Der Geist von Mt. Gox spukt weiter: Warum der Unterschied zwischen einer Bankrottabwicklung und einer zivilen Entschädigung die Bitcoin-Märkte erschüttern könnte

Es gibt Neuigkeiten von Mt.Gox: Der Insolvenzverwalter kündigt eine zivile Entschädigung der Kunden der ehemals weltgrößten Bitcoin-Börse an. Diese dürften angesichts der Nachricht aufatmen – während sich andere sorgen, dass die Auszahlung der Mt.Gox-Bitcoins die Bitcoin-Märkte zum Kollaps bringen.

Am 23. August kündigte die Insolvenzverwaltung von Mt. Gox einen weiteren Schritt in der Abwicklung der Börse an: Die Verwalter haben ein System gebildet, das es den Usern von Mt. Gox erlaubt, eine zivile Entschädigung des erlittenen Schadens zu beantragen. Die Webseite ist seitdem in Betrieb; trotz einiger Meldungen über Login-Probleme scheint es möglich zu sein, eine Entschädigung zu beantragen.

Die Frist für die Anmeldung der Entschädigung ist der 22. Oktober; der entsprechende Betrag wird je nach Wunsch der Kunden in Bitcoin (BTC) oder Fiat-Geld wie Yen, Dollar oder Euro ausgezahlt. In den kommenden Wochen und Monaten ist damit zu rechnen, dass die ehemaligen Kunden von Mt. Gox endlich ihre Einlagen zurückerhalten. Für viele Anleger dürfte dies ein Grund zur Freude sein.

Dem britischen Telegraph zufolge könnte dies jedoch zum Kollaps der Bitcoin-Märkte führen. Die Zeitung beruft sich dabei auf Kim Nilsson, einem Investor, der seit vier Jahren dafür kämpft, seine Börseneinlagen zurückzuerhalten. Ihm zufolge wird Mt. Gox den ehemaligen Kunden rund 160.000 Bitcoins gutschreiben:

“Diese Bitcoins wurden zwar für einige Jahre gegen den Willen der Kunden festgehalten, haben sich aber rückblickend als gutes Investment entpuppt. Ich nehme an, die Gläubiger werden ziemlich froh sein, wenn sie ihre Bitcoins zurückbekommen, weil sie einfach nur ‘free money’ sind”, meint Nilsson. Allerdings drohe, dass die Gläubiger danach Bitcoins im Gegenwert von rund einer Milliarde Dollar auf den Börsen verkaufen. “Wenn man jemals versuchen würde, die Coins von Mt. Gox in Fiat-Geld zu konvertieren und als Dollar oder Pfund auszuzahlen, würde das den Markt vollständig zum Einsturz bringen, weil es ein so großer Betrag ist.”

Ob Nilsson damit recht hat, ist schwer zu sagen. Die Affäre um Mt. Gox ist sehr verworren, auch wenn der Insolvenzverwalter Nobuaki Kobayashi offenbar aufrichtig bemüht ist, Lichts ins Dunkel zu bringenn. Mt. Gox war einst die weltweit größte Bitcoin-Börse. Anfang 2014 ging sie pleite, angeblich, weil sie ein Hacker durch den Mallebility-Bug ausgeräumt hatte. Laut ihrem Geschäftsführer Mark Karpeles waren 750.000 Bitcoins, die die Kunden eingezahlt hatten, verloren gegangen, was damals etwa 400 Millionen Dollar entsprach. Heute hat sich der Wert von Bitcoin ungefähr verzehnfacht.

Eine von der Insolvenzverwaltung beauftragte Cyber-Detektei hat mittlerweile gut 200.000 der verlorenen Bitcoins wieder gefunden.  Von diesen hat Nobuaki Kobayashi zwischen Dezember und Januar jeweils rund 35.000 Bitcoin und Bitcoin Cash verkauft. Dadurch hat er die beträchtliche Summe von 405 Millionen Dollar eingenommen – genug, um die Verbindlichkeiten zum Stand der Pleite zu begleichen. Von den Verkaufsordern wird gesagt, sie hätten dazu beigetragen, den Bitcoin-Preis in diesen Monaten in einen Abwärtstrend zu drücken. Kobayashi erklärt jedoch, er habe die Coins in einer Weise verkauft, die den Markt nicht oder kaum beinflusst habe. Der Insolvenzverwalter meint zudem, dass die Bitcoin Cash, die sich von den Bitcoin abgespalten haben, der Insolvenzverwaltung gehören.

Den auf diese Weise eingenommenen 42 Milliarden Yen (etwa 320 Millionen Euro) steht etwa derselbe Betrag an akzeptierten Forderungen der Gläubiger aus dem Bankrottverfahren gegenüber. Allerdings hat Kobayashi nicht konkret erklärt, ob dieses Geld für die Entschädigung der Kunden verwendet wird oder nicht. “Ich glaube, dass es einfacher sein würde, die Interessen der Gläubiger zu vertreten, wenn ich eine bestimmte Menge an Geld sicherstelle.”

Mit der zivilen Entschädigung, die derzeit eingeleitet wird, erreicht das Insolvenzdrama um Mt. Gox nun eine weitere, spannende Stufe. Ein Dokument auf der Webseite von Mt. Gox erklärt den enorm wichtigen Unterschied zwischen der Bankrottabwicklung und der zivilen Entschädigung: “In einer Bankrottabwicklung werden nicht-monetäre Forderungen in monetäre Forderungen konvertiert, die auf ihrem Wert zu Beginn der Bankrottabwicklung beruhen. Bei einer zivilen Entschädigung hingegen werde nicht-monetäre Forderungen nicht in monetäre Forderungen mit dieser Wertbasis konvertiert.” Dieser feine Unterschied könnte also bedeuten, dass die Anleger auf Mt. Gox tatsächlich ihre Bitcoins im vollen Wert in Bitcoin zurückerhalten.

Die Sachlage ist für Außenstehende und Personen ohne gründliche Kenntnisse des japanischen Insolvenzrechts alles andere als klar. Es wäre relativ vieles denkbar. Im schlechtesten Fall verteilt Kobayashi die verbleibenden 160.000 Bitcoins an die Gläubiger, und diese verkaufen sehr große Teile davon, wie Nilsson fürchtet. Dies könnte tatsächlich massive Kurseinbrüche auslösen. Es wäre aber auch möglich, dass die Verbindlichkeiten in Mischformen bedient werden oder dass die Insolvenzverwalter zunächst ihre Yen benutzen, um die Schulden zu bezahlen. Dabei wäre auch denkbar, dass sie einen Teil der Yen wieder in Bitcoin konvertieren, falls die Gläubiger Bitcoins verlangen, womit sich die schlechte Nachricht in eine gute Nachricht verwandeln würde.

Schließlich ist auch unklar, was die ehemaligen Kunden von Mt. Gox tun werden. Werden Sie Euro, Dollar oder Bitcoins wollen? Werden Sie die Bitcoins umgehend verkaufen – oder behalten? Antworten auf diese Frage werden wir vermutlich im Herbst und Winter bekommen. Es könnte sein, dass uns Mt. Gox fünf Jahre nach der Pleite nocheinmal heimsucht. Dann aber hoffentlich zum letzten Mal.

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6 Comments on Der Geist von Mt. Gox spukt weiter: Warum der Unterschied zwischen einer Bankrottabwicklung und einer zivilen Entschädigung die Bitcoin-Märkte erschüttern könnte

  1. diese gottverfluchte Mist-Exchange, das Krebsgeschwür der Krypto-Welt… ich weiß, bringt 0-komma-nix, aber tut trotzdem gerade gut.

  2. So ganz kapiere ich das immer noch nicht:
    Es sind 750.000 BTC gestohlen worden, die vielen Leuten gehört haben.
    Es wurden 200.000 “gefunden” und H. Kobayashi als Treuhänder übergeben. Davon hat H. Kobayashi die letzten Monate 35.000 BTC verkauft und dafür 405 Mio Dollar eingenommen. Kobayashi hat also noch die Hand auf 200.000 ./. 35.000 = 165.000 BTC.

    Und diese 165.000 BTC + 405 Mio US$ sollen jetzt auf die Gläubiger verteilt werden. Ist das schon final, dass man sich auf diese Summe von 165.000 BTC geeinigt hat?

    Denn was ist mit dem Rest? Was ist mit den restlichen knapp 550.000 BTC?
    Besteht auch nicht die Möglichkeit, dass das Gericht in Japan urteilen, ALLE Gläubiger sollen 1:1 entschädigt werden, dass also ALLE 750.000 BTC zurückgezahlt werden müssen.
    Wenn das passieren würde, dann hätte Kobayashi das Problem, dass er 550.000 BTC beschaffen müsste. Was wäre dann?

  3. (1) Zur Auszahlung wird es erst 2019 kommen. (s. mtgox.com)
    (2) Wenn ich mich richtig erinnere, soll auch BCH ausgezahlt werden. (im Verhältnis 1:1)
    (2) Nach dem alten Verfahren wären nur Fiat-Auszahlungen möglich gewesen. Jetzt sind auch BTC-Auszahlungen möglich. Der Insolvenzverwalter wird jetzt also weniger BTC verkaufen; möglicherweise muss er sogar BTC nachkaufen.
    (2) Warum sollten ausgerechnet die Gox-Nutzer, die ja tendenziell early adopters sind, sofort ihre Coins an den Börsen abstoßen? Das erschließt sich mir nicht.

  4. Juergen Roeger // 17. September 2018 at 21:55 // Reply

    Ein kurzfristiges Absacken des Kurses wäre eher eine positives Ereignis, weil das eine gute Kaufmöglichkeit bietet.

  5. Ich werde meine Coins sofern ich sie bekomme jedenfalls halten und ab und an zum bezahlen verwenden.

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