Ethereum streitet um Skalierung – Dapps flüchten auf andere Blockchains

Traffic Jam! Bild von hillman54 via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Während die Transaktionsgebühren bei Ethereum in surreale Höhen schießen, streitet die Szene über die Skalierung der Blockchain. Das alte Drama, das wir so lange schon bei Bitcoin hatten, wiederholt sich. Dapps flüchten deswegen auf andere Blockchains oder in Rollups.

Haben Sie heute schon mal eine Ethereum-Transaktion versucht? Hoffentlich nicht. Denn die Gebühren sind dort derzeit so teuer, dass es einem den ganzen Tag verderben kann.

Teure Transaktionen belasten die Stimmung

Die Gaspreise betragen derzeit 155-230 Gwei, und wenn Sie nicht verstehen, was das bedeutet, sind Sie nicht allein. Die Wallet Metamask veranschlagt derzeit für die folgenden Aktionen diese Gebühren:

  • eine ETH-Transaktion: 8 Dollar
  • eine Token-Transaktion: 16 Dollar
  • der Wechsel von Token durch UniSwap: 42 Dollar
  • Die Zurverfügungstellung von Liquidität auf UniSwap konnte ich nicht testen, allein die Erlaubnis, Coins zu benutzen, kostete 15 Dollar. Es würde mich nicht wundern, wenn die Gebühren hierbei 3-stellig wären

Für die Miner ist das freilich schön: Sie haben gestern etwa 18.350 Ether an Transaktionsgebühren eingenommen, was gut 27 Millionen Euro entspricht und schon mal sehr viel mehr ist als die 12.500 Ether, die der Block-Reward einspielte. Ironischerweise finanziert sich Ethereum desto nachhaltiger, je schlechter das Netzwerk für die User funktioniert.

Denn für diese ist all das eher frustrierend. Ziemlich frustrierend. Zu jeder Zeit warten etwa 100.000 Transaktionen auf eine Bestätigung, und wer zuwenig Gebühren bezahlt hat, wird sehr lange warten müssen. Das Netzwerk ist voll und das verdirbt vielen den Tag.

Etwa Nikita Zhavoronkow, der streitlustige Betreiber des Blockexplorers Blockchair.com. Er wütet auf Twitter:

„Oh nein, die alte Geschichte mal wieder … Die Core-Entwickler von Ethereum bringen dieselben lahmen Ausreden, warum sie Ethereum nicht erlauben, onchain zu skalieren. Wie schon Bitcoin Core 5 Jahre zuvor“. Nikita hat sich in den „Skalierungskriegen“ um Bitcoin damals vergeblich für Onchain-Skalierung eingesetzt. Ethereum war für ihn in gewisser Weise ein Hoffnungsschimmer, dass es auch anders geht.

Nun wiederholt sich die Sache also. Wir sehen denselben merkwürdig-ergebnislosen Austausch von Argumenten.

Core-Entwickler wollen nicht skalieren

Die Core-Entwickler, die Nikita hier angreift, sind vor allem Marius van der Wijden und Péter Szilágy. Van der Wijden hat zuvor erklärt, warum er das Gaslimit nicht anheben möchte, obwohl dies mehr Transaktionen erlauben und damit den Gebührendruck senken würde.

Grundsätzlich meint er, das Anheben des Limits sei gefährlich, und man müsse mehrere Faktoren dafür betrachten. Wir fassen sie kurz zusammen, was – Achtung! – etwas technisch wird:

  • Die Uncle-Rate misst die „verwaisten“ Blöcke, also die Blöcke, die von Minern produziert wurden, es aber nicht in die Blockchain geschafft haben, weil sie von einem Block eines anderen Miners überholt wurden. Wenn die Uncle-Rate steigt, weist das auf Schwierigkeiten bei der Distribution neuer Blöcke hin.
  • Der für Marius wichtigste Faktor ist die Größe des States. Der State ist der „Zustand“ der Blockchain – alle aktuell gültigen Einträge in ihr, also alle Guthaben und alle Zustände von Smart Contracts. Dies sei der größte limitierende Faktor. Die Knoten müssen den aktuellen State behalten. Sie können den alten löschen, tun sich aber schwer, weshalb ein Knoten im Lauf der Zeit unnötige Daten ansammelt – Marius spricht von 500 Gigabyte.
  • Synchronisierung: Derzeit braucht es mehrere Tage, um einen Full Node zu synchronsieren. Wenn man das Gaslimit erhöht, würde diese Zeit weiter steigen.
  • Die Ausführungszeit: Wenn es einen neuen Block gibt, müssen alle Knoten alle Transaktionen darin ausführen und den Zustand aktualisieren. Je höher das Gaslimit, desto länger brauchen die Knoten, um Blöcke auszuführen; wenn sie einmal mehr als 13 Sekunden brauchen – das Intervall zwischen den Blöcken – wird das Netzwerk kollabieren.
  • Archiv-Knoten: Diese Knoten, die alle vergangenen States speichern, sind etwa für Blockexplorer nützlich. Ein höheres Gaslimit erhöht den Druck auf diese Knoten signifikant.

Marius zählt diese Flaschenhälse auf, nennt aber keine konkreten Werte, inwieweit sie sich bereits verengen. Stattdessen präsentiert er eine Liste von Lösungen, um diese Flaschenhälse zu erweitern. Er hofft, dass Layer2-Lösungen die Lage entsprannen, und schließt mit seiner Priorisierung: „Ich persönlich bevorzuge ein verstopftes Netzwerk gegenüber einem kaputten Netzwerk, indem die User nicht mehr in der Lage sind, ihre eigenen Nodes zu betreiben, um das Netzwerk zu verifizieren.“

Ja, bei dem, der die Skalierungsdebatte um Bitcoin kennt, dürften diese Tweets Erinnerungen hervorrufen: Die Core-Entwickler verlangen, dass jeder User die Blockchain verifizieren kann, sie präsentieren nicht nur einen, sondern eine Vielzahl von Flaschenhälsen, bleiben vage dabei, wie eng diese sind, präsentieren aber eine Menge an Lösungen, die sie erst umsetzen müssen, bevor man weiter über die Skalierung reden kann.

Keine Technik – Ideologie

Nikita, der als Betreiber eines Blockexplorers natürlich weiß, wie anstrengend ein Ethereum-Node ist, reagiert darauf mit Ärger. 500 Gigabyte Speicher? Das kostet sicherlich Millionen an Dollar, ätzt er, und klar, es ist natürlich besser, die User bezahlen 1000 Dollar für Gebühren, als dass die Node-Betreiber ein paar Tagen warten, bis der Node synchronisiert ist. Seine Knoten kamen noch bei keinem der aufgezählten Faktoren auch nur in die Nähe einer Belastungsgrenze. Selbst schwache Hardware könne 20-30 Mal so viele Operationen verarbeiten. Und so weiter.

Wir kennen diese Diskussion. Auch Nikita sollte sie gut genug kennen, um zu wissen, dass keine technisch konkreten Argumente ihm weiterhelfen werden. Die Technik ist hier nur die Fassade einer Debatte, bei der es eher um Ideologie geht. Eventuell liegt es daran, dass Core-Entwickler aus idealistischen Motiven arbeiten, Nikita hingegen aus eher kommerziellen, und dass Core-Entwickler keine Unternehmung führen, die starke Server wie die von Nikita finanzieren, sondern eher als Privatpersonen den Node auf einem (guten) PC laufen lassen. Aber das ist Spekulation.

Am Ende sind es die Core-Entwickler, die entscheiden, und deren Leiter, Péter Szilágy, scheint nicht eben kompromissbereit: Er wirft Nikita vor, entweder nicht zu verstehen, welche Konsequenzen das Erhöhen des Limits habe, oder dem Netzwerk absichtlich schaden zu wollen. Er ist gegen die Erhöhung des Limits, „weil alle schädlichen Effekte auf dieselben vier Leute zurückfallen, die das Netzwerk seit sechs Jahren am Laufen halten“ – womit er sich uns seine drei Mitentwickler meint.

Flucht in Layer-2

Ethereum wird also nicht nennenswert weiter skalieren, und ETH2 wird noch eine Weile brauchen, bis es einsatzbereit ist. Welche Optionen bleiben Usern und Dapps also übrig?

Eine Option ist es, auf eine „Layer-2-Lösung“ umzusteigen. Mit den Rollups verfügt Ethereum, wie Christoph Jentzsch hier erklärt, über ein Angebot gut funktionierender, wenn auch etwas zentralisierter Methoden. Die dezentrale Börse Loopring etwa nutzt zkRollups, um einen weitgehend gebührenfreien, privaten und in Echtzeit stattfindenden dezentralen Handel zu ermöglichen. Dieses Angebot wird zunehmend genutzt: Loopring erreichte etwa 8. Februar an Handelsvolumen von beinah 30 Millionen Dollar; auch andere L2-Dex ziehen nach.

All das ist aber natürlich noch sehr wenig im Vergleich mit UniSwap, das in den letzten Tagen ein Volumen von mehr als einer Milliarde Dollar umgesetzt hat. Aber es ist ein vielversprechender Anfang, und es scheint, als habe sich die Ethereum-Community auf „ihre“ Layer-2-Lösung geeinigt.

Doch nicht viel weniger nachgefragt sind andere Alternativen.

Migration auf andere Blockchain

Eine Layer-2-Dex ist komplex aufzubauen, zentralisiert die Operation auf den Betreiber des Rollups und beenträchtigt die Interoperabilität. Manche Dapps entscheiden sich daher dafür, die Ethereum-Blockchain zu verlassen oder sich zumindest für Alternativen zu öffnen. Einige Beispiele:

  • Equilibrium bildet eine „Cross-Chain-Version“ der vielbenutzten Dapp Curve.Finance, die parallel auch auf Polkadot laufen wird.
  • SingularityNET, eine Dapp für das Erchaffen und Teilen von KIs, beginnt die Migration von Ethereum zu Cardano
  • PancakeSwap auf der Binance-Blockchain verzeichnet ein explodierendes Handelsvolumen
  • Auf der Avalanche-Blockchain (AVA) startet die DEX Pangolin. Angeblich sind bereits 6,5 Millionen Dollar Liquidität von ETH zu AVA migriert.

Mit Polkadot, Cardano, Binance und nun auch Avalanche stehen vier Blockchains bereit, User und Dapps mit offenen Armen zu empfangen, wenn diese frustriert von Ethereum ein neues Zuhause suchen.

Insgesamt scheint das Volumen der Flucht aber noch sehr überschaubar zu sein. Das DeFi-Ranking bei Defillama zeigt noch immer eine absolute Dominanz von Ethereum. Vermutlich mangelt es allen anderen Blockchains schlicht an Netzwerkeffekten. Binance kann versuchen, diese durch die eigene, große Börse aufzubauen, Polkadot hatte einen starken Start, Cardano scheint nach der langen Zeit der Entwicklung ohne Ergebnisse wenig relevant zu sein, und Avalanche gilt zwar als technisch ausgereift, steht aber personell als eher verkopfte Geburt aus der Bitcoin-Cash-Szene etwas isoliert da. Und von der DeFiChain von Julian Hosp wollen wir erst gar nicht reden.

Wenn vier Plattformen darum konkurrieren, einer nach wie vor übermächtigen Blockchain die User abzunehmen, ist dies meist eine Garantie dafür, dass die übermächtige Blockchain übermächtig bleibt. Würde es DEN einen Konkurrenten geben, auf den sich der Markt schon geeinigt hätte, würde es wohl anders aussehen. Aber so dürfte keine Alternative genügend Netzwerkeffekte aufbringen, um zu einer ernsthaften Bedrohung für Ethereum zu werden.

Immerhin hat Polkadot gute Aussichten, sich parallel zu Ethereum zu positionieren, indem es vor allem auf Koexistenz und Brücken anstatt Konkurrenz setzt. Aber auch diese Blockchain muss erst noch eine Menge Netzwerkeffekte erringen, bevor sie für DeFi relevant wird.

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10 Kommentare zu Ethereum streitet um Skalierung – Dapps flüchten auf andere Blockchains

  1. Sehr guter Artikel zu einem interessanten Thema. Es ist eigentlich genau die Situation weshalb ich die letzten Jahre alle möglichen denkbaren (und vielleicht auch undenkbaren) Konkurrenz-Projekte gekauft habe, u.a. auch Cardano, Polkadot, Avalanche etc. Ich halte für möglich, dass Ethereum harte Zeiten vor sich hat – wobei sie natürlich noch den Netzwerk-Effekt auf ihrer Seite haben. Aber ewig hält sowas nicht. Und Ethereums Position ist im Kontext der Konkurrenz schwächer als Bitcoin’s.

    P.S.: Avalanche wurde früher AVA abgekürzt, aber weil es das schon gibt ist das Kürzel mittlerweile AVAX.

  2. Ich würde schon sagen, dass Ethereum stürzen könnte.
    Cardano hat in der letzten Zeit einen ziemlich guten Lauf und zieht entsprechend wieder Aufmerksamkeit und Polkadot steht auch recht gut da.

    Insbesondere Cardano hat auf seiner Seite, dass sie es geschafft haben ein langes Tal der Tränen zu durchlaufen und trotzdem noch relevant zu sein.

    Die meisten Projekte laufen sich nach so einer langen Zeit eher tot als warm.

    Polkadot müssen wir mal sehen… Das Momentum ist auf ihrer Seite, aber sie haben noch nicht bewiesen, dass sie schwerere Rückschläge verkraften können und ihre Technologie hat somit noch nicht bewiesen, dass sie ein robuster Dauerläufer sind, wie es Cardano ist.
    Trotzdem haben sie den momentanen Hype, dass hilft…

    Am schlechtesten sehe ich tatsächlich gerade Ethereum aufgestellt. Außer den puren Marktanteil und die Aufmerksamkeit, die dadurch entsteht, ist tatsächlich kein Argument auf deren Seite…

    Es wird viel davon abhängen, wie gut der von Cardano versprochene Konverter funktioniert. Hält Goguen, was es verspricht, dann bin ich, als Entwickler, weg von Ethereum…

  3. Ja, der Avalanche-Token ist „AVAX“ („AVA“ ist für Travala, eine Art Booking.com auf der Blockchain).
    Warum AVAX personell eine „verkopfte Geburt aus der Bitcoin-Cash-Szene“ ist, müsstest du mal erklären. Ich sehe dahinter vor allem den Cornell-Prof Emin Gün Sirer @el33th4xor, der nichts Besonderes mit Bitcoin-Cash zu tun hat. Das Kennzeichen von AVAX ist ein besonders schneller Konsens-Mechanismus (Avalanche=Lawine).

  4. Auf EOS läuft alles ohne Probleme und es gibt schon die ganzen Defi Apps(Defibox,Vigor etc). Einfach einen kostenlosen Account mit dem Anchor Wallet von Greymass oder mit der wombat App erstellen. Keine gasfees und instant Transaktionen 0.5ms .

    Und für NFTs nutzt man die WAX chain zB mit dem WAX cloudwallet und atomichub als NFT-Marktplatz.

  5. Danke (!) zu: „Und von der DeFiChain von Julian Hosp wollen wir erst gar nicht reden“ … Frechheit das da „De“ in DeFiChain drinsteckt.

  6. Der FSN- und XOR-Observer // 11. Februar 2021 um 22:06 // Antworten

    …und was ist mit Fusion?
    Anyswap funktioniert recht gut…
    Hat zwar kaum Aufmerksamkeit aber da tut sich gerade einiges. Außerdem ist es noch ein recht kleines Projekt und hat somit noch viel Phantasie nach oben.

    Sora und die damit verbundene PSWAP ist auch bald am Start..

  7. Zilliqa, Cosmos (Kava Defi Hub) und Algorand könnte man noch dazunehmen

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