Die Veranstalter des Scaling Bitcoin Workshops versuchen, Kontroversen zu unterdrücken, indem sie Blocksize an sich offtopic mache. Doch spätestens als die chinesischen Miner Roger Vers Free Speech Party besuchten, wurde klar, dass es so nicht läuft: Es gab niemals weniger Konsens als nach dem dritten Scaling Bitcoin Workshop.
Kennt ihr das? Jemand sagt zu euch, dass ihr „ja“ sagen sollt, und ihr wollt, alleine deswegen, unbedingt „nein“ sagen? Manchen ging es so, als sie im Flur der Politecnica am Samstag-Vormittag das offizielle T-Shirt zur „Scaling Bitcoin“ entgegennahmen und darauf den Aufdruck „ACK“ entdecken.
Um diese Abkürzung zu verstehen, muss man wissen, dass Bitcoin-Entwickler „ACK“ schreiben, wenn sie mit einem Commit oder einem Proposal auf github einverstanden sind: ACKnowledged, „einverstanden“. Wenn sie nicht einverstanden sind, schreiben sie dagegen „NACK“, Not ACKnowledged.
Wer diesen Code versteht, bemerkt also, dass er eben ein T-Shirt bekommen hat, auf dem steht „Ich bin einverstanden“. Egal, was ihr sagt, egal was ich denke: ACK.
Das könnte natürlich ein Unfall sein, etwa ein schlechter Geschmack der Veranstalter. Dass es jedoch eher ein Hinweis auf mehr – auf ein grundsätzliches Mindset der Veranstaltung – war, zeigte der Verlauf des Workshops sowie der Code of Conduct. Denn neben dem T-Shirt wurde den Besuchern beim Eintritt ein Zettel mit Verhaltensregeln ausgehändigt:
- keine Fotos, keine Aufnahmen
- keine Zitate mit Namen, es sei denn aus den Präsentationen
- Die Veranstaltung dient lediglich dem akademischen Austausch. Entscheidungen sollen nicht diskutiert werden
Die Ausweitung des Offtopic
Das Programm des Workshops enstpricht exakt der Roadmap, die Ende 2015 von den Core-Entwicklern beschlossen wurde. Die Besucher sind da, um zu erfahren, wie es mit dem Programm läuft. Sie dürfen Vorträge hören, nicken, snacken, sich sozialisieren, mehr Vorträge hören, diesen wieder zustimmen, und so weiter. Sie dürfen hingegen nicht an der Roadmap an sich zweifeln.
Der nicht zur Debatte stehende Plan ist, zuerst mit SegWit die notwendige Kapazität zu liefern und dann mit Lightning endgültig und fast endlos zu skalieren. Desweiteren experimentiert man mit Sidechains und kleineren Optimierungen wie dem Austausch des Signaturverfahrens sowie der Verbesserung der Coin Selection.
Die Blocksize, lange das dominante Scaling-Thema, spielt nun überhaupt keine Rolle mehr. Während auf den letzten Scaling Bitcoin Workshops lediglich jene Projekte offtopic waren, die in Eigenregie die Blocksize erhöhten – namentlich XT, Classic und Unlimited – wurde nun die Tabuzone ausgeweitet: Die Blocksize selbst wird als Offtopic behandelt. Sie ist „als Thema einfach nicht interessant“, sagte Eric Lombrezzo.
Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe kein Problem mit der Roadmap. Wenn der Workshop irgendetwas gezeigt hat, dann, dass die Weigerung der Core-Entwickler, den naheliegendsten Weg der Skalierung zu gehen – also die Blocksize zu erhöhen – eine riesige Menge kreativer Energie freigesetzt hat, die in die Erforschung alternativer Lösungen geflossen ist. Das Spektrum an Herangehensweisen an das Scalability-Problem, das auf dem Workshop in Milan präsentiert wurde, ist beeindruckend und gibt Anlass zu sehr viel Optimismus.
Aber, nichtsdestoweniger: muss man die Blocksize deswegen gleich vollständig offtopic machen? Und muss man jedem Teilnehmer ein T-Shirt schenken, auf dem „Ich stimme zu“ steht?
Soziale Fork mit China-Minern
Die meisten Teilnehmer des Workshops hatten kein Problem damit. Unter denen, die nicht ACK, sondern NACK sagen wollten, war Roger Ver wohl der Bekannteste. Der Bitcoin-Promi und Besitzer von Bitcoin.com und r/btc hat zu einer „Free Speech“ Party eingeladen. Wer zu Roger ins Hotel Lombarda kam, unweit der Politecnico di Milano, bekam freies Bier und freie Snacks.
Da zur selben Zeit, deutlich weiter von der Politecnico entfernt, die offizielle Abendveranstaltung stattfand, nannte Organisator Pindar Wong Rogers Party eine „soziale Fork“. Damit demonstrierte er erneut, dass Respekt vor individuellen Entscheidungen nicht unbedingt zu seinen täglichen Geistesübungen gehört.
Im Hotel Lombarda trafen sich laut Roger Ver etwa genauso viele Leute wie auf der offiziellen Abendveranstaltung. Die Mehrheit von ihnen bediente sich am Buffet, trank ein Bier, klöhnte ein wenig herun um dampfte dann ab. Etwa 30 Leute blieben den ganzen Abend.
Das Abendprogramm leitete Roger Ver ein. Er erzählte, dass der Pool von Bitcoin.com mittlerweile mit einer Hashrate von 1,6 Prozent Bitcoin Unlimited Blöcke mined. Dann wies er auf die Attraktion dieser Party hin – auf drei Chinesen, die in den hinteren Reihen des Publikums Platz genommen hatten, zwei von ihnen als einzige in diesem Raum mit weiblicher Begleitung: „Die Miner sind hier. Jihan Wu von Antpool, Haipo Yang von ViaBTC, und dort ist Jack, der keinen Pool, aber sehr viele Miner hat. Keiner der Miner aus China ist auf der offiziellen Veranstaltung.“
Damit trifft Roger ins Schwarze. Man kann es drehen und wenden wie man will – China beherrscht das Mining, und die chinesischen Miner sind auf der Free Speech Party.
Wer sich darüber wundert, hat die Ereignisse der letzten Monate nicht wirklich beobachtet. Vor nicht allzu langer Zeit trafen sich bekanntlich einige Kernentwickler sowie der Blockstream-Boss Adam Back mit den chinesischen Minern, um nach langer Diskussion die „Hongkong Übereinkunft“ zu unterschreiben. In dieser versicherten die Entwickler, dass sie an einer Blocksize-Hardfork arbeiten werden. Dass diese nun geradezu offiziell ins Offtopic abrutscht, dürften Miner – unabhängig vom exakte Wortlaut der Übereinkunft – als Beweis dafür sehen, dass man sie an der Nase herumgeführt hat.
Ausscheren aus der Konsens-Front
Neben den Minern stellte Roger auch Andrew Stone aka „theZerg“ vor, den Chefentwickler von Bitcoin Unlimited, der derzeit heißesten Alternative zu Core. Andrew erzählte ein wenig von Unlimited und beantwortete mit seinen Ko-Entwicklern einige Fragen, die zum Teil so doof waren, dass sie entweder lanciert oder ein Produkt schreiender Missinformation waren.
Anschließend begann der Hauptteil des Free-Speech-Abends, der aus, nun ja – noch mehr Präsentationen bestand. So zeigte ein Unlimited Entwickler, Andrea Suisani, die Ergebnisse eines umfassenden, gemeinsam mit AntPool durchgeführten Tests, wie schnell sich Blöcke mit xthin im Netzwerk verbreiten. Diese Präsentation wurde ebenso wie Andrew Stones Präsentation einer UTXO-reduzierenden Verbesserung der Input-Selektion vom Scaling Bitcoin Kommitee abgelehnt.
Neben diesen Vorträgen ging es auch bei der Free Speech Party vor allem ums Sozialisieren. Für Haipo Yang von ViaBTC war das Kennenlernen wohl so ergiebig, dass er einen Tag später begann, Unlimited Blöcke zu minen und damit als erster großer Pool überhaupt aus der Konsens-Front ausscherte.
Mit einer Rate von gut 10 Prozent Unlimited-Blöcken ist das Netzwerk nun also, zwei Tage nach dem Scaling Bitcoin Workshop, näher an einer kontroversen Hardfork als jemals zuvor. Die T-Shirts mit dem „ACK“-Aufdruck scheinen keine Hilfe dabei gewesen zu sein, einen Konsens zu erzwingen. Das ist, selbst wenn man dem Scalability-Programm der Organisatoren zustimmt, eine beruhigende Nachricht.

