tØ: Die erste regulierte Börse für ICOs nimmt den Handel auf

Themenschwerpunk ICO

Börse New York. Wird hier bald auch per Blockchain gehandelt? Bild von "Many Wonderful Artists" via flickr.com. Lizenz: Öffentliche Domain

tØ wird die erste regulierte Börse für Wertpapiere auf Basis von Blockchain-Token. Die Börse wird nicht nur den Handel auf der eigenen Plattform zulassen, sondern auch als Trading-System andere Aktienbörsen bedienen. Die Firma verspricht ein Handelsvolumen von 2 Milliarden Dollar in den nächsten 12 Monaten. Ist das realistisch? Kann man den Reiz der ICOs auf eine regulierte Plattform übertragen?

Es gibt nicht viele Blockchain-Anwendungen, die so naheliegend sind wie der Aktienhandel. Schon seit mindestens 2013 gibt es Pläne und Versuche, eine Blockchain zur Basis von Wertpapiertransaktionen zu machen.

Wie bei Bitcoin geht es im Kern darum, Double Spends zu verhindern, also das zweifache Ausgeben derselben Werteinheit. Beim gewöhnlichen, traditionellen Aktienhandel stellen sich mehrere Mittelsmänner zwischen Käufer und Verkäufer, um zu verhindern, dass keine der beiden Seiten ihre digitale Lieferung, sei sie Geld oder Wertpapier, zurücknimmt, nachdem sie die der Gegenseite erhalten hat. Diese Mittelsmänner sind notwendig, um sicherzustellen, dass Geld und Aktien tatsächlich und unwiderruflich angekommen sind. Sie treiben aber auch die Gebühren und die Dauer des Settlements in die Höhe. Damit erhöhen sie die Schwelle des Investments und rauben den Märkten Liquidität.

Bitcoin – und die Blockchain – machen Double-Spends grundsätzlich unmöglich. Altcoin-Börsen demonstrieren schon lange, wie der Aktienhandel ablaufen könnte, wenn er auf Blockchain-Basis passiert. Seit dem Aufkommen von ICOs werden nicht länger nur Altcoins, sondern zunehmend Token gehandelt, die eine Unternehmung repräsentieren. Während das etablierten Finanzwesen im selben Atemzug Blockchain preist und virtuelle Währungen verdammt, ist auf den Altcoin-Börsen eine Revolution des Wertpapierhandels geboren.

Derzeit ist diese Revolution noch fast vollkommen unreguliert. Dies schmeckt nicht jedem und führt auch zu gewagten bis klar betrügerischen Geschäftsmodellen.

Im Einklang mit der Aufsicht …

Mit könnte sich dies ändern. Die Plattform wird von einer Tochterfirma von Overstock entwickelt, jenem US-Versandhändler, der als erstes großes Unternehmen Anfang 2014 Bitcoin akzeptiert hat. tØ soll, so der Overstock-Chef und Bitcoin-Anhänger Patrick Byrnes, endlich die Vorteile von Bitcoin-Transaktionen in den Aktienhandel bringen.

Am 27. September hat tØ angekündigt, ein Alternative Trading System (ATS, alternatives Handelssystem) zu starten. Mit diesem sollen kryptographische Blockchain-Token in den USA erstmals als Wertpapier eingeordnet, reguliert und gehandelt werden. Gemeinsam mit einer Investmentbank und einer Fintech-Firma kooperiert tØ aktiv mit der Börsenaufsicht SEC und der Finanzmarktaufsicht FINRA. Der Anspruch ist, eine Alternative zu den großen Wertpapierbörsen wie Nasdaq zu werden.

Im Interview mit Coindesk erklärt Emma Channing, CEO einer beteiligten Firma, dass das ATS im Lauf der nächsten 12 Monate ein Handelsvolumen von 2 Milliarden Dollar sehen wird. Dies entspricht der Summe, die bisher in ICOs investiert wurde. Laut Byrne soll tØ die Transaktionskosten im Aktienhandel um 80 bis 90 Prozent senken. Zugleich sollen Handel und Settlement zusammenfallen, anstatt, wie bei traditionellen Börsen, zwei bis drei Tage zu dauern. Beide Vorteile werden die Liquidität auf den Märkten erhöhen und die Preisfindung verbessern.

tØ hat im Dezember 2016 ein Pilotprojekt ausgeführt, indem eine Aktie auf die eigene Firma ausgegeben wurde. Dabei konnten rund 1,6 Millionen Dollar eingesammelt werden. Angesichts des zu dieser Zeit bereits laufenden ICO-Trends, in dem viele Startups ohne echtes Produkt zwei- oder gar dreistelligen Millionenbeträge einsammeln, ist diese Summe nicht unbedingt sensationell. Die grauen, unregulierten, hochglobalen Blockchain-Märkte sind längst an tØ vorbeigezogen.

Die Plattform hat jedoch noch einen Trumpf im Ärmel. Wie der Präsident von tØ, Joseph Cammarata, im Juli erklärte, ist das ATS von der Aufsicht bestätigt und kompatibel zu allen anderen Börsensystemen. “Wir sind bereits in jede Aktienbörse der USA integriert. Wenn man also auf einer nationalen Börse handeln will, sind wir bereits mit ihr verbunden.”

Der Charme der ICOs …

tØ ist also mehr als eine Plattform für den Handel mit Blockchain-Token. Es ist eine Art Infrastruktur, die den Handel mit Blockchain-Token zu allen Börsen der USA bringen kann. Aber ist das genug, um die Behauptung zu rechtfertigen, im Alleingang innerhalb von 12 Monaten soviel Handelsvolumen zu zeichnen, wie alle ICOs zusammen?

Es gibt hier Gründe dafür und dagegen. Dafür spricht, dass die ICOs bisher das Vergnügen einer relativ kleinen Gruppe sind, die durch den Anstieg der Preise für Kryptowährungen eben recht vermögend ist. Wenn es gelingt, Blockchain-Token auf die regulierten Aktienmärkte zu bringen, erhöht sich der Pool potenzieller Händler dramatisch. Und wenn tØ tatsächlich die versprochenen Vorteile liefert, sollte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das neue System durchsetzt.

Andererseits ist es fraglich, ob eine vollkommen regulierte Börse wie tØ den Reiz der ICOs reproduzieren kann. Die Technik hinter den per ICO herausgegebenen Token ist transparent und Open Source, die Token sind (weitgehend) fungibel, sie können pseudonym, erlaubnisfrei und zensurresistent gekauft und gehandelt werden. ICO-Token sind wie Bitcoin, nur dass sie eben eine Art Wertpapier repräsentieren. Jeder Mensch der Welt kann prinzipiell an ihnen teilnehmen, ohne sich irgendwo anzumelden. Alles, was er braucht, ist eine Ethereum-Wallet.

Bei tØ hingegen muss man bereits bei der Anmeldung seine Identität beweisen. Um zu handeln, muss man, soweit ich weiß, Fiat einzahlen. Erlaubt sind derzeit wohl sowieso nur Amerikaner. Wer Wertpapiere herausgeben will, braucht die Erlaubnis der Plattform sowie der Aufsicht. tØ mag die Sicherheit der traditionellen Aktienmärkte bieten. Aber es opfert damit auch all den Charme, den ICOs haben, weil sie die Begrenzungen jener hergebrachten Märkte zurücklassen.

Weiter ist nicht ganz klar, welche technische Plattform tØ benutzt. Es wurde einmal über Counterparty auf Basis von Bitcoin geredet, aber das ist schon eine Weile her, und wurde dann von Gerüchten über eine eigene Blockchain überlagert. Die Frage ist auch, ob es den Käufern dieser Blockchain-Wertpapieren möglich sein wird, die Token so frei zu überweisen, wie Bitcoin, Ether oder jedes beliebige ERC20-Token. Vermutlich wird dies nicht so sein, da es sich schwer mit einem regulierten Aktienhandel in Einklang bringen lässt. Wie es überhaupt schwer möglich sein dürfte, den Reiz der ICOs in eine vollständig regulierte Umgebung zu übersetzen.

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2 Comments on tØ: Die erste regulierte Börse für ICOs nimmt den Handel auf

  1. Also wirklich verstanden worum es geht hab ich jetzt nicht…
    Der Titel suggeriert, dass es ein exchange für das Handeln mit ICO Tokens ist.
    Im weiteren Text Verlauf wird von “Wertpapieren auf Basis von Tokens” geredet.
    Und dann wird der bisherige Aktienmarkt erwähnt, und dass tQ (wie soll man den Namen vernünftig schnell schreiben?!) es besser macht als alle Aktienbörsen, woraus man schließen könnte, dass tQ normale Aktienbörsen ersetzen bzw Konkurrenz machen will. Doch das hat ja nun wieder nichts mit ICOs zu tun.

    Also was zum Henker soll tQ nun machen ? 😀

  2. Falls ich es richtig verstanden habe, dann kann man dort keine schon existierenden Token handeln, weil deren Herausgabe nicht streng von einer Aufsichtsbehörde reguliert wurde. Man kann eigentlich garnichts machen, das anders wäre als bisher an Aktienmärkten. Nur ist halt irgendwie noch eine Blockchain miteingebaut.
    らんま

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