Technisch betrachtet ist Bitcoin wohl im Bärenmarkt: Der Preis sinkt über einen längeren Zeitraum. Wenn dem so wäre, wäre die letzte Rallye ein für Bitcoin kümmerlicher Bullenmarkt gewesen. Vielleicht endet damit eine Phase in der Entwicklung von Bitcoin. Nichts wächst ewig exponentiell.
Der heftige Rücksetzer Anfang des Jahres deutete bereits an, dass 110.000 Dollar herum ein Höhepunkt gewesen sein könnte. Seit ein zweiter Anlauf im Januar scheiterte, geht es tendenziell stark abwärts. Eine Weile konnte man es als zähe Korrektur verstehen, aber langsam wird es schwer, zu übersehen, dass sich etwas gewendet hat. Ist es jetzt schon an der Zeit, den Bärenmarkt auszurufen? War es das, mit der fünften Blase? Der Peak dieser Reward-Ära?
Technisch gesehen sind wir in der Tat im Bärenmarkt. Während ein Bulle sein Opfer mit seinen Hörnern aufwärts spießt, schlägt der Bär es mit seiner Tatze nieder. Von einem Bärenmarkt spricht man, wenn der Kurs um 20 Prozent gefallen ist, ohne sich, wie bei einer Korrektur oder einem Dip, rasch zu erholen. Rein optisch trifft dies zu:
Bitcoin im 3-Monats-Charts nach tradingview.com.
Bitcoin bildete am 17. Dezember und am 21. Januar eine Doppel-Spitze. Das ist schon für sich kein gutes Zeichen, da es einen starken Widerstand andeutet und oft die Marktwende einläutet. Der Kursverlauf danach bestätigte sie. Seit rund zwei Monate zieht er nach unten und hat, bei einem (bisherigen) Tief von etwa 78.000 Dollar, beinahe 30 Prozent von der Spitze verloren. Damit wären, rein technisch, die Regeln für einen Bärenmarkt erfüllt.
Wenn dem so wäre, wenn die knapp 110.000 Dollar also die Spitze dieser Blase und dieses Zyklus gewesen wären, dann würde uns jetzt traditionell ein mehrjähriger Winter erwarten, in dem die Kurse, egal was passiert, sinken. Investoren verlieren das Vertrauen, professionelle Anleger wetten auf sinkende Kurse, die sich selbst bestätigen, auf kleine Anstiege folgt der Dip, ein Hack oder Bankrott reißt noch mal alles tiefer … Klassischerweise sinken die Preise in einem echten Bärenmarkt um rund 70 Prozent, bevor sie einen stabilen Boden finden. Das Leiden hätte demnach erst begonnen, und man müsste noch durch mehrere harte Einschläge, in denen, wie es so heißt, „Blut auf die Straße fließt“.
Insgesamt eine eher kümmerliche Rallye. Bitcoin-Kurs im 1-Jahres-Chart nach tradingview.com.
Vor allem aber würde ein so rasches Ende des Bullenmarktes, bei einem Preis weit unterhalb der weiten Erwartungen, einige brenzlige Fragen aufwerfen; Fragen, die weit über Gewinn und Verlust hinausgehen. Warum blieb die Blase, die sich bisher in jedem Halving-Zyklus exponentiell aufblähte, so bescheiden? Ein Bullenmarkt meinte bei Bitcoin nicht, wie in der technischen Definition, dass der Preis um 20 Prozent steigt – sondern um mehrere hundert Prozent. Wenn nicht gar tausend, wie es, unter vielen anderen, Standard Chartered Anfang Februar prognostiziert hat?
Man konnte schon lange voraussehen, dass sich die Dynamik des exponentiellen Wachstums verlangsamte. Aber dass sie so rasch verebbt, überrascht dann doch. Aus 110.000 Dollar kann man noch ein Stück exponentielles Wachstum herauslesen, wenn man genau hinschaut. Aber es sieht aus, als seien wir auf dem Buckel angekommen. Hier geht es nur noch linear weiter.
Bitcoin-Kurs seit 2010 in logarithmischer Darstellung. Quelle: Blockchain.com
Wenn dem so wäre, dann würde es bedeuten, dass eine 15 Jahre lang solide eintretende Dynamik ihr Ende erreicht hat. Es wäre das langfristig wichtigste Ereignis in der Kursgeschichte von Bitcoin. Das Stadium der Preis-Explosionen wäre vorbei, abgelegt, wie eine Zikade ihre Larvenphase abgelegt hat.
Wir diskutieren im Folgenden einige Varianten, wie man das, was geschah, verstehen kann – und wie es von hier aus weitergehen kann.
Kein Bullen- und kein Bärenmarkt
PlanB, berühmt für ein mäßig erfolgreiches Modell ist, den Bitcoin-Kurs mithilfe der Stock-to-Flow-Theorie abzubilden, meint: „Es gab noch keinen echten Bullenmarkt … bisher. Kein Bullenmarkt = kein Bärenmarkt.“
Ein Stückweit könnte man dem folgen: Mit 110.000 Dollar hat Bitcoin das alte Top von etwas über 70.000 Dollar nicht einmal verdoppelt. Im Vergleich zu den bisherigen Bullenmärkten wirkt das, was derzeit zu sehen ist, weniger wie ein Top, sondern eher wie ein Start. Der relativ kraftvolle Abprall bei etwa 78.000 Dollar, von wo aus Bitcoin schon jetzt wieder um fast 10.000 Dollar gestiegen ist, könnte dies bestätigen – der Markt war nicht im Bullenmodus, ist aber auch nicht im Bärenmodus. Daher fällt der Kurs nicht, wie im typischen Bärenmarkt, um mehr als 50 Prozent, sondern bildet früh einen Boden.
Ebenfalls nach tradingview.com.
Dieser Abstoß fügt sich, linear betrachtet, hübsch in die 5-Jahres-Perspektive ein und führt einen Anstieg, der Ende 2023 bei einem Boden von rund 20.000 Dollar begann, konsequent fort. Der Ausbruch auf 110.000 Dollar wäre in dieser Sichtweise ein allzu euphorischer, verfrühter Ausraster nach oben gewesen, der seine verdiente Korrektur fand, bevor sich Bitcoin auf seinen tatsächlichen Marsch zur Spitze begibt.
Diese Spitze kann man in einer exponentiellen Sicht erahnen, wie im logarithmischen Chart seit 2021 von CoinMarketCap.
Man könnte es mit dem Jahr 2013 vergleichen. In dieser Phase kletterte Bitcoin im Frühjahr nach einer langen Durststrecke auf rund 260 Dollar, und sackte dann auf bis zu 60 oder 70 Dollar ab – um im November wieder stark zu steigen und bei 1.250 Dollar eine Spitze zu bilden. Wenn man annimmt, dass das exponentielle Wachstum im Lauf der Zeit ausläuft – aber noch nicht ausebbt – könnte sich diese Formation mit schwächeren Ausschlägen wiederholen. Das neue Kursziel kann sich nun jeder selbst heraus reimen.
Das wäre die bullische, optimistische Variante.
Das 4-Jahres-Schema ist gebrochen
Nichts wächst ewig, und vor allem wächst nichts ewig in der echten Welt, außerhalb der mathematischen Reinheit. Alles, was passiert, braucht einen Treibstoff, jede Zelle, die sich teilt, jeder Motor, der brummt, und jedes exponentielle Wachstum stößt an eine Grenze, weil Nährstoffe, Wirte oder Raum ausgehen.
Die Mathematik kommt diesem Umstand mit der „logistischen Funktion“ entgegen. Diese moduliert das exponentielle Wachstum durch Sättigungsprozesse, welche die Kurve in ein S umbiegen:
DIe Ressource, die Bitcoin braucht, ist Kapital. Wenn der Dollarwert das Entscheidende an Bitcoin ist – wie an jedem Wertspeicher – dann braucht Bitcoin Dollar. Als Bitcoin noch „klein“ war, insgesamt ein oder zwei Milliarden Dollar, reichten einige Millionen, um den Preis nachhaltig anzuschubsen. Dann brauchte es einige Milliarden, und nun scheint es, als reichten auch die nicht mehr. Michael Saylor wirkt zunehmend verzweifelt, wenn er, irgendwie, einige Milliarden auftreibt, um noch mehr Bitcoins zu kaufen – er hat nun schon 500.000! – um damit den Preis … nicht steigen zu lassen.
Anders gesagt: Bitcoin wäre zu einem (fast) normalen Finanzprodukt geworden. Anstatt wie bisher explosiv in 4-Jahres-Zyklen zu wachsen, wird sich der Kurs eher wie Gold verhalten. Die Zeiten von 1000-prozentigen Gewinnen sind vorbei. Das mag nicht jedem gefallen, aber es bedeutet nicht, dass Bitcoin, als ein knappes Gut und ein neuer Wertspeicher, nicht weiter an Wert zulegt. Nur eben nicht mehr in den bisher gewohnten und auch erwarteten explosiven Ausbrüchen im 4-Jahres-Zyklus, sondern eher schritt- oder stufenweise, nicht mehr exponentiell, sondern linear.
Das ist die weniger bullische und langweilige, aber einigermaßen neutrale Variante.
Wenn der Regenbogen wieder fällt …
Eine beliebte Methode, den Bitcoin-Kursverlauf zu illustrieren, ist der Regenbogen. Der Preis bewegt sich in farbigen Bändern einen Bogen hinauf. Doch wie wir alle wissen, hat ein Bogen die unangenehme Eigenschaft, nicht nur zu steigen – sondern, nach vollbrachtem Anstieg … zu fallen.
Kurse und Märkte sind, wie ihr ebenfalls wisst, Psychologie. So auch ein Wertspeicher. Nichts auf dieser Welt speichert Werte kraft seiner physischen oder technischen Beschaffenheit. Nicht so, wie ein Messer physisch schneidet oder ein Farbstoff physisch färbt. Wert ist ein soziales, psychologisches Konstrukt und das physische Kondensat, das Werte speichert, ob nun Gold, Soldaten, Öl oder Hashes, mag zwar durch gewisse Eigenschaften dafür qualifiziert sein, bleibt aber das Resultat eines sozialen Konsens.
Der Regenbogenchart nach BlockchainCenter.net
Worauf beruht dieser soziale Konsens? Man sollte nicht glauben, dass ein sozialer Konsens immer rational ist. Menschen sind weder Roboter noch Ameisenstämme. Was wäre gewesen, wenn der soziale Konsens – das dominante Meme – gewesen wäre, dass der Preis immer weiter aufwärts explodieren wird und explodieren muss? Wenn ein Teil des sozialen Konsens der Glaube an die 4-Jahres-Zyklen wäre? Der Glaube daran, dass Bitcoin immer weiter aufwärts explodieren wird? Und was, wenn dieses wackelige Fundament bricht, weil die 4-Jahres-Zyklen mit ihrem exponentiellen Wachstum gebrochen sind? Wenn nun eine Phase beginnt, in der immer mehr Holder ihre großen Gewinne auscashen, solange sie noch groß sind, und der Preis sukzessive fällt, leicht steigt, stärker fällt, wie eine tote Katze, die die Treppe hinunterfällt, bis jedem klar ist, dass Bitcoin eben KEIN Wertspeicher ist?
Das wäre die bärische, pessimistische Variante.
Was ist mit externen Faktoren?
Natürlich sind das drei idealtypische Szenarien, in denen Bitcoin allein aus Bitcoin lebt, der Preis allein aus dem Preis. In der Wirklichkeit ist alles sehr viel komplizierter und verwurstelter. Bitcoin gerät, wenn er „erwachsen“ wird und sich ins Finanzwesen integriert, als ein dezentrales, autonomes, physikalisch fundiertes Medium, um Werte zu speichern, mehr und mehr in Beziehungen zu externen Faktoren, anstatt, wie bisher, den inhärenten, wie eben die vierjährigen Zyklen durch die Reward-Ären.
Etwa die generelle wirtschaftliche Lage. Das allgemeine Vertrauen in Fiatwährungen und die auf ihnen basierenden Finanzprodukte; die Nachfrage nach krisensicheren, aber liquiden Wertspeichern und Zahlungsmitteln, und, vermutlich am wichtigsten: die Zinspolitik der Zentralbanken, aber auch die weitere Geldpolitik, die inflationäre oder deflationäre Tendenzen schürt.
Zwei Beispiele: Wenn Trump und Elon Musk nun den US-Staatsapparat radikal verkleinern, dann kann das deflationär auf den Dollar wirken: Es würde die Dollar vom Finanzsystem lösen, um sie in Umlauf zu bringen, so wie man Fette aus einem Stoff herauslöst, und dies würde die Kurse aller Wertpapiere senken … vielleicht ist das eine der Befürchtungen, die den Markt abhalten, ernsthaft euphorisch zu werden. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, das die angehende Regierung Merz derzeit verpackt, dürfte inflationär wirken. Es wird nicht den Euro in den Abgrund reißen, aber es ist zu groß, um nicht spürbar zu sein. Die EU weitet ihre Bilanz aus, die USA könnten ihre verengen.
Sollte es, wegen der Zölle und Kriege und Naturkatastrophen, zu einer nicht von der Nachfrageseite gestärkten Inflation kommen, also zu einer Inflation, die von der Güterseite ausgelöst wird, weil das Angebot an Waren und Dienstleistungen zurückgeht – dann wäre das für Bitcoin ebenso drückend wie für andere Wertspeicher und Aktien. Wird die Inflation dagegen durch das Angebot an Geld ausgelöst, also durch die Ausweitung der Geldmenge, hebt dies den Preis, da das Kapital aus dem Umlauf heraus ins Finanzsystem absickert.
Solche Faktoren kann und muss man berücksichtigen – und zwar gerade dann, wenn Bitcoin nicht mehr stur seinem 4-Jahres-Zyklus folgt. Denn die Normalisierung von Bitcoin als Finanzinstrument hat begonnen.

