Oder die Geburt des planwirtschaftlichen Supercoins: Die Altcoin-Börse MintPal wurde gehackt und 30 Prozent aller existierenden Vericoins gestohlen. Das Entwicklerteam hat daraufhin die Uhren zurückgedreht und mit einer Fork die Vericoin-Blockchain auf den Stand vor dem Hack zurückgebracht. Das ist das erste Mal, dass ein Hack auf diese Weise nachträglich verhindert worden ist.
Eigentlich sind Kryptowährungen die liberale Antwort auf die Bankenrettungen a la „Too big too fail“. Es gibt keine Zentrale, die einspringt, wenn etwas schief geht, keine Sozialisierung von Bankenverlusten und keine Möglichkeit, Transaktionen rückgängig zu machen. Kryptocoins sind harte Währungen für harte Individuen, die alles, was passiert, auf die eigene Mütze nehmen. Jeder Zug im Kryoptouniversum ist so endgültig, dass einen ein fatalistischer Schauer überkommt.
Oder?
Die Wahrheit ist, dass es Ausnahmen gibt. Am 13. Juli wurde mit MintPal erneut eine Altcoin-Börse zum Opfer eines Hacks. Der Angreifer hat über eine SQL-Inkektion die internen Kontrollen unterlaufen und Auszahlungen von der Vericoin-Wallet der Börse erzeugt. Der Hack hat auch auf Bitcoins und Litecoins gezielt, ist aber erfolglos geblieben, da diese auf „kalten“ Wallets gespeichert waren. Eigentlich sollten auch die Vericoins so gesichert werden, aber wegen eines internen Errors war der überwältigende Großteil der Coins auf der „heißen“ Wallet geblieben.
Das Ergebnis: 8 Millionen Vericoins geraubt. Das sind 30 Prozent aller Vericoins – ein Beitrag, der in den Händen eines Diebes für eine Währung mehr oder weniger den Tod bedeutet. Die Betreiber von MintPal haben daraufhin die Vericoin-Entwickler informiert – „Sorry, wir haben eurer Kryptowährung kaputt gemacht“ – und diese haben mit einer ungewöhnlichen Maßnahme reagiert, die nur als Ausdruck blanker Verzweiflung zu verstehen ist: mit einer Fork, in der die Transaktionen von Mintpal zur Hacker-Wallet gelöscht sind. So ähnlich, wie wenn man in einem Computerspiel stirbt und einen alten Spielstand lädt.
Ja, das funktioniert.
Die Fork ist die letzte Gewalt einer Kryptowährung. Eine Fork kann das Ergebnis eines 51-Prozent-Angriffs sein (wie beim Auroracoin) mit dem Versuch, diesen zu vernichten; eine Fork kann ebenso einen Bug im Protokoll korrigieren, wie beim Bitcoin, als irgendwann im Jahr 2010 aus einem Block plötzlich Milliarden von Bitcoins gesprungen sind.
Eine Fork teilt die Blockchain und das Protokoll in zwei Versionen. Welche sich durchsetzt, entscheidet der Markt – diejenigen, die den Clienten updaten oder nicht updaten, diejenigen, die mit ihm minen oder nicht minen, und diejenigen, die die neue Blockchain herunterladen oder nicht. So ähnlich wie ein Edit-War bei Wikipedia, in gewisser Weise ein demokratischer Prozess. Wenn sich die Mehrheit (oder die Partei mit der besten Hardware) durchsetzt, gibt es ein neues Protokoll oder, wie beim Vericoin, eine neue Blockchain.
Und ja, das würde auch beim Bitcoin funktionieren!
Allerdings nur, wenn die Miner und Nodes einverstanden wären. Es gab mal den Vorschlag, mit einer Fork die Silk Road Coins, die vom FBI beschlagnahmt worden sind, zu löschen. Die Idee wurde jedoch nicht mal im Ansatz ernst genommen. Schließlich sollen Bitcoins eine Währung sein, die gerade keine zentrale Kontrolle hat. Und wenn man mal beginnt, Transaktionen rückgängig zu machen, stehen die Tore für eine zentralistische Manipulation wagenweit offen.
Dennoch ist die Geschichte interessant. Sie zeigt zum einen, dass virtuelle Währungen nicht so irreversibel sind, wie oft gesagt wird. Es ist möglich, extreme Verheerungen des Ökosystems rückgängig zu machen und „alte Spielstände“ neu zu laden. Zum anderen stelle man sich einmal vor, was die Möglichkeit einer Fork für Zentralbanken, Unternehmen oder Staaten – die eine hypothetische virtuelle Währung herausgeben – bedeuten: Eine sozialistische Revolution käme ohne Gewalt aus, da es keinen Widerstand dagegen gibt, wenn die Mehrheit beschließt, dass die Vermögen so oder so umzuverteilen sind. Ein Staat bräuchte keine Polizei mehr, um Steuerbetrug rückwirkend zu verhindern, und die Bürger keinen politischen Prozess, um etwa das Gehalt von Politikern zu „korrigieren.“ Nach einem Aktiencrash könnte man den Börsenhandel nachträglich aussetzen und und und … keine Ahnung, ob das gut ist, aber es zeigt, dass virtuelle Währungen durchaus auch in einem planwirtschaftlichen Sinn wirken können.

