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Warum DeFi unbedingt Teil des Weltfinanzsystems werden sollte

Ein Wellenbrecher. Bild von Huhnbeauftragter via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Es gibt ein Detail zum Crash des Krypto-Marktes, das noch viel zu wenig beachtet wurde: Keine einzige DeFi-Plattform war betroffen. Es ist kaum zu sagen, wie groß das ist.

DeFi ist die Abkürzung für „Decentralized Finance“ und meint in der Regel Finanzdienstleistungen, die über Smart Contracts auf einer Blockchain ausgeführt werden. Sie spielten im aktuellen Krypto-Crash eine sehr spezielle Rolle, die noch längst nicht vollständig verstanden ist.

Ansteckungseffekte

Zunächst begann alles mit einem DeFi: Die Terra-Dollar auf der Terra-Blockchain verloren die Parität zum Dollar, woraufhin der Wert der nativen Token der Blockchain verdampfte. Das war der initiale Moment, der eine Kaskade an Effekten auslöste.

Zuerst ging der Hedgefonds Three Arrows Capital (3AC) pleite. 3AC hatte offenbar mit Fremdkapital erheblich in Terra und andere abstürzende Kryptowährungen investiert. Von 3AC aus breiteten sich die Ansteckungseffekte auf die Kreditgeber aus, etwa Celsius, Voyager, BlockFi, Nuri und Blockchain.com. Das sind Plattformen, die entweder ihr eigenes oder das Kapital ihrer Kunden verliehen hatten.

Diese Plattformen stehen nun teilweise selbst vor der Insolvenz. Viele User, die über sie Kapital verliehen haben, werden dieses wohl nicht mehr wiedersehen.

Die Parallelen zur Weltfinanzkrise 2007

Im Prinzip passierte dasselbe wie bei der Finanzkrise 2007, die mit der Pleite der Investmentbank Lehmann begann bzw. eskalierte:

  • ein Markt kommt in die Krise (Immobilien – Krypto)
  • ein besonders waghalsiges Segment dieses Marktes kollabiert (Subprime-Papiere – Terra)
  • ein Fonds oder eine Investmentbank, die mit Fremdkapital in diesem Segment überinvestiert war, geht pleite (Lehmann – 3AC)
  • und reißt die Kreditgeber und andere Akteure mit sich.

Dies ist vermutlich eine der ältesten Geschichten des modernen Finanzwesens, die sich immer wieder wiederholt.

Es gibt aber noch eine zweite Parallelität: Lehmann war ein wichtiger Market Maker im Schattenbankwesen. In diesem werden Assets durch Rückkaufvereinbarungen (Repos) kollateralisiert, um Darlehen zu vergeben. Dies ist praktisch, kann aber, wie im Falle von Lehmann, kaskadierende Ansteckungseffekte auslösen.

Auch 3AC war ein Market Maker auf den Lending-Plattformen im Krypto-Ökosystem. Diese machen etwas sehr ähnliches wie das Schattenbankwesen: Sie vergeben Darlehen, die durch kollateralisierte Assets gedeckt sind.

Wie das traditionelle Finanzwesen mit Ansteckungskrisen umgeht

Es gehört zu den tragenden Säulen des modernen Finanzwesens, Assets wie Immobilien, Edelmetalle oder Wertpapiere als Kollateral zu verwenden, um sich Buchgeld zu leihen. Diese Praxis dürfte unverzichtbar sein, kann aber über Kaskadeneffekte weitreichende Schäden verursachen.

Daher gelten einige Institute als „too big too fail“, zu deutsch leider „systemrelevant“: Sie sind zu groß, um scheitern zu dürfen, weil die Ansteckungseffekte unkontrollierbar wären. Daher retten Zentralbanken oder Regierungen sie, wenn es nötig wird.

Dies allerdings hat einen enormen Preis: Gewinne bleiben privat, Verluste werden sozialisiert. Es entstehen hochtoxische Anreize. Wenn die Rettungsaktion den öffentlichen Haushalt überfordert, kann sie einen Staat an den Rand des Bankrotts bringen, etwa Griechenland.

Eigentlich wäre Lehmann systemrelevant gewesen. Doch die US-Regierung stand zu diesem Zeitpunkt bereits in der Kritik, weil sie zuvor die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac gerettet hatte. Daher ließ sie Lehmann pleite gehen. Danach brach die Weltfinanzkrise aus.

Im traditionellen Bankwesen scheint man Kaskeneffekte nur durch Rettungen stoppen zu können. Um zu verhindern, dass es so weit kommt, werden Finanzinstitute immer strenger reguliert, etwa durch höhere Eigenkapitalsquoten oder Richtlinien zum Risikomanagement.

Diese Regulierungen haben allerdings einen hohen Preis. Sie bindet erhebliche personelle Ressourcen im Finanzwesen und im öffentlichen Dienst, die keinen (direkten) Mehrwert schaffen, sondern die Regulierung umsetzen und überwachen. Dabei ist weder eine lückenlose Regulierung möglich noch kann diese künftige Krisen ausschließen.

Die Wellenbrecher im Ökosystem der Kryptowährungen

Im Krypto-Ökosystem treten mit Binance und FTX zwei große Börsen als Retter auf. Die beiden Unternehmen unterstützen zahlreiche taumelnde Plattformen und stehen mit vielen weiteren in Verhandlung. Sie setzen ihre üppigen Reserven ein, um eine Art Zentralbank im Krypto-Markt zu sein.

In der aktuellen Krise hat sich aber noch ein zweiter, weniger konventioneller Wellenbrecher gezeigt. Die DeFis.

Im Ökosystem gibt es zwei Arten von Lending-Plattformen: CeFis, kurz für „Centralized Finance“. Sie sind im Prinzip wie klassische Banken, akzeptieren aber Kryptowährungen als Sicherheit für Kredite. Die zweite Art sind DeFis: dezentralisierte, auf einem Smart Contract beruhende Apps.

Im Zuge des 3AC-Crashes verloren zahlreiche CeFis gewaltige Summen Geld. Unter den DeFis hingegen wurde kein einiges angesteckt. Niemand, der 3AC über DeFis Geld geliehen hatte, erhielt es nicht zurück oder muss dafür den Rechtsweg gehen.

Niemand. DeFi scheint nicht nur resistent gegen die Ansteckungseffekte zu sein – sondern geradezu immun.

DeFis sind perfekt reguliert

Gut gemachte DeFis – und das ist der springende Punkt – KÖNNEN nicht den Lehmann machen. Sie basieren auf einem Smart Contract, der nur das macht, was er soll.

Bei guten Lending-DeFis wie Maker, Compound oder Aave bedeutet das: Ein Darlehen ist immer vollständig durch ein Kollateral gedeckt. Wird die Deckung kritisch, kommt es automatisch und rechtzeitig zur Liquidation.

Nicht alle DeFis sind perfekt. Es gibt sicherlich noch hier oder da Schwachstellen im Setup, durch die Ansteckungseffekte oder Kaskadeneffekte einrinnen können. Aber nach dem, was wir bisher sehen, haben ALLE großen DeFis einen Crash des Marktes um 70-80 Prozent mühelos überstanden, während so gut wie ALLE CeFis in massive Probleme stürzten.

Allein das muss doch etwas bedeuten, oder?

Vieles, was im traditionellen Finanzwesen Krisen auslöst, ist bei DeFi unmöglich. DeFis sind perfekt reguliert – denn sie KÖNNEN die Regeln gar nicht brechen. Sie sind perfekt transparent – denn sie KÖNNEN gar nichts verheimlichen. Alles findet im Licht der Öffentlichkeit statt, und jede einzelne Operation gehorcht ausnahmslos den Regeln.

Eine riesige Chance für die Welt

Gut gemachte DeFis halten also Ansteckungswellen auf. Sie sind die perfekten Wellenbrecher. Sie funktionieren zuverlässiger als die Rettungen der Zentralbanken, und dies ohne die negativen Effekte.

Man kann längst nicht alles durch ein DeFi abbilden. Banken, Finanzberater, Kreditprüfer, Versicherer und so weiter wird es auch in Zukunft geben. Aber manche Funktionen – etwa die des Schattenbankwesens – können ganz oder zumindest teilweise auf ein DeFi ausgelagert werden. Sie können – und sie sollten! Unbedingt!

Denn DeFis können zentrale Elemente der globalen Finanzinfrastruktur regulierter, transparenter, solider, fairer, stabiler und zuverlässiger ausführen. Sie würden nicht scheitern, weil sie zu groß sind, um scheitern zu dürfen – sondern weil sie nicht scheitern KÖNNEN.

Kommt es so, oder kommt es anders? Das weiß man nicht. Es wäre aber sehr enttäuschend, wenn in 20 bis 30 Jahren nicht einige zentrale Elemente des globalen Finanzsystems durch einen Smart Contract abgebildet wäre. Die Welt hätte eine gewaltige Chance verschenkt.

Über Christoph Bergmann (2348 Artikel)
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5 Kommentare zu Warum DeFi unbedingt Teil des Weltfinanzsystems werden sollte

  1. Leider aktuell kein guter Artikel, ich vermisse Belege, Beispiele und Erklärungen, sowie kritische Auseinandersetzung mit der eigenen These (dass Defi sicher ist).

    Zb ein Beispiel eines Defi Lending systems und wie dies im Vergleich zum zentralisiertem System funktioniert, was es besser macht UND wie das Defi system sicherstellt, dass es bei der Liquidation auch ausreichend Liquidität gibt (diese kann es wenn alles crasht nämlich genauso wenig garantieren wie zentralisierte Systeme, wodurch also ebenfalls Geld „verloren gehen“ kann). So eine automatische Liquidation haben natürlich auch zentralisierte Systeme, sofern sie professionell sind zumindest, das ist also kein Alleinstellungsmerkmal. Transparenz ist gegeben, das ist richtig, hindert Projekte wie Terra aber dennoch nicht daran Millionen Anleger um ihr Geld zu bringen, obwohl im Code ersichtlich ist, dass das System bei einem Crash in sich zusammenfallen muss.
    Also etwas kritischer die eigene These hinterfragen und eventuelle Kritikpunkte an ihr gleich vorwegnehmen und erklären, wäre schöner.

    • Dass aave und Co momentan sicherer sind als cefi verstehe ich. Falls der smart contract so geändert wird, dass z.B. nur durch 50% gedeckt sind, kommen Ketteneffekte wieder. Lehman hatte bei einem Dollar Eigenkapital 45 Euro Fremdkapital. Bei Defi sehe ich das Problem, dass es zu Liquidierungswellen kommen kann, und der smart contract ausblutet. In einem Protokoll, wo jeder Angst hat was zu verleihen, kann das die Zukunft kosten. Im klassischen Bankenbereich kann man die Rückzahlungsfrist verlängern.

  2. Großartiger Artikel, danke!

    Die meisten Menschen, Politer eingeschlossen, verstehen meiner Meinung nach den Begriff „dezentral“ nicht und wollen ihn auch nicht verstehen. Sie wollen klug erscheinenden Menschen in großen zentralen Organisationen vertrauen. Selbst wenn das Vertrauen immer wieder zerstört wird, würden die meisten Menschen niemals verteilter Software vertrauen wollen, selbst wenn diese Aufgaben nachweislich zuverlässig erledigt, an der zentrale Organisationen immer wieder scheitern.

    Andreas Antonopoulos erzählte mal, wie er vor vielen Jahren den Verantwortlichen zentraler Organisationen Bitcoin erklärte. Er beschrieb es als offenes, grenzenloses, zensurresistentes, neutrales und öffentliches Netzwerk, das sich selbst reguliert. Als er mit seinen Ausführungen fertig war, stellten seine Zuhörer als erstes immer dieselbe Frage: „Wer ist dafür verantwortlich?“.

  3. Und wie immer, so wie es in der „Kryptoszene“ zum guten Ton gehört, wird das Thema Steuern unterschlagen.

    Hals und Beinbruch

    • Paul Janowitz // 20. Juli 2022 um 9:39 // Antworten

      Was hat das Thema denn direkt mit Steuern zu tun? Sollte Christoph jetzt bei jedem Beitrag einen seitenlangen Steuerabsatz einfügen und alle Steuerklassen, Freibeträge, Mindesthaltefristen usw. berücksichtigen? Es gibt in diesem Blog etliche Artikel zum Thema Steuern in Verbindung mit Krypto:
      https://bitcoinblog.de/tag/steuern/

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