Sollte das sehr wahrscheinliche Ereignis eintreten, dass der Bitcoin die Geldherrschaft an sich reisst, benötigen wir eine adäquate ökonomische Schule: die Blockwirtschaftslehre. Nachdem sich der erste Teil der Einführung in diese wirtschaftswissenschaftliche Disziplin, die es noch nicht gibt, dem Wesen der Deflation gewidmet hat, handelt der zweite Teil nun vom Wert bzw. Preis des Geldes. Ein Thema, das zwar nur mittelfristig relevant ist, aber unter Investoren, Spekulanten und Trader eine große Bedeutung genießt.
Es klingt zunächst paradox, nach dem Preis des Geldes zu fragen. Schließlich ist dieses die Einheit, in welcher der Preis von allem anderen – von Brot, Öl, Diamanten – angegeben wird.
Da es keinen Sinn ergibt, den Wert des Geldes in Brot oder Kaffee zu beziffern – dies würde Brot oder Kaffee selbst zu einem Geld machen – benötigen wir eine anderer Währung, um zu bestimmen, wie viel Geld wert ist. So kann man etwa den Wert des Euros in Dollar, Franken und mehr angeben.
Dies ist der Grund, weshalb das Thema „Preis des Geldes“ für die Blockwirtschaftslehre nur eine mittelfristige Relevanz hat: Eine singuläre Weltwährung – und vom Bitcoin ist es zu erwarten, dass er eine solche werden wird – kann mangels eines anderen Mediums gar keinen Preis haben, da sie so sehr Maß aller Dinge ist, dass sie über der Messbarkeit steht.
Vorerst jedoch genießt der Preis des Geldes eine enorme Bedeutung für Blockwirtschaftswissenschaftler. Die große Frage ist daher: wie entsteht er? Wir werden zuerst über die Mechanismen reden, die den Preis schaffen, und anschließend fragen, welcher Preis des Geldes ein realistischer Preis ist.
Auf den Börsen trifft ein kontrolliertes Angebot auf eine unberechenbare Nachfrage
„That was supposed to be going up, wasn’t it?“ von Rafael Matsunaga via flickr.com. Lizenz: Creative Commons
So gut wie immer, wenn man nach dem Preis eines Dinges fragt, erhält man eine triviale, aber richtige Antwort: Der Preis ist ein Produkt aus Angebot und Nachfrage. Wenn mehr Menschen Bitcoins kaufen als verkaufen, steigt der Preis, und wenn die Sache andersrum abläuft, fällt er. Angebot und Nachfrage entscheiden also darüber, in welche Richtung sich der Preis bewegt. Dazu ein paar entscheidende Punkte:
- Die Börsen: Es gibt 60 bis 70 globale Bitcoin-Handelsplätze für den Handel gegen mehr als 30 Währungen. Wirklich preisentscheidend dürften allerdings nur die 10 Handelsplätze mit dem höchsten Handelsvolumen sein, während die anderen eher „nachrücken“.
- Die Börsen stellen allerdings nur eine Art Spitze des Eisbergs dar, auf denen sich die anderen preisbildenden Kräfte bündeln. Es gibt weltweit zahlreiche „Wechselstuben“, bei denen zu vordefinierten Preisen, die sich meist an den großen Börsen orientieren, Bitcoins gekauft oder verkauft werden. Diese Wechselstuben tragen entscheidend dazu bei, dass auf den großen Börsen ein Volumen entsteht.
All das ist nicht wirklich speziell. Die Blockwirtschaftslehre unterscheidet sich bis hierhin keinen Deut von herkömmlichen ökonomischen Disziplinen. Wenden wir uns jedoch dem Geldangebot zu, treffen wir auf eine Besonderheit: Denn während dieses in der traditionellen Ökonomie durch Zentralbanken flexibel an die gewünschte Entwicklung angepasst wird, wird es beim Bitcoin durch das Protokoll fixiert. Ungefähr alle zehn Minuten entstehen derzeit 25 neue Bitcoins. Eine Zentralbank würde vermutlich, um dem aktuellen Preisverfall des Bitcoins entgegenwirken, das Angebot drosseln, und es während deflationärer Perioden ausweiten, um den Kurs stabil zu halten.
In der Blockwirtschaftslehre steht in Sachen Preisbildung also ein starres Angebot einer flexiblen Nachfrage entgegen. Dies ist ein ganz entscheidender Punkt. Egal, ob die Nachfrage nach dem virtuellen Geld steigt oder sinkt, das Angebot wächst mit derselben Rate. Block um Block werden 25 neue Bitcoins geboren, ab irgendwann 2016 nur noch 12,5. Dass diese Rate im Lauf der Zeit sinkt, führt, wie schon im ersten Teil ausgeführt, zu einem langfristig deflationären Charakter der Kryptowährung.
Manche Blockwirtschaftler sind der Meinung, in diesem ungleichen Mechanismus hinter Angebot und Nachfrage sei bereits der Hund begraben. Es sei unmöglich, dass der Bitcoin jemals einen stabilen Preis entwickle. Solange das Geldangebot nicht an die Geldnachfrage angepasst werden kann, sei die virtuelle Währung zu hoher Volatilität verdammt.
Forschungsgebiete der Blockwirtschaftslehre
An dieser Stelle möchte ich eine kurze Pause einlegen, um aus dem bisher Gesagten einige Forschungsgebiete der Blockwirtschaftslehre abzuleiten:
- Die preisbildenden Marktmechanismen: Diese wichtige, jedoch eher klassische wirtschaftswissenschaftliche Fleissarbeit erforscht anhand traditioneller Preismodelle und empirischer Daten aus der Bitcoin-Wirtschaft, wie der Preis im Wechselspiel der Börsen entsteht. Verschiedene Studien sollten sich den verschiedensten Faktoren zuwenden – etwa die Handelsgebühren, die Möglichkeit, mit Hebel short oder long zu traden, die Verfügbarkeit von Wechselstuben und vieles mehr.
- Aufgrund der weitgehend unregulierten Natur des Bitcoin-Handels stellt die Blockwirtschaftslehre ein spannendes Experimentierfeld dar. Zu klären wäre, wieweit sich Eigenhandel der Börsen oder manipulative Preisabsprachen auf die Preisbildung auswirken. Weiter kann die Blockwirtschaftslehre als ein Laborversuch der schnellen Entstehung von Märkten betrachtet werden. Während die klassischen Märkte sich über Jahrzehnte hinweg mit der Geschwindigkeit der vordigitalen Wirtschaft herausgebildet haben, haben sich beim Bitcoin-Handel viele Tradinginstrumente wie Bot- oder Marginhandel „über Nacht“ etabliert. Es wäre spannend, zu erforschen, welche Auswirkung diese auf die Preisbildung nehmen.
- Ein sehr großes Thema der Blockwirtschaftslehre ist die Volatilität. Insbesondere durch theoretische Annahmen ist ein Modell zu bilden, ob ein unflexibles Angebot zu stabilen Preisen führen kann und welche Mechanismen und Werkzeuge dazu beitragen.
- Eine weitere spannende Frage dürfte die Rolle der sogenannten Altcoins – alternative virtuelle Währungen – spielen. Welchen Einfluss hat es auf den Preis des Bitcoins, wenn dieser nicht nur gegen klassische Fiat-Währungen, sondern auch gegen andere virtuelle Währung getauscht werden kann?
Alles bisher gesagte ging um die Mechanismen der Preisbildung. Dies ist aber nur ein Teil der Frage nach dem Preis des Geldes.
Eine Formel für den „wahren Preis“ des Bitcoins
Gibt es eine Theorie, die bestimmt, welcher Bitcoin-Preis angemessen und realistisch ist? Ja, die gibt es. Man findet sie in der herkömmlichen Ökonomie und sie wird die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes genannt. In diesem Wert liegen die wichtigsten Faktoren, um zu bestimmen, wie viel ein Bitcoin wert sein sollte bzw. wie sich der Preis durch die ihn umrandende Wirtschaft zusammensetzt. Die Umlaufgeschwindigkeit sagt, wie oft im Jahr eine Einheit eines Geldes genutzt wird, um etwas volkswirtschaftlich relevantes zu erwerben. Die Formel lautet:
V (Umlaufgeschwindigkeit) = B (Bruttonationalprodukt) / M (Geldmenge)
Hohe Geschwindigkeit führt zum Crash – sowohl im Auto als auch auf Bitcoin-Börsen. Bild: Ludicrous Speed von Dan DeChiaro via flickr.com. Lizenz: Creative Commons
Einige Beispiele sollten verdeutlichen, was die Umlaufgeschwindigkeit über den Preis des Bitcoins aussagt. Als Blockwirtschaftswissenschaftler sind wir in der glücklichen Lage, eine der drei Variablen – die Geldmenge – exakt zu kennen. Sie beträgt zum Zeitpunkt des Schreibens 13.824.700 BTC.
Wenn wir annehmen, dass 1 BTC 200 Euro wert ist und einmal am Tag benutzt wird, können wir den Markt (B) bestimmen, den der Bitcoin bedienen kann:
V (365) = B / 13.824.700*200
Also: B = 13.824.700 * 200 * 365 = 1.009.203.100.000.
Dies wäre ein 1-Billionen-Euro-Markt. Ziemlich viel, oder?
Wäre dagegen die Umlaufgeschwindigkeit des Bitcoin nur 1, ergäbe dies einen 2,7 Milliarden-Euro-Markt. Das Beispiel zeigt also, dass die Nachfrage nach Geld mit steigender Umlaufgeschwindigkeit sinkt. Es ist wichtig zu verstehen, dass ein Geld, das öfter benutzt wird, nicht mehr, sondern weniger wert ist. Je häufiger eine Einheit eines Geldes verwendet wird, um etwas zu bezahlen, desto geringer ist die Nachfrage nach Geld. Man kann es sich so vorstellen: Wenn wir alle Wiederkäuer wären, und ich die Pizza, die ich bestellt habe, ausspucke, damit sie meine Familie isst, würde die Nachfrage nach Pizza sinken.
Wichtiger für unsere Fragestellung ist aber: Zwei Werte – die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sowie der Markt, den der Bitcoin bedient – reichen aus, um seinen realistischen Preis zu definieren. Oder, andersherum: Bei einem gegebenen Preis kann man so erkennen, ob dieser realistisch ist.
Bleiben zwei Fragen:
Wie hoch ist die Umlaufgeschwindigkeit (1) und wie groß ist der Markt, den der Bitcoin bedient (2)?
Beide Fragen sind nicht ganz einfach zu beantworten, aber wir haben einige Anhaltspunkte.
(1) Aufgrund von Studien der klassischen Volkswirtschaftslehre wissen wir, wie hoch die Umlaufgeschwindigkeit klassischer Währungen wie des Euro oder Dollar ist. Die Wikipedia schenkt uns für den Dollar 3 Werte: Einen für die Geldmenge M1, bestehend aus Barbeständen und Dollar-Sichteinlagen, einen für die Geldmenge M2, die zudem noch Girokontenbestände, Geldmarktbestände sowie Einlagenzertifikate wie Staatsanleihen einschließt, und schließlich einen für die Geldmenge MZ, die zudem noch die institutionellen Festgeld- und Geldmarktkonten berücksichtigt. Die Ergebnisse sind:
- Für M1 hat sich die Umlaufgeschwindigkeit in den vergangenen zehn Jahren zwischen 6 und 10 bewegt
- Für M2 zwischen 1,5 und 2,1
- Für MZ zwischen 1,5 und 2,5
Dies zeigt, dass der Dollar mit einem Viertel seines Wertes auskommen könnte, wenn er vollständig in Bar oder als Sichteinlage verfügbar wäre. 75 Prozent des Dollawertes beruhen demnach darauf, dass er eben nicht als Zahlungsmittel genutzt wird, sondern in Geldmarkt- und Festgeldkonten „eingefroren“ wird.
Für den Bitcoin können wir sagen: Bei einer Umlaufgeschwindigkeit wie M1 (im Durchschitt 8) und einem Preis von 200 Euro bedient er einen Markt mit dem jährlichen Volumen von etwa 22 Milliarden. Bei einer Umlaufgeschwindigkeit wie MZ dagegen sinkt dieses Volumen auf knapp 5 Milliarden Euro Umsatz.
Gibt es Angben zur tatsächlichen Umlaufgeschwindigkeit des Bitcoins? Schließlich hat dieser als digitales Bargeld den für die Preisbildung sehr negativen Vorteil, dass er ruck-zuck von A nach B und von B nach C, D und E geflippt ist. Konkrete Angaben gibt es nicht im Mindesten. Blockchain.info hat allerdings eine Statistik, die das tägliche Transaktionsvolumen zeigt und versucht, das Wechselgeld herauszurechnen. Dies kann zumindest einen Hinweis darauf geben, wie oft sich ein existierender Bitcoin im Jahr bewegt. Grob gesagt bewegte sich das tägliche Transaktionsvolumen in den vergangenen zwölf Monaten zwischen 70.000 und 250.000 Bitcoins, wenn man die absoluten Spitzen und Gräben übersieht. Ein grober Durchschnitt dürfte bei etwa 110.000 BTC liegen. Wenn wir also rechnen
(110.000 * 365) / 13.000.000 (durchschnittlicher Bestand an Bitcoins in den vergangenen zwölf Monaten)
erhalten wir einen Wert um die 3 herum. Für übertriebene Genauigkeit in den Zahlen besteht bei derart miserablen Quellen keinerlei Notwendigkeit. Das Ziel ist es, ungefähre Anhaltspunkte zu erhalten. Jedes Ergebnis sollte daher auch eher als Wahrscheinlichkeitsraum +/-25% verstanden werden.
Wenn man nun annimmt, dass sich jeder Bitcoin drei Mal im Jahr bewegt hat, bedeutet dies aber noch nicht, dass diese Bewegung eine wirtschaftliche Transaktion dargestellt hat, die zum Bruttonationalprodukt zählt. Schließlich kann eine Transaktion auch bedeuten, dass ich meinen Bitcoin auf ein anderes Konto schiebe oder dass ich meine Bitcoin in einen Mixer werfe, der durch viele viele weitere Transaktionen den Bitcoin „privatisiert“. So gesehen dürfte die tatsächliche Umlaufgeschwindigkeit noch ein Stückchen tiefer liegen. Wild spekuliert können wir Werte wie für M2 oder MZ – 1,5 bis 2,1 – oder noch tiefer annehmen. Wir haben also mehrere sehr grobe Anhaltspunkte zur Umlaufgeschwindigkeit von Bitcoins: 3 (V1), 1,8 (V2) und 1,2 (V3)
(2) Anhand der grob ermittelten Umlaufgeschwindigkeit des Bitcoins und dem Preis können wir errechnen, welchen Markt der Bitcoin bedienen kann. Nun wird es spannend. Für V1 ist sind dies
13.824.700 * 3 * 200 = 8,294 Milliarden Euro. Für V2 4,96 Mrd Euro und für V3 3,041 Mrd. Euro.
Die große Frage ist jedoch: Was ist das Bruttonationalprodukt, das die Währung Bitcoin bedient? Langfristig ist diese Frage banal, da sie mit dem gesamten Weltbruttonationalprodukt zusammenfallen wird. Dieses ist 62,3 Billionen Dollar, womit ein Bitcoin, pessimistisch mit V1 betrachtet, einen Wert von
62.300.000.000.000 / 3 / 21.000.000 (Gesamtzahl aller Bitcoin) = 988.888,888 Dollar haben wird.
Vorerst müssen wir jedoch schätzen, welches Bruttonationalprodukt der Bitcoin bedient. Grob gesagt stellt dies alle Produkte und Leistungen dar, die mit dem Bitcoin bezahlt werden. Dies wären
- Dienstleistungen (IT, Design, Journalismus, Werbung, Börsen, Wechselstuben, Zahlungsdienstleister)
- Güter (alle Händler, die Bitcoins akzeptieren)
- Altcoins
- der Schwarzmarkt (Drogen, Hacker, Erpressung)
- Fiat-Geld
Wie hoch die jeweiligen Marktvolumen sind, kann ich nicht sagen. Man kann lediglich feststellen, dass der derzeitige Preis für einen Markt im Umfang von 3-10 Milliarden Euro realistisch ist. Genauere Angaben herauszufinden ist eine empirische Aufgabe für die Blockwirtschaftslehre – neben vielen weiteren, die etwa erfassen, wie viel Prozent des täglichen Transaktionsvolumens tatsächlich dem Erwerb von Gütern gewidmet ist und wie viel nicht.
Eine weitere interessante Anmerkung zur Umlaufgeschwindigkeit muss sich der Praxis von Zahlungsdienstleistern widmen, die Bitcoins sofort gegen Euro, Dollar oder andere Fiat-Währungen umzutauschen, sei es, dass dies geschieht, wenn jemand ein virtuelles Produkt erwirbt, sei es, wenn jemand eine Pizza bestellt, und sei es, wenn jemand Geld zu seinen Verwandten auf den Philippinen sendet. In diesem Fall wird aus einer Transaktion – Geld von mir zum Pizzaboten – zwei Transaktionen – Bitcoins gegen Pizza, Bitcoins gegen Euro. Diese Praxis hat somit gleich zwei nachteilige Effekte auf den Preis: Zum einen wirkt sie auf die oben beschriebenen Mechanismen von Angebot und Nachfrage ein, und zum anderen verdoppelt sie die Umlaufgeschwindigkeit eines Bitcoins je Transaktion. Auch dies ist ein Thema, über das im Raum der Blockwirtschaftslehre noch die eine oder andere Forschungsarbeit zu schreiben sein wird. Neben sehr vielen anderen.

