Der größte Darknet-Drogenbazaar schließt

Ein Fliegenpilz. Bild von Tom Mason via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Dream Market ist der mit Abstand größte und älteste Underground-Markt im Darknet. Ende März wird der Markt schließen. Die Nachricht sorgt für Verwirrung und Paranoia in der Szene. Wiederholt die Polizei ihr Erfolgsmanöver von 2017?

Drogenmärkte im Darknet haben meist eine kurze Lebensspanne. Sobald ein Markt zu groß wird, wird er das Ziel von Angriffen und Ermittlungen, und die Betreiber machen den „Exit Scam“: Sie schalten die Server ab, sammeln die Bitcoins der Kunden ein und verschwinden in der Dunkelheit des Netzes. Diejenigen, die versuchen, zu bleiben, werden über kurz oder lang verhaftet.

Eine Ausnahme ist der Dream Market. Dieser Drogenmarkt existiert schon lange. Das „Branchenmagazin“ Deepdotweb postet im November 2015 ein Tutorial, wie man dort einkaufen kann, Cryptocoinsnews schreibt dem Markt sogar eine sechsjährige Geschichte zu. Dream Market war schon lange eine relativ große Nummer im Darknet, doch seit im Sommer 2017 Alphabay und Hansa kurz nacheinander hochgenommen wurden, dominierte der Markt das Geschäft mit den Drogen im Darknet.

Gestern wurden Nachrichten in User-Accounts öffentlich, in denen Dream Market ankündigt, offline zu gehen: Der Markt werde am 30. April schließen, und der Service zu einer „Partnerfirma“ migriert, deren Onion-Link bereits genannt wird. Dieser Ankündigung ging wohl ein monatelanger, schwerer DoS-Angriff bevor, bei dem Erpresser von den Dream-Market-Admins erhebliche Summen in Bitcoin verlangt hatten. Die Nachricht sorgt für Verwirrung in den einschlägigen Foren, etwa auf Reddit. Leute fragen, woher sie denn nun ihr LSD oder andere Drogen bekommen, die Szene einigt sich fast sofort auf den zwingenden Nachfolger – das scheint bei solchen Dingen ein soziales Gesetz zu sein -, Verkäufer kündigen ihre Shops auf dem neuen Leitmarkt an, Käufer fragen nach Einladungslinks, und es wird sich beschwert, dass dessen Server nicht stark genug sind.

Gleichzeitig breitet sich Paranoia aus. Wird die Polizei die Massenauszahlungen von den Wallets von Dream Market beobachten? Und könnte es sein, dass das alles nur eine Finte der Strafverfolgung ist? Tatsächlich lässt sich ein Muster erkennen: 2017 schlossen US-amerikanische und thailändische Ermittler den damaligen absoluten Leitmarkt Alphabay. Die ganze Darknet-Szene migrierte in kürzester Zeit zum zweitstärksten Markt, Hansa – der aber bereits seit Monaten unter Kontrolle der niederländischen Polizei stand, nachdem deutsche Ermittler deren Betreiber festgenommen hatten. Ein 2017 erschienener Bericht von Europol und dem EU-Zentrum für Drogensucht notiert:

„Ein integrierter Ansatz auf Basis internationaler Kooperation hat das Potenzial, einen nachhaltigen Einfluss auf die kriminelle Aktivität zu haben. Koordinierte Aktionen, wie gegen AlphaBay und Hansa […] haben die Nutzung des Darknets als eine Plattform für illegalen Drogenhandel reduziert.“ So wie die meisten Verbrechen kann die Polizei den Darknet-Handel nicht völlig ausrotten. Aber sie kann ihn klein halten. Die Best Practice dafür scheint es zu sein, Furcht und Schrecken zu verbreiten. Die Nutzer der Märkte benötigen ein gewisses Grundvertrauen, da sie im Handel zwingenderweise private Daten hinterlassen – irgendwohin muss die Ware ja geliefert werden. Wenn es gelingt, dieses Grundvertrauen zu untergraben und vor allem die Käufer abzuschrecken, werden die Darknet-Märkte so klein bleiben, dass es erträglich ist.

Noch im Jahresbericht über die organisierte Kriminalität im Internet (IOCTA) 2018 stellt Europol fest, wie gut die Strategie funktioniert hat: „Die Ereignisse hatten einen bemerkenswerten Einfluss auf die Darkweb Community.“ Die Schließung von jedem Markt führe unvermeidlich dazu, dass die Käufer und Verkäufer zu anderen Märkten migrieren. Doch selbst alle Nachfolger von Alphabay / Hansa erreichten „zusammen nicht die frühere Größe von Alphabay, was auf einen Rückgang der Gesamtaktivität des Darkwebs hinweist.“ Dies werde dadurch bestätigt, dass das Volumen von Bitcoin-Transaktionen, die dem Darknet zugeordnet werden, drastisch gefallen ist. Dazu beigetragen haben auch die zahlreichen Exit-Scams von anderen Marktplätzen.

Es ist verlockend, nun zu spekulieren: Hat sich das Darknet fast zwei Jahre nach Alphabay / Hansa wieder erholt? Leider gibt es noch keinen neuen IOCTA Bericht, der diese Frage wohl beantworten würde. Die Behörden arbeiten immer enger international zusammen und verstehen immer besser, wie Bitcoins und die Märkte funktionieren. Es wäre denkbar, dass für sie jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um erneut einen Trumpf aus dem Ärmel zu ziehen. Aber das ist, natürlich, Spekulation, und es ist mindestens ebenso gut denkbar, dass einfach nur ein Marktplatz einen überraschend ehrlichen Schlussstrich zieht.

P.S.: Ich habe dem Umgang der Staatsgewalt mit der Herausforderung durch Bitcoin ein ganzes Kapitel in meinem Buch über Bitcoin gewidmet: „Die Rückeroberung der Kontrolle.“  Darin geht es auch ausführlich darum, wie Darknet-Märkte wie Silk Road oder Alphabay aufgespürt und abgeschaltet wurden. Ihr findet dieses Kapitel als Leseprobe auf meiner Seite.

Über Christoph Bergmann (1548 Beiträge)
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5 Kommentare zu Der größte Darknet-Drogenbazaar schließt

  1. Die User sind wahrscheinlich noch nicht bereit für OpenBazaar und es wird noch einen Zwischenschritt geben, allerdings geht es am Ende darauf hinaus, dass jeder Vendor seinen „eigenen“ Store betreibt, ähnlich eines Bitcoin Nodes und diese sind komplett dezentral, OpenBazaar kann diese nicht abschalten.
    Das Projekt könnte sich auch für Händler legaler Waren etablieren, wenn es erst einmal genügend User findet, denn es gibt keinen Wegelagerer aka eBay oder Amazon, der den Großteil der Marge verschlingt.

    Wenn man sich die bisherigen Marktplätze Mal genauer angesehen hat, dürfte klar werden, dass ohnehin der Großteil des Umsatzes (Annahme basierend auf Angeboten und Händlerbewertungen) mit Cannabis / Haschisch gemacht werden dürfte und „harte“ Drogen eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Eine (gescheiterte) restriktive Drogenpolitik trägt eine maßgebliche Rolle zum Erfolg dieser Darknet Märkte bei. Eventuell sind die Nachfolgemärkte deswegen nicht so groß wie damals Alphabay, da bereits viele (US) Staaten ihre Drogenpolitik gelockert haben?

    Anyway, dezentrale Handelsplätze wie OpenBazaar sind (nicht nur für Drogen) wegweisend, wenn man es mit Crypto Ernst meint.

  2. Haha, wer sich Drogen nach Hause bestellt.
    Ist zu „old scool“ und der verdient es gebusted zu werden…
    Jeder der ein wenig Ahnung oder wie ihr es nennt „paranoid“ hat/ist der nutzt ne faked Packstation oder nen Drop in Form eines leerstehenden Briefkastens😂😂😂

  3. Es gibt seit vielen Jahren ein Projekt (particl früher Shadowcash), dass versucht alle relevanten Techniken, die es zum Betreiben eines Darknetmarktes benötigt unter einem UserInterface zu vereinigen. Also verschlüsselte Kommunikation, nicht zurückverfolgbare Transaktionen, dezentrale Infrastuktur (auf der Blockchain). Man hat also eine ElectronApp in der man shoppen und mit Cryptocoins bezahlen kann. Es sollen auch andere Coins möglich sein. IP-Verschleierung ist, soweit ich weiß, noch nicht eingebaut. Der Marktplatz war bisher lediglich Alpha im Testnetz. In ein paar Tagen sollen es der Markplatz als Beta ins Mainnet schaffen. Mal sehen. Früher war das Projekt eindeutig auf Schwarzmärkte ausgerichtet. Nach einem Rebrand sieht die PR ganz anders aus. Die Technik blieb aber die selbe. Nutzer sollen darüber abstimmen, welche Produkte öffentlich gelistet werden dürfen. Das Projekt hat überhaupt keine Aufmerksamkeit, ist in meinen Augen aber das bessere OpenBazaar.

    • Particl ist in der Tat spannend, haben seit einigen Monaten wohl immerhin auch Confidential Transactions implementiert. Es ist eine Krux, ob es gut oder schlecht ist, auf der Bitcoin Codebase aufzubauen, wie es Particl macht. Einerseits ist die Implementierung in bestehende Systeme fast trivial, andererseits ist das Projekt von vorne herein sehr eingeschränkt, da das Protokoll ein gewisses Korsett liefert.

      Ob es das „bessere“ OpenBazaar ist, würde ich jedoch bezweifeln. Eine Währung sollte eben dies sein, eine Währung. Drittanwendungen wie Marktplätze, Paymentanbieter und ähnliches können gerne auch dezentral sein und auf bestehenden Blockchains aufbauen, aber ob man eine digitale eierlegende Wollmilchsau erschaffen will, bevor man die Teilaspekte irgendwie in den Griff bekommen hat?

  4. Soso, es geht bei der Prohibition nur um Angst und Schrecken.
    Na schön, dass die Ermittler es wenigstens zugeben.

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