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Krypto-Airdrop verfünffacht Budget der SENS-Foundation

Der Sieg über das Altern könnte ein Nebenprodukt von etwas werden, das viele für eine gigantische Abzocke halten: Eine phantasielose Fork von Ethereum spült 25 Millionen Dollar in das Budget einer Stiftung, die Forschungen gegen das Altern finanziert. Überhaupt sind die Verbindungen zwischen Krypto und Anti-Aging verblüffend vielseitig und tief.

Wenn man alles hat, und alles, was man noch nicht hat, kaufen kann, ohne dass es im Geldbeutel nur eine Spur hinterlässt – was dann? In einer solchen Lage dürfte Richard Heart sein. Der Early Adopter von Bitcoin nannte sich selbst schon „Milliardär“, bevor er vor einigen Jahren das HEX-Token auf den Markt warf und damit unendlich viel Geld gewann.

HEX ist ein Token auf der Ethereum-Blockchain, das zu seinem Erscheinen 2019 als „neueste Abzocke der Krypto-Welt“ galt, weil es nicht mal versucht, einen tieferen Sinn vorzuschützen, als frühe Investoren reicher zu machen. HEX steche, meinte damals ein Kritiker,  „in der Flut an ethisch dubiosen Projekten als das ungeheuerlichste, aber vielleicht auch cleverste heraus.“ Dennoch gelang es Heart, HEX zu etablieren, wo es derzeit mit einer Marktkapitalisierung von 24 Milliarden Dollar bemerkenswert gut dasteht.

Die PulseChain: Eine wenig innovative Fork

Doch was nun? Eher aus Gewohnheit scheint Heart sein neuestes Projekt zu starten, die PulseChain, ein Klon von Ethereum. PulseChain ist genau wie Ethereum, verwendet aber nicht Proof of Work (PoW), sondern Proof of Authority (PoA), ein stabilen, aber zentralisierenden Konsensalgorithmus, den die Ethereum-Entwickler für ein Testnetz entwickelt haben. Soweit entspricht die PulseChain exakt der Binance Smart Chain. Allerdings hat sie das Verfahren vereinfacht und leicht verändert. Zudem soll sie als volle Fork von Ethereum alle Token und Smart Contracts zu einem bestimmten Zeitpunkt kopieren. Wer also Token auf Ethereum hat, wird diese Token auch auf der PulseChain halten.

Ether selbst dürften auf der PulseChain allerdings relativ wertlos sein. Denn die nativen Token, die PLS, werden nicht nur die ETH spiegeln, die bereits verteilt sind, sondern mit der Fork verzehntausendfacht. Diese zusätzliche, massive Anzahl an Token wird an diejenigen verteilt, die während der „Sacrifice-Phase“ verschiedene Coins an bestimmte Adressen senden. Möglich sind fast alle beliebten Kryptowährungen, Ether, Bitcoin, BSC, Cardano, Dogecoin, Litecoin, Monero, Bitcoin Cash, Ripple, Stellar, Zcash, Tron und weitere. Und wie es sich für solche Systeme geziemt, werden diejenigen, die ihre Coins früher „opfern“, auch mehr PLS-Token dafür erhalten.

Das ganze wäre nicht speziell erwähnenswert und innovativ bestenfalls in der Distribution der Token. Krypto ist voll von solchen Systemen, da es letztlich das große Ziel so vieler ist, den anderen ihre Kryptotoken abzunehmen. Erwähnenswert wird PulseChain allerdings durch einen besonderen Umstand: Richard Heart hat schon alles, kann zwar den Hals nicht voll kriegen, aber erkennt offenbar, dass der Grenznutzen von noch mehr Geld immer weiter abnimmt. Also versucht er sich auf durchaus originelle Art als Wohltäter – wenn auch am Ende nur für die eigenen Interessen.

Denn wenn es etwas gibt, das mehr wert ist als Geld, dann ist es Gesundheit – und ein langes, wenn nicht ewiges Leben.

Mit Spenden an SENS zu PLS

Die PLS-Token werden also an diejenigen ausgeschüttet, die Kryptowährungen „opfern“, was vermutlich meint, sie an Richard Heart und sein Team zu senden. Daneben gibt es aber noch eine Möglichkeit, sich die PLS-Token zu sichern: Indem man Dollar oder Kryptowährungen an die SENS-Foundation spendet.

Die SENS-Foundation, eine Stiftung in Kalifornien, unterstützt Forschung rund um die Welt, die sich mit „regenerativer Medizin für mit dem Alter verbundenen Krankheiten“ einsetzt. Sie will dabei helfen „die Industrie aufzubauen, die die Krankheit des Alterns heilt.“ Geleitet vom Anti-Aging-Guru Aubrey de Grey sammelt die SENS-Foundation vor allem Geld ein, das sie für Forschungsprojekte und Konferenzen einsetzt.

Nun hat Richard Heart also beschlossen, die Stiftung in die Entstehung der PulseChain-Token einzubinden. Das ist an sich nobel, da Zahlungen an die Stiftung offenbar dasselbe Gewicht erfahren wie Zahlungen, die wohl an Richard Heart selbst gehen. Der Erfolg war unglaublich, das Budget der SENS-Foundation explodierte in kürzester Zeit: Innerhalb von drei bis vier Tagen hat die Stiftung 25 Millionen Dollar eingesammelt, was Aubrey de Grey „überwältigend“ nannte. Kein Wunder: Das übliche Jahresbudget der Stiftung beträgt 4-5 Millionen Dollar. Der Airdrop hat es in wenigen Tagen vervielfacht – und er wird noch fast zwei Wochen andauern.

Allein schon die bisher erhaltene Summe sei „absolut umwälzend. Sie erlaubt uns, eine Welt ohne Altern schneller zu erreichen“, so de Grey. Die schon bisher ambitionierten Pläne für 2021 würden „auf ein vollkommen neues Level explodieren.“

Krypto-Millionäre spenden für Unsterblichkeit

Eine gewisse Zuneigung zur Branche des Anti-Agings bzw. der „Longevity“, der Langlebigkeit, ist in der Kryptoszene relativ weit verbreitet. Zum Teil gibt es Überschneidungen, etwa wenn Wagniskapitalgeber sowohl Krypto-Projekte als auch Longevity-Startups unterstützen oder sich Startup-Intellektuelle wie Balaji Srinivasan sowohl mit Longevity als auch Krypto beschäftigen.

Der wohl bekannteste Anhänger der Wissenschaft von der Langlebigkeit ist jedoch Vitalik Buterin. Er hat bereits 2018 2,4 Millionen Dollar an die SENS-Foundation gestiftet. In einem Interview mit Fight Aging erklärt er kurz danach, sich intensiv mit den Forschungen im Kampf gegen des Alters zu beschäftigen und unter Umständen noch mehr zu spenden. In diesem Jahr hat Vitalik Buterin schließlich noch 1.000 Ether – rund 2 Millionen Dollar – an die ebenfalls sich dem Sieg über das Altern verpflichtete Methuselah Foundation gespendet.

(Der Hintergrund ist etwas kurios: Im Zuge des Memecoin-Hypes Anfang des Jahres haben Dogecoin-Nachahmer versucht, Öffentlichkeit zu gewinnen, indem sie Coins an den bekannten Ethereum-Account von Vitalik Buterin verteilten. Als die Preise der Memecoins explodierten, etwa Shiba Inu, Akita Inu oder Dogecoin Mars, kündete dies nicht nur das Ende des Bullenmarktes an, sondern spülte ungefragt viele Millionen Dollar auf den Account von Vitalik Buterin. Der tauschte die Coins ein und verteilte rund 63 Millionen Dollar an verschiedene Spendenorganisationen und Stiftungen).

Neben Vitalik hat auch bereits 2017 der Pineapple-Fund eine Million Dollar in Bitcoin an die SENS-Foundation gespendet. Mit dem „Ananas-Fond“ hat ein Early Adopter Ende 2017 rund 5.000 Bitcoins, die er nicht mehr benötigte, an wohltätige Projekte gespendet, darunter eben auch die SENS-Foundation.

Die merkwürdig vieldimensionale Verbindung zweier Branchen

In gewisser Weise liegt die Verbindung zwischen Krypto und Langlebigkeit nahe: Bitcoin ist ein Geld, das dafür gemacht ist, möglichst lange seinen Wert zu erhalten. Wenn die Fiat-Währungen in der üblichen Inflation verdunstet sind, wird Bitcoin weiterhin Kaufkraft speichern. Wenn man plant, in ein, zwei, drei Jahrzehnten von dieser Welt zu scheiden, sind Dollar und Euro und so weiter akzeptabel gute Währungen. Plant man dagegen, noch sechzig, achzig, hundert Jahre hier zu sein – oder rechnet man gar damit, zu den Glücklichen zu gehören, die langsamer altern als der Kampf gegen das Altern voranschreitet – dann kann man nicht auf Fiatgelder bauen, sondern braucht ein starkes Geld.

Insoweit dürfte verständlich sein, weshalb die Anti-Ager Bitcoin verstehen und schätzen. Andersherum hat der Aufstieg von Bitcoin und anderen Kryptowährungen so viel Reichtum geschaffen, dass plötzlich viele junge Leute vor dem Problem stehen, dass sie mehr Geld haben, als sie uns ihre Freunde und Verwandten und Nachfahren jemals ausgeben können, so sehr sie sich auch bemühen. Die Lösung für dieses „Problem“ ist natürlich, die eigene Lebensspanne zu verlängern.

Ohnehin neigen Bitcoiner zu Szenarien optimistischer Dystopien, wie sie sich in der Bitcoin-Zitadelle ausdrücken: Die Welt geht vor die Hunde, doch der Glückliche, der Bitcoins sein eigen nennt, flüchtet in die Zitadelle und genießt dort Schutz. Treibt man diesen Gedanken auf die Spitze, könnte Bitcoin zur Eintrittskarte für das ewige Leben werden: Bitcoins schaffen den Reichtum, den man braucht, um jene medizinischen Maßnahmen und Mittelchen zu bezahlen, welche die Unsterblichkeit erlauben, und sie werden zum Wertspeicher, um Kaufkraft über die Ewigkeit hin zu erhalten. Bitcoins als Rettungsboot vor allem, einschließlich des Todes.

Eine dritte Verbindung stellen schließlich die bereits erwähnten Wagniskapitalisten dar: Sie sind immer auf der Suche nach jungen, hungrigen Branchen, in denen mutige Gründer neuartige Technologien ausloten. Für die Kapitalgeber spielen Blockchain- und Longevity-Startups in einer ähnlichen Klasse – eine Zukunftstechnologie, die öfter scheitert als Erfolg hat, aber die verspricht, jedes Investment im Falle des Erfolges vielfach zurückzuzahlen.

„Jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft …“

All das trifft am Ende in bezaubernder Ironie zusammen: Hier haben wir Vitalik Buterin, den dürren, als einzige Droge Grüntee konsumierenden Mitgründer von Ethereum, der unbestritten nützlichsten Kryptowährung; er spendet mehrere Millionen Dollar an Anti-Aging-Stiftungen, von denen ein Teil von Shitcoins stammt, die er niemals haben wollte.

Dort haben wir Richard Heart, der eher korpulente, sich gerne mit Zigarre oder Whisky präsentierende Gründer von Hex, einer technisch nutzlosen, weithin als Abzocke verschrieenen Kryptowährung, also einem Shitcoin; er forkt nun Ethereum auf eine Weise, die bestenfalls in ihren pyramidensystemartigen Anreizen innovativ ist, spendet dadurch aber drei- bis viermal so viel Geld wie Vitalik Buterin.

Man denkt unwillkürzlich an Goethes Faust, in dem der Doktor Faustus, lüstern und alt, den Teufel herbeiruft, damit dieser ihm das ewige Leben gebe, und der Mephistoteles ihm erklärt, er sei ein Teil jener Kraft, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Oder an die Alchemisten, welche vor einigen Jahrhunderten die Fürsten dieser Welt um die Finger wickelten, indem sie ihnen versprachen, Erz zu Gold zu verwandeln und einen Unsterblichkeitstrank zu brauen. Sind nicht die heutigen Wagniskapitalisten die Fürsten der alten Zeit – und die Krypto- und Longevity-Startups, die ihnen mit ihren Versprechungen die Börsen lockern wollen – die Alchemisten der Gegenwart?

Und all diese Analogien spitzen sich in einer bezaubernden, faustischen Ironie zu: Könnten die Erträge aus Projekten, die mehr Betrug als Sinn ergeben, den Weg für einen der größten Durchbrüche der Medizin überhaupt ebnen? Könnte die Unsterblichkeit ein Nebenprodukt einer Krypto-Abzocke werden?

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6 Kommentare zu Krypto-Airdrop verfünffacht Budget der SENS-Foundation

  1. Das ist eher die Kraft, die stets das Gute will, und stets das Böse schafft.

    Ich versteh das Streben nach Unsterblichkeit nicht. Jeder Fels ist im Vergleich zu uns unsterblich, aber auch im selben Verhältnis unbeweglicher und fragiler.

  2. Anti-Aging ist doch wirklich Quatsch:

    Bisher hat es die Medizin lediglich geschafft, die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen anzuheben. Die maximale Lebenserwartung, die für Menschen bei um die 120 Jahren liegt, wurde bislang trotz aller medizinischer Fortschritte nicht mal einen Milimeter bewegt.
    Das geht auch nicht ohne wesentliche Änderungen an der Hardware vorzunehmen.

  3. Ob „ewiges“ Leben wirklich erstrebenswert ist ?
    ….und welche vielfältigen Probleme sich daraus ggf ergeben würden !
    Am Ende waere es wahrscheinlich die Hölle und nicht das Paradies…
    Nebenbei: Die ältesten existierenden Zelllinien sind nach meiner Kenntnis Krebszellen.
    „Unsterbliche Zellen“ ( bei denen der programmierte Zelltod „ausgeschaltet“ ist ) gibt es es also bereits, man spricht dann von Krebs.

    • Gunnar Eberlein // 23. Juli 2021 um 19:41 // Antworten

      Ich habe seit 2008 mein Leben konsequent auf Anti-Aging ausgerichtet (und bin seit 2016 in Bitcoin investiert). Mir ist nicht klar, was daran Quatsch sein soll. Ich bin mit meinen fast 68 Jahren immer noch kerngesund und sportlich extrem fit. Genau wie Bitcoiner werden wir Anti-Ager von vielen als Spinner angesehen, werden aber vermutlich ein sehr viel gesünderes und finanziell sorgenfreieres Alter erleben.

  4. @Gunnar Anti-Ager sind Menschen, die den Zelltod mit technischen Mitteln abschaffen wollen. Gegen Sport und ein gesundes Leben solange es geht, ist absolut nichts einzuwenden. Und im Vergleich mit einem 120+-jährigen bist Du doch auch noch jugendlich. 😉

    Wenn wir evolutionäre entwickelte Mechnismen mal eben so abschalten, nur weil wir es können (können wir ja noch nicht), kann das sehr unangenehme Nebenwirkungen haben. Dann gehen vielleicht ganz andere Sachen kaputt. Der Vergleich mit einem Krebsgeschwür, dass am Ende seinen Wirt und damit dann auch sich selbst umbringt, ist schon passend.

  5. Ein evolutionär entstandener Prozess, der mir einfällt: Das Nebeneinander alter und junger Menschen. Ein Ego, dass auf strammen Füßen steht, erträgt es schlecht, wenn es sich jung fühlt, die wirklich jungen aber neue Wege gehen und eine Konkurrenz bedeuten. Das ewige Leben dürfte mit dem absterben der Fortpflanzung einhergehen, dies schon allein aus dem Masseproblem der vielen auf begrenztem Raum. Und wenn „Ewig“ dann doch irgendwann vorbei ist, hat die alte Erde vielleicht Ruhe vor uns…

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