„Bis zu 100 Prozent Zinsen“: Compound lässt DeFi-Zinssätze mit neuem Token explodieren

Der Geldmarkt von Compound.

Compound ist der neue König der Dezentralen Finanzen (DeFi). Das Lending-Protokoll umfasst nun mehr als 500 Millionen Dollar und schafft es mit dem neuen COMP-Token, die Zinssätze auf dem dezentralen Geldmarkt explodieren zu lassen. Für die einen zeigt sich darin die Macht der DeFis – während andere davor warnen, dass User in die Irre geführt werden.

Während die Banken noch darüber nachdenken, ob und wie sie einen „programmierbaren digitalen Euro“ erschaffen können, schlägt die Wirlichkeit der Märkte längst Purzelbäume. Der jüngste Streich geschah am Wochenende, als die DeFi-dApp Compound die Maker-DAO vom ersten Platz im DeFi-Ranking verdrängte – während die gesamten in DeFis angelegten Werte auf rund 1,5 Milliarden Dollar anstiegen.

Dezentrale Finanzen (DeFi) werden zunehmend zur Killer-App von Ethereum, der zweitgrößten Kryptowährung nach Bitcoin. Es entwickelt sich ein dynamisches und noch wildes Ökosystem, das versucht, klassische Finanzanwendungen, wie wir sie von Banken kennen, als Smart Contract auf einer Blockchain nachzubilden. Mit Sicherheit werden die DeFis niemals vollständig zentrale Mittelsmänner wie Banken ersetzen können. Aber sie bringen Ansätze ins Spiel, die zentrale Dienstleister zumindest in Teilen dezentralisieren können – und sie sind ein Spielfeld, auf dem Anleger hohe Gewinne und Verluste machen können.

Während manche in der Ethereum-Community in DeFi ein wundervolles Instrument sehen, um nicht nur Geld, sondern auch Finanzdienstleistungen zu dezentralisieren, sehen andere wie Blockchain-Kritiker David Gerard darin nicht mehr als die Neuauflage des ICO-Hypes: „Die Geschichte der Krypto-Scams im Zeitraffer – erst als Farce, dann als noch größere Farce.“

Wie auch immer: Das neue heiße Eisen der DeFis ist also Compound.

Ein dezentraler Geldmarkt für Assets

Laut DefiPulse ist Compound „ein algorithmisches Geldmarkt-Protokoll auf Ethereum, durch das User Zinsen mit Assets verdienen oder diese gegen ein Collateral leihen können.“ Jeder könne in den „Liquidity-Pool“ von Compound einzahlen und sofort beginnen, Zinsen zu verdienen. Diese Zinsen passen sich automatisch an Angebot und Nachfrage an.

Die WebSeite von Compound ist eine Art Marktplatz für Angebote. Man kann dort acht Token leihen oder verleihen: Die Kryptowährung Ether (ETH), die Stablecoins DAI, USDC und Tether, das Bitcoin-Token WBTC sowie die Token BAT, Augur und 0x. Die jährlichen Zinsen, die man verdienen kann, reichen von gering bis gigantisch: Heute bekommt man 0,9 Prozent für DAI-Dollar, 25,8 Prozent für BAT-Token und 17,95 Prozent für WBTC.

Wie bei allen DeFis brauchen User keinen Account. Sie können sich mit ihrer eigenen Wallet, etwa MetaMask für den Browser, anmelden, und dann den Deal mit einer Transaktion abschließen. Da die Gaspreise bei Ethereum nicht eben gering sind, fressen die Gebühren bei kleinen Summen bereits Teile der Erträge.

 

Ich habe vorhin ein wenig WBTC verliehen. Dabei habe ich von Bitcoin.de einige Ether auf die Browser-Wallet Metamask gezahlt, dann diese auf Uniswap gegen WBTC getauscht. Zurück auf Compound habe ich die WBTC erst „enabled“, was wohl soviel bedeutet, wie sie zur Verleihung freizugeben, und dann in den Liquidity-Pool eingezahlt. Das waren insgesamt vier Transaktionen, die mich etwa acht Euro gekostet haben – plus einer Spread bei Uniswap von 0,4 Prozent. Es dürfte also ein wenig dauern, bis sich das auszahlt.

Nett am Interface von Compound ist, dass man sofort sieht, was man im Pool hat, wenn man eingeloggt ist. Da die Erträge mit jedem Ethereum-Block ausgezahlt werden – also etwa alle 15 Sekunden – ändert sich der oben angezeigte Betrag ständig. Mittlerweile habe ich schon beinah einen halben Cent verdient.

Die cToken

Aber nicht dieser Geldmarkt macht Compound technisch besonders. Der Clou steckt offenbar in den Token von Compound.

„Die bereitgestellten Assets“, schreibt DefiPulse, „werden durch cToken repräsentiert.“ Diese repräsentieren die unterliegenden Assets auf dem Markt und dienen als Kollateral. Ein User kann maximal 50-75 Prozent des Wertes der cToken, die er besitzt, leihen. Da die cToken nicht die Assets selbst sind, kann der User diese zu jeder Zeit aus dem Smart Contract entfernen. Wenn ihre Schuld dann nicht mehr ausreichend gedeckt ist, kann jeder sie liquidieren und dafür noch einen Discount erhalten.

Die cToken trennen und verbinden gleichzeitig die unterliegenden Assets mit dem Geldmarkt. Nachdem ich die WBTC auf Compound investiert habe, sind sie auch aus meiner Wallet verschwunden, und es bleiben nur noch cToken übrig (cWBTC). Allerdings bin ich auf Compound jederzeit in der Lage, meine WBTC wieder auszuzahlen; ich nehme an, dass ich mit dem Besitz der cToken quasi einen Schlüssel habe, um die WBTC aus dem Smart Contract herauszuholen. Aber ohne die Plattform von Compound wüsste ich natürlich nicht, wie ich das machen sollte.

Wenn man sich Assets leiht, erhält man ebenfalls lediglich die cToken, soweit ich es verstehe. Diese jedoch kann man auch für viele andere DeFi-Anwendungen benutzen.

Die COMP-Token als Turbolader

Compound existiert bereits seit Ende 2018 und hat immer eine wichtige Rolle bei den DeFis gespielt. Allerdings stand es bis vor einigen Tagen noch deutlich im Schatten der Maker DAO. Ende 2019 haben die Macher ein Investment von 25 Millionen Dollar unter der Führung von Andresen Horowitz erhalten. Horowitz ist bekannt dafür, in zahlreiche Krypto-Startups zu investieren.

In der vergangenen Woche ist Compound dann wie eine Rakete angestiegen und hat die Maker-DAO überholt. Der Grund für die plötzliche Explosion liegt in den COMP-Token, die Compound vergangenen Montag eingeführt hat. Das Token ist eine Art „Governance Token“, welches die dezentrale Organisation, die Compound bildet, organisiert. Die Besitzer der COMP-Token können über Protokoll-Entscheidungen mit abstimmen, etwa technische Upgrades oder die Integration neuer Assets. Möglicherweise können die Besitzer auch einen Anteil der Gebühren erhalten, die über die Compound-Webseite vereinnahmt werden.

Die COMP-Token werden automatisch an die User des Compound-Protokolls ausgeschüttet. Jeden Tag werden 2.880 COMP an die verschiedenen Geldmärkte verteilt, die Menge entsprechend des Volumens dieser Märkte. Das heißt, wenn man auf Compound Assets leiht oder verleiht, erhält man als Bonus noch COMP-Token. So ähnlich wie Bonuspunkte beim Rewe oder bei der Deutschen Bahn.

Bisher wurden 21.544 COMP verteilt. Die Verteilung dieser Token zeigt auch, welche Märkte in der letzten Woche am aktivsten waren. Das war mit weitem Abstand der Markt der Tether-Dollar, auf den allein beinah 16.000 COMP-Token entfielen. Aber bei den täglichen Ausschüttungen haben die BAT-Token, die WBTC und auch 0x deutlich angezogen.

Preis des COMP-Token laut Coinmarketcap

4.208.405 Token sind noch übrig und warten quasi schlafend darauf, unter die User zu kommen. COMP selbst hat bereits eine imposante Marktkapitalisierung von mehr als 700 Millionen Dollar. Wie so oft geht der Markt davon aus, dass ein Token die Unternehmung wie eine Aktie repräsentiert, selbst dann, wenn das Token absichtlich nicht wie eine Aktie konstruiert und das auch deutlich kommuniziert wurde.

Schon vor dem offiziellen Start hatte ein COMP-Token einen Wert von 63 Dollar. Im Lauf der letzten Woche explodierte der Wert aber auf kurzzeitig mehr als 300 Dollar, um nun bei etwa 280 Dollar zu stehen. Der rasante Kursanstieg könnte auch damit zusammenhängen, dass die große Börse Coinbase Pro angekündigt hat, in Bälde den Handel mit dem vollkommen neuen Token COMP zuzulassen. Ob es ein Zufall ist, dass Coinbase ebenfalls ein Investment von Horowitz hält?

Viel interessanter ist jedoch die Wechselwirkung der Token mit den Zinssätzen auf Compound.

Cashback-Token und 100 Prozent Zinsen

Der hohe Preis der COMP-Token führt zu surrealen ökonomischen Anreizen. Auf Twitter beschreibt jemand, wie man durch Compound sein Investment „mit etwa 100 Prozent verzinsen“ kann. Er vergleich die Token damit, dass eine Fluggesellschaft den Kunden jedesmal, wenn sie fliegen, als Cashback eine Aktie des Unternehmens gibt. Bei manchen Assets ist derzeit das Comp-Token mehr wert als die Zinsen, die man bezahlt, um etwas zu leihen. Daher leihen sich Leute Geld, einfach nur, um die Bonuspunkte zu erhalten.

Das treibt natürlich den Bedarf nach den Angeboten auf dem Geldmarkt von Compound an – und damit auch die Zinsen. Daher finden sich auf Compound derzeit auch absurd anmutende jährliche Zinssätze wie 20 oder gar 27 Prozent. Allerdings muss man betonen, dass dies lediglich die täglichen Sätze sind. Der Algorithmus wird diese vermutlich rasch wieder anpassen und normalisieren.

Wo die Zinsen steigen, fährt das Risiko mit

Allerdings ist nicht jeder von den hübschen Zinssätzen überzeugt. Die Faustformel bei Investitionen besagt, dass dort, wo die Renditen hoch sind, auch die Risiken hoch sind. Wenn man bei Compound derzeit also Zinssätze von 20 Prozent plus die Bonus-Punkte in Form von COMP-Token einstreichen kann – dann müssen die Risiken enorm sein, oder?

Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin tweetete am Samstag: „Ehrlich gesagt finde ich, dass wir glitzernde defi Dinge mit unnatürlich hohen Zinssätzen viel zu sehr hervorheben. Dass die Zinssätze signifikant höher sind als das, was man im traditionellen Finanzwesen bekommt, liegt entweder an einer vorübergehenden Arbitrage-Gelegenheit oder kommt mit unausgesprochenen Risiken daher.“

Natürlich ist das richtig. Die extremen Zinssätze entstanden erst im Lauf der letzten Woche. Der Grund dürften neue Anreize durch die COMP-Token sein, die bisher nur ein kleiner Teil des Marktes versteht. Sie dürften mit hoher Sicherheit im Lauf der kommenden Wochen, vielleicht auch nur Tage, auf ein „normales“ Niveau sinken. Darüber hinaus haben mehrere Pannen der DeFis in den letzten Monaten – zuletzt der Bug bei Bancor – gezeigt, dass bei den dezentralen Anwendungen immer auch ein Risiko mitfährt. Und auch wenn Compound in der Theorie dezentral ist, wäre man als User doch ziemlich aufgeschmissen, wenn die Webseite plötzlich verschwände. Schließlich beruht ein Teil der hohen Erträge auf den COMP-Token, deren Preis so rasch einbrechen könnte, wie er angestiegen ist.

Dennoch zeigt Compound, welchen Einfluss es auf Zinsen haben kann, wenn man konsequent die Mittelsmänner dezentralisiert. Wenn es niemanden gibt, der zwischen dem Verleiher und dem Leihenden steht, und wenn man zudem die Anteile an der Unternehmung an die Kunden verteilt, erhöhen sich die Zinssätze. Daher könnte es tatsächlich zur neuen Normalität des dezentralen Finanzwesens werden, dass die Zinsen dauerhaft deutlich höher sind als bei beispielsweise Banken.

Aber darum soll es, so Vitalik Buterin, nicht gehen. „Die dezentralisierten Finanzen sollten sich nicht um die Optimiserung der Zinsen drehen. Stattdessen sollten wir einige wenige wichtige Kernbausteine festigen und verbessern: synthetische Token für Fiat und einige wenige wichtige Assets (wie Stablecoins), Oracles (für Prediction Markets etc.), DEXes, Privatsphäre …“. Vielleicht hat er damit recht – aber vielleicht ist das dem Markt auch eher egal. Dass die DeFis den Zugang zu hohen Zinsen demokratisieren und die Mittelsmänner daraus entfernen, während die User die Kontrolle über ihre Schlüssel behalten, ist durchaus eine starke Leistung. Das sollte man trotz allen berechtigten Warnungen nicht kleinreden.

Über Christoph Bergmann (1848 Beiträge)
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4 Kommentare zu „Bis zu 100 Prozent Zinsen“: Compound lässt DeFi-Zinssätze mit neuem Token explodieren

  1. Du könntest doch den cWBTC auch über uniswap tauschen, dann bräuchtest Du die Website gar nicht, wenn Du wieder zurück umwandeln willst oder ?

  2. Paul Janowitz // 29. Juni 2020 um 12:09 // Antworten

    Man sollte sich immer bewusst bleiben, dass auch DeFi zumindest derzeit noch Gambling ist…
    https://www.newsbtc.com/2020/06/29/428843/
    Vielleicht gewinnt man ein paar Prozent oder man verliert im schlimmsten Fall bis zu 100%.

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