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Keiner wäre auf so etwas vorbereitet gewesen

Mark Karpeles hat Mt. Gox in den Abgrund geführt und fremdes Vermögen im Wert von Millionen mitgerissen. Er hat Fehler gemacht, die andere Leute viel Geld gekostet haben. Den Hass, der ihm derzeit entgegenschlägt, hat er dennoch nicht verdient. Denn kaum jemand hat so viel für den Bitcoin getan wie er. Und keiner kann sagen, er hätte es besser gemacht. Eine kurze Geschichte der ehemals größten Bitcoin-Börse der Welt.

Viele führende Köpfer der Bitcoin-Wirtschaft hatten es im Lauf dieser Woche ziemlich eilig, viel Abstand zwischen sich und Mark Karpeles zu bringen. Geht es nach dem Joint-Statement einiger Unternehmen, ist die Sache so klar wie der Mashusee auf Hokkaido: Es gab einmal einen Mann namens Mark Karpeles, der zufälligerweise die größte Bitcoin-Börse der Welt geführt hat, ohne dazu im geringsten qualifiziert zu sein. Mt. Gox sei das, obacht: „am schlechtesten geführte Unternehmen der Welt“ gewesen. So sagte es Roger Ver, auch bekannt als Bitcoin-Jesus, etwa zwei Monate, nachdem er in einem Video bestätigt hatte, dass Mt. Gox liquide sei.

Ähnlich fällt die Meinung eines Großteils der Bitcoin-Szene aus, insbesondere derer, die trotz aller monatelangen Warnungen noch Bitcoins oder Geld auf Mt. Gox hatten, als die Börse offline ging. Mark Karpeles, dieser unfähige Dilettant, der eine von selbst laufende Goldgrube, nämlich die größte Bitcoin-Börse der Welt, mit größtmöglicher Tolpatschigkeit in den Abgrund gestürzt hat, sollte hinter Gitter, so lang wie möglich, und danach für den Rest seines Lebens in Schulden ertrinken. Das ist, wohlgemerkt, die nette Version.

All das mag verständlich und auch berechtigt sein, und Mark Karpeles hat natürlich Fehler gemacht, vielleicht sogar mehr, als man bislang weiß. Aber solange nicht feststeht, dass er betrogen hat, ist Karpeles kein Verbrecher, sondern ein Unternehmer, der am eigenen Erfolg gescheitert ist. Er hat drei Jahre lang einen der härtesten Jobs der Welt ausgeübt und mehr für den Bitcoin gegeben als jeder andere. Er hat Mt. Gox, diese unglaubliche Firma, durch eine Zeit geführt, die als stürmisch zu bezeichnen eine Untertreibung wäre.

Der Aufstieg von Mt. Gox

Die Geschichte der lange Zeit dominierenden Bitcoin-Börse hat wohl in irgendeinem Hobbykeller begonnen. Jed McCaleb hat die Plattform „Magic: the Gathering online exchange“ entwickelt, auf der die gleichnamigen Spiel- und Sammelkarten gehandelt wurden. Im Jahr 2010 hat er daraus eine Bitcoin-Börse gemacht, die sich rasch steigender Beliebtheit erfreute.

Tokio von oben (c) Bildpixel / pixelio.de

Mark Karpeles war ein etwa 25-Jähriger Franzose, der nach Tokio gezogen war. Er führte ein Geek-Blog, machte bei Hackathons mit und war Geschäftsführer des IT-Unternehmens Tibanne. Auf seinem Blog schrieb er, er bekomme nun endlich ein „richtiges Gehalt.“ Im November 2010 kam er als „Magical Tux“ in die Bitcoin-Szene. Als er einen eigenen Bitcoin-Clienten entwickelte, um die virtuelle Währung bei Tibanne für Webhosting zu akzeptieren, lernte er Jed McCaleb kennen, dem Mt. Gox Anfang 2011 über den Kopf hinauswuchs, da der Bitcoin-Handel mehr und mehr zum Vollzeitjob wurde. McCaleb verkaufte Mt. Gox an Karpeles. Damit wurde der Bitcoin im März 2011, als er noch bestenfalls einen Dollar wert war, zum Beruf von Karpeles.

Ein Unternehmen zu leiten verlangt vieles: Hingabe, Leidensbereitschaft, ein Gefühl für Recht, ein Händchen für Wirtschaft. Eine Bitcoin-Börse zu führen verlangt noch mehr: Man muss Kryptographie im Allgemeinen und die des Bitcoin im Speziellen beherrschen. Der kleinste Fehler kann zu einem unwiderbringlichen Totalverlust führen. Außerdem muss, wer eine große Bitcoin-Börse führt, große Geldmengen global verschieben. Er muss, mehr oder weniger, auch ein Banker sein.

Nachdem Mark Karpeles Mt. Gox übernahm, wurde die Börse in wenigen Monaten groß und, was man heute leicht und gerne übersieht: professionell. Magical Tux wurde gefeiert. „Great“, „Seriously Cool“, „Thanks MagicalTux“, „This is a great addition for the bitcoin economy“ waren in dieser Zeit häufige Reaktionen, wenn es Neuigkeiten von Magical Tux gab.

Mark Karpeles hat fast im Alleingang neue Standards für Bitcoin-Börsen gesetzt. Einerseits hat er die Technik vorangebracht, mit einer besseren API, mit Bots und einer guten Trade-Engine. Auf Mt. Gox zu handeln hat Spaß gemacht. Zum anderen hat Karpeles eine Währung nach der andere aufgenommen: Erst kamen Euro und Yen hinzu. Dann Australische und Kanadische Dollar, Polnische Zloty, Schweizer Franken, Russische Rubel und viele mehr. Um den Geldverkehr zu beschleunigen, kooperierte Karpeles mit Liberty Reserve und Dwolla, zwei Zahlungsanbieter für den riesigen Dollar-Markt. Überweisungen gingen so flüssig, dass jemand das Verb „Goxed“ als Synonym dafür vorschlug, dass sich Bitcoins in wenigen Stunden in echte Dollar verwandeln.

Ab Mitte 2011 wurde Mt. Gox zur dominanten Bitcoin-Börse. Noch anfang 2013 liefen 80 Prozent des globalen Bitcoin-Handels über Mt. Gox, in der letzten Woche der Börse waren es noch rund 16 Prozent. Das Verb „goxed“ stand in dieser Woche schon längst dafür, sein Geld wo hingeschickt zu haben, wo es nicht mehr rauskommt. 2011 und 2014 sind beim Bitcoin nicht zwei Jahre, sondern zwei Welten.

Wenn sich der Erfolg zu hoch türmt

Als Mark Karpeles Mt. Gox übernahm, war alles noch überschaubar. Der Bitcoin war noch Spielgeld, es gab eigentlich keine Bitcoin-Wirtschaft, sondern nur ein großes Experimentierfeld. Ein BTC war bestenfalls einen Dollar wert, der gesamte Markt weniger als 10 Millionen. Bitcoin-Börsen flogen weit unter dem Radar von Behörden.

Mit dem Bitcoin zu handeln, kann man damit vergleichen, mit einem Teig zu backen, der einfach nicht aufhört, aufzugehen. Das ist natürlich gut, da man mit einer kleinen Menge viel machen kann. Aber es wird irgendwann zum logistischen Problem.

(c) Joujou / pixelio.de

Mitte 2011, also einige Monate, nachdem Mark Karpeles das Steuer von Mt. Gox übernommen hatte, blähte sich der Bitcoin zum ersten Mal auf. Im Juni türmte sich der Preis auf 30 Dollar auf, alle Bitcoins zusammen waren kurzzeitig 200 Millionen wert. Auf Mt. Gox wurden anstatt vorher 50.000 Dollar am Tag 2 Millionen gehandelt. Damit begannen die Probleme.

Zum einen kamen die Hacker. Für sie hatte es noch nie ein besseres Ziel gegeben: Bitcoins, die aus dem System geklaut werden, gehören dem Dieb. So, wie wenn man einen Geldschein stiehlt. Während ein virtueller Bankraub mit Euro oder Dollar oft zwecklos ist, weil virtuelle Guthaben wieder rückgebucht werden können, ist ein Bitcoin-Börsen-Hack das Äquivalent eines klassischen Bankraubs: man stiehlt die Scheine und flüchtet mit ihnen.

Als größte Börse war Mt. Gox das erste Ziel der Hacker. Es gab eine tagelange DDoS-Attacke, in der einige Coins gestohlen wurden, die Karpeles aber ersetzen konnte. Andere Börsen brachen in dieser Zeit zusammen. Bitomat aus Polen verlor im Juni 2011 durch einen Software-Fehler 17.000 Bitcoin. Mark Karpeles kaufte daraufhin Bitomat und zahlte die Kunden aus seinem eigenen Vermögen aus. Der bisher einzige Bailout der Bitcoin-Geschichte geschah ironischerweise durch jemanden, der heute selbst einen ungleich größeren Bailout gebrauchen könnte.

Dann kam es zum berüchtigten Bitcoinica-Hack sowie zu einem Passwort-Leak; im Zuge des Chaos hat ein Dieb 400.000 Bitcoins auf einen Schlag bei Mt. Gox verkauft und den Preis damit kurzfristig auf einen cent heruntergebombt. Bitcoin wäre damals fast gestorben, und vielleicht wäre er das, wenn Mt. Gox den Handel eingestellt hätte. Manche sagen heute, die Börse sei schon damals pleite gewesen. Karpeles hat jedoch weitergemacht. Aufzugeben, sagte er in einer seiner bisher letzten Äußerungen, gehöre nicht zu der Art, wie er Dinge handhabe.

Neben den Hackern machten die Banken und Behörden Mark Karpeles das Leben schwer. Ein französischer Bankenpartner verweigerte die Kooperation, Karpeles ging vor Gericht und führte den ersten Prozess um Bitcoins überhaupt. Er sagte damals, er beschäftige Anwälte aus verschiedenen Ländern, um die Rechtslage des Bitcoin weltweit zu verhandeln. Wie der Prozess ausging, ist nicht wirklich bekannt, Mark Karpeles ist verschwiegen.

Als der Bitcoin sich zum zweiten Mal aufblähte, wurde es für Mt. Gox wohl zu viel. Im April 2013 poppte die nächste Blase auf und katapultierte den Bitcoin kurzfristig auf 266 Dollar. Das gesamte Netzwerk war kurzzeitig mehr als 2 Milliarden Dollar wert. Damit ging die Phase des Spielgelds und Wilden Westens vorüber. Falls Mark Karpeles zu diesem Zeitpunkt Schulden in Bitcoins hatte, wuchs seine Schuld in Fiat ins Unermessliche.

Der Fall

Im Sommer 2013 hat sich der Bitcoin-Preis bei rund 100 Dollar stabilisiert. Der Markt war eine Milliarde Dollar groß geworden. Laut einem Interview mit Karpeles gingen bei Mt. Gox täglich 5-20 Millionen Dollar ein und 0,3 bis 1 Millionen aus. Das ist viel Geld für einen 27-Jährigen, der eher aus Zufall in die Lage kam, ein weltumspannendes Finanzunternehmen zu führen, das schneller gewachsen war als wohl jedes andere Unternehmen dieser Welt. Auf so etwas kann keiner vorbereitet sein.

Im Sommer 2013 sagte Mt. Gox einmal in einer der seltenen Pressemitteilung „Mt. Gox takes on for the team“. Frei übersetzt: Mt. Gox kriegt für alle was auf die Mütze. Vermutlich stimmte das: Die Börse war eben das sichtbarste und größte Ziel, für Aufseher, Banker und Hacker. Im Frühjahr haben US-Behörden zwei Konten von Mt. Gox mit rund 5 Millionen Dollar beschlagnahmt und den Bankenpartner Liberty Reserve wegen Geldwäsche geschlossen. Dwolla, der zweite Partner, beendete aus Furcht vor den Aufsehern die Zusammenarbeit. Mt. Gox bekam daraufhin Probleme, Dollar auszuzahlen.

Vielen anderen ist es in dieser Zeit zu heiß geworden. Börsen und Wechselstuben haben den Betrieb eingestellt. Mark Karpeles hätte ebenfalls aufhören können. Er hat aber weitergemacht. Was die Börse schließlich zu Fall gebracht hat, ist noch nicht im Ansatz zu sagen. Wie ist es möglich, dass Karpeles 750.000 Bitcoins – vielleicht sogar 850.000 – verloren hat? Waren es Diebe, die die Malleable Transaction ausgenutzt haben? Ein Fehler, der zum Verlust des Privaten Schlüssels für Bitcoins im Wert von hunderten von Millionen geführt hat? Waren die Bitcoins, die nun weg sind, niemals da? Hatte Karpeles bereits seit 2011 Schulden von hunderttausenden Bitcoins, die ihren Dollarwert mittlerweile vervielfacht haben? Oder doch etwas ganz anderes?

Genauso wenig ist derzeit zu sagen, wie es mit Mark Karpeles weitergeht. Er wird viele Sitzungen mit Anwälten haben, vielleicht ins Gefängnis müssen und Schulden haben, die er niemals abbezahlen kann. Ihm ist hoch anzurechnen, dass er noch da ist, anstatt sich zu verstecken. Er hat seine Karriere für den Bitcoin gegeben, eine Börse größer gemacht, als es jemals vorstellbar war, und ist schließlich am eigenen Erfolg gescheitert. Wem wäre es nicht über den Kopf gewachsen, ein so monströs wachsendes Gebilde wie Mt. Gox auf dem Tsunami Bitcoin zu reiten?

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