Der E-Mail-Anbieter Proton veröffentlicht eine Bitcoin-Wallet für seine User. An sich ist das eine feine Sache. Doch die Szene hat auch was zu meckern.
Proton, ein auf Privatsphäre und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung fokussierter E-Mail-Anbieter, hat eine Bitcoin-Wallet als Teil seines Accounts entwickelt. Die Wallet, erklärt Proton, sei Open Source, Ende-zu-Ende verschlüsselt und nicht treuhänderisch.
Darüber hinaus können sich User Bitcoins via E-Mail senden – also von ProtonMail zu ProtonMail, was ein hübsches Feature ist. Es bringt die von PayPal gewohnte Nutzererfahrung zu den Besitzern der mehr als 100 Millionen Proton-Accounts. Damit hätte Proton, selbst bei einem nur geringen Anteil aktiver Accounts, eine anständige, vielleicht schon kritische Masse.
Derzeit können wir die Wallet nicht testen. Sie ist nur für User von Proton, und selbst diese müssen sich zunächst auf einer Warteliste eintragen. Insgesamt klingt es aber ganz gut. Die Infrastruktur ist auf den Schweizer Servern von Proton, doch dank der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung kann der Dienstleister dies nicht missbrauchen; er kann noch nicht mal die User ausspionieren. Mit einer optionalen Passphrase kann auch jemand, der Zugriff auf den Account hat, keine Bitcoins stehlen, wer möchte, kann sich mit einer 2-Faktor-Authentifizierung zusätzlich absichern.
Lightning wird noch nicht unterstützt, wie das Bitcoin Magazine etwas pikiert feststellt. Lightning sei, erklärt ein Sprecher von Proton, „sehr schwierig in einer nicht-treuhänderischen Wallet.“ User müssten ihre Channels selbst öffnen und warten, was „in der Nutzererfahrung gegenwärtig nicht wirklich gelöst ist.“ Doch man beobachte die Entwicklung und werde Lightning integrieren, wenn es möglich ist.
Keinen Gedanken verwendet man bei Protos dagegen an die Integration anderer Kryptowährungen. Eine Übersicht auf einer Webseite erklärt, dass Altcoins meistens so etwas wie Betrug seien und in jedem Fall weniger liquide und dezentral als Bitccoin. Auf Twitter (heute X) tönt Proton unverblümter: „Wir unterstützen keine Shitcoins.“
Das freut zwar manche Bitcoin-Maximalisten – irritiert aber viele in der weiteren Community. Gerade Nutzer von Proton, die auf ihre Privatsphäre bedacht wären, hätten gerne den Privacycoin Monero gesehen. So wird nun beklagt, dass Bitcoin im Grunde gar nicht zu Proton passe, da Bitcoin nicht privat, sondern transparent ist, ja: „Anti-Privacy“. Wenn Proton wenigstens Coinjoin, Silent Payments, Whirlpool oder andere Verfahren integriert hätte, um die Privatsphäre zu erhöhen.
Doch so schaden sich E-Mail und Wallet gegenseitig. Die Bitcoin-Wallet reduziert die Privatsphäre der E-Mails, während die E-Mails die Bitcoin-Adressen mit echten Identitäten verbindet. Wer zum Beispiel Bitcoins von der Proton Wallet auf eine Börse sendet, hat potenziell damit seinen Proton Account mit einem Klarnamen verbunden. Wer hingegen Bitcoins anonym an Proton Mail sendet, riskiert, dass der Mail-Provider in der Lage ist, die Coin mit einer echten Identität zu verbinden, etwa wenn man mal unverschlüsselte E-Mails versendet hat.
Manche Skeptiker finden dies alles so merkwürdig, dass sie es sich, guten Willen vorausgesetzt, nur damit erklären können, dass „Maximalisten mit Laseraugen die einflussreichsten Berater waren.“ Dies trifft ein weit verbreitetes Ressentiment in der Szene. Für viele ist also die Integration einer Wallet durch einen seriösen und anerkannten E-Mail-Anbieter nicht nur keine schöne Sache – sondern ein knallharter, kapitaler Irrweg. Es ist nicht ganz einfach.

