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Freiheit für die Kriminellen, Knechtschaft für die Anständigen? Nein danke.

Freiheit. Bild von Ana Sofia Guerreirinho via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Ein Meinungsartikel plädiert dafür, endlich damit aufzuhören, Kryptowährungen in den Mainstream bringen zu wollen. Denn Bitcoin und Co seien nicht für jedermann, sondern nur für Gesetzesbrecher sinnvoll. Die Meinung hat eine gewisse Grundlage, führt aber auf ein ziemlich brüchiges Glatteis.

Bitcoin ist ein seltsames Phänomen. Die Kryptowährung ruft bei vielen ehrlichen Menschen, die im Leben nichts Kriminelles gemacht haben, das Bedürfnis hervor, sich für die Rechte von Verbrechern einzusetzen, die Bitcoin als Geld benutzen. Monetäre Freiheit, so die Idee, fängt nicht bei denen an, die dem Gesetz treu sind, sondern eben bei denen, die Gesetze brechen und daher zensiert, blockiert und ausgeschlossen werden.

Ein Meinungsartikel auf Coindesk bringt diese Haltung recht nett zum Ausdruck – und vermittelt eine Botschaft, die naiv und gefährlich ist. Der Artikel ist mehr oder weniger ein Aufruf dazu, das Schlechteste aus beiden Welten zusammenzubringen.

„Kryptowährungen“, titel der Kommentar, „sind am nützlichsten, um Gesetze und soziale Konstrukte zu brechen.“ In ihm erklärt Jill Carlson von der Open Money Initiative, dass „wir“ den Erfolg – oder den Mangel an Erfolg – von Kryptowährungen durch die falschen Metriken beurteilen. Darauf zu warten, dass Krypto „Mainstream“ wird, ist so ähnlich, wie einen Fisch danach zu beurteilen, ob er auf einen Baum klettern kann. Denn „Bitcoin wurde nicht dazu gemacht, Mainstream-Probleme zu lösen.“ Blockchain-basierte Systeme, so die Autorin, scheitern in der Regel daran, mit zentralen Systemen um Schnelligkeit, Skalierbarkeit und Kosten zu konkurrieren.

Dies aber sei kein Fehler, sondern ein „beabsichtigtes Tradeoff.“ Dezentrale Systeme tauschten Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Günstigkeit gegen „das Schlüsselfeature: Zensurresistenz“. Sie lösten Probleme für die, die zensiert werden und damit per Definition nicht zum Mainstream gehören. Der „primäre Nutzen von Kryptowährungen liegt darin, dass sie finanzielle Aktivitäten erlauben, die ansonsten unterdrückt oder verboten sind.“ Als Beispiele nennt sie den Drogenhandel im Internet, Dollarkäufe in Argentinien, die Bezahlung für Prostituierte, Geldsendungen in den Iran oder Überweisungen von Venezuela ins Ausland. Andere Beispiele für unterdrückte Transaktionen – etwa für Randomware, Kidnapping, Menschenhandel, Hehlerei, Kreditkartenbetrug, Falschgeld, Mord, Terrorismus, Betrug, Pyramidenspiele – nennt sie nicht.

Stattdessen fokusiert sie sich auf noch mehr Beispiele dafür, wo Kryptowährungen zum Werkzeug der Freiheit werden. China, Palästina, generell Länder mit restriktiven Regierungen, in denen, den wenigen vorliegenden Berichten zufolge, Kryptowährungen besonders nachgefragt sind. Es sei daher an der Zeit, „eine unbequeme Wahrheit anzuerkennen: Kryptowährungen sind am nützlichsten, wenn man Gesetze bricht.“ Diejenigen, die nicht von Zensur betroffen sind, nutzen die bequemenen Instrumente. Carlson vergleich Geld dazu mit Webbrowsern und Messengern: Für die, die nichts zu verbergen haben, tun es Chrome und Whatsapp; die dagegen, die Zensur fürchten, benutzen den Tor-Browser und den Messenger Signal.

Carlson fördert die Branche auf, nicht länger darüber zu rätseln, wie man Kryptowährungen in den Mainstream bringt. „Ich für meinen Teil“ – so ein leicht missverständlicher Satz – „möchte nicht in einer Welt leben, in der Kryptowährungen zum Mainstream geworden sind. Damit das passiert, muss die Welt zu einem sehr gruseligen Ort werden.“ Sie meint damit, selbstverständlich, nicht, dass Kryptowährungen die Welt gruselig machen, sondern dass der Mainstream Krypto nur benutzt, wenn der Mainstream unterdrückt und zensiert wird, und dass eine Welt, in der dies geschieht, eine gruselige Welt sei.

Natürlich hat Carlson damit nicht vollkommen unrecht. Bitcoins und andere Kryptowährungen sind dort am nützlichsten, wo das Bankengeld nicht funktioniert. Sei es, weil Transaktionen zensiert oder blockiert werden, sei es, dass das Fiatgeld wie in Venezuela kollabiert. Dass Gesetzesbrecher eine natürliche Gruppe von Early Adoptern sind, dürfte heute kaum mehr jemand bestreiten. Carlson liegt daber damit falsch, dass die Early Adopter die einzigen potentiellen Anwender von Bitcoin sind.

Wer wie sie dafür argumentiert, dass Bitcoin ein „Underground“-Phänomen bleiben soll, begibt sich in mehrerlei Beziehung auf Glatteis. Zum einen nötigt diese Haltung den Bitcoin-Unterstützern eine große Naivität und Verherrlichung von Kriminellen auf. Es ist kein Zufall, dass Carlson ausgiebig über die Unterdrückten in Venezuela, Palästina, Iran und Argentinien redet, aber kaum ein Wort für jene Kriminellen übrig hat, die nicht unterdrückt werden, sondern einfach nur Geld durch illegale Taten verdienen wollen, durch die sie anderen Menschen bewusst Schaden zufügen. Ihre ganze Argumentation basiert darauf, sich die tatsächlich vorkommende Kriminalität schön zu reden.

Noch schlimmer ist aber die eher armselige Vision, die Carlson für Kryptowährungen anpeilt. Die riesige Freiheit, die Krypto dem einzelnen gibt – die Freiheit vor Banken, vor Inflation, vor Mittelsmännern überhaupt – soll nicht den ehrlichen Menschen zufallen, sondern nur denen, die Gesetze brechen. Freiheit für die Kriminellen, Knechtschaft für die Anständigen. Wir haben das schlechteste aus beiden Welten. Dabei wäre der Welt gerade dann am meisten geholfen, wenn Bitcoin tatsächlich Mainstream wäre. Dann könnte es gar nicht soweit kommen, dass die Welt zu dem von Carlson beschriebenen „gruseligen Ort“ wird. Denn eine Bevölkerung, die in weitem Ausmaß Bitcoin benutzt, kann kaum mehr finanziell unterdrückt werden. Weder durch exzessive Steuern, noch durch Kapitalkontrollen, Konfiskationen, Enteignung oder Inflation.

Indem Carlson möchte, dass Bitcoin das Geld der Gesetzesbrecher bleibt, plädiert sie leider auch dafür, dass die ehrlichen Menschen weniger Schutz davor bekommen, in die Unterdrückung abzurutschen – während die Kriminellen, und zwar nicht nur die lieben Unterdrückten, diesen Schutz erhalten. Carlson wiederholt hier nur eine andere Variante des so alten wie falschen Slogans, dass diejenigen, die nichts zu verbergen haben, auch keine Privatsphäre brauchen. Wer bitte schön will das? Sollte Bitcoin es nicht gelangen, auch den Mainstream zu erreichen, hätte die Kryptowährung ihr vielleicht wichtigstes Potential verschenkt. Das wird man dann zur Kenntnis nehmen müssen – ohne dass Bitcoin deswegen gescheitert sein wird. Aber es gibt keinen Grund, dies zu bejubeln oder herbeizubeschwören.

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