Huhu Ripple-Fans! Nachdem der letzte Artikel über Ripple eher negativ gefärbt war, zeigen wir die Sache nun von der stärksten Seite. Was kann Ripple, was Bitcoin nicht kann – und wie funktioniert es?
Technik ist zwar neutral, aber der Bitcoin ist Byte gewordene Weltanschauung. Er steht dafür, niemandem zu trauen, aber jedem vieles zuzutrauen, dafür, dass Geld niemandem und darum allen gehören, begrenzt vorhanden und privat sein soll. Ripple dagegen steht für nichts davon. Es ist einfach nur ein prima Krypto-Zahlungsnetzwerk.
So prima, dass bereits mehrere Banken Ripple integriert haben: die Fidor-Bank, die CBW-Bank und die Cross River Bank sowie der Remittance-Service AstroPay und Earthport, ein Service für internationale Überweisungen. Außerdem wurde Ripple Labs zur 4.-innovatisten Finanzfirma 2015 ernannt und ist Mitglied der W3C Web Payment Interest Group.
Als Zahlungssystem ist Ripple viel schneller als der Bitcoin und benötigt nur einen Bruchteil so viel Energie. Als Netzwerk ist es eine Art dezentrale Börse und ein dezentraler Zahlungsdienstleister mit zentraler Währung. Da, wo der Bitcoin offen ist – bei der Geldschöpfung – ist Ripple geschlossen, und da, wo der Bitcoin geschlossene Zirkel benötigt – beim Geldwechsel – ist Ripple offen.
„Ripple = decentralized BitPay, not centralized Bitcoin“
Die Währung XRP ist, da sind sich alle einig, viel zentralisierter als der Bitcoin. Fast alle Währungseinheiten sind in der Hand von Ripple Labs. Laut der Firma hilft dies, die virtuellen Münzen besser zu verteilen. Währung beim Bitcoin immer mehr der neu geschaffenen Coins in den Händen von den wenigen landen, die sich das Mining noch in großem Stil leisten können, kann eine zentrale Verteilung durch Ripple Labs dafür sorgen, dass die XRP, irgendwann, einigermaßen fair verteilt worden sind.
Man kann jetzt „Juhu, Gerechtigkeit“ rufen oder „Buhu, Absolutismus“. Oder man lässt es. Denn, und auch da sind sich alle einig: Bei Ripple geht es nicht um die Währung. Wer in Ripple nur den XRP sieht, wird das System nie verstehen. Viel eher sollte man Ripple als Zahlungssystem oder Börse denken.
„So wie der Bitcoin das ideale Bargeld sein will, will Ripple die ideale Plattform für Giralgeld sein“, erklärt Sukrim, der derzeit seine Bachelorarbeit über Ripple schreibt. „Ripple ist eine zentralisierte Währung, aber eine dezentrale Börse und ein dezentraler Zahlungsservice.“
Die Blockchain heißt Ledger und speichert alles
Wie schon hier geschrieben, verwandelt Ripple alles, was ins System hineingeht, in Schuldgeld (oder in Gutscheine oder Versprechen). Das ist umstritten, weil es eben Schuldgeld ist, aber gut, weil Ripple so jede Art von Währung fassen und verarbeiten kann. Die Datenbank, in die all das hineingeht, heißt hier Ledger. In ihr stehen nicht nur die Guthaben und Transaktionen aller Währungen (egal, ob Fiat oder Krypto), sondern auch die Tauschangebote, die jemand macht, sowie die abgeschlossenen Trades.
Das dezentrale Prinzip, das beim Bitcoin die Abwicklung jeder Transaktion durch die Blockchain garantiert, erstreckt sich bei Ripple also auch auf den Währungshandel.
Transaktionen sind in Sekunden bestätigt
Ripple benutzt eine andere Datenbankstruktur als Bitcoin. Die Details sind kompliziert. „Hauptvorteil ist, dass man nicht von Genesis weg alles verifizieren muss, um den aktuellen Stand des Netzwerks zu errechnen, sondern den aktuell gültigen Stand schnell erfahren kann,“ so Sukrim, „Ripple hat derzeit mehrere 100GB an Transaktionsdaten, aber man kann einen Validator trotzdem innerhalb von wenigen Minuten oder Sekunden an’s Netz bringen, da Auszüge aus dem Ledger ausreichen.“
Auch bei der Bestätigung von Transaktionen ist der Ripple schneller. Beim Bitcoin können schon mal zehn Minuten oder gar eine Stunde verstreichen, bis eine Transaktion bestätigt ist. Bei Ripple dauert es nur wenige Sekunden. Und zwar ohne dass Miner Unmengen an Strom ins System pumpen oder gar speziell fürs Mining gemachte Maschinen bauen müssen.
Consensus – gültig ohne Mining
Um es gleich zu sagen: Das Consensus genannte Verfahren, durch das Ripple Transaktionen bestätigt, ist wahnsinnig kompliziert, und ich gehöre nicht zu den wenigen Menschen auf dieser Welt, die das Verfahren wirklich verstehen. Sukrum, der vielleicht zu diesem kleinen Kreis gehört, erklärt es mit einem Bild:
„Man kann sich beim Bitcoin vorstellen, dass 100 Leute in einem Raum sind und schwierige Sudokus lösen. Ab und zu ruft einer ‚Juhuu, geschafft – hier ist meine Lösung! Falls ihr sie akzeptiert, gelten folgende Transaktionen als durchgeführt: …‘ – alle überprüfen die Lösung und erstellen daraus ihr neues Rätsel und machen weiter. Bei Ripple gibt es ebenfalls 100 Leute in einem Raum, diesmal aber ’nur‘ mit der Fähigkeit, etwas sicher und überprüfbar zu unterschreiben. Sobald nun eine neue Transaktion ankommt, versucht jeder diese Transaktion anzuwenden, unterschreibt das Ergebnis und ruft das in den Raum hinein. Solange sich alle einig sind, alles kein Problem – in dem Fall wird das Ergebnis als neuer Stand der Dinge publiziert und fertig.“
Das bedeutet: jeder der einen Ripple-Validator führt, darf mit abstimmen, ob die neuen Transaktionen gültig sind. Sind sich alle einig, wird die Ledger aktualisiert. Selbstverständlich läuft die Validierung automatisch ab; Ripple Labs verwaltet die Liste mit Validatoren jedoch noch manuell. In Zukunft soll dies jedoch halbautomatisch geschehen.
Was passiert aber, wenn ein Teil der Leute bzw. Server etwas anderes sagt als die anderen? Sukrim erklärt: „Dann kommt es darauf an, wem die Validatoren mehr ‚vertrauen‘. Vertrauen bedeutet hier, dass darauf vertraut wird, dass die anderen nicht im Geheimen zusammenarbeiten oder „Sockenpuppen“ sind.“ Der Consensus-Algorithmus sorgt so auf eine recht komplexe Weise dafür, dass immer die Transaktion, die am meisten Vertrauen genießt, bestätigt wird.
Auf diese Weise hat Ripple das, was Bitcoin beseitigt hat, dezentralisiert: das Vertrauen. Es wird so zur Stütze sicherer Transaktionen.
Warum Open Source nicht immer die beste Lösung ist
Auch etwas anderes, das der Bitcoin abgeschafft hat, kehrt mit Ripple zurück: eine Art Zentralbank. Bei Ripple ist dies Ripple Labs. Zwar ist der Code von Ripple Open Source, aber faktisch ist Ripple Labs die Institution, die die Entwicklung des Codes leitet und wie eine Zentralbank die Geldmenge steuert.
Man kann gegen solche Institutionen sein – oder dafür. Eine Zentralbank steuert die Geldmenge ja nicht (nur) aus Spaß und Narredei, sondern auch, um die Wirtschaft (positiv) zu beeinflussen. Und wer verlangt, dass jede Softwareentwicklung nur unentgeltlich über Open Source betrieben wird, der vergisst, dass die für die zeitgenössische Software-Architektur wichtigsten Firmen – google, apple, Mircrosoft, IBM, Oracle, SAP, Adobe etc. – allesamt closed source sind. Dasselbe gilt für richtig gute Computerspiele.
Genau das hat Jaron Lanier schon vor einigen Jahren gesagt. Lanier ist zwar einer der nervtötendsten Schriftsteller der Gegenwart, der seit Jahren Ströme der Konfusität und Selbstgefälligkeit in Bücher absondert, in denen er die junge Generation dafür anklagt, das Internet verschandelt zu haben, das er und seine Kumpels seinerzeit gebaut haben. Aber gelegentlich verirrt sich in diese Ergüsse ein Argument, das nachdenklich macht. Etwa über Open Source: „Ein ehrlicher Empiriker muss erkennen, dass Open Source zwar in der Lage war, hübsche Kopien zu erzeugen, aber unfähig, bemerkenswerte Originale zu kreieren.“ Die Innovationen kommen von Konzernen mit geschlossenem Code, während Open Source nur kopiert. Linux ist eine Kopie eines Betriebssystems, Open Office von Word, Thunderbird von Outlook und so weiter.
So gesehen ist die Zentriertheit von Ripple um eine Firma herum ein Vorteil: Die kontrollierte Steuerung des Angebots an XRP kann den Kurs stabilisieren, Ripple Labs kann der Entwicklung des Codes ein Ziel und eine Struktur geben, und Banken und Regulierer haben einen Ansprechpartner und Hauptverantwortlichen.
Es ist zwar längst nicht alles gut bei Ripple – das Consensus-Verfahren hat noch einige Schwachstellen, es gibt viel zu wenig Nodes, ein zu großer Anteil der Validatoren ist in der Hand von Ripple Labs, die Verbreitung als Währung oder auch als Zahlungssystem ist quasi nicht existent – aber man kommt nicht umhin, festzustellen: Als Protokoll für Geld im allgemeinen bringt Ripple sehr gute Voraussetzungen mit. Vielleicht sogar bessere als der Bitcoin, der angetreten ist, um das System über den Haufen zu werfen. Ripple dagegen fügt sich gut ins System ein und kann es effektiver machen.

