„Jedes europäische Land könnte drei oder vier Knoten haben. Vielleicht auch mehr.“

Die EU führt eine Blockchain ein, ohne viel Aufheben darum zu machen. Als Pilotprojekt speichert der EFTG wichtige Investment-Informationen, unter anderem aus dem deutschen Unternehmensregister, auf über die in den Mitgliedstaaten verteilten Nodes. Die Basis davon ist die Technologie der Steem-Blockchain. Wir haben uns bei Projektleiter Sorin Cristescu erkundigt.

Es war nicht leicht, mehr über das EU-Blockchain Projekt zu erfahren. Jemand hat mir davon erzählt und mich auf einen Artikel bei Steemit hingewiesen. Der Artikel ist von Sorin Cristescu und erklärt, wie die EU Blockchain auf mobilen Devices und Raspberry Pies läuft, sagt aber wenig darüber, was die EU Blockchain ist und welchen Zweck sie hat.

Es gibt noch mehr Artikel von Sorin Cristescu, die um das Thema EU und Blockchain kreisen. Aber was genau die EU-Blockchain ist, die es nun offenbar gibt, verraten sie nicht wirklich. Also habe ich Sorin auf Twitter angesprochen, ob er mit mir telefoniert, und er hat prompt zugesagt. Das Telefonat war dann sehr aufschlussreich.

Sorin: Ich muss voranschicken, dass ich nicht für die Kommission sprechen kann, und ich kann nur Informationen mitteilen, die schon öffentlich sind.

Ich: Kein Problem. Wie ist denn der Name der EU Blockchain?

EU Blockchain.

Ist sie bereits live?

Ja, als Pilotprojekt.

Kann man sie sehen? Gibt es einen Blockexplorer?

Ja, absolut, ich schicke dir per Twitter einen Link.

Ich lande auf der Seite eftg.eu/explorer, dem Webauftritt des European Financial Transparency Gateway. Darauf sieht man Liste von Blöcken, von denen etwa alle 3 Sekunden ein neuer erscheint.

Auf der linken Seite steht der Supply der Token der EU-Blockchain: 30876799.807 EFTG. Der Wert ist 0,00 Euro, die Inflationsrate knapp 10 Prozent. Ich schaue die Blöcke an, sie werden von einem „Witness“ (Zeugen) produziert und haben alle genau Null Transaktionen.

Oh, es gibt offenbar noch nicht so viele Transaktionen …

Nein, natürlich nicht. Warum sollte es? Das ist ein Pilot. Gehe auf die Seite „Investor Portal“, das ist, wofür es da ist: Ein Zugangspunkt für Investoren aus ganz Europa, die nach Informationen für registrierte Unternehmen suchen. Eine öffentliche Datenbank für Investmentberichte und sensible Informationen.

Ich klicke auf „Investor Portal“ und lande auf dieser Webseite:

Es gibt eine Suchmaske, und in der Liste werden einige Unternehmen genannt, dazu gibt es Daten.

Sorin: Es ist ein Pilotprojekt. Jedes nationale Unternehmensregister hat seine Datenbasis. Aktiviere doch mal in der Suche Deutschland, dann wirst du einige deutsche Firmen sehen, die im deutschen Unternehmensregister publiziert wurden. Wir kooperieren mit den Registern verschiedenen EU-Länder.

Ich suche nach deutschen Unternehmen. Ganz oben steht die NATIXIS Pfandbriefbank. Ich klicke auf das Auge rechts in der Liste, es öffnet sich ein PDF mit dem Jahresabschluss des Geschäftsjahres 2017.

Das ist jetzt alles auf einer Blockchain? Ist es dann keine EU Blockchain, sondern eine EFTG Blockchain?

Das ist ein Pilotprojekt für die EU Blockchain.

Es gibt also Pläne, die darüber hinausgehen?

Ja.

Gibst du mir ein kleines Preview?

Nein, das kann ich leider nicht.

OK. Lass uns über die Technologie reden. Welche Art von Blockchain verwendet ihr, und warum?

Sorin, der bisher eher einsilbig geantwortet hat, wird bei diesem Thema gesprächiger.

Wir benutzen eine Fork der Steem-Blockchain. Zum größten Teil, weil sie gut für Dokumente geeignet ist, es ist eine Dokument-orientierte Blockchain. Sie ist sehr userfreundlich, hat keine Transaktionsgebühren, was bedeutet, dass man nicht bei jeder Transaktion den privaten Schlüssel braucht. Klick mal auf „Map“.

Ich klicke auf „Map“. Es öffnet sich eine Europa-Karte mit großen blauen, kleinen gelben und einem grünen Punkt.

Sorin: Die blauen Punkte sind Server, die von verschiedene Nationale Unternehmensregistern kontrolliert werden: Deutschland, Luxemburg, Italien, Bulgarien, Rumänien. Die haben eine volle Kopie der Blockchain an ihrem Standort. Wir haben derzeit sechs Server, einer davon, in Österreich, ist heute offline, weil er gewartet wird. Die gelben Punkte sind von der Europäischen Kommission kontrollierte Cloud Server, die haben die Daten in der Cloud und greifen darauf zu. Aber wir werden die Blockchain weiter verteilen und geben sie an die nationalen Autoritäten. Jedes europäische Land könnte drei oder vier Server haben. Vielleicht auch mehr.

In dem Moment werde ich begeistert. Eine europaweite Blockchain, die mehrere Nodes in jedem Land hat, und auf der transparent wichtige Dokumente und so weiter gespeichert werden? Ich hätte nicht erwartet, dass die EU schon so weit ist. Das hört sich extrem sinnvoll und fortgeschritten an. Sind wir jetzt schon in der Zukunft angelangt? Ein Netz von Daten-Zitadellen in jedem Land, die sich alle 3 Sekunde synchronisieren?

Die Steem-Blockchain hat ja einen Delegated Proof of Stake Mechanismus, um einen Konsens zu erhalten. Wie funktioniert das bei euch?

Wir benutzen das auch. Die Kommission hat beinah alle Stakes, sie entscheidet also, wer Blöcke validiert. Das Ziel ist es aber, die Stakes unter den konsultativen Mitgliedern zu verteilen. Diese können sie dann weiter verteilen, indem sie sie an Behörden oder Unternehmen geben. Wir werden die Blockchain graduell dezentralisieren.

Ist es möglich, Stakes zu kaufen?

Nein, im Moment haben die Token keine andere Funktion, als den Validator auszuwählen. Aber wir sind ja noch ein Pilotprojekt. Es gibt derzeit noch keine konkreten Pläne, den Token andere Funktionen zu geben, aber wir diskutieren, sie als Belohnung für die Qualität der Daten zu verwenden. Es gibt Leute, die Daten in die geteilte Datenbank hochladen, und diese Daten können mehr oder weniger akkurat sein. Man könnte die Token im Workflow nutzen, um Anreize für Datenqualität zu setzen.

Kann ich die Blockchain selbst zu validieren? Kann ich einen Node herunterladen und synchronisieren?

Für die Produktion, nein. Aber du kannst dich anmelden, um die Erlaubnis zu erhalten, am Testnetz teilzunehmen. Wir haben eine erlaubnispflichtige Blockchain.

Warum? Wäre es nicht besser für die Transparenz und Stabilität, wenn die Blockchain offen wäre?

Das ist nicht meine Entscheidung, daher kann ich das nicht kommentieren. Aber wenn du dir unser Testnetz anschaust – ich schicke dir einen Link – und dort die Witnesses anschaust, siehst du, dass wir auch Raspberry Pies und andere kleine Maschinen haben. Kann sein, dass es dafür in Zukunft zu viel Daten und zu viel Verkehr sein wird, aber derzeit geht es noch. Wir haben auch Nodes auf Odroids und anderen. Es kann mehrere tausend Nodes geben. Der Grad der Resilienz ist sehr gut, wir können damit eine signifikante Menge an Daten speichern.

Ein Odroid, der gerade einen Block der EU-Blockchain im Testnetz gefunden hat.

Wenn wir uns den Piloten anschauen … welche Vorteile hat es, dafür eine Blockchain zu verwenden?

Die Architektur ist dezentral. Es gibt keine zentral Datenbank. Das Hauptproblem von zentralisieren Datenbanken liegt in der Eigentümerschaft von Daten, wenn man sie in eine zentrale Datenbank kopiert. Einige nationale Behörden waren nicht sehr glücklich darüber, dass sie ihre Daten an zentrale Datenbanken abgeben mussten. Es gibt Geschäftsmodelle, die darum kreisen, und die die Daten in Pakete bündeln, um sie zu verkaufen. Mit der Blockchain bleiben die nationalen Behörden die Eigentümer der Daten. Wer auch immer sie hochlädt – er bleibt der Eigentümer.

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7 Kommentare zu „Jedes europäische Land könnte drei oder vier Knoten haben. Vielleicht auch mehr.“

  1. „Mit der Blockchain bleiben die nationalen Behörden die Eigentümer der Daten. Wer auch immer sie hochlädt – er bleibt der Eigentümer.“

    Trotzdem kann der Eigentümer in diesem Fall nicht die Nutzung der Daten einschränken oder? Ich schätze die Daten sind unverschlüsselt für alle Nodes einsehbar. Wo ist da der Sinn formal der Eigentümer zu sein?

    Witziges Projekt.

  2. Sehr interessanter Bericht,….hätte nicht gedacht das die EU sich so etwas schon zutraut.

  3. Erfreulich zu sehen, dass auch staatliche Stellen die Vorteile von Blockchains erforschen. Das Resultat ist leider bisher noch ziemlich dürftig, mal abgesehen dass man gerade auf eine bereits durch den oder die Entwickler abgestoßene Technologie gesetzt hat.

    Auch die Block Time von 3 Sekunden ist für jegliche Datensätze, die ich mir bei Behörden vorstellen kann gelinde gesagt unnötig und der Datenschatz für mehr als 3 Millionen generierte Blöcke eher dürftig, der Overhead ist enorm.

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    Alleine die Blockheader und deren Verifizierung dürften die eigentlichen „Transaktions“daten um etliche Potenzen übersteigen.

    @Julian
    Man könnte das durchaus Permission-basierend und verschlüsselt aufsetzen, dafür ist Steem aber wahrscheinlich die falsche Plattform. Ich könnte mir eine Blockchain vorstellen, die den privaten View Key zum Entschlüsseln eines verschlüsselten Datensatzes an eine Return Adresse (wiederum verschlüsselt) verschickt, sobald z.B. der Datensatz in einer Transaktion mit einem entsprechenden Betrag und „Betreff“, der eine Datensatz-ID beinhaltet, zurückschickt. Die Behörde oder auch privater Anbieter würden ihr Geschäftsmodell mit Datensätzen erhalten und für den Kunden wäre es transparent, unveränderbar und beinahe instant.

    Das Problem sehe ich eher in den langsamen Mühlen der Politik und den alteingesessenen sturen Köpfen dahinter. In Deutschland kaum denkbar, egal welche Partei man sich ansieht… Kleine Länder wie Litauen oder Estland sind da schon weiter und die Umsetzung einer sinnvollen Blockchain Technologie halte ich dort für durchaus denkbar. Ich habe vor einiger Zeit bereits über die public Blockchain bei Monero als perfekte Wahlmaschine sinniert und müsste den Artikel endlich Mal fertig bekommen, denn auch das wäre bereits heute machbar. Eine nicht manipulierbare „Wahlmaschine“ ohne eine eigene Blockchain dafür aufsetzen zu müssen… Bei Kosten von ca. 1-2 Cent pro Wahlberechtigten, wahlweise als offene oder geheime Wahl, das Wahlergebnis wäre trotz der Verschleierung einzelner Stimmen trotzdem öffentlich verifizierbar und das „Double Spend“ Problem zur doppelten Stimmabgabe ist ja bereits gelöst. Stattdessen lässt sich die Politik (z.B. in den USA) auf sündhaft teure proprietäre Wahlmaschinen ein, die eher einer Blackbox gleichen.

    Wir brauchen einen grundlegenden Umsturz der Politik, um Blockchains und Kryptowährungen zu etablieren. Kleine Verschiebungen in der Parteienlandschaft bringen da nichts und vielleicht muss z.B. eine SPD eben erstmal hart auf dem Steinboden aufschlagen, damit die ganzen alten Greise abgeschüttelt werden (obwohl die meisten sich immer noch festklammern) und sie sich mit neuer Dynamik definieren kann. Vielleicht ist das auch ein guter Zeitpunkt für politisch interessierte, sich zu engagieren und Kryptowährungen und Blockchains dort zu positionieren, wo sie eigentlich stehen sollten… Man muss sich vor Augen halten, dass in der heutigen Politik fast alle Entscheidungen über Lobbyarbeit laufen und wir haben keine.

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