontrolliert und das Settlement beschleunigt werden.
  • Der Einsatz von Smart Contracts in nachbörslichen Aktivitäten kann Mittelsmänner ausschalten und Risiken sowie die Settlement-Dauer reduzieren

Hürden auf dem Weg zum Blockchain-Finanzwesen

Keiner dieser Anwendungsfälle ist bislang Realität. Zwar sind die meisten großen Banken in irgendeiner Weise in “Blockchain-Projekte” involviert, aber es ist nicht zu erwarten, dass die Blockchain in naher Zukunft tatsächlich zu einem Teil des Finanzwesens wird. Mittel- und langfristig vielleicht schon, aber kurzfristig sind die Hindernisse noch zu groß.

Damit die Blockchain-Revolution zum Tragen kommt, müssen mehrere Bedingungen erfüllt werden, so der Bericht des Weltwirtschaftsforums: Die Finanzinstitute müssen ihre Infrastruktur erneuern und ersetzen; Mitbewerber bzw. Konkurrenten müssen zusammenarbeiten; und die Regulierung muss sich an die Blockchain anpassen. Zudem sind Verfahren nötig, um eine digitale Identität auf die Blockchain zu bringen, da auch ein Finanzwesen auf der Blockchain Maßnahmen zur Geldwäschebekämpfung umsetzen muss, und weiter benötigt man ein Fiat-Geld (Dollar, Euro etc.) auf der Blockchain, da der Aktien- und Wertpapierhandel kaum mit Bitcoins alleine wirklich machbar ist.

Das Potenzial ist also da. Aber es gibt noch allerhand zu tun, bis es gehoben werden kann.

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1 Comment on Das ist das Potenzial, das das Weltwirtschaftsforum in der Blockchain erkennt

  1. Hallo!

    Ein schöner Beitrag, der zwei Dinge deutlich macht, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben:

    1. Es ist mal wieder schön zu sehen, wie die großen Medienhäuser gefärbt berichten und damit Meinungen bei vielen Menschen bilden, die auch ganz anders gebildet werden könnten.

    Ob sie absichtlich färben oder es nicht mal merken, völlig egal. Auch andere färben ohne Absicht. Wichtig zu wissen ist nur, dass du dir niemals deine Meinung nur aus einer Quelle bilden darfst. Gerade in DE stehen meiner Ansicht nach anerkannte Verlage und TV Stationen immer noch bei vielen Menschen zu Hoch im Kurs. Mir ging das früher selbst so! Auch ich dachte, was in offiziellen Medien kommt, muss DIE Wahrheit sein. Bis ich nach und nach skeptisch wurde. Es kann objektiv berichtet sein, muss es aber nicht…

    2. Die Sache mit der Blockchain ist ein absolut hochinteressantes Thema.

    Ich wusste lange nichts über dieses Thema, obwohl ich seit einiger Zeit Bitcoins trade. Naja, ich trade die Dinger, wie jedes andere Underlying. Es macht keinen Unterschied und dieser Markt bietet tolle Risk to Rewards an. Auch das Wetten auf den Durchbruch von ‘Alt Coins’ ist eine interessante SAche für einen Risikomanager und Trader.

    Mittlerweile kenne ich mich etwas besser mit der Technologie hinter Bitcoin und Co. aus. Es ist eine verflucht faszinierende Geschichte, die da ins Laufen geraten ist. Ich bin total gespannt, in welche Richtung sich das alles bewegen wird und ob es zu echten Revolutionen kommen könnte 🙂

    PS: Ist es nicht auch irgendwie typisch deutsch, überall zuerst die Probleme, Hindernisse und Grenzen einer neuen Sache in den Vordergrund zu stellen?

    Schöne Grüße
    IHF

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