Wie Carl Menger mithilfe der Absatzfähigkeit erklärt hat, wie Geld auf dem Markt entstanden ist – und warum Bitcoin in technischer Hinsicht das vielleicht perfekte Medium für Geld ist.
Menschen haben die Neigung, alles irgendwie zentralistisch zu verstehen. Alles, was ist, soll bitte – nein muss! – ein Zentrum haben. Dass dem bei Bitcoin nicht so ist, verwirrt viele Menschen. Wie hat es angefangen? Wie kann es stabil sein? Wie kann man es ausschalten? Irgendjemand, so eine häufige Reaktion, muss das doch können.
Vielleicht wäre Carl Menger weniger erstaunt gewesen. Der Gründervater der berühmten Österreichischen Schule der Ökonomie hat bereits Ende des 19. Jahrhunderts einen bemerkenswerten Aufsatz über die Entstehung von Geld geschrieben. In diesem schlägt er eine alternative Theorie zum typischen zentralistischen Ansatz vor. Der Text ist alt, aber dennoch spannend und überraschend.
Wenn man darüber nachdenkt, wie Geld entstand, läuft das gerne so ab: Tauschhandel ist eine Belästigung für jeden Teilnehmer, da er schlecht skaliert und da ich – um ein doofes Beispiel zu nennen – als Kuhbauer nicht immer einen Schreiner finde, der gerade zufällig einen Schrank gegen eine Kuh tauscht. Kann also sein, dass ich als Kuhbauer auf meiner toten Kuh sitzenbleibe, weil mir keiner das geben will, was ich gerade brauche.
Warum sollte jemand Rindfleisch gegen nutzlose Metallmünzen tauschen?
Gut. Der Tauschhandel ist bescheuert, und es gibt gute Gründe für die menschliche Zivilisation, ihn hinter sich zu lassen. Die allermeisten Menschen dürften dem soweit zustimmen.
Eine Frage bleibt jedoch offen. Carl Menger fragt, „warum ein ökonomisch denkender Mensch bereit ist, eine bestimmte Art von Ware im Austausch gegen alle Güter, die er auf den Markt bringt, anzunehmen, selbst dann, wenn er sie nicht braucht, oder wenn sein Bedürfnis nach ihr bereits gedeckt ist.“ Mit anderen Worten: Warum sollte jemand bereit sein, doofe Metallstücke, für die er keine wirkliche Verwendung hat, oder gar Muscheln oder Perlen, die ihm gar nichts helfen, im Tausch gegen Rindfleisch oder Käse anzunehmen?
Vor Menger war die übliche Antwort „Konvention oder Recht.“ Ein weiser König oder eine andere, zentrale Instanz, hat einmal gesagt: Es werde Geld! Und fortan mussten alle, die Teil der Gemeinschaft bleiben und sich einer Strafe entziehen wollten, Geld akzeptieren. Denn ohne Zentrum ist alles nichts, und ohne Zentrum kann es auch kein Geld geben. Oder?
Nicht alle Waren sind gleich gut zu verkaufen
Carl Menger schlägt eine dezentralere Theorie vor. Er geht davon aus, dass es nicht eine zentrale Staatsgewalt brauchte, die Geld verordnet hat, sondern dass der Markt als die Summe des egoistische Handelns der Individuen ganz von selbst ein Geld gefunden hat.
Um Mengers Theorie zu verstehen, muss man zuvor sein Konzept der „Absatzfähigkeit“ von Gütern verstehen. „Absatzfähigkeit“ meint die“Verkäuflichkeit“ von Gütern – die Möglichkeit, ein Produkt ohne Verluste zu verkaufen. Und nicht alles ist gleich verkäuflich.
Die Absatzfähigkeit von prinzipiell allen Dingen unterliegt verschiedenen räumlichen und zeitlichen Grenzen: Fleisch vergammelt schnell, Holz verursacht relativ hohe Lagerkosten, Schuhe passen nicht jedem, Steine sind schwer zu transportieren und so weiter. Es ist bei den meisten Dingen schwer, auf dem Markt einen Käufer zu finden, und man kann nicht davon ausgehen, dass man schnell einen Käufer findet, der den vollen Preis bezahlt.
Auf einem Tauschmarkt passiert nun also, so Menger, das folgende: „Wenn jemand Güter mit geringer Absatzfähigkeit auf den Mart gebracht hat, ist es sein dringlichstes Streben, diese nicht allein gegen etwas zu tauschen, das er zufällig benötigt, sondern, falls dies nicht direkt möglich ist, sie gegen andere Güter zu tauschen, die er zwar nicht für sich selbst haben möchte, doch die absatzfähiger sind als seine eigenen.“ Gute Händler tauschen also ihre Güter gegen Güter, die sowohl zeitlich als auch räumlich absatzfähiger sind. Also gegen Güter, die möglichst beständig, gut zu transportieren und allgemein für wertvoll erachtet werden.
Ihr ahnt bestimmt, worauf das jetzt hinausläuft. Irgendwann entsteht durch dieses Treiben auf dem Markt wie von selbst – durch die „unsichtbare Hand“ – etwas, das als Geld benutzt wird. Und sobald sich einmal etwas als Geld etabliert hat, steigt seine Absatzfähigkeit sprunghaft weiter an.
Wie der Markt von selbst in Edelmetallen das perfeke Geld findet
Man braucht also mit Mengers Modell überhaupt keine zentrale Macht, damit Geld entsteht. Der Markt wählt sich von ganz allein ein Gut aus, das die Rolle von Geld erfüllt. Das muss nicht geplant oder gesetzlich verordnet werden.
Warum aber, fragt Carl Menger nun, haben unterschiedliche Zentren der Zivilisation – Griechenland, China – unabhängig voneinander Edelmetalle als Geld verwendet? Die Zentralismus-Theorie müsste hier lapidar behaupten, dass es eben so passiert ist, dass mehrere Herrscher unabhängig voneinander auf die Idee kamen, Edelmetalle als Geld zu verordnen.
Mit Mengers Theorie können wir hingegen sagen: Edelmetalle sind einfach außergewöhnlich absatzfähig! Sie sind zwar knapp, aber doch gleichmäßig verteilt, weshalb jede Kultur gelernt hat, sie zu Schmuck zu verarbeiten. Gold und Silber werden an jedem Winkel der Erde von früh auf begehrt und sind deswegen räumlich hervorragend absatzfähig; sie sind relativ einfach zu transportieren und zu lagern (verglichen mit, sagen wir, Schränken), sie sind sehr gut skalierbar, da man sie in kleine Stücke teilen kann, ohne dass man sie (wie, sagen wir, ein Pferd) zerstört, sie sind praktisch unendlich lange haltbar, sie sind aufgrund von Farbe und Gewicht einfach zu erkennen, und sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen, sind also fungibel.
Edelmetalle sind das Gut auf dem Markt, das allein durch seine hohe Absatzfähigkeit begehrt ist. Mehr noch als der Glanz und die industriellen Eigenschaften sind Edelmetalle wegen ihrer Eignung als Geld nützlich.
Damit führt eine Eigendynamik dazu, dass Edelmetalle begehrt sind. Iihre hohe Absatzfähigkeit wird zum Wert allein, und je mehr Leute diesen Wert begreifen, umso höher wird er. „Es wurde zur Leitidee im Verstand der intelligenteren unter den Händlern, und schließlich, als die Situation genereller verstanden wurde, in dem von jedermann, dass ein Bestand an Waren, der dazu bestimmt ist, gegen andere Waren getauscht zu werden, zunächst gegen Edelmetalle getauscht werden musste.“
Warum Bitcoin technisch perfekt absatzfähig ist
So weit so gut. Ich finde diese Theorie schlüssig und hübsch, doch wie so oft, wenn man in die Prä-Historie zurückgeht, fehlt der Beweis. Wir wissen nicht, welche Farbe die Augen von Sauriern hatten, wir wissen nicht, wie die Lieder der Neanderthaler klangen (und ob sie überhaupt Lieder sangen), und wir wissen nicht, ob die Menger’sche Markt-Dynamik zur Entstehung von Geld geführt hat oder eben doch der Geistesblitz eines mächtigen Mannes.
Was diese Theorie aber zeigt, ist, dass es keine Willkür ist, was zu Geld wird und was sich im Kampf der Jahrhunderte als Geld durchsetzt. Die Eigenschaft der „Absatzfähigkeit“ ist gut geeignet, um die Qualität eines Geldes einzuschätzen. So ist der Euro beispielsweise allein wegen seiner weitläufigen Absatzfähigkeit ein besseres Geld als die schwedische Krone, Scheine sind besser als Münzen, da die Transportkosten geringer sind, und Dollar sind besser als venezuelanische Bolivar, da diese inflationsbedingt zeitlich nur begrenzt eintauschbar sind.
Und Bitcoin? Bitcoin könnte perfekt absatzfähig sein:
- Jedes Land der Welt hat Computer und Internet, was prinzipiell jeden Menschen in die Lage versetzt, Bitcoins zu kaufen oder zu verkaufen.
- Bitcoins sind prinzipiell grenzenlos haltbar. Dank der begrenzten Menge haben Bitcoins, anders als Euro, Dollar und jedes andere Papiergeld, eine gute Chance, in Zukunft zum mindestens ebenso hohen Preis verkauft zu werden. Die Lagerkosten gehen gegen Null – man muss ja nur einen Schlüssel speichern – während man Bitcoins einfach und effektiv vor Diebstahl schützen kann, indem man den Schlüssel verschlüsselt.
- Der Transport von Bitcoins ist unabhängig von räumlichen Grenzen und, vor allem auf lange Distanzen, ebenso günstig wie schnell.
- Bitcoins können fast absolut fungibel sein – auch wenn das womöglich dank Blockchain-Crawler die am stärksten gefährdete Eigenschaft von Bitcoin ist.
- Mit (relativ) einfachen kryptographischen Mitteln lässt sich ein Bitcoin identifizieren. Fälschungen sinn mehr oder weniger ausgeschlossen.
Aus technischer Perspektive ist Bitcoin ein digitales Produkt, das mehr oder weniger perfekt dafür geeignet ist, um die größtmögliche Absatzfähigkeit zu bieten. Allerdings ist Absatzfähigkeit nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Kategorie: Es muss eine möglichst weltweite, stabile und liquide Nachfrage nach Bitcoins geben. Und wie es aussieht, ist diese derzeit dabei, zu entstehen.

