Die neue griechische Regierung dürfte so ungefähr das spannendste sein, was der neueren europäischen Politik passiert ist. Yanis Varoufakis, frisch ernannter Finanzminister im Kabinett von Alexis Tspipras, gilt als ökonomischer Experte mit linksgerichtetem bzw. staatswirtschaftlichem Einschlag. Über den Bitcoin weiß er vermutlich wesentlich mehr als seine europäischen Kollegen. Das bedeutet aber nicht, dass er die Kryptowährung sympathisch findet. Ganz im Gegenteil.
In einem Blogbeitrag von Mitte 2013 hat Yanis Varoufakis sich über den Bitcoin ausgelassen. Der Titel verrät eigentlich schon alles: „Bitcoin und die gefährliche Phantasie von ‚unpolitischem‘ Geld.“ Wiewohl es verständlich sei, dass nach der Finanzkrise viele von einer Währung träumen, die nicht durch Politiker, Banker und Zentralbanken manipuliert werden könne, könne eine de-politisierte Währung niemals fähig sein, eine fortgeschrittene Industriegesellschaft zu „befeuern.“
Bitcoins seien, so Varoufakis, nicht die erste und einzige virtuelle Währung, aber die erste, bei der es nicht die eine Institution gibt, die die Datenbank sichert. Wiewohl er anerkennt, dass dieses Design brillant ist und bisherige Annahmen über den Haufen wirft, wirft Varoufakis Satoshi Nakamoto vor, als volkswirtschaftliches Modell die „roheste Version einer ‚monetaristischen‘ Quantitätstheorie des Geldes“ benutzt zu haben: die Annahme, der Wert von Geld beruhe einzig auf der Verfügbarkeit der Einheiten. Damit habe er ein digitales Äquivalent zu … Gold geschaffen.
Varoufakis erkennt zwei fundamentale Fehler in diesem Konzept.
Zum einen ist Deflation unvermeidbar. Je mehr Güter gegen Bitcoins getauscht werden, desto teurer wird der Preis eines Bitcoins. Was für Bitcoin-Holder mit Sinn und Zweck der Veranstaltung ist, ist für Varoufakis aus zwei Gründen problematisch: Erstens würde die Erwartung fallender Preise (für Güter) die Leute motivieren, ihre Ausgaben zurückzuhalten. Zweitens – und dieser Punkt ist origineller – wenn jemand Güter erwirbt, um diese weiterzuverarbeiten, aber die Kaufkraft des Geldes über den Zeitraum der Weiterverarbeitung steigt, werden die Gewinnmargen der Produzenten ständig sinken.
Zum anderen teilt sich die Gruppe der Bitcoin-Besitzer in Spekulanten und Nutzer. Die einen bezahlen mit Bitcoins, die anderen halten und traden damit. Auch wenn dies bei echten Währungen nicht viel anders ist, übersteige beim Bitcoin die Spekulation die Nutzung um Meilen. Solange dies so sei, werde die Volatilität riesig bleiben.
Ein Geld, dass „den Kurs findet zwischen der Scylla und Charybdis von gefährlichem Ponzi-Wachstum und Stagnation“ benötigt eine rationale, kollektive Kontrolle der Geldmenge. Eine demokratisch kontrollierte Zentralbank bleibe die beste Hoffnung von Geld von und für die Menschen. „Bitcoin, trotz vieler interessanter Eigenschaften, kann dies niemals sein.“
Man wird, unter diesen Umständen, kaum erwarten können, dass Griechenland im Fall eines Grexit (Austritts aus der Eurozone) den Bitcoin anstatt der Drachme als neue Währung etabliert. Man wird aber dennoch fragen dürfen, weshalb Varoufakis bei seiner ökonomischen Kritik des Bitcoins von der selbst für Bitcoin-Enthusiasten gewagten Vermutung ausgeht, dass der Bitcoin das Fiat-Geld vollständig ersetzen wird. Man muss Fleisch als Nahrungsmittel nicht grundsätzlich verdammen, nur weil eine reine Fleischernährung (vermutlich) schädlich ist. Wäre es nicht auch denkbar, dass der Bitcoin das bestehende Geld ergänzt? Und wären die deflationären Eigenschaften des Bitcoins angesichts der Aussicht auf einen möglichen Neustart der griechischen Währung unter vermutlich deutlich inflationäreren Vorzeichen nicht eben etwas, das die Kryptowährung besonders nützlich macht?

