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Nach dem schwarzen Wochenende: Ist bereits genügend Blut geflossen?

Vom Lambo zu MacDonalds: All jene bullischen Laseraugen-Accounts auf Twitter setzen sich nun die MacDo-Mütze auf.

Die Preise purzeln, die Kurse krachen, und das Blut tropft auf die Straße. Wir analysieren, was der Kurseinbruch am Wochenende für uns alle zu bedeuten haben kann. Eine exzellente Gelegenheit, um aufzustocken – oder erst der Anfang des Leidensweges?

Montage sind ja nicht eben die beliebtesten Tage, und der heutige trägt absolut nicht dazu bei, den angekratzten Ruf dieses Wochentags zu verbessern. Wer am Wochenende offline war und nun den Fehler gemacht hat, sein Krypto-Portfolio zu checken, dürfte sich den Tag hübsch versaut haben.

Alle Preise aller Kryptowährungen sind tief in den roten Zahlen. Der Trend war ohnehin eher ungünstig, doch ab Donnerstag-Abend setzte ein Abverkauf auf den Märkten ein, der über das Wochenende hin ein Niveau erreichte, das ernsthaft schmerzhaft wurde. Verluste zwischen 10 und 30 Prozent sind normal, wer sich ungünstig gierig verspekuliert hat, verliert noch mehr.

Rote Zahlen soweit das Auge reicht. Daten nach coinmarketcap.com

Tendenziell verlockt das Blutbad auf den Märkten zu dem Kommentar, dass heute die beste Gelegenheit seit Juli ist, Bitcoin zu kaufen. Wenn Sie die ganze Zeit über wollten, aber gezögert haben, weil die Preise so hoch erschienen – dann könnte nun die Gelegenheit da sein.

Allerdings bestätigt das Blutbad auch die Schwäche der Märkte. Das, was bisher noch wie eine Korrektur eines intakten Anstiegs gewirkt haben konnte, erscheint nun immer deutlicher als ein Trend: der Trend eines absteigenden Marktes. Und dieser Trend wirkt noch nicht satt. Sich hier einzukaufen könnte wie der berüchtigte Griff ins fallende Messer sein.

Aber lasst uns einen genaueren Blick auf Zahlen, Preise und Kurven werfen. Vielleicht finden wir in dieser Datenschlacht ja interessante Informationen.

1.) Das Blutbad in Zahlen

Die Verluste, die Kryptowährungen zwischen Donnerstag und Samstag gemacht haben, sind enorm. Und während es über das Wochenende noch sanft so aussah, als könnte sich der Kurs nach dem Absturz stabilisieren, zeigte der bisherige Montag, dass es noch tiefer gehen kann.

Der Bitcoin-Kurs fiel von Donnerstag bis Samstag von gut 37.000 auf etwa 30.000 Euro. Das ist ein Verlust von beinah 20 Prozent.

Der Bitcoin-Preis in Euro nach Bitcoin.de in der 1-Wochen-Sicht.

Wenn wir den Zeitraum auf einen Monat verlängern, fiel der Kurs von gut 45.000 Euro und damit ziemlich exakt um ein Drittel.

Der Bitcon-Preis im 1-Monats-Verlauf mit Volumensäulen unter der Kurve.

Noch weiter heraus gezoomt haben wir das Allzeithoch im frühen November bei etwa 56.000 Euro. Der Verlust von dort beträgt knapp 50 Prozent.

Diese Rabattierung finden wir mit geringen Variationen im gesamten Ökosystem wieder.

Die gesamte Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen nach coinmarketcap.com

Die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen fiel am Wochenende von 1,8 auf 1,38 Billionen, was einem Verlust von etwas mehr als 20 Prozent entspricht. Vom Höhepunkt mit etwa 2,9 Billionen Dollar hat das Ökosystem bereits knapp die Hälfte der Marktkapitalisierung abgegeben. Was ist mit diesem Geld geschehen? Ist es verpufft, weil es nur auf dem Papier existiert hat? Oder hat es sich auf andere Märkte verdrückt?

Etwas stärker als Bitcoin fiel Ether. Der Kurs der zweitgrößten Kryptowährung stürzte von etwa 2.800 auf 2.000 Euro ab, was einem Verlust von knapp 30 Prozent entspricht. Vom bisherigen Allzeithoch bei knapp 4.200 Euro hat Ether aktuell etwas mehr als die Hälfte abgegeben.

Die Einbrüche im Kryptomarkt finden wir, wenn auch in milderer Variante, auf den Aktienbörsen wieder. So gut wie alle Indizes – DAX, Dow Jones, Nikkei – gaben etwa drei Prozent ab. Als Grund wird vor allem die Kehrtwende genannt, welche die US-amerikanische FED bei der Zinspolitik hingelegt hat. Die US-Zentralbank plant, die Zinsen wieder zu erhöhen, womit sich dem überschüssigen Geld bald wieder sichere Investments anbieten, die immerhin ein Stückchen verzinst sind.

Besonders gelitten haben die als spekulativer geltenden Tech-Titel, etwa Amazon (-12%), Google (-6%), Facebook (-8%), Tesla (-10%) oder Apple (-6%). Bitcoin und andere Kryptowährungen schwingen mit den Aktienmärkten – verstärken aber deren Bewegungen deutlich.

2.) Das Handelsvolumen

Ein unbefangener Blick auf den Kursverlauf macht wenig Hoffnung. Rein optisch zeigen die Charts keinen Trendwechsel, sondern einen ungebrochenen Abstieg.

Dieser eher intuitiven Beobachtung stehen einige handfestere Parameter zur Seite. Die sogenannte Volumenanalyse postuliert zwei Regeln:

1. Ein Trendwechsel wird von einem stark ansteigenden Handelsvolumen begleitet. Wenn der Markt „überverkauft“ und der Moment gekommen ist, ab dem man einfach nur noch kaufen kann, weil es so günstig ist, springt das Handelsvolumen an.
2. Ein steigendes Volumen geht steigenden Preisen voraus, ein sinkendes sinkenden Preisen.

Der Einbruch am Wochenende wurde zwar durch ein erhöhtes Handelsvolumen begleitet. Das liegt auf der Hand. Auf Bitcoin.de ist die Spitze deutlich zu erkennen – siehe den Chart oben –, fällt allerdings sehr viel geringer aus, wenn man sie mit dem Volumen im November vergleicht.

Der gesamte Markt dagegen zeigt für den Bitcoin-Handel keine nennenswerte Spitze, auch nicht in der 1-Monats-Perspektive:

Auch die gesammelten Daten von theBlock geben, weder für Spot-Börsen noch die Futures-Märkte, einen Hinweis darauf, dass das Volumen in irgendeiner Weise gestiegen ist.

Stattdessen scheint das Handelsvolumen im Vergleich zu den Vormonaten weiter zu sinken. Dies wäre eher ein Hinweis auf einen weiteren Kurs gen Süden.

3.) Die Doppelspitze

Natürlich ist das Auslesen von Charts und Indikatoren Orakelei. Die vielen Punkte, Säulen und Linien, die wir so gerne anschauen, um die Zukunft vorherzusagen, sind ja lediglich Beschreibungen von dem, was bereits passiert ist.

Bei einer Kurve, die Prozesse abbildet, die auf naturwissenschaftlichen oder mathematischen Gesetzen basieren – Vulkanausbrüche, Klimawandel, Herzschläge, Schmelzpunkte und so weiter – mag es möglich sein, aus der vergangenen Performance die künftige Leistung herauszulesen. Preise jedoch sind ein Ergebnis der erratischen Schwarmintelligenz der Märkte. Sie geschehen nicht deterministisch, sondern sozial-zufällig.

Dennoch kann der Aberglaube Berge versetzen. Wenn nur genügend Marktakteure daran glauben, dass bestimmte Indikatoren die Zukunft voraussagen – dann sagen diese Indikatoren auch die Zukunft voraus. Daher schauen wir heute noch eine weitere Chart-Regel an: Die bereits erwähnte Doppelspitze.

Die Doppelspitze gilt als extrem bärische Formation. Wenn ein Kurs zweimal ein Hoch erreicht und dann unter den Support fällt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es so weitergeht. Damit sich die Doppelspitze bestätigt, muss der Kurs unter 25.000 Euro fallen. Dies ist bislang noch nicht geschehen, aber der Weg dorthin ist nicht mehr so weit.

Sollte sich die Doppelspitze bestätigen, könnte dies einen selbstbestätigenden Effekt haben, der den Kurs noch weiter runter treibt. Mit etwas Glück könnte ein solches Ereignis dazu führen, dass es wundervolle Kaufgelegenheiten gibt und der Preis womöglich erstmal Bodenfühlung nimmt. Wer starke Nerven hat und einen kühlen Kopf bewahrt, kann profitieren.

Diese Doppelspitze ist allerdings nur bei Bitcoin deutlich zu erkennen. Die meisten anderen Coins bilden eine gestaffelte Spitze, was eine an sich bullische Formation wäre. Dafür aber dürfte das Tief nicht unter das letzte Tief fallen, was bei Ethereum beispielsweise einem Preis von ungefähr 1.500 Euro entspräche. Auch hier könnte sich Aufmerksamkeit auszahlen.

Aber die Interpretation dieser Formen ist, wie bereits gesagt, eine Spielart der Kaffeesatzleserei. Daher wenden wir uns an dieser Stelle etwas anderem zu.

4.) Was getrendet hat, fällt nun umso tiefer

Wir haben bei Bitcoin, dem gesamten Markt und Ether Verluste von 20-30 Prozent festgestellt. Darum kommt, leider, so gut wie niemand herum, der derzeit Kryptowährungen hält. Aber manche trifft es deutlich heftiger.

Die Faustregel ist diese: Wer Bitcoin hält, bekommt ein blaues Auge, wer ein Trend-Asset gekauft hat, bekommt zwei blaue Augen.

Erstens etwa die DeFi-Assets, welche einer der Großtrends im Krypto-Ökosystem waren und sind.

Unter DeFi-Coins sind die roten Zahlen noch ein Stückchen röter …

Chainlink fiel im Lauf von 14 Tagen von 25 auf 12,30 Euro, Uniswap im Lauf des Januars von 18 auf 8 Euro, Aave von 250 auf 120 und so weiter. Die meisten DeFi-Token haben im Januar die Hälfte ihres Wertes verloren, vom Allzeithoch im November aus zum Teil sogar zwei Drittel oder mehr.

Zweitens sieht es im NFT-Sektor, dem zweiten Großtrend des vergangenen Jahres, noch schlimmer aus.

Hier sehen wir oft beinah 50 Prozent Kursverlust allein in den letzten sieben Tagen. Zum Beispiel Axie Infinity (AXS), ein Spiel mit NFT-Token. AXS war am vergangener Woche noch gut 70 Euro wert und steht heute bei gerade mal 40 Euro. Anfang November kostete AXS noch fast 140 Euro, womit sich der Verlust auf beinah 75 Prozent summiert. Dieselbe „Performance“ lässt sich bei Decentraland, The Sandbox und anderen begutachten.

Drittens fallen jene Blockchains, die in den letzten Monaten so entschieden hochgestürmt sind, besonders aggressiv, und mit ihnen auch ihr Ökosystem. Gerade Ethereum-Killer wie etwa Solana und Avalanche, die im Jahr 2021 irrsinnig stark angestiegen sind, müssen bluten.

Diese Charts zeigen die Ökosystem-Verluste von Avalanche, Solana und Polkadot (von links nach rechts). Bei den beiden ersten – zwei der Trendcoins der vergangenen Monate – finden wir ähnliche Verluste wie im NFT-Markt. Andere Smart-Contract-Coins, etwa Polkadot oder die Binance-Chain, geben sich im gleichen Moment sehr viel weniger verwundbar.

5.) Der Einhorn-Indikator ist weiterhin hoch

Das Blockchaincenter hat unseren Einhorn-Indikator übernommen, weshalb wir erstmals anschauen können, wie sich die Anzahl der Kryptocoins historisch entwickelt, die eine Marktkapitalisierung von mehr als einer Milliarde Dollar aufbringen.

Mit derzeit 85 hat sich die Anzahl der Einhörner seit der Spitze Ende November mit 135 erheblich reduziert. Das deutet schon mal darauf hin, dass der Markt jetzt gesünder ist als damals – aber ist der deswegen gesund?

Sind 85 Kryptocoins wirklich mehr als eine Milliarde Dollar wert? Wenn Krypto im allgemeinen überbewertet ist, haben wir zuviele Einhörner. Und andersherum: Wenn ein Markt wirklich bärisch ist, wenn er den Boden erreicht und wenn er „überverkauft“ ist – was in der Regel eine Bedingung für einen Trendwechsel ist – dann sind viele Startups und Projekte unterbewertet. Dann sind Coins und DAOs und Token, die tatsächlich mehr als eine Milliarde Dollar wert sind, sehr viel günstiger zu haben.

Stehen wir bereits da? Ich würde sagen, nein. Ich kenne nicht jedes Projekt, denke aber, dass eine realistische, sinnvoll bewertete Anzahl der Einhörner eher bei 20-30 liegt, vielleicht und meinetwegen auch bei 40-50, auch wenn mir das schon wie eine erhebliche Strapazierung der Bewertungen vorkommt.

6.) Wenn sich die Geschichte wiederholt …

Ich habe hier schon oft von vergangenen Marktzyklen gesprochen. Bitcoin hatte bisher in jedem seiner je vier Jahre andauernden Halving-Zyklen das typische Schema:

Im ersten, spätestens im zweiten Jahr nach dem Halving kommt es zu einer Rally, die den Kurs um eine Größenordnung höher bringt als der vergangene Zyklus. Nach einem neuen Allzeithoch fällt der Kurs ein, bleibt für ein bis zwei Jahre im Bärenmodus, um dann, frühestens ein bis eineinhalb Jahre vor dem nächsten Halving, den Boden zu finden. Wer mehr darüber wissen will, kann diesen, jenen oder sellen Artikel lesen.

Hier möchte ich nur dies anmerken: Der Kurs kann noch ein bis eineinhalb Jahre fallen und ein Tief von weniger als 20.000 Euro erreichen – und dies wäre, langfristig, noch immer sehr positiv für Bitcoin, da es den bisherigen Weg bestätigen würde.

Natürlich gilt auch hier, dass die Vergangenheit nicht die Zukunft voraussagt. So hat der Bitcoin-Kurs in diesem Zyklus nur ein eher schwaches Allzeithoch erreicht. Das könnte bedeuten, dass der Zyklus noch nicht durchlaufen ist und noch auf sein Allzeithoch wartet. Es könnte aber auch bedeuten, dass die bisherige Logik der Zyklen langsam ausläuft.

Letzten Endes kann so gut wie alles passieren. Es kann eine Serie von Unglücken geben, gegen welche die Macht zyklischer Kursbewegungen verblasst. Auf dieselbe Weise kann es auch Serien von preistreibenden Ereignissen geben, welche die Logik der Zyklen außer Kraft setzt. Alles, was wir wissen, ist, was passieren würde, wenn sich die Geschichte wiederholt …

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2 Kommentare zu Nach dem schwarzen Wochenende: Ist bereits genügend Blut geflossen?

  1. Schlussendlich sieht man auch jetzt wieder die extreme Korrelation zum restlichen Marktgeschehen. Einfach natürlich deutlich ausgeprägter. Ich schätze wie weit es noch runter geht und wann wieder hoch hängt auch vom restlichen weltpolitischen/wirtschaftlichen Geschehen ab. Krieg, Inflation, Corona etc.

    • Dem kann ich nur zustimmen. Bitcoin ist als legitimes Asset im Mainstream angekommen, und wird genutzt, um durch die hohe Volatilität gehebelte Gewinne zu erzielen. Deuten sich Verstimmungen auf dem Gesamtmarkt an, ist es Krypto das als erstes sehr heftig darauf reagieren wird. Dies ist jetzt geschehen und die Aktienmärkte werden in geringerem Maße die nächsten Wochen und Monate nachziehen. Wegen Krypto wird keine Notenbank beginnen zu intervenieren, allerdings werden diese sich schwer tun einen Absturz am Aktienmarkt zu ignorieren. Sobald die Kursabschläge sich auf den Arbeitsmarkt niederzuschlagen drohen, wird es interessant sein zu sehen wie die Notenbanken reagieren. Ich habe jetzt keine Glaskugel, aber ich könnte mir vorstellen, dass der nächste Herbst für den Aktienmarkt wieder sehr turbulent werden könnte. Dann könnten die Notenbanken ihren Zinsanhebungszyklus wieder zurückfahren und für BTC stünde wieder eine schöne Adventsrally ins Haus. 🙂

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