Die Blockchain-Analyse-Firma Chainalysis spürt eigentlich Verbrecher in der Geschichte der Bitcoin-Transaktionen auf. Gelegentlich gräbt sie aber auch andere Erkenntnisse aus der Blockchain aus – etwa dass rund 20 Prozent aller Bitcoins verloren sind. Diese Behauptung beruht aber auf einigen etwas gewagten Annahmen.
Man muss es einfach zugeben: Die Regel, dass des einen Leid des anderen Freud‘ ist, gilt selten so sehr wie beim Thema verlorene Bitcoins. Wenn man den Schlüssel für Bitcoins verschlampert oder verliert, sind diese für immer in der unendlichen Tiefe der (Un-)Wahrscheinlichkeit versunken. Für den, dem die Bitcoins gehört haben, ist dies irrsinnig ärgerlich – aber für alle anderen ist es, nun ja, erfreulich. Das wusste schon Satoshi, als er sagte, dass „verlorene Coins die Coins von allen anderen ein klein wenig wertvoller machen. Stellt’s es euch als eine Spende an alle vor.“
Klar: Bitcoins haben ihren Wert aus der Knappheit. Und wenn derzeit nicht gut 16,5 Millionen Bitcoins in Umlauf sind, wie es das Protokoll für heute bestimmt, sondern deutlich weniger, ist ein einzelner Bitcoin knapper – und damit in der Theorie auch wertvoller. Dementsprechend dürften viele über die Studie der Blockchain-Analysefirma Chainalaysis jubeln. Behauptet dieses doch, dass 2,8 bis 3,8 Millionen Bitcoins unwiderbringlich verloren sind. Bullisch!
Wie aber kommt Chainalysis zu diesem Resultat? Während es tausend Wege gibt, um einen Bitcoin totsicher zu vernichten, ist es so gut wie unmöglich, valide Annahmen darüber zu bilden, wie viele Bitcoins insgesamt verloren wurden. Dazu müsste man wissen, dass ein Schlüssel für eine Adresse verloren ist. Und wie soll man dies mit Sicherheit wissen?
Um die Anzahl verlorener Bitcoins zu schätzen, hat Chainalysis den bestehenden Bestand nach Alter und Transaktionsaktivität sortiert. Die Daten dafür hat die Blockchain-Analysefirma ja in Hülle und Fülle. Eingeteilt wurden die bestehenden 16,5 Millionen Bitcoins in fünf Gruppen. Chainalyses hat für diese Gruppen erstens die Anzahl der Coins bestimmt und zweitens geschätzt, wie viele davon verloren gegangen sind.
| Kategorie | Anzahl insgesamt | Verloren Prozent | Verloren Coins |
| Frisch geschürft | 604.388 | 0% | 0 |
| Transaktionen | 6.066.664 | 2% | 121.333 |
| Außer Verkehr („Hodler“) | 5.110.898 | 50% | 2.555.449 |
| Strategisches Investment | 3.557.539 | 2% | 71.151 |
| Satoshis Coins | 1.041.715 | 100% | 1.041.715 |
| Gesamt | 16.381.204 | 3.789.648 |
Diese Tabelle schreit nach einer Erklärung. Was „frisch geschürft“ meint, ist noch relativ einfach zu verstehen – es meint die Coins, die im Jahr 2017 gemined worden sind. „Transaktionen“ hingegen bezeichnet die Coins, die im Lauf des letzten Jahres bewegt wurden (die Anzahl deutet übrigens auf eine sehr große Velozität bei Bitcoin hin, deutlich größer als bei Fiat-Geld, aber das ist ein anderes Thema). Die Coins der „Hodler“ hingegen wurden vor 2 bis 7 Jahren erzeugt und nach ersten Transaktionen nicht mehr bewegt, während das „Strategische Investment“ Coins meint, die seit 1-2 Jahren gehalten werden. Satoshis Coins ist selbsterklärend und deckt sich mit den Forschungen von Sergio Lerner zum „wohlverdienten Vermögen von Satoshi.“
Weniger klar ist, wie Chainalyses auf die Prozentzahlen zu verlorenen Coins kommt. Die zwei Prozent verlorenen Coins im Transaktions-Segment beruhen, so die Firma, auf Internet-Recherchen zu Usern, die über Verluste berichten, sei es durch misglückte Überweisungen, den Tod oder Nachlässigkeit in der Schlüsselverwaltung. Eine ähnliche Quote wird kurzerhand auch den „Strategischen Investoren“ zugeschrieben.
Der Prozentsatz der von den Hodlern verlorenen Coins ist mit 50 Prozent ein Maximum. Die Untergrenze legt Chainalyses bei 30 Prozent fest. Wie die Firma darauf kommt, ist mir ein Rätsel. Eventuell wurden Berichte über verlorene Bitcoins gesammelt, wie sie in den Jahren bis 2012 relativ häufig auftraten, und hochgerechnet. Tatsächlich dürfte diese Schätzung aber sehr verwegen sein. Ich kenne einige Personen, die Coins aus dieser Kategorie haben, und keine von ihnen hat 30 bis 50 Prozent verloren.
Chainalyses hält die Methodologie vertraulich, verrät aber, immerhin, dass es etwas mit den Forks der letzten Monate zu tun hat. Diese haben viele Besitzer von Wallets, die jahrelang inaktiv waren, veranlasst, Transaktionen zu zeichnen, was eine gute Gelegenheit war, Daten für Analysen abzugreifen. Dennoch bleibt die Basis der Schätzung, soweit sie bekannt ist, eher unbefriedigend.
Auch die letzte Kategorie, die Coins von Satoshi, geht von einer gewagten Annahme aus: dass Satoshi seine Coins vernichtet oder verloren hat oder selbst verloren oder vernichtet wurde. Diese Annahme ist nicht wirklich zu beweisen, auch wenn es zugegebenermaßen merkwürdig ist, dass Satoshi die Coins noch niemals angerührt hat. Wenn er sie noch hätte, er also stur jeden einzelnen Bitcoin, den er geschürft hat, behalten haben würde, dann wäre Satoshi heute übrigens 10-facher Dollar-Milliardär und damit einer der hundert reichsten Menschen der Welt. Damit er zum reichsten Menschen der Welt, zu Bill Gates, aufholt, müsste Bitcoin übrigens einen Wert von 75.000 Dollar erreichen.

