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Zwei Bitcoin-Startups aus den Niederlanden

"Tilburg" von Metro Centric via flickr.com. Lizenz: Creative Commons 2.0

Stimmt das Gerücht, dass die Bitcoin-Wiesen in den Niederlanden grüner sind? Wir haben über die Grenze geschaut und mit zwei spannenden Startups geschnackt: Cointopay, ein dezentrales Zahlungportal, und Coinqy, eine sichere und komfortable Online-Wallet. Beide sind offen für Altcoins, und beide sind weitgehend unreguliert. Die Betreiber sich allerdings sehr verschieden: Einer ist Sekretär der Stichting Bitcoin, der andere bleibt lieber im Hintergrund.

Als Vorspann:

Ein paar Zahlen und Fakten zum Bitcoin in Holland und in Deutschland

Akzeptanz laut Coinmap
Städte mit mehr als 20 Akzeptanzstellen:
… Deutschland: Berlin
… Niederlande: Amsterdam, Utrecht, Den Haag, Nijmegen.

Weitere Vergleiche

Deutschland Niederlande Relativ
Full Nodes* 536 320 1,67:1
BitPay-Kunden** ca. 856 ca. 657 1,30:1
Einwohner 80,781 Mio 16,730 Mio 4,83:1

„The Dutch Central Bank in Sunset“ von Kismihok via flickr.com. Lizenz: Creative Commons 2.0

In Zahlen sehen unsere westlichen Nachbarn schon etwas begeisterter aus, oder? Dazu sollte man noch erwähnen, dass BitPay sein europäisches Hauptquartier in Amsterdam hat, dass eine nationale Bitcoin-Konferenz von einer der größten Banken des Landes gesponsort wurde, der beliebte Zahlungsdienstleister Mollie Bitcoins in sein Portfolio aufgenommen hat und man sogar bei einem Energieversorger mit der virtuellen Währung bezahlen kann.

Die Niederlande – Europas Bitcoin-Vorreiter und das Silicon Valley der virtuellen Währungen? Das sagen die Startups dazu:

* Full Nodes meint aktive Bitcoin-Clienten in einem zufälligen Zeitraum von etwa 5 Minuten
** BitPay hat jüngst eine Statistik veröffentlicht, derzufolge die Firma bereits 10.000 europäische Kunden haben. 8,56 Prozent davon sind aus Deutschland, 6,57 Prozent aus den Niederlanden.

Der Co-Gründer der Stichting Bitcoin und seine Online-Wallet Coinqy

Carl Kuntze hat die Stichting Bitcoins gegründet und ist Sekretär des niederländischen Äquivalents zur Bitcoin Foundation und zum Bundesverband Bitcoin. Der 27-Jährige aus Tilburg hat vor etwa zwei Jahren mit dem Mining angefangen und ist bis heute dabei geblieben. Er betreibt eine kleine Farm, in guten Monaten, meint er, erntet er mehr, als er Strom verbraucht, in schlechten weniger.

Das Mining ist für ihn, wie für die meisten deutschen Bitcoiner, eher ein Hobby. Zum Beruf ist der Bitcoin Carl Kuntze dennoch geworden. Eigentlich hat er im Sale einer Projektfirma von Google Adwords gearbeitet, nun arbeitet er vollzeit in Bitcoin-Projekten. Wie bei den meisten in der Bitcoin-Wirtschaft bedeutet „vollzeit“ bei ihm ziemlich viel.

„Stadthuisplein Tilburg“ von Metro Centric via flickr.com. Lizenz: Creative Commons 2.0

Kuntzes wichtigstes Projekt ist Coinqy. Das ist eine Online-Wallet, die so ziemlich alles kann: Sie speichert Bitcoins und Litecoins sowie künftig weitere Altcoins und versendet die virtuellen Münzen auch per Email, Facebook, twitter oder linkedIn. Das wichtigste Feature ist für Kuntze aber die Sicherheit per Multisig: Der private Schlüssel wird in drei Teile gespalten, von denen zwei ausreichen, um eine Transaktion zu signieren. Ein Teil wird beim User gespeichert, einer bei Coinqy, und einer beim Notar. „Es ist möglich, Bitcoins absolut sicher zu speichern, und das ist das, was wir brauchen, um nach der Mt. Gox Katastrophe wieder Vertrauen zu gewinnen.“

Wie groß die Szene in den Niederlanden ist, kann Carl nur grob sagen: Es gibt die Bitcoin Boulevards in Städten wie Utrecht, Den Haag und Arnhem, mindestens zwei Bitcoin-Automaten in Amsterdam und hier und da Startups, von denen die meisten, wie Coinqy, Investitionskapital bekommen. Irgendwie, aber über die Details spricht man natürlich nicht.

Carl Kuntze bezahlt so oft es geht mit Bitcoins, aber meistens, leider, noch mit Euro. Von einer Massenakzeptanz ist die Niederlande ebenso weit entfernt wie Deutschland. Kuntze bestellt bei Takeway mit Bitcoins und bezahlt bei manchen Freunden und Kollegen. Es sei wichtig, meint er, dass Mollie, der verbreitete Payment-Provider, Bitcoins aufgenommen hat, auch wenn erst wenige Shops diese Option freigeschaltet haben.

Wenn man mit Kuntze über das Verhältnis zu Genehmigungen und Erlaubnissen fragt, stößt man auf einen Unterschied im Verhältnis zu Behörden. In Deutschland sollte man davon ausgehen, dass etwas im Zweifel erlaubnispflichtig ist. Die Politik hat bereits reguliert: die BaFin hat Bitcoins aufsichtsrechtlich eingeordnet, und das Finanzministerium hat sie verumsatzsteuert, was insgesamt auch Vorteile hat. In den Niederlanden wartet man dagegen auf die EU bzw. die Europäische Bankenaufsicht.* Bis dahin ist etwas im Zweifel eher erlaubt.

Der gewerbliche Verkauf von Bitcoins könnte in den Niederlanden wie in Deutschland der Umsatzsteuer unterliegen. Die meisten Händler, meint Kuntze, fragen bei den Finanzämtern an, ob sie eine Befreiung bekommen, was in der Regel auch gewährt wird.

Mit der Stichting Bitcoin setzt er sich für die Rechtsstellung des Bitcoins ein und für die Aufklärung über virtuelle Währungen. Die Stichting unterstützt wissenschaftliche Projekte zum Bitcoin und bietet der Community eine Plattform für verschiedene Projekte. „Wir glauben, dass Kooperation in der Bitcoin-Welt extrem wichtig ist, daher arbeiten wir mit der Bitcoin Foundation und auch der Global Bitcoin Alliance zusammen.“

Gleichzeitig wird Carl Kuntze demnächst Coinqy launchen. Die Firma vergibt Einladungen, es haben sich schon 239 User angemeldet, die Wallets werden im vierten Quartal eröffnet. Betatester können sich hier anmelden.

* Für die europäische Bankenaufsicht dürfte der Bitcoin in diesem Stadium allerdings noch zu klein sein. Der Bitcoin ist zwar groß für eine virtuelle, aus dem Nichts entstandene Währung – verdammt groß – aber in den volkswirtschaftlichen Dimensionen der USA, China oder der EU gemessen, ziemlich winzig. Aufschlussreich dazu ist Zhang Weiwus Analyse zur Situation in China.

Der zentrale Multi-Coin-Zahlungsprovider Cointopay

Vermutlich würde auch das zweite hier vorgestellte Startup in Deutschland die Sache mit der Aufsicht vorsichtiger angehen: Der Zahlungsdienstleister Cointopay. Dessen Marketing-Managerin, Stelle Johanson, stellt Cointopay als „ersten dezentralen Payment-Provider“ vor: „Wir wollen Bitcoins und Litecoins vorwärtsbringen, alle von ihnen und für alle. BitPay und Coinbase sind zentralisiert. Wir lassen den Kunden wählen, wie zentral es sein soll.“

Stelle Johanson

Cointopay wickelt die Zahlungen für Shops ab, die Kryptowährungen akzeptieren wollen. Nach zwei freien Monaten kostet es 0,5 Prozent. Neben Bitcoins unterstützt cointopay viele weitere Kryptowährungen wie Dogecoin, Litecoin, Cannabiscoin oder Blackcoin, ausbezahlt wird in der Währung nach Wahl, gerne auch Euro, Dollar oder Rubel.

Es gibt vier Modelle mit aufsteigender Autonomie: Secure-Cloud, Self-Hosted, Autonomy und Franchise. Der Kunde kann etwa entscheiden, ob er die Coins auf der eigenen Wallet empfangen will, er kann aber auch als franchise-Partner sein eigener Zahlungsdienstleister sein. Cointopay hat darüber hinaus ein wordpress-plugin, eine shopify-Integration und kooperiert mit ECWID.com.

Mit seinem Krypto-Market ist cointopay darüber hinaus eine Art Gemischwarenmarkt, wo man allerlei Dinge in allerlei Währungen kaufen kann, von der Bitcoin-Beratung für Darkcoins, einem Strauß Kryptocoins zu T-Shirts und einem Wassereimer für Blackcoins. Profitabel ist Cointopay mit all dem allerdings noch nicht. Dazu braucht es mehr als die 20 aktiven Kunden bisher, über die Stelle nicht viel verraten möchte.

Auch über die niederländische Bitcoin-Szene kann die PR-Managerin nicht viel erzählen:“ Ich habe nicht viel Kontakt zu den anderen Bitcoinern hier. Die meisten folgen zu sehr der Foundation. Wir sind für Dezentralität und möchten weder mit der Bitcoin-Foundation noch mit der Stichting verbunden werden.“ Dasselbe trifft auf Investoren zu: „Es gibt in Europa nicht viel Geld, das in junge Projekte fließt, das ist in den USA anders,“ meint Stelle, „aber wir wollen auch keine Investoren, da Kapital jedes Geschäft verändert. Wir wollen autonom bleiben, auch wenn das unser Wachstum bremst.“

Cointopay ist eine Idealisten-Firma. „Klar sind wir das. Schau‘ dir Satoshi an, was er gemacht hat, kann man nicht ohne Politik verstehen. Das ganze setup des Bitcoins ist politisch. Die libertären Parteien haben aufgehört zu existieren, das zeigt, dass man die Gesellschaft nicht durch Politik ändern kann. Satoshi hat die politischen Leader, die Leute in den Anzügen, einfach mit einer Sache konfrontiert, die nicht mehr weggeht.“ Im Kern liegt Anonymität und Privatheit: „Das fehlt. Die deutsche Stasi ist zurückgekehrt, nur noch viel schlimmer, dank Big Data, das hätte man sich früher nicht ausmalen können. Die Post darf deine Briefe nicht öffnen, aber die große Cloud darf mitlesen. Alles was wir wollen, ist unsere Privatsphäre zurück zu bekommen. Das ist unser Idealismus.“

Was die Aufsicht angeht, sieht es Stelle wie Carl Kuntze: Solange die EU nicht reguliert, benötigt man keine Lizenz.

Cointopay sucht derzeit übrigens Altcoin-Partner für die SecureCloud.

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