„Die Kreditinstitute sind aufgefordert, einen programmierbaren Euro zu schaffen.“

5-Euro-Schein mit Motorradfahrer. Bild von driver Photographer via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Beinah zeitgleich drängen zwei Initiativen auf die Einführung eines digitalen Euros: Ein offener Brief um die Frankfurt Schook of Finance & Management legt eine Roadmap zum digitalen Euro vor, die schon mehr als 100 Unterzeichner hat, während der deutsche Bankenverband in einem ausführlichen Statement die Herausforderungen auf dem Weg zum digitalen Euro skizziert. Getrieben werden beide Initiativen vor allem von der Furcht, gegenüber den USA und China ins Hintertreffen zu geraten. Die längst etablierten Stablecoins ignorieren sie dabei.

Plötzlich haben alle es eilig. Ein „schnelles und entschlossenes Handeln ist in Europa geboten“, fordert der deutsche Bankenverband, „denn asiatische und US-amerikanische Initiativen wie der digitale Renminbi oder Libra drohen Europa zuvor zu kommen.“ Und Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance & Management findet, das Thema sei „geopolitisch drängend“, da “ China und die Libra Association mit einer hohen Intensität an ihren Projekten arbeiten“.

Die parallel erschienenen Veröffentlichungen ergänzen sich wunderbar: Die Roadmap des offenen Briefes prescht nach vorne und formuliert Ziele und konkrete Zeitpunkte, während der Essay des Bankenverbandes vor allem bremst, indem er die Hürden und Herausförderungen für Geschäftsbanken aufzeigt. Dabei scheinen sich beide Seiten über sehr vieles sehr einig zu sein.

Allen voran eint sie die Furcht vor China und Libra. Der Bankenverband konkretisiert diese: Wenn andere Volkswirtschaften früher ein „programmierbares Geld in den lokalen Wertschöpfungsprozessen“ einsetzten, könnten sie „gesamtwirtschaftliche Wettbewerbsvorteile schaffen, die kurz- wie mittelfristig nicht durch europäische Unternehmen aufholbar sein werden.“ Wenn Europa keinen „programmierbaren Euro“ entwickelt, droht es, „im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen geraten.“ Im schlimmsten Fall könne Europa in „Abhängigkeit von nicht-europäischen Geldemittenten kommen, wenn europäische Unternehmen auf nicht-europäische Zahlungsverkehrslösungen zurückgreifen müssen.“

Diese Furcht ist natürlich sehr berechtigt. Etwas irritierend ist dabei jedoch, dass beide Veröffentlichungen die Bedrohung durch Projekte aufzeigen, die noch gar nicht existieren – während auf den tatsächlichen Märkten Stablecoins aller Art längst Realität sind. Projekte wie Tether, USDC oder der DAI-Dollar zeigen, wie weit die europäischen Banken schon jetzt hinterherhinken.

Programmierbar soll er sein!

Die Furcht, den Anschluss zu verlieren, ist verständlich. Aber wozu genau braucht man einen digitalen Euro überhaupt? Bei dieser Frage bleiben beide Publikationen sehr vage und ergreifen die Flucht in Allgemeinplätze. Sandner erklärt, dass sich „die Arten, wie Kunden und Unternehmen mit einander interagieren, angesichts der existierenden und künftigen technologischen Möglichkeiten rapide ändern“ und zählt dann eine Reihe neuer Technologien auf, die irgendwie einen „digitalen programmierbaren Euro“ brauchen.

Auch der Bankenverband begründet den Ruf nach einem digitalen Euro zunächst eher philosophisch: Zwar ließe sich die „Entwicklung einer neuen Technologie und ihre Auswirkungen“ in der Anfangsphase noch „kaum verlässlich prognostizieren.“ Doch „alle Erfahrungen der Industriegeschichte“ bewiesen, „dass eine neue Technologie immer neue – anfangs gar nicht absehbare – Bedarfe und Nutzungs-möglichkeiten hervorbringt, Beispiel das Smartphone.“

Wie schon Sandner geht es dem Bankenverband vor allem um eine Eigenschaft des digitalen Euro: „Es soll programmierbar werden.“ Dies werde in den kommenden Jahren viele Probleme lösen, etwa im Wertpapierbereich, im Logistiksektor oder beim Internet of Things. Welche genauen Probleme reisst der Bericht aber bestenfalls an.

Die Zentralbank führt das Endspiel

Auch hinsichtlich der Einführung eines solchen digitalen Euros sind sich beide Papiere einig. Das Endspiel besteht darin, dass die Zentralbank den digitalen Euro herausgibt. Das sei, so der Bankenverband, „letztlich unvermeidbar“. Aber beide wissen, wie schwierig das ist.

So erkennt Sandner an, „dass ein digitaler programmierbarer Euro als eine von der Zentralbank herausgegebene Währung ein großes und herausforderndes Projekt ist“. Daher bildet er den Schlusspunkt der Roadmap und soll erst 2024 eingeführt werden.

Der Bankenverband betont vor allem die Risiken eines solchen digitalen Euro: Es handele sich um einen „gravierenden … Eingriff in die bestehende Geld- und Währungsordnung“. Man müsse Acht geben, dass er nicht die wirtschaftliche Ordnung und Stabilität bedrohe, wozu es notwendig sei, dass der „privilegierte Zugang der Geschäftsbanken zu Zentralbankgeld“ erhalten bleibe, auch wenn eine gewisse Disintermediation unvermeidbar sei.

Ob es einen solchen Zentralbank geführten Stablecoin geben wird, und wie dieser beschaffen sein wird, hängt natürlich von der Europäischen Zentralbank (EZB) ab. Während die chinesische Zentralbank ihre digitale Währung bereits konzeptionell vollendet und praktisch schon weit vorangetrieben hat, hat sich die EZB bisher noch nicht einmal festgelegt, ob es eine solche Währung geben soll. Eine eher kleine Forschungsgruppe der Zentralbank beschäftigt sich mit verschiedenen Analysen, die zwar gelungen, aber zum Teil auch etwas esoterisch anmuten.

Banken, gebt Stablecoins heraus!

Es wird also noch ziemlich lange dauern, bis die EZB eine digitale Währung auf Blockchain-Basis herausgeben wird. Falls sie es überhaupt jemals machen wird.

Daher plädieren beide Papiere für privatwirtschaftliche Vorstöße. Banken sollen Stablecoins herausgeben. Der Bankenverband ist hier sehr deutlich: „Die Kreditinstitute sind damit aufgefordert, einen programmierbaren Euro zu schaffen.“ Die Roadmap des offenen Briefes peilt bis zum vierten Quartal 2022 „die Einrichtung eines Eurotoken-Standards, der auf verschiedenen DLT-Netzwerken“ von Banken und anderen Unternehmen herausgegeben wird.

Dem stimmt der Bankenverband zunächst zu: „Banken haben die Möglichkeit, eine privatwirtschaftliche Lösung für einen programmierbaren Euro zu schaffen, bei dem keine hundertprozentige Hinterlegung zu erfolgen hat.“ Ein solcher digitaler Euro könnte am Anfang „im Wertpapier-Settlement oder im Bereich des machine-to-machine-payments (IoT) eingesetzt werden und sich von dort aus allmählich verbreiten.“ Allerdings dürfe er nicht das Vertrauen in die Währungsordnung gefährden. Da es daneben noch zahlreiche rechtliche und technische Schwierigkeiten gebe, seien für Geschäftsbanken noch „zahlreiche Hürden“ zu überwinden. Ob dies bis Ende 2022 gelingt, dürfte fraglich sein.

Die hier geäußerten Vorstellungen sind interessant. Sandner und seine Mitunterzeichner wollen einen Stablecoin, der auf mehreren „DLTs“ läuft. Das klingt ein wenig nach den Tether-Dollar, die schon jetzt auf 7-8 Blockchains basieren. Und während Tether und die anderen bereits existierenden Stablecoins immerhin formal darauf pochen, eine 1:1-Deckung zu halten oder anzustreben, spricht der Bankenverband schon jetzt von einem teilgedeckten Stablecoin.

Für den Anfang eine Zwischenlösung …

Da die Banken also noch ziemlich viel Holz hacken müssen, bis sie in der Lage sind, das zu tun, was Tether, Circle, die Maker-DAO und viele andere schon heute tun, schlagen sowohl der Bankenverband als auch Sandners Roadmap zunächst eine Zwischenlösung vor:

Ab dem zweiten Quartal 2021, so die Roadmap, soll es eine „DLT-enabling payment API“ geben. Das meint eine Schnittstelle, die die traditionelle Infrastruktur wie IBAN-Konten mit einer Blockchain verbindet. Das wäre „ausreichend für die nächsten paar Jahre, damit Unternehmen Produkte anbieten können“. An solchen Lösungen arbeiteten bereits zahlreiche Organisationen in Europa. Eine solche API solle einen hohen Grad der Standardisierung haben, damit sowohl Geschäftsbanken als auch Zahlungsdienstleister sie benutzen können.

Ähnliches schwebt dem Bankenverband vor. Er betont die Leistungsfähigkeit des europäischen Zahlungssystems. Es wäre nun denkbar, dass dieses mit „DLT-Systemen“ verbunden wird, so dass eine SEPA-Echtzeitüberweisung durch einen Smart Contract auf einer Blockchain ausgelöst wird. Aber auch hier, so das Papier des Bankenverbandes, seien noch zahlreiche Hürden zu bewältigen.

Das wird alles noch dauern …

Die Übereinstimmung der Roadmap von Bankenverband und dem offenen Brief ist beeindruckend. Erst soll es eine Zwischenlösung geben, die traditionelles Banking mit einer Blockchan verbindet, dann einen Stablecoin der Banken, und zuletzt soll die EZB selbst einen digitalen Euro herausgeben. Diese Roadmap ist stringent und plausibel.

Allerdings bremst der Bankenverband die optimistische Roadmap des offenen Briefes mehrfach aus. Angesichts der zahlreichen Bedenken und Schwierigkeiten dürfte klar sein, dass der digitale Euro eher übermorgen als morgen kommen wird.

Dass China Europa in Sachen digitale Währung davonlaufen wird, scheint schon jetzt ausgemacht. Die etablierten Banken haben zudem wenig Aussicht, den Vorsprung der privaten Initiativen einzuholen. Während die Banken noch immer sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie in einem ersten Schritt das etablierte Bankensystem mit einer Blockchain verbinden können, haben die Stablecoins diesen Schritt übersprungen und digitalisierte Fiatwährungen längst zum Alltag auf den Kryptomärkten gemacht.

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8 Kommentare zu „Die Kreditinstitute sind aufgefordert, einen programmierbaren Euro zu schaffen.“

  1. tztztztztztz // 18. Juni 2020 um 8:47 // Antworten

    Denke die Leute wollen Momentum von Libra und CBDCs mitnehmen und sich selbst profilieren. Wieso schreiben sie nicht, dass dadurch Zahlungsabwicklung ein öffentliches Gut werden könnte und Services wie PayPal überflüssig werden könnten? Was bedeutet „programmierbar“ bei denen eigentlich…

    die „Frankfurt Schook of Economics“ heißt in Wirklichkeit „Frankfurt School of Finance & Management“ Leider einige Typos im inhaltlich guten Text

  2. In diesem Zusammenhang finde ich diese Aussagen von Yves Mersch sehr interessant: https://www.coindesk.com/cbdc-ecb-yves-mersch-euro
    Wie ordnen Sie den Gamechanger ein?

  3. sczecr37dx2 // 20. Juni 2020 um 1:20 // Antworten

    Verstehe nicht wozu Banken einen DIgitalen Euro oder Blockchain Tech brauchen sollte. Die müssten sich nur mal zusammen setzten und dafür sorgen das Überweisungen immer nach spätestens einer Minute beim Empfänger eintreffen (vor allem auch an Wochenenden und Feiertagen) und gut ist. Mir leuchtet nicht ein welche Probleme man so nicht lösen könnte.

  4. Wenn ich Yves Mersch von der EZB richtig verstehe arbeitet die EZB an einem Crypto-Euro, der das Geschäftsmodell der Banken Geld zu schöpfen tangiert:

    „A wholesale CBDC, restricted to a limited group of financial counterparties, would be largely business as usual. However, a retail CBDC, accessible to all, would be a game changer. So a retail CBDC is now our main focus.„

    https://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2020/html/ecb.sp200511~01209cb324.en.html

  5. Wir brauchen natürlich kein digitalen Euro. Die Zeiten von immer mehr, höher, Gier usw sind vorbei. Das sind verzweifelte Versuche von all denen die den Gong nicht gehört haben. 5G bleibt in Europa unvollendet und wird am Ende wieder deaktiviert. Internet of Things fällt damit auch aus. In Europa beginnt das Zeitalter für Menschen. USA verschwindet in der Bedeutungslosigkeit und China wird auch sein Glanz verlieren. Einfach genau Hinschauen und Beaobachten.

  6. „Getrieben werden beide Initiativen vor allem von der Furcht, gegenüber den USA und China ins Hintertreffen zu geraten“

    rofl, ja genau DAS ist der grund und nicht die absolute besteuerung und einführung von negativzinsen ohne fluchtmöglichkeit.

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