Die meisten Altcoins sind dasselbe wie der Bitcoin nur in grün, gelb oder blau. Ripple dagegen ist anders. Das Zahlungsnetzwerk mit eigener Währung ist wie der Bitcoin – nur ohne Revolution und Idealismus. Möglich, dass es genau deswegen erfolgreich wird. Es wäre jammerschade.
Die in der Bitcoin-Szene am meisten gehasste andere Kryptowährung ist definitiv der Ripple. Der XRP – die Währung des Ripple-Netzwerkes – ist nach dem Bitcoin die am zweithöchsten eingeschätzte Kryptowährung, und zwar mit, laut Coinmarketcap.com, beinah 500 Millionen Dollar. Damit ist Ripple schon achtmal mehr wert als der Litecoin, der vom ewigen Zweiten nach dem Bitcoin zum weit abgeschlagenen Dritten wurde.
Aber Ripple ist unter den Bitcoinern nicht nur deswegen so verhasst, weil es noch am ehesten als Konkurrent um den Thron der Kryptowährungen in Frage kommt. Sondern deswegen, weil das Zahlungsnetzwerk einerseits richtig effektiv ist, und andererseits all das verkörpert, wogegen der Bitcoin angetreten ist: die Abhängigkeit von Banken, das Schuldgeld, die verlorene Privatsphäre im Zahlungsverkehr. Ripple nimmt das Beste vom Bitcoin – die Effizienz – und wirft das Allerbeste von Bord – die Chance auf ein anderes Geldsystem. Ripple verkörpert die Furcht, dass das System am Ende doch gewinnen wird.
Ein Netzwerk der Schulden
Ripple ist eigentlich keine Währung, sondern ein Zahlungssystem für alles. Alles, was einen Wert hat, kann „gerippelt“ werden, womit es eine Repräsentation in der Ripple-Wallet bekommt. Um ins Ripple-System zu bekommen, benötigt jedes Gut allerdings einen „Gateway“. Das ist sozusagen eine lizensierte Stelle, die das Recht hat, Geld zu ripplen. Ich schicke Euro oder Dollar oder Bitcoin zu, sagen wir, Bitstamp, und Bitstamp sagt Ripple, dass mir der entsprechende Betrag gutzuschreiben ist. Die Gateways ersetzen also die Bank, ohne die nichts läuft – womit wir beim ersten Problem wären – und die Werte, die im Ripple-System verschoben werden, sind reine Schuldverschreibungen – womit wir beim zweiten Problem werden.
Ripple treibt zwei Unarten des bestehenden System mit voller Absicht auf die Spitze. Beim Bitcoin kann jedermann Coins gegen Bargeld tauschen, einfach deswegen, weil Bitcoins auf eine schräge Weise wirklich existieren. Beim Ripple kann niemand außer den lizensierten Gateways Geld ins System bringen, einfach deswegen, weil das Geld im System nicht existiert. Gateways können darüber hinaus die Guthaben, die sie ausstellen, jederzeit einfrieren, und während es beim Fiat-Geld noch die Möglichkeit gibt, es bar abzuheben und „wirklich“ zu besitzen, gibt es bei Ripple kein Entrinnen vor dem Zugriff der Gateways. Und während das Fiat-System zwar auch auf „Fractional Reserve“ fährt, also zumindest noch ein Stückchen Eigenkapital kennt, gibt es bei Ripple nichts als Schulden. Geld, das im Ripple-System ist, ist eigentlich ein Darlehen an den Gateway, es ist Geld zweiter Klasse, weil es mit der Pleite des Gateways vernichtet wird.
Der Bitcoin zwingt das System, sich zu ändern; bei Ripple bleibt alles beim Alten. Dies dürfte vielleicht der Grund sein, weshalb Ripple in der Öffentlichkeit längst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt wie der Bitcoin, aber bei Banken ganz gut ankommt. Denn sobald Werte im Ripple-System sind, werden Transaktionen extrem effektiv. Sie sind innerhalb von Sekunden bestätigt. Das funktioniert bei Ripple ohne Miner und auch ohne Proof-of-Stake, sondern durch eine Art Algorithmus des Vertrauens. Wie es genau funktioniert, kann ich nicht erklären, aber scheinbar klappt es. Für Banken dürfte Ripple, zumindes für das Bank-2-Bank-Banking, durchaus interessant sein.
80 Prozent aller Ripples bleiben bei Ripple Labs
Und die Währung? Der XRP ist so etwas wie die Hauswährung von Ripple. Sie soll ein Schutz davor sein, dass das Netzwerk mit Transaktionen gespamt wird. Man muss, um etwas zu überweisen, einen kleinen Betrag in XRP mit überweisen. Man kann XRP auch als Tunnelwährung benutzen, da jedes andere Gut gegen XRP eintauschbar ist. Insgesamt gibt es 100 Milliarden XRP, die beim Start des Netzwerkes erzeugt worden sind. Davon sind 80 Milliarden im Besitz von Ripple Labs. Dieser doch recht große Eigenanteil der XRP rückt Ripple in die Nähe des Betruges. Dazu kommt noch, dass Ripple Labs mit den XRP geizt. Um ein Konto zu eröffnen – um also nur zu sehen, was es mit diesem Wundernetzwerk auf sich hat – muss man einige XRP besitzen. Am leichtesten geht das, nun, wenn man sie kauft. Das Forum von Ripple verlinkt hier auch auf Angebote, die ganz und gar nicht vorteilhaft sind, sondern weit über dem Marktpreis liegen. Man stelle sich vor, Satoshi Nakamoto hätte 17 Millionen Bitcoin für sich behalten und jeder, der die Wallet herunterlädt, müsste sich ein wenig Bitcoin kaufen.
Die Firma, die diese Dreistigkeit durchzieht, heißt Ripple Labs. Das Start-Up aus San Franzisko bemüht sich zwar, Ripple den Anschein der Offenheit zu geben – der Code ist Open Source, sogar der Servercode für die Verarbeitung der Datenbank ist Open Source, und man kann die Ripple Wallet auch für den Desktop herunterladen – aber faktisch ist es eine zentralistische Veranstaltung. Um ein Konto zu eröffnen, muss man sich bei Ripple anmelden, am Code arbeitet nur Ripple Labs, und die XRP sind in der Hand von Ripple Labs.
Ripple übernimmt Slogans, die andere erfunden haben
Die Firma ist sich auch nicht zu schade, all die schönen Bonmots, die über den Bitcoin geschmiedet wurden, ins eigene Marketingprogrammm aufzunehmen. Ripple sei, so die Webseite, ein Protokoll für Geld, so, wie das E-Mail-Protokoll. Wurde vom Bitcoin schon lange gesagt. Seit neuestem wirbt Ripple damit, das „Internet des Geldes“ zu schaffen (Internet-of-Money), eine Bezeichnung, die eigentlich für den Bitcoin bzw. für die Blockchain geprägt worden ist.
Bei den Investoren kommt Ripple dagegen ganz gut an. In der jüngsten, zweiten Finanzierungsrunde hat Ripple Labs 30 Millionen Dollar eingesammelt. Damit wird die Firma mit Coinbase, BitPay und Circle zu einer der am bestfinanzierten Kryptowährungsunternehmungen. Bis jetzt kann man mit Ripple noch nicht allzuviel machen, und das, was man machen kann, ist in der Regel ziemlich teuer (man kann z. B. Euro ripplen, diese gegen israelische Shekel wechseln und jene dann auf ein israelisches Bankkonto überweisen, was insgesamt aber recht viele Gebühren kostet) – aber es scheint, als würden die Investoren mit ihren Kapitalspritzen an Ripple Labs darauf wetten, dass alles beim alten bleibt. Nur eben ein bißchen effektiver.
Die große Chance, die der Bitcoin der Gesellschaft bringen würde, da er Geld nicht nur effektiver macht, sondern revolutioniert, wäre damit eben verspielt. Möglich, dass das mit ein Grund ist, weshalb Ripple so beliebt ist.
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P.S.: Dieser Artikel ist so meinungslastig, dass ich darauf hinweisen möchte, dass er meine (Christoph Bergmanns) Meinung wiedergibt und nicht die der Bitcoin Deutschland AG. Eigentlich habe ich meinen Lesern einen „hasserfüllten Artikel über Ripple“ versprochen. Ich glaube, das hat nicht geklappt, aber ich glaube auch, dass er negativ genug geworden ist.

