Kaum ein Altcoin wurde mit so viel Gedöns und Begeisterung verkündet wie Ethereum. Aber was ist dran an dem System, das, so die Medien, „alles“ dezentralisieren will und über das schon gemunkelt wurde, es könne den Bitcoin überflüssig machen? Die Blockchain der Zukunft – oder nur Schaumschlägerei? Wir haben uns die virtuelle Währung, die eine eigene Programmiersprache werden soll, näher angeschaut und dabei mit zwei Leuten gesprochen, die sich etwas besser auskennen sollten.
18 Millionen Dollar. So viel hat das Ethereum-Projekt durch den Vorverkauf der „Ether“ eingenommen. Damit handelt es sich um das zweitgrößte Crowd-Funding-Projekt aller Zeiten. Selbstverständlich waren die Käufer auch von der Hoffnung motiviert, dass die „Ether“ ein lukratives Investement sein werden. Aber ohne eine gehörige Portion Vertrauen in die Leute hinter Ethereum sowie das Potenzial des Projekts dürfte eine solche Summe nicht zustande gekommen sein.
Ein Bitcoin, der alles kann, was ein Computer kann
„Ich habe mich mit Bitcoin beschäftigt, war aber kein Fan von Altcoins. Als ich auf einem Blog von Ethereum gelesen habe, fand ich die Idee sofort wahnsinnig faszinierend,“ meint Christoph Jentzsch. Der Physiker beschäftigt sich als Doktorand mit Computersimulationen und arbeitet nebenberuflich als Produkttester für Ethereum. In der Kurzform beschreibt er Ethereum als „eine Blockchain mit Turing-kompletter Programmiersprache.“ Also ein vollständig programmierbarer Bitcoin.
Der Ethereum hat auch das Interesse von Henning Kopp gepackt. So sehr, dass der Kryptograph, der an der Uni Ulm arbeitet, in einer Lehrveranstaltung zu verteilten Systemen ein Seminar zu Ethereum eingeplant hat. „Im letzten Jahr habe ich Bitcoin angeboten, dieses Jahr ist es Ethereum.“ So, als stehe bereits fest, dass Ethereum zur wichtigsten Alternative zum Bitcoin aufsteigen werde. „Stell‘ dir vor, du willst etwas berechnen, zum Beispiel, welche Kräfte in einer komplizierten Maschine wirken. Dann kannst du entweder Computer kaufen oder in ein Rechenzentrum gehen. Das erfordert Vertrauen und bringt Datenschutzprobleme mit sich. Mit Ethereum könnte eine weitere Möglichkeit dazukommen.“
Die Erwartungen sind also groß. Dabei gibt es Ethereum noch gar nicht. Das Projekt entsprang einem Whitepaper von Vitalik Buterin, einem Programmierer und Autor des Bitcoin-Magazines. In dem Whitepaper skizzierte Buterin die Möglichkeiten und Grenzen einer „Programmierung“ von Bitcoins. Das Bitcoin-Protokoll ermöglicht bereits „Smart Contracts“ durch Scripte, durch die man das Versenden von Bitcoins an Bedingungen knüpfen kann. Allerdings hat das Protokoll diverse Einschränkungen, etwa dass die value blindness, die Blockchain blindness und dass es nicht Turing-vollständig ist. Loops beispielsweise können nicht verarbeitet werden. Ethereum soll nun eine Blockchain mit Turing-vollständiger Programmiersprache werden. Dadurch lassen sich intelligente Verträge („smart contracts“) und viele andere Anwendungen dezentral organisieren. Eigentlich fast alles.
Eine Programmiersprache für eine Blockchain
Das Ziel ist also nicht nur ein weiterer Altcoin, sondern eine komplett programmierbare Blockchain. Die Möglichkeiten sind grenzenlos: “ „Man kann zum Beispiel dezentrale Hedge Verträge erstellen, bei dem ein bestimmter Betrag von Bitcoins, abhängig vom aktuellen Kurs, zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgezahlt wird. Ein Mittelsmann ist dabei nicht notwendig,“ meint Christoph Jentzsch. „Oder Wahlsysteme, dezentrale Cloudspeicher, Altcoins für spezielle Bedürfnisse und dezentral gehostete Webseiten. Ich sehe es ein wenig so wie mit dem Internet: Zuerst gab es das Internet 1.0, das war statisch, dann kam das Internet 2.0, das dynamisch war und in dem der User viel mehr mit den Seiten interagieren konnte, und nun kommt das Internet 3.0, in dem alles dezentral ist. So kann das Netz verlorenes Vertrauen wieder herstellen und beseitigt zentrale Angriffspunkte.“
Kurz gesagt: Ethereum soll alle Möglichkeiten umfassen, die Blockchain-Technologie zu nutzen. Der Super-Altcoin also. Sogar ein Store für dapps (dezentrale apps) ist in fortgeschrittener Entwicklung, und sogar IBM experimentiert mit der Technologie, um sie im Internet-der-Dinge einzusetzen. Aber wie soll Ethereum funktionieren?
Wer es genau wissen will, sollte das Whitepaper und das Yellow Paper lesen. Auf der einen Seite unterscheidet sich Ethereum nicht so sehr vom Bitcoin: Es gibt eine Blockchain, die alle Transaktionen speichert, es gibt Miner, die Transaktionen bestätigen, und es gibt eine Art Währung – der Ether – die die Miner als Belohnung bekommen. Der eine Unterschied ist, dass jeder in die Transaktionen Codes hineinschreiben bzw. diese als Miniaturprogramm gestalten kann. Zum Beispiel dass eine bestimmte Menge Coins freigesetzt wird, wenn jemand eine Primzahl liefert. Oder dass Empfänger B eine Anzahl Coins erhält, wenn der Bitcoin-Preis auf bitcoin.de über 350 Euro geht. Oder dass jemand Coins erhält, wenn er eine Datei speichert. Undsoweiter. Auf der Ethereum-Webseite finden sich Beispiele für eine Namensregistrierung, für Unterwährungen, für einen Hedging-Vertrag, für ein Crowdfunding oder mehr. Die Ethereum-Programmiersprache sieht relativ einfach aus und sollte jemandem, der mit den üblichen Sprachen vertraut ist, keinerlei Probleme bereiten.
Der Ether: Spamschutz und Spekulationsobjekt
Der zweite Unterschied zum Bitcoin ist, dass die Miner nicht nur Transaktionen verifizieren, sondern die in den Transaktionen enthaltenen Codes auch ausführen. Das hat natürlich Grenzen, meint Jentzsch, da die Transaktionsgebühren von der Größe und Komplexität der Codes abhängen werden. Während es recht günstig wird, eine Addition auszuführen, werden komplexe Simulationen oder das Speichern von großen Dateien in der Blockchain nahezu unbezahlbar. Bezahlt werden diese Gebühren mit Ether, womit wir endlich bei der Spekulation wären. Das, was bei dem Pre-Sale verkauft wurde, war weniger eine Währung als die künftigen Transaktionsgebühren. So ähnlich wie bei Ripple, wo die Transaktionsgebühren zugleich ein Schutz vor Spam wie auch ein Spekulationsobjekt sind. Es scheint mir allerdings zweifelhaft, ob es lukrativ war, in einen Teil von insgesamt 15 Millionen Dollar Transaktionsgebühren für eine Plattform, die es noch gar nicht gibt, zu investieren. Vor allem, weil es noch diverse Probleme gibt, für die eine Lösung gefunden werden muss: Wie verhindert man, dass die Transaktionsgebühren die dezentralen Anwendungen zu vor allem teuren Anwendungen macht? Wie kann die Blockchain die vielen Programme speichern, ohne viel zu groß zu werden? Und wie geht man mit einem Problem um, auf das Henning Kopp hinweist: Die Privacy in der Cloud. Schließlich ist in der Blockchain alles transparent. Für gespeicherte Daten ist das ebenso unschön wie für Rechenoperationen in der Cloud.
Aber dank des Ether-Verkaufs konnte sich Ethereum eine Infrastruktur aufbauen, wie sie für Altcoins selten ist. Es gibt bereits sechs Zentralen, in Baar (Schweiz), New York, Berlin, Amsterdam, Toronto und London sowie Ethereum-Meetups auf der ganzen Welt, von Australien über Japan und Israel zur USA. Das Projekt ist also enorm ambitioniert. Der Plan ist, ein Netzwerk aufzubauen, dass alles dezentralisiert. Ob das klappt oder nicht, wird vom Ethereum-Team abhängen.

