Stellen Sie sich vor, Sie wachen einmal in einer Welt auf, in der es kein Bargeld mehr gibt. Ist das gut oder schlecht? Und kann das überhaupt möglich sein? Ulrich Horstmann und Gerald Mann haben in einem kleinen Büchlein beschrieben, wie ein kommendes Bargeldverbot ablaufen könnte – und welche Folgen es für jeden hat.
Manchmal machen kleine Details einen großen Unterschied. Die schnöde Frage, ob man bar oder mit Karte bezahlt, entscheidet man gewöhnlich aus reiner Bequemlichkeit. Sind ein paar Scheinchen im Geldbeutel, nimmt man diese, wenn nicht, greift man zur Karte. Unter der richtigen Perspektive ist die Frage nach dem Mittel des Bezahlens aber eine streng politische Frage – nämlich die nach Freiheit oder Diktatur. Bargeld ist das Papier der Freiheit, die Karte das Plastik des Totalitarismus. Dies zumindest ist eine Aussage des kleinen Büchleins „Bargeldverbot“ von Ulrich Horstmann und Gerald Mann, das vor kurzem im Münchner Finanzbuchverlag für 6,99 Euro erschienen ist. Die zweite Aussage ist, dass jenes Bargeldverbot schon näher ist, als man meint.
Die große Furcht vor dem Verbot von Bargeld nähert sich in jüngster Zeit durch eine Rede des US-Ökonomen Kenneth R. Rogoff in München. In dieser hatte der Ökonom gefordert, die Abschaffung des Bargeldes entschiedener voranzutreiben. Denn auf der einen Seite bilde Bargeld den Nährboden von Kriminalität und Drogenhandel, und auf der anderen Seite verhindere es die Durchsetzung von Niedrigzinsen, wie sie Europa in diesen Tagen brauche, um seine Inflation anzutreiben.
Rogoff ist dabei nicht der einzige, der die Kriminalität als Argument vorschiebt, um Bargeld abzuschaffen. Auch die Gewerkschafterin Marie Löök aus Schweden, wo Bargeld kaum mehr benutzt wird, meinte, dass nur der Bargeld benutze, der etwas zu verbergen habe. Wie wohl Bargeld eine Rolle im finanziellen Kreislauf der organisierten Kriminalität spielen mag (so wie übrigens auch Immobilien), ist dies längst nicht das einzige Ziel, welches manche Ökonomen unverblümt mit der Abschaffung von Bargeld verbinden. So argumentiert Rogoff ja auch damit, dass Bargeld die Notenbanken darin behindere, eine rationale Geldpolitik zu führen. Denn wenn die Bürger kein Bargeld abheben können, lassen sich deutliche Niedrigzinsen installieren, die wie eine Strafgebühr auf Konsumverweigerung wirken. Der Bürger verliert das Recht, mit dem Bankrun „Nein“ zur Politik der Zentralbanken zu sagen, was Rogoff, wohlgemerkt, für wünschenswert hält.
Für Horstmann und Mann ist diese Enteignung von Sparern nicht der einzige Alptraum der Bargeldabschaffung. Neben dieser finanziellen Repression fürchten die beiden den Aufstieg des „gläsernen Zahlers“. Wenn nichts mehr mit Bargeld bezahlt wird und alle Finanzströme, die über Dienstleister und Banken gehen, durch den großen Fleischwolf Big Data analysiert werden, kann es vorkommen, dass man eines Tages bezahlen will, aber die Karte es einem nicht erlaubt, weil man Tabak und Alkohol kaufen will. Dass das nicht unrealistisch ist, zeigen etwa die Banken, die wikileaks blockiert haben oder die zahlreichen Blockaden potenziell unliebsamer Händler durch PayPal. Horstmann und Mann gehen aber noch weiter und stellen sich vor, wie es „smarte“ Lebensmittelmarken gibt, die die Empfänger von Sozialhilfe tatsächlich nur für Lebensmittel ausgeben können.
Wörter sind Information, Geldscheine sind Taten. Ein vollelektronisches Zahlungssystem, das absolut transparent und unter völliger Kontrolle von Staaten ist, wäre der Traum aller Diktatoren a la Orwell, und der Alptraum eines jeden Bürgers, der an Freiheit interessiert ist und nicht darauf vertrauen möchte, dass die Staatsgewalt immer gut sein wird. Ein Bürger ohne Bargeld gibt eben ein Stück Kontrolle an den Staat und die das Geld prozessierenden Großkonzerne ab, und keiner kann garantieren, dass die Datenschutzrechte, die ihn heute vor Missbrauch schützen, auch übermorgen noch Geltung haben.
Während die Bundesbank derzeit noch beteuert, dass Bargeld als „geprägte Freiheit“ weiterhin das beliebteste Zahlungsmittel in Deutschland ist „und das auch bleiben wird“ sehen die beiden Autoren die Abschaffung des Bargeldes bereits weit fortgeschritten. Seit 2005 schränken kontinuierlich verschärfte Restriktionen den Umlauf des Bargeldes ein, was damit anfängt, dass ein Grenzübertritt mit mehr als 10.000 Euro in bar beim Zoll angemeldet werden muss und damit aufhört, dass in Griechenland, Italien, Spanien, Belgien und Frankreich nur noch limitierte Beträge in bar bezahlt werden dürfen. Horstmann und Mann zeichnen ein Szenario, wie die künftige Bargeldabschaffung ablaufen kann: Zunächst beginnt ein „War on cash“, der medial damit beginnt, dass die hohe Anzahl von Bakterien in Bargeld immer mehr thematisiert wird. 2018 beginnt dann die Aussortierung von 200-Euro- und 500-Euro-Scheinen und die Limits für die Bezahlung mit Bargeld sinken auf 500 oder 250 Euro. Die Gegner der Bargeldabschaffung werden in den Medien immer stärker in die Nähe von Verbrechern und Terroristen gerückt, das Bargeld schleicht sich aus, und ein vollständiges Verbot trifft auf so gut wie keinen Widerstand mehr.
Dieses Szenario ist selbstverständlich reine Hypothese. Wie die Autoren selbst schreiben, bedarf eine Bargeldabschaffung einer breiten internationalen Koalition der Willigen. Falls sich jedoch die Euro-Krise weiter zuspitzt, falls Bargeld von zunehmend restriktiveren Regierungen mehr und mehr als Hemmstein in der Durchsetzung von Staatsinteressen wahrgenommen wird und falls die steigenden Eingriffe des Staates in die Wirtschaft einen zunehmend wichtigen und blühenden, jedoch als schädlich wahrgenommenen Schwarzmarkt hervorbringen – dann ist die Bargeldabschaffung alles andere als ausgeschlossen.
Die Autoren empfehlen, sich dieses Szenario bewusst zu machen und sich vorzubereiten. Bitcoin als Hilfsmittel gegen ein kommendes Bargeldverbot erwähnen sie zwar, allerdings scheinen sie sich nicht intensiv mit dem digitalen Bargeld beschäftigt zu haben, sondern es in ihrem Mißtrauen gegen alle elektronischen Geldformen im allgemeinen zu eilig zu verwerfen. Dies ist schade und demonstriert die konservative Grundmelodie des Büchleins – mindert aber nicht dessen Verdienst, energisch auf die Gefahr einer kommenden Bargeldabschaffung hinzuweisen.

