Newsticker

„Die Vereinigten Staaten gewinnen, und dies hat das Potential, rapide weiter zu wachsen, zum Nutzen der Regierung, der Wirtschaft, der Haushalte.“

Zusammengeknüllte EU-Flagge. Bild von Marco Verch via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die US-Politik begreift, was die Krypto-Revolution bedeutet, und auch China begreift es, auf seine eigene Art. Europa dagegen hat es noch nicht begriffen und verliert deshalb den Anschluss. Nichts zeigt dies deutlicher als eine Anhörung vor dem Senat der Vereinigten Staaten, die auf unserem Kontinent undenkbar wäre.

Ich finde es ziemlich nett, ein Europäer zu sein, anstelle eines Amerikaners. Aber manchmal wird man schon neidisch, wenn man in die USA blickt, und manchmal überkommt einen das nackte Grauen, wenn man realisiert, wie sehr am A***** wir Europäer sind.

Eine Gelegenheit, sich so zu fühlen, ist das Video einer kürzlich erfolgten Anhörung im Kongress der Vereinigten Staaten. In der mehr als vierstündigen Sitzung stellen sich mehrere wichtige Vertreter der Krypto-Branche den Fragen der Senatoren.

Wenn man nun feststellt, dass es so etwas in Deutschland auch gab, dass der Bundestag schon 2018 eine Anhörung zu Blockchain und so weiter abhielt, ist man auf dem richtigen Weg, um das Grauen zu verstehen. Damals, 2018, waren im Bundestag drei Professoren, ein Bitcoin-kritischer Philosoph, ein CEO eines Startups der Mediengruppe Burda sowie der Vorstand des Bundesverbandes Bitcoin eingeladen. Weshalb diese „Experten“ da waren, war vollkommen undurchsichtig. Der Grund für ihre Einladung hatte so gut wie nichts mit Kompetenz und ökonomischer Relevanz zu tun, und sehr viel mit parteipolitischem Proporz. Der Bundestag hatte gar nicht die Absicht, wirklich mehr zu erfahren.

Ganz anders dagegen im „House“, wie die Amerikaner den Kongress nennen. Dort sitzen keine Professoren oder Philosophen, sondern die CEOs von einigen der weltweit wichtigsten Krypto-Unternehmen: Jeremy Allaire von Circle, Samuel Bankman-Fried von FTX, Brian P. Brooks von Bitfury, Charles Cascarilla von Paxis, Denelle Dixon von der Stellar Foundation und Alesia Jeanne Haas von Coinbase.

Schon allein die Auswahl der Experten sagt viel über Standort und Politik aus. Weder in Deutschland noch der EU gibt es vergleichbar bedeutende Krypto-CEOs. Das allein stellt schon ein Armutszeugnis für den Standort dar. Doch selbst wenn es sie gebe, wäre die Politik nicht in der Lage, sie einzuladen. Das zeigt die Auswahl der „Experten“ der Bundestags-Anhörung.

„Wie können wir euch helfen?“

Auch der Ablauf der Anhörung ist beeindruckend: Die Senatoren diskutieren informiert, konstruktiv und vor allem auf Augenhöhe mit den CEOs.

Immer wieder erkundigen sie sich nach den Mühen und Qualen, welche die Branche durch die Regulierer erleiden muss. Mehrere Senatoren räumen ein, dass die Regulierung durch die vielen verschiedenen Behörden zu komplex und übertrieben ist. Die Politiker wirken ernsthaft interessiert daran, zu erfahren, wie sie den Unternehmen das Leben einfacher machen können.

Eine solche konstruktive, pragmatische und realistische Grundhaltung ist in meinen Augen weder bei der deutschen Bundesregierung zu erkennen – unser neuer Kanzler hat schon vor Jahren in völliger Unkenntnis der Kryptomärkte erklärt, keine privaten Stablecoins zu dulden – noch bei der EU.

Man könnte den Unterschied etwa so skizzieren: In den USA versteht die Politik starke Krypto-Unternehmen als Asset – als Ressource, die man hüten, pflegen und auch umwerben muss, damit die USA auf diesem Markt Innovationsführer bleibt. Blühende Unternehmen schaffen blühende Steuereinnahmen, und wenn US-Unternehmen international führen, führt die USA international.

In Europa betrachtet man Kryptounternehmen eher als Last, die zu regulieren und zu erziehen ist. Vielleicht wie ein Haustier, das man niemals gewollt hat, und bei dem man nun durch eine möglichst strenge Hand dafür sorgt, dass es weder die Wade der Schwiegermutter anrammelt noch in die Hyacinthen strullert. Manchmal gibt es zwar Lippenbekenntnisse, dass man Innovation nicht verhindern wolle, doch am Ende ertränkt man die Branche doch lieber in Regulierung.

Aber das ist eher eine Nebensache. Es geht nicht allein um die Form – sondern um den Inhalt. Und der könnte dramatische Konsequenzen für Europa haben.

„Ich denke, darin liegt eine große Chance, und sie liegt direkt vor unseren Augen.“

Entscheidend ist, dass die Politiker in den USA spätestens mit dieser Anhörung etwas Entscheidendes begriffen haben. Nämlich dies: Stablecoins durch freie Marktakteure sind das Beste, was dem Dollar je passiert ist.

Man merkt dies in mehreren Fragen und Antworten. So erklärt etwa Senator Luetkemeyer, etwa bei 1:29:00, an Circle-CEO Jeremy Allaire gewandt, er sei sehr besorgt, dass der Dollar seine globale Dominanz verliere. Dies würde ein großes Risiko für die USA bedeuten, für die Wirtschaft, den Wohlstand, den Haushalt. Die Sorge ist nicht unbegründet, da Russland, China und auch Indien zunehmend versuchen, unabhängig vom Dollar zu werden, sei es in der Zusammenstellung der Währungsreserven, sei es im internationalen Handel.

Allaire, der als CEO von Circle dem Dollar-Stablecoin USDC vorsitzt, reagiert darauf mit guten Nachrichten: Blockchains breiten sich global aus, und auch der Dollar, als Stablecoin, sei bereits in diesem Markt und entwickle sich, ganz ohne Hilfe der Zentralbank FED, zur globalen digitalen Währung des Internets. „Ich denke, das ist eine große Chance, und sie liegt direkt vor unseren Augen.“ Circle wolle den Dollar als dominante Weltwährung und arbeite dafür auch eng mit nationalen Behörden zusammen. Mit einem Seitenhieb auf China verspricht er: „Dies erlaubt den Vereinigten Staaten, mit anderen Ländern zu konkurrieren, die diese Technologie nationalisieren und für Überwachung benutzen.“

Ähnlich äußert sich Senator Barr, etwa bei 1:40:00, ebenfalls an Allaire gerichtet. Er fragt, welchen Vorteil ein privater Dollar-Stablecoin gegenüber einem von der FED herausgegebenen digitalen Dollar habe. Allaire erklärt, dass Stablecoins bereits heute operieren und im Markt wachsen. Einen digitalen Dollar muss man beschließen, entwickeln und betreiben. Stablecoins existieren und blühen bereits. Sie seien, so Allaire weiter, auf einer offenen Internet-Technologie gebildet, während ein digitaler FED-Dollar ein geschlossenes System darstelle, das wahrscheinlich niemals so offen und allgemein zugänglich sein könne wie ein Stablecoin.

Danach äußert Barr seine Sorgen über den Fortschritt von China bei einer digitalen Währung. Er fürchtet, dass die USA dadurch Handlungsspielraum verliere und der Dollar seinen Status als Weltwährung. Allaire kann ihn beruhigen: Der Dollar gewinne bereits jetzt das Rennen um die Leitwährung im Internet. „Stablecoins machen Billionen Dollar an Transaktionen, während die chinesische digitale Währung gerade mal 10 Milliarden Dollar gemacht hat … die Vereinigten Staaten gewinnen, und dies hat das Potential, rapide weiter zu wachsen, zum Nutzen der Regierung, der Wirtschaft, der Haushalte.“

Der Euro auf dem Weg in die geopolitische Bedeutungslosigkeit

Mit diesen sehr deutlichen Worten rennt Allaire offenbar offene Türen bei der Politik ein. Stablecoins werden den Dollar nicht nur davor bewahren, seinen Status als Weltwährung zu verlieren – sie werden diesen Status noch stärken. Die US-Regierung muss dazu gar nicht viel machen. Sie muss lediglich dafür sorgen, dass private Unternehmen die Rahmenbedingungen vorfinden, um Stablecoins zu schaffen.

Es ist eigentlich ganz einfach und naheliegend, aber offensichtlich so schwierig, dass die Politik es nur in den USA begreift.

Für den Euro bedeutet das nichts Gutes. Weder haben die Märkte ein ernsthaftes Interesse an Euro-Stablecoins – wozu, wenn man Dollar hat? – noch ist die europäische Politik bereit, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Stattdessen wirft sie den Stablecoins, die es noch gar nicht gibt, präventiv Knüppel zwischen die Beine. Kein Wunder entstehen in der EU nur seltsam-vermurkste, vollkommen abgeschlossene Pseudo-Stablecoins, die sich entweder mit Nischen zufrieden geben oder vom Markt (zurecht) abgelehnt werden.

In China hat man Stablecoins auch einigermaßen verstanden – aber als Bedrohung bewertet. Stattdessen setzt China vehement eine eigene, von der Regierung herausgegebene digitale Währung durch. Die Kommunistische Partei hat, immerhin, begriffen, dass die Digitalisierung des Geldes notwendig ist und es nur zwei Optionen gibt: Entweder ein privat herausgegebener Stablecoin oder eine „Central Bank Digital Currency“ (CBDC). Freiheit oder Kontrolle, Wirtschaft oder Staat. China hat sich entschieden – Europa noch nicht.

Wenn man die Anhörung aus europäischer Sicht auf eine Formel bringen möchte, wäre es diese: Der Euro ist auf dem Weg in die geopolitische Bedeutungslosigkeit, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es jetzt bereits zu spät, daran etwas zu ändern. In Zukunft werden wir vermutlich nicht nur Zahlungssysteme verwenden, die von US-Firmen betrieben werden – so wie heute mit Kreditkarten und PayPal – sondern gleich Währungen aus der Hand von US-Unternehmen. Wir werden mit unserem Geld in vollendeter Abhängigkeit von Akteuren stehen, die sich unserer Kontrolle entziehen.

Eventuell gibt es aber einen dritten Weg: Wenn man die Alternative zwischen einem chinesischen Staatscoin und einem Dollar-Stablecoin hat, sollte man vielleicht die dritte Option wählen: eine staatenlose, freie Währung. Etwa Bitcoin.

Unsere Regierungen sind offenbar nicht in der Lage, diesen Weg zu gehen. Aber wir alle sind es.

Über Christoph Bergmann (2262 Artikel)
Das Bitcoinblog wird von Bitcoin.de gesponsort, ist inhaltlich aber unabhängig und gibt die Meinung des Redakteurs Christoph Bergmann wieder ---

9 Kommentare zu „Die Vereinigten Staaten gewinnen, und dies hat das Potential, rapide weiter zu wachsen, zum Nutzen der Regierung, der Wirtschaft, der Haushalte.“

  1. Keine Korrektur: Es handelt sich nicht um Senatoren, sondern um Kongressabgeordnete (an mehreren Stellen des Textes).

  2. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Nach dem Reinfall mit dem Infrastrukturgesetz und dem Anhängsel Crypto dort, zeigt sich die amerikanische Demokratie hier wieder von ihrer besten Seite, indem sie sich öffnet für neue Sichtweisen und zukünftige Wege.

  3. Bin mal gespannt, was man von der FDP so erwarten kann. Sie scheint der Blockchain-Technologie nicht abgeneigt zu sein.

    https://www.frankschaeffler.de/es-wird-ein-quantensprung-sein/

    https://twitter.com/HolgerKoether/status/1469002991227310080

  4. Guter Artikel.
    Trifft den Nagel auf den Kopf 🙂

  5. Nicht ein deutscher Politiker hat nur ansatzweise einen Wissensstand, wie diese US-Politiker aus dem Video. Unsere Politiker haben noch Faxgeräte in ihren Büros. 🙂 Es ist wirklich peinlich. Die FDP wird uns da auch nicht helfen. Es gibt genügend stablecoins, USDT, USDC, BUSD und zuletzt bin ich sehr begeistert über MIM, dieser ist immer durch andere Token gedeckt. Die EU liegt so weit hinten, keine Chance das sich da jemals etwas ändern wird. Und ja toller Artikel. Merci

    • Frank Schäffler, namentlich zuvor schon erwähnt, hat z.B. durchaus viel Sachverstand… Leute mit Sachverstand, so wie er, spielen nur seit Jahren keinerlei nennenswerte Rolle mehr in ihren jeweiligen Fraktionen. Politikern wie Schäffler fällt vielmehr die tragische Funktion eines bedeutungslosen Grüßaugust zu, mit dem sich Parteien hinterlistig, doch erfolgreich Stimmen erschleichen (im FDP-Fall: die Stimmen liberal denkender Menschen).

  6. Seltsamerweise sieht man das im angloamerikanischen Raum gerade andersherum:
    https://mishtalk.com/economics/the-eu-is-well-ahead-of-the-us-in-cryptocurrency-support-and-regulation

  7. Heute wie damals: Ist doch klar, dass ein Finanzminister gegen „private Stablecoins“ ist. Ob stable oder nicht, eigentlich egal. Viele Finanzminister auf dieser Welt wollen die Kontrolle des Geldes nicht aus der Hand geben in „private“ Kryptowährungen. Ist aus deren Sichtweise betrachtet – muss ich gestehen – sogar erstmal durchaus nachvollziehbar. Ob diese Sichtweise langfristig tatsächlich sinnvoll ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

    „Eventuell gibt es aber einen dritten Weg: Wenn man die Alternative zwischen einem chinesischen Staatscoin und einem Dollar-Stablecoin hat, sollte man vielleicht die dritte Option wählen: eine staatenlose, freie Währung. Etwa Bitcoin.“
    Nun: Bitcoin ist wirklich sehr dezentral. Damit meine ich: Schwer von einem einzelnen Akteur maßgeblich kontrollierbar. Wenn digitale, quelloffene, dezentrale Währungen von der Politik nicht als Feind gesehen werden sollen, dann wollen Politiker bei der Geldpolitik ein Mitspracherecht haben. Da denke ich werden sich dann eher Kryptowährungen durchsetzen, die z. B. von einer Menge vertrauter großer Firmen betrieben werden, vielleicht sogar von Banken. Weil diese Firmen dann wieder kontrollierbar sind. Bei Bitcoin wird das schwer.
    Aber dass Bitcoin nur ein gutes Proof-of-concept für Kryptowährungen ist und eben nicht langfristig die weltweit führende digitale/dezentrale Währung bzw. Alternative bleibt, wird doch allein dadurch schon klar, dass Bitcoin kein Stablecoin ist sondern unberechenbare Wert-Schwankungen hat, und auch das Skalierungsproblem noch nicht gelöst ist.
    Es ist echt eine schöne Anekdote, dass die erste Kryptowährung von einer einzelnen pseudonymen Person erstellt worden ist. Langfristig durchsetzen wird sich aber vermutlich eine digitale/dezentrale Währung, die aus den Fehlern von Bitcoin lernt (hinsichtlich Skalierung, Stromverbrauch, etc.) aber auf der anderen Seite auch ein wenig Kontrolle für die Politik bietet, eben z. B. dadurch dass die Währung selbst von regulierbaren Akteuren betrieben (und nicht nur benutzt) wird. Komplett dezentrale Währungen jedenfalls werden zumindest noch eine ganze Weile eine Nische bleiben.

Schreibe eine Antwort zu Jue Antwort abbrechen

%d Bloggern gefällt das: