Craig Steven Wright ist ein Rätsel, und die Affäre um seine „Enthüllung“ schlägt weitere Haken. Ist er Satoshi Nakamoto? Oder doch ein brillanter Hochstapler? Während Dan Kaminsky, Jonas Schnelli und Wikileaks überzeugt sind, dass Craig Wright ein Betrüger ist, meldet sich noch ein vierter Bitcoiner der ersten Stunden, um Wrights Version zu bestätigen – und Wright selbst kündigt an, in den kommenden Tagen frühe Bitcoins zu bewegen.
Eigentlich hatte es sich die Bitcoin-Community mit Satoshi Nakamoto so richtig gemütlich eingerichtet. Der Gründer verschwand 2010 spurlos, wurde zum Symbol, dass es ein anonymes Leben im überwachten Netz gibt, und demonstrierte die Größe, seine Schöpfung an seine Nachfolger weiterzugeben.
Alles war gut – bis zum dem Tag, an dem Craig Steven Wright auftrat. Der 44- oder 45-jährige Australier stand schon Ende 2015 im Verdacht, Satoshi Nakamoto zu sein. Nachdem es dann einige Monate ruhig um ihn war, kommt er nun zurück – und behauptet selbst, er sei Satoshi Nakamoto. Mit Gavin Andresen, John Matonis und Ian Grigg stützen mehrere sehr frühe Bitcoiner seine Behauptung – während mittlerweile massive Zweifel anzumelden sind.
Die ganze Geschichte ist konfus, vermutlich, weil Craig Wright ein nahezu perfekter Satoshi ist, aber es durch seine Handlungen fast unmöglich macht, ihm zu glauben. Ich versuche, in einer loosen Form alle Theorien, Aussagen und Hinweise zusammenzufassen, damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann.
Warum ist Craig Wright ein perfekter Satoshi?
Wright bringt mehr als 20 Jahre Erfahrung in Computersicherheit und IT mit. Er hat dutzende, wenn nicht hunderte von Paper veröffentlicht, sich viele Jahre mit Kryptographie beschäftigt und bereits 1996 in einer Cypherpunk-Mailingliste geschrieben. Er hat mehrere Paper zusammen mit David Kleimann verfasst, einem renommierten IT-Sicherheitsexperten, der seit einem Motorradunfall 1995 gelähmt war und 2013 verstarb. Wright ist oder war anscheinend Besitzer des Supercomputers Tulip, was dadurch gestützt wird, dass er mehrere Kurse im Programmieren von Supercomputern gegeben hat (z. B. hier zu sehen). Zu all dem kommt noch, dass Craig Wright laut eigenen Angaben mehrere Doktortitel in mehreren Disziplinen und demnach neben dem nötigen IT-Wissen auch ein Verständnis von etwa Ökonomie oder Recht hat, was beides in Bitcoin eingeflossen ist.
Die Story, die sich nun um Wright herum aufbaut, ist an sich recht plausibel.
Die plausible Story von Wrights Abenteuern als Satoshi
Laut dem, was man nun erfährt, war Wright der Anführer eines Kollektivs, das Satoshi Nakamoto gebildet hat. Wieviele Leute dazu gehörten, verrät Wright nicht. Er sagt allerdings, dass Kleimann ebenfalls Teil dieses Kollektivs war und als einziger davon bis zu seinem Tod 2013 auch aktiv blieb. Gegenüber Gavin Andresen und John Matonis hat Wright anscheinend plausible Gründe genannt, weshalb er sich zurückzog. Diese Gründe sind bislang ebenfalls noch unklar.
Gemäß den Dokumenten, die Ende 2015 Wired und Gizmodo zugespielt wurden, hat Wright gemeinsam mit Kleimann den „Tulip Fond“ eröffnet. Dieser hat 1,1 Millionen Bitcoin verwaltet, auf die Wright nun keinen Zugriff hat. Nachdem Kleimann verstorben ist, hat sein Bruder vermutlich einen USB-Stick geerbt, auf dem sich möglicherweise die privaten Schlüssel zu Satoshis Schatz befinden.
Wright selbst hat wohl darunter gelitten, dass sein Pseudonym Satoshi Nakamoto tausendfach bekannter wurde als er. Es gibt eine Aussage von ihm, per E-Mail, in der er sich beschwert, dass Satoshi nur ein Paper schreiben musste, um berühmt zu werden, während er selbst hunderte von Paper geschrieben hat, und sich dennoch niemand um ihn schert. Dementsprechend könnte eine gewisse, von ihm selbst auch zum Teil eingeräumte, egoistische Geltungssucht bei seiner Enthüllung mitspielen, sowie ein getrübter Stolz, da ihn die Welt nach den Leaks für einen Hochstapler hielt.
Zu diesen Motiven tritt eine lang andauernde Streitigkeit mit dem Australischen Finanzamt (ATO). In einem geleakten Protokoll eines Gesprächs von 2014 hat Wright auch erklärt, er habe eine große Menge Bitcoins. Inwieweit es Wright aber in seinem Diskurs mit dem ATO hilft, zu offenbaren, dass er Satoshi ist, ist nicht ganz nachvollziehbar.
Kurz vor den Leaks im Dezember 2015 ist Wright vor der ATO nach London geflohen. Nach den Leaks hat er versucht, unterzutauchen. Als allerdings er bzw. seine Familien bzw. seine Mitarbeiter erpresst wurden, entschloss er sich, mit der Wahrheit herauszurücken.
Warum Craigs Charakter nicht ganz zu Satoshi passt
Die katholischen Kirche des Barocks hatte nicht pauschal ein schlechtes Frauenbild. Maria, die Mutter Gottes, wurde sogar aufs Höchste verehrt. Je stärker jedoch die Mutter Gottes verehrt wurde, desto schlimmer sah es um die wirklichen Frauen aus. Denn die Kirche hatte nur zwei mögliche Frauenbilder: Maria, die heilige, perfekte, sündlose, und Maria Magdalena, die Hure. Da keine lebende Frau den hohen Ansprüchen der Kirche an die Mutter Gottes gerecht wurde, wurden alle lebenden Frauen als Huren verachtet und verstoßen.
Die Bitcoin-Community verhält sich mit Satoshi ähnlich. Es gibt Satoshi, den genialen, bedächtigen, sachlich-peniblen, vorausschauenden Mann mit seinen unbekannten, aber alleredelsten Motiven – und es gibt diejenigen, die wie Craig Wright behaupten, Satoshi zu sein, aber nicht dessen Charakter haben und darum nur Hochstapler sein können. Satoshi sagte, er sei kein Mann der Worte – Craig Wright genießt seinen BBC-Auftritt sichtlich und demonstriert eine selbstverliebte Ader zur Dramatik. Satoshis Posts deuten auf einen peniblen, vielleicht sogar kleinkarierten, Menschen, der jedes Wort gründlich abwägt, und stets sachlich bleibt – Craig Wright schreibt viel, schert sich nicht zwingend um Rechtschreibfehler und hat einen anderen, viel emotionaleren Duktus. Seine neue Webseite, drcraigwright.net, hat als Starter ein Bild von ihm – das sympathische, mitfühlende, selbstgefällige Lächeln eines US-Senators, das Foto perfekt aufgenommen, offensichtlich retuschiert, um Craig jünger aussehen zu lassen. Ernsthaft? Eine Webseite aus reinem html ohne Bilder wäre überzeugender gewesen.
Und weiter: Nach den Leaks Ende letztes Jahr haben Journalisten bei einer Firma, mit der Wright angeblich an einem Supercomputer arbeitet, sowie bei den Universitäten, bei denen er angeblich Abschlüsse hatte, nachgefragt. Ergebnis: Weder die Zusammenarbeit noch die Abschlüsse konnten bestätigt werden.
Ein Australier, der über mehrere Ecken in Kontakt mit Craig Wright stand, bloggte nun:
Seit die Stories heute publiziert wurden, habe ich von einer Reihe von Leuten – direkt oder indirekt – gehört, die entweder für Wright gearbeitet haben oder ihn kannen. Sie sagen so gut wie einstimmig: Wright ist nicht Satoshi Nakamoto, und er ist nicht fähig, Satoshi Nakamoto zu sein. Ein Freund beschrieb, dass Wright so überzeugend ist, dass er es sogar selbst glaubt, obwohl er weiß, dass er nicht fähig ist, Bitcoin zu erschaffen. Jemand anderes sagte, Wright hat jeden zumindest für eine kurze Zeitspanne überzeugt – aber dann zeigte sich, dass seine Handlungen nicht seinen Worten entsprechen … und eine andere Person, die für Wright arbeitete, beschrieb ihn als „den besten Hochstapler, den ich jemals gesehen habe.“
Das also soll Satoshi sein?
Warum es kryptographisch beweisbar ist, dass Craig Wright lügt
Nun beginnt die Story jedoch erst, absurd zu werden. Wir haben bereits berichtet, wie Craig Wright Gavin Andresen und John Matonis vorgeführt hat, wie er eine Nachricht mit Satoshis Schlüssel signiert. Auch wenn noch kein Mensch eine klare Vorstellung hat, wie er es getan hat, so lässt das Szenario mit dem „brandneuen“ Laptop, dem Hotel-WLAN und der Konfiszierung der beteiligten Geräte durch Wright Optionen offen, einen Zaubertrick vorzuführen.
Geradezu absurd wird es aber, wenn man sich den die Enthüllung begleitenden Blogpost von Wright vornimmt. Zunächst zitiert er Sartre: „Wenn ich als Jean-Paul Sartre unterschreibe, ist es nicht dasselbe, wie wenn ich als Jean-Paul Sartre, Nobelpreisträger, unterschreibe.“ Dann erklärt er:
Ich erinnere mich daran, dieses Zitat vor vielen Jahren gelesen zu haben, und ich habe es seitdem mit unbequemen Gefühlen mit mir herumgetragen. Nun, nach vielen Jahren, nachdem ich die Ebben und Fluten des Lebens erfahren haben, denke ich, dass ich meinen Frieden damit gefunden habe, was es meint. Wenn ich als Craig Wright signiere, ist es nicht dasselbe, wennwenn ich als Craig Wright, Satoshi, unterschreibe.
Ich denke, das ist wahr, aber in meinem Herzen wünsche ich mir, es wäre es nicht.
Anschließend erklärt er, wie man mit der von Bitcoin verwendeten ECDSA-Kryptographie eine Nachricht signiert und validiert. Es folgt ein langer Text über Hashes, OpenSSL, öffentliche Schlüssel, Signaturen, Verifizierungen. Von diesem Text, meinte Gavin Andresen später, war erwartet worden, dass Craig Wright in ihm eine Signatur von Satoshi präsentiert und das dazugehörige Verfahren erklärt.
Mehrere Experten haben sich in den letzten zwei Tagen seinen Text durchgelesen und seine kryptographischen Operationen geprüft. Dabei haben sie folgendes herausgefunden:
- Während Wright schreibt, der SHA256-Algorithmus biete Raum für Nachrichten der maximalen Größe von 2^128 – 1 bit, hat SHA256 tatsächlich nur Platz für 2^64 – 1 bit
- In einem Screenshot von aus einer Shell in Notepad kopierten Code ist ein Rechtschreibfehler, der den Code gehindert haben sollte, zu laufen
- Craig Wright behauptet, zu Demonstrationszwecken einen Text von Sartre mit Satoshis Schlüssel zu signieren. Die präsentierte Signatur umfasst jedoch nicht Sartre, sondern stammt direkt aus der Transaktion, mit der Satoshi Nakamoto – der echte – am 12. Januar 2009 10 Bitcoin an Hal Finney überwies. Diese Signatur ist öffentlich in der Blockchain.
Dan Kaminsky schreibt deswegen:
Ja, es ist Betrug. Nicht vielleicht, nicht möglicherweise.
Wright gibt vor, Satoshis Signatur für einen Text von Sartre zu haben. Dies würde bedeuten, er hat den privaten Schlüssel und ist vermutlich Satoshi. Was er aber hat, ist Satoshis Signatur aus Teilen der öffenlichen Blockchain, was natürlich bedeutet, dass er den öffentlichen Schlüssel nicht braucht und auch nicht Satoshi sein muss.
Kernentwickler Jonas Schneller wirft dementsprechend in einem Interview Craig Wright Betrug vor und erklärt, welche Art von Beweis nötig ist. Auf twitter schreibt er
Craig Wright once again fooled us. His todays „prove“ signature is just a signature from a tx back in 2009. Scamer! https://t.co/5VnDRLpmKc
— Jonas Schnelli (@_jonasschnelli_) May 2, 2016
Auch wikileaks twittert gegen Craig Wright:
We'd like to thank #Satoshi hoaxer Dr Craig Wright for showing how bankrupt the fact-checking standards are at the BBC, LRB & Economist.
— WikiLeaks (@wikileaks) May 3, 2016
Wie derweil ein anderer Early Adopter Craig Wright bestätigt
Auf twitter schlug die neuesten Pseudo-Satoshi-Enthüllung Wellen. Nachdem man angesichts der Beweise schon überzeugt sein konnte, Wright sei definitiv ein Hochstapler, schickte Joseph Vaughn-Perling, Early Adopter, langjähriger Kryptograph und Herausgeber der Silbermünzen New Liberty Standard, geheimnisvolle Tweets in die Welt:
https://twitter.com/haq4good/status/727112750552371200
https://twitter.com/haq4good/status/727189116446625792
Joseph Vaughn hat vor einigen Jahren bereits gesagt, er habe einmal Satoshi getroffen. Dies macht seinen tweet hier besonders bedeutsam.
Welche alternativen Theorien im Umlauf sind
Die Geschichte wird nun nur noch verworrener. Wenn Wright Satoshi ist – warum ziert er sich dann so, die Schlüssel öffentlich zu verwenden? Hat er Angst, einen rechtgültigen Beweis dafür abzuliefern, dass er eine Währung erschaffen hat? Oder hat er keinen Zugriff mehr auf die Schlüssel? Und wenn ja – weshalb diese etwas linke Trick mit den getürkten Beweisen? Ist das nicht eine Nummer, die unter Satoshis Würde liegen sollte?
Wenn Wright nun nicht Satoshi ist, sondern ein Hochstapler – worauf will er hinaus? Wer würde Satoshi, einem Multi-Millionär und vielleicht künftigen Milliardär, Geld geben wollen? Wie soll ihm der Beweis, ein ungewöhnlich reicher Mensch zu sein, vor dem australischen Finanzamt helfen?
Und wenn er ein Hochstapler ist – wie konnte es ihm gelingen, mehrere Early Adopter zu überzeugen?
Die einzige einigermaßen plausible Theorie, die mir bis jetzt untergekommen ist, lautet wie folgt:
Wright war nicht Satoshi, sondern frühzeitig bei Bitcoin dabei oder er hat herausgefunden, dass sein Kumpel Kleimann Satoshi war. Da nach Kleimanns Tod der USB-Stick mit dem vermutlich wertvollsten Schlüssel-Set der Welt an seinen Bruder überging, versucht Wright nun, zu beweisen, dass er Satoshi ist, um einen rechtsgültigen Titel auf diesen USB-Stick zu erhalten.
Finde ich recht sinnvoll – aber der Unterschied zwischen dieser Theorie und der Theorie, die Wright präsentiert – dass er ein Teil des Kollektivs Satoshi war – ist nicht so himmelweit, wie es beschrieben wird.
Wie Gavin Andresen etwas zurückrudert
Aufgrund des kryptographischen Beweises, dass Craig Wright in seinem Enthüllungspost geschummelt hat, hat Dan Kaminsky Gavin Andresen eine E-Mail geschrieben:
Was geht hier vor?
Es gibt einen klaren, über jeden Zweifel erhabenen kryptographischen Beweis des Betrugs, und du setzt deine Glaubwürdigkeit mit der Idee aufs Spiel, dass eine public key Operation privat bleiben soll oder muss?
Andresen antwortete:
Yeah, was zum Teufel?
Ich war von dem „Beweis“ genauso überrascht wie jeder andere, und ich verstehe auch nicht genau, was los ist.
Es war ein Fehler von mir, zuzustimmen, mein Post zu veröffentlichen, bevor ich dies sah – ich nahm an, er würde in seinem Post einfach nur eine signierte Nachricht veröffentlichen, die jeder leicht verifizieren kann.
Craig Wright reagiert auf die Vorwürfe und kündigt an, frühe Bitcoins zu bewegen
Craig Wright hat noch gestern ein neues Post veröffentlicht, in dem er auf die Betrugsvorwürfe reagiert.
Ich kann beweisen, dass ich Zugriff auf die frühen Schlüssel habe und ich kann und werde dies tun, indem ich Bitcoins bewege. Dies sollte ein notwendiger, aber kein hinreichender Beweis sein für eine so extraordinäre Behauptung [wie Satoshi Nakamoto zu sein, C.B.]
Und das ist der Grund, weshalb ich vor Wochen mit Gavin sprechen wollte. Gavin war in der einzigartigen Position, dass wir direkt zusammengearbeitet haben, als wir Bitcoins 2010 ins Leben geführt haben. Ich wußte, dass sich Gavin an den Inhalt dieser Nachrichten und Diskussionen erinnert. Ich wollte mit ihm zuerst sprechen, nicht, um seine Authorität heranzuführen, sondern weil ich wollte, dass er mir glaubt. Ich schuldete ihm das. Es war wichtig für mich, unsere Beziehung wieder herzustellen. Einfach nur eine Nachricht zu signieren oder Bitcoins zu bewegen würde für Gavin niemals genug sein.
Also: in den kommenden Tagen werde ich eine Serie von Stücken veröffentlichen, die die Grundlage für diese extraordinäre Behauptung legen. Dazu werden unabhängig-verifizierbare Dokumente und Beweise gehören, die einige der falschen Vorwürfe adressieren, denen ich mich ausgesetzt sehe, und ich werde Bitcoins von einem frühen Block bewegen.
Die Wahrheit wird also ans Licht kommen. Es ist gar nicht zu beschreiben, wie gespannt ich bin.
Update: Joseph Vaughn erklärt explizit, dass er Craig Wright schon 2005 auf einer Konferenz getroffen hat und mitbekommen hat, wie dieser danach Bitcoin entwickelt hat. Oder so. Auf jeden Fall verwirrend und noch überzeugender als alle bisherigen Argumente. Mehr Infos gibt es hier.
https://twitter.com/haq4good/status/727846103522017280
