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„Wir haben versucht, nach den Regeln zu spielen. Daher schließen wir.“

Wenn es um Krypto geht, kennt die Ampel der Aufsicht nur eine Farbe. Bild von Ivan Radic via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Zoe Adamovicz, die Gründerin des nun gescheiterten Berliner Blockchain-Startup Neufund, rechnet mit der BaFin und anderen Aufsichtsorganen ab.

Manchmal kann Scheitern befreiend sein. Wie sehr spürt man in jeder Zeile von Zoe Adamovicz Gastbeitrag für Coindesk. Die Gründerin ist frei, weil ihr Startup gescheitert ist, und sie nutzt die Freiheit, um sich all den Zorn und Frust von der Seele zu schreiben.

Zoes Startup Neufund aus Berlin nutzte die Ethereum-Blockhain, um Wertpapiere zu tokenisieren und damit, schreibt Zoe, „den Zugang zu globalem Innovations-Kapital zu demokratisieren.“

Neufund sei erfolgreich gewesen. Man habe ein Volumen von 20 Millionen Euro umgesetzt und 11.000 Investoren aus 123 Ländern gewonnen. Das Vorzeigeprojekt, Greyp Bikes, gab tokenisierte Anleihen an Investoren heraus, als ERC20-Token auf der Ethereum-Blockchain, und wurde schließlich von Porsche aufgekauft. Was will man mehr?

Der ewige Limbo der gesetzlichen Unsicherheit

Alles lief reibungslos, „es gab keine Probleme mit der Compliance, der Technologie oder der Sicherheit. Ein europäisches Tech-Unternehmen holt Kapital ein, indem es Anleihen durch eine dezentrale Technologie herausgibt, und mehr als 1.000 Investoren von Dutzenden von Ländern nehmen teil. Wie cool.“

20 Millionen Euro sind viel für ein deutsches Startup. Für das Krypto-Ökosystem ist es aber nur ein Tröpfchen. Jede zweitklassige DeFi-App setzt solche Beträge in ein paar Stunden um. Das deutet vielleicht darauf hin, dass Neufund nicht so sehr geflogen ist, wie die Gründerin schreibt, vielleicht auch deswegen, weil die Mitbewerber besser, schneller, innovativer waren.

Neufund wurde schon 2018 dafür kritisiert, kein Blockchain-Startup zu sein. Sven Schmidt klagte auf Finance FWD, dass Neufund eigentlich nur klassisches Crowdfunding mache, und die Token und die eigene Währung, die Neumark, keinerlei echten Mehrwert bringen. Die Herausforderung sei, wie bei allen Crowdfunding-Plattformen, attraktive Firmen zu gewinnen.

Man mag das sehen, wie man will. Mit Sicherheit aber wäre der Erfolg mit Greyp ein guter Startschuss gewesen, um weiterzumachen – um alte, klassische Finanzierungsmodelle mit Blockchain und DeFi zu verbinden. Selbst wenn dabei nicht ein neues Uniswap herauskommt, das ein Handelsvolumen wie die Stuttgarter Börse schiebt, wäre dies interessant geworden und eine Bereicherung für den Standort Berlin.

Aber es ging nicht. „Heute, zwei Jahre, nachdem Greyp Geld eingesammelt hat, wissen wir noch immer nicht, ob die Regulierung uns erlaubt, dies mit anderen Unternehmen zu wiederholen. Und das, obwohl wir seit Jahren mit den Regulierern zusammenarbeiten. Wir haben es nicht geschafft, den Limbo gesetzlicher Unsicherheit zu verlassen.“

Finanzaufsicht nach Art von Dante

DApps wie Uniswap, SushiSwap, Compound, PancakeSwap, Curve, Yearn und wie sie alle heißen entstanden über Nacht und beleuchteten nur kurz darauf das DeFi-Firmament in hellen Farben. All diese Projekte haben nicht gefragt, sondern einfach gemacht.

Neufund hingegen hat jahrelang versucht, nach den Regeln zu spielen. Das Startup hat gefragt und gebettelt bis es schwarz und leblos wurde. „Wir haben Anwälte beauftragt, Lizenzen geholt, Bazillionen für Rechtsgutachten ausgegeben. Wir haben mit Regulierern und Regierungen in zahlreichen Jurisdiktionen kooperiert.“

Zoe zieht über die vielen Varianten her, mit denen die Aufseher Europas Krypto-Startups gängeln. All die Blockchain-Lizenzen, die es in Ländern wie der Schweiz, Liechtenstein, Malta, Estland und Gibralta gibt, seien das Papier nicht wert, auf das sie (nach wie vor) gedruckt werden. Mit ihnen versuchen die Länder, sich als innovativ zu geben und Unternehmer anzuziehen. „Aber die Krux ist, obwohl Europa in der Theorie einen gemeinsamen Markt hat, werden diese Lizenzen nicht in anderen europäischen Jurisdiktionen anerkannt.“

Wenn beispielsweise deutsche Investoren eine Plattform nutzen wollen, die in Liechtenstein lizensiert ist, wird die deutsche Finanzaufsicht BaFIN „behaupten, dass du illegal operierst, und so schnell wie möglich eine Betrugswarnung herausgeben.“

Aber auch in der Schweiz ist es schwer. Viele Krypto-Startup haben versucht, sich wie Ethereum als Non-Profit-Organisation in Zug niederzulassen. Doch sobald es offensichtlich wird, dass die Organisation doch profitorientiert arbeitet, wird die Schweizer Aufsicht FINMA zugreifen.

Und selbst das sich ach so innovativ gebende Liechtenstein wurde für Neufund zur Hölle. Zuerst gab die Finanzaufsicht dem Startup die Bestätigung, dass ihr Geschäftsmodell nicht lizenzpflichtig sei. Sehr gut. Doch nachdem sich Greyp Bikes über Neufund finanziert hatte, drehte sich der Wind. Das Startup verletzte das Gesetz, so die Aufsicht plötzlich, weil es ohne Lizenz operiert habe. Es drohten strafrechtliche Sanktionen. Danach einigte sich das Startup mit der Aufsicht, dass es sich für eine traditionelle Lizenz für Asset Management bewerbe. Ist zwar weit hergeholt, aber ok. Doch einige Monate später erklärte die Aufsicht aber, dass das Geschäftsmodell nicht lizenzfähig sei.

„Seitdem haben wir immer wieder versucht, Klarheit zu erlangen, ob wir legal oder illegal sind, und niemand ist in der Lage, es uns zu sagen,“ klagt Zoe frustriert. Am Ende hat Neufund Zeit und Geld verbrannt, um genau dort zu stehen, wo man angefangen hat. Die grauen Männer bei Momo, die den Menschen ihre Zeit stehlen – das sind die Finanzaufseher Europas.

Eine Ampel, die nur eine Farbe kennt

Zoe rechnet mit allen Aufsichtsorganen Europas ab. Doch die deutsche BaFIN bekommt ein besonderes Fett weg.

„Wusstet ihr, dass die meisten Regulierer, ganz besonders Deutschlands BaFIN, die Politik fahren, niemals grünes Licht an Krypto oder andere Fintech-Startups zu geben? Sie geben nur rote Lichter heraus, und das auch nur, wenn man den Geschäftsbetrieb bereits aufgenommen hat.“

Das ist die übliche Abfolge des Horrors mit der Aufsicht: Bevor man gründet, bekommt man keine Info, ob man legal ist oder illegal. Doch wenn man dann den Betrieb aufnimmt, hagelt es plötzlich Warnungen und Drangsale.

Solche roten Lichter erscheinen als semioffizielle Warnung auf der Internetseite der Aufsicht. Die betroffenen Startups erfahren erst davon, wenn sie nach sich selbst im Internet suchen oder sie jemand darauf hinweist. Ein Beispiel ist eine Meldung, die die BaFIN am 28. Oktober 2019 herausgab:

„Greyp Bikes d.o.o.: Öffentliches Angebot ohne Prospekt. Es besteht der hinreichende Verdacht, dass in Deutschland Wertpapiere in Form von ‚GREYP‘-Token öffentlich angeboten werden …“

Die Aufsicht warnt die Unternehmen nicht vor. Sie lässt keinen Spielraum für Diskussionen oder Verhandlungen. Sie wirft Nachrichten ins Internet, „die das Potenzial haben, die Reputation eines Unternehmens zu ruinieren und ihre Kapitalrunden zu schädigen.“

„Fliegt unterhalb des Radars der Regulierer.“

Schließlich fragt Zoe: Wie kann man ein legales DeFi-Unternehmen aufbauen? Sie antwortet: „Nun — gar nicht.“

Es gebe kein europäisches Gesetz, auf das man sich berufen, und keine Regulierer, mit denen man zusammenarbeiten könne. „Stattdessen gibt es nur ein System, das auf roten Lichtern und gläsernen Wänden gebaut ist, und in dem ein gutmeinender Gründer keine Chance hat, jemals Klarheit zu bekommen, was ihm oder ihr erlaubt ist zu tun.“

Was ist die Alternative? DeFi-Gründer, die im Spiel bleiben wollen, haben nur eine Chance, meint Zoe: „Fliegt unterhalb des Radars der Regulierer, bis euer Unternehmen zu etabliert ist, um es wegzunehmen. Versenkt kein Geld in juristischen Gutachten, die die Regulierer sowieso nicht beachten müssen und oft ignorieren. Beteiligt euch in keinen Debatten, Regulierungs- und Innovationsräten oder Beratergruppen der Regierung.“

Wenn man es richtig und lange genug mache, so wie Ethereum oder Binance, habe man die Chance, zu tiefe Wurzeln zu schlagen, um einfach ausradiert zu werden. Dies sei derzeit die beste Chance für Blockchain-Unternehmen, um erfolgreich zu sein. „Wir haben versucht, nach den Regeln zu spielen. Daher schließen wir.“

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8 Kommentare zu „Wir haben versucht, nach den Regeln zu spielen. Daher schließen wir.“

  1. Kraken hat den Versuch der Regulierung in Deutschland ebenfalls aufgegeben. Die Hürden sind einfach zu hoch. Sie werden über die Fidor kontrolliert und sind im Besitz von diversen Banklizenzen im In und Ausland.
    Schon bemerkenswert wie Coinbase das geschafft hat. BitMex versucht es über einen Bankenkauf bei uns.
    Angeblich gibt es viele Anträge von Kryptobörsen bei der BaFin. Aber diesbezüglich herrscht Schweigen im Walde.
    Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil für Coinbase, die am Ersparten der Deutschen partizipieren wollen und werden.

  2. „Wir haben es nicht geschafft, den Limbo gesetzlicher Unsicherheit zu verlassen.“

    Diese wortwörtlichen „Übersetzungen“ klingen furchtbar.

  3. Lesenswerter Artikel Christoph und gut geschrieben. Man merkt, dass dir das Thema wirklich wichtig ist. Und du hast ja recht, in Deutschland wird Bürokratie sehr geliebt, wohl etwas zu viel. Dadurch wirkt Deutschland manchmal unflexibel.

  4. wo bleibt da die FDP (in Person des Lindners) mit ihren „befreienden“ Ideen?

  5. Die FDP hat uns – wie allen anderen – auch betrogen. Wändehälse…

    Was 20 Jahre FDP Anhänger… Jetzt nicht mehr.

  6. Fürwahr, sehr interessant. Die Betonung liegt wohl auf dem Ansinnen, ein klassisches, zentralisiertes und hierarchisches Unternehmen im Krypto-Space anzusiedeln. Man muss halt nach den Regeln des Krypto-Segments vorgehen, Deshalb müssen sich die gescheiterten Entrepreneure an die eigene Nase fassen: Innovativ sein heißt eben auch, angestammte Organisationsformen hinter sich zu lassen. In Grunde stellt sich die Frage, ob die hiesigen Funding-Strukturen der eigentliche Engpass ist.
    Im übrigen halte ich das inhaltlich für eine hervorragende Entwicklung.

  7. Hallo Christoph, entferne doch bitte den letzten Satz meines Kommentars. Der ist nicht zielführend, wie ich bei einem nornaligen Studium des Beitrags erkennen musste.
    Grüße Hartmut

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