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Der Preis der Fork: Wer hat die Autorität?

Die Ethereum-Fork zeigt, was passieren kann, wenn man die Ledger einer Kryptowährung bricht – und wer die Autorität hat, zu entscheiden, welche Seite der Fork die richtige ist.

Das Faszinierende im Raum der Kryptowährungen ist, dass man so vieles zum ersten Mal erlebt. Derzeit können wir zusehen, wie Ethereum durch eine Hardfork geht, die das Kontobuch abändert, ohne dafür Konsens zu haben. Für Bitcoin ist das Resultat spannend und lehrreich, auch wenn noch längst nicht absehbar ist, wie das Drama enden wird.

Wir haben nun zwei Chains. Die Chain der „DAO-Hardfork“ (ETH) und die Chain von „Ethereum Classic“ (ETC). Gestern verlor die ETH-Chain 10 Prozent an Wert, während die ETC-Chain um etwa 200 Prozent anstieg. Damit wird immer klarer, dass die Minerheiten-Chain lebendig bleibt – und dass es keine Autorität gibt, die entscheiden kann, welche Fork die echte ist.

Man hätte erwarten können, dass die Entwickler einer Kryptowährung diese Autorität haben. Die Ethereum-Entwickler finden, dass man den DAO-Hack ausmerzen sollte. Sie haben deswegen eine Fork geschrieben, die das Ledger, also das Kontobuch aller bisherigen Transaktionen, so umbiegt, dass die Leute, die durch den DAO-Hack Ether verloren haben, dafür entschädigt werden. Allerdings sind die Ethereum-Entwickler, das sollte man vielleicht erwähnen, zumindest zum Teil nicht ganz unabhängig, da viele von ihnen in die DAO investiert haben.

Die Ethereum-Classic Bewegung meint dagegen, dass das nicht geschehen sollte. Sie besteht auf der Unveränderbarkeit der Blockchain. Da die User nun die Möglichkeit haben, upzugrade oder nicht – also mit der Fork zu gehen oder nicht – haben die Entwickler nicht die Autorität, zu entscheiden, welche Fork die richtige ist. Sie können Software bereitstellen – das haben sie – aber sie können nicht entscheiden, dass diese auch benutzt wird.

Haben dann die Miner die Autorität? Wenn alle nur die ETH-Chain minen, dann müssen alle folgen, oder? Ein wenig nach der Fork hatte ETC weniger als 1 Prozent der Hashrate. Es sah so aus, als würde es sterben.

Als auf Poloniex am Sonntag jedoch der Handel begann, zeigte sich aber, dass auch die Miner nicht die Autorität haben. Auf Poloniex wurde ETC zu einem Zwanzigstel des Wertes von ETH gehandelt. Da aber die Hashrate zur selben Zeit (zumindest für ein kurzes Fenster) nur 1 Hundertstel betrug, war das Mining von ETC 20 Mal so lukrativ wie das von ETH. Den Minern bleibt nichts anderes, als umzuschwenken, bis Hashrate und Mining in Einklang kamen. Nicht die Miner, sondern der Preis bestimmt die Hashrate.

Haben also die die Börsen – die Wirtschaft – die Autorität? Wenn sie Classic nicht zum Handel zu lassen – dann wird die Fork sterben? So gut wie alle Börsen haben zunächst bekanntgegeben, nur die dominante Chain zu handeln. Sie haben es versucht, ihre Autorität wirken zu lassen.

Aber wenn Bedarf besteht, gibt es einen Markt. Das war den Börsen klar. Poloniex war die erste, die aus dem loosen Versprechen, nur die dominante Chain zu unterstützen, ausgebrochen ist. Und der Bedarf ist riesig. Das Handelsvolumen war das größte von allen Kryptocoins. Poloniex hat mit dem Move Geld wie Heu verdient, BitFinex und Shapeshift folgen Poloniex, während Coinbase weiterhin versucht, nur die dominante Chain zu handeln und damit möglicherweise in Cross-Replay-Probleme hineinrutscht.

Die Börsen haben also nicht die Autorität. Das ist vielleicht die erste Lektion der Ethereum-Fork: Die einzige Macht, die entscheiden kann, welche Seite der Fork richtig ist, ist der Markt. Falls es überhaupt jemanden gibt, der in dieser Frage Autorität hat, dann sind es die Investoren – also diejenigen, die an den Wert einer Kryptowährung glauben, indem sie sie kaufen.

Etwa Barry Silbert. Er hat kurz nachdem Poloniex den Handel aufgenommen hatte, getwittert, dass er in ETC einsteigt. Barry Silbert ist Chef der Digital Currency Group und von Second Market. Er ist einer der größten Investoren, die sowohl in Bitcoin-Startups investieren als auch für andere Investoren Bitcoins kauft. Er setzte ein wenig später noch einmal nach und verkündete, dass Second Markets ETC „OTC“ – also „over the counter“, außerhalb der Börsen – kauft.

Die ETC-Rally auf Poloniex. Plus 300% in einem Tag.

Für den Markt war das ein Freudenfest. Nachdem ETC am Montag um gut 40 % eingebrochen ist, stieg es am Dienstag rapide und endete Plus 320%. ETH fiel im selben Zeitraum um etwa 10%, womit es, nach kleinen Korrekturen, derzeit bei am Ende des Tages 1007 Mio Dollar zu 166 Mio Dollar steht.

Die Minerheiten-Fork nimmt sich einen Anteil am Markt, und niemand kann sie daran hindern, wenn ein Bedarf besteht. Die neuen Fakten sind damit wohl, dass es zwei Etherum-Blockchains gibt. Beide Blockchains verhalten sich an sich identisch; wenn die Ethereum-Entwickler ein Update für die eine schreiben, gilt das auch für die andere, und wenn jemand eine DAPP entwickelt, sollte sie in der Regel auf beiden Chains anwendbar sein. An sich – und dies könnte die zweite Lektion sein – können beide Chains friedlich koexistieren. Möglich, dass der Gesamtwert von ETH + ETC dauerhaft höher sein wird, als der Wert von Ethereum zuvor.

Bis Block 1.920.000 sind die beiden Blockchains identisch, Transaktion für Transaktion und Account für Account. Was in der einen steht, steht auch in der anderen. Ab Block 1.920.000 spalten sie sich jedoch. Dass Transaktionen in der einen Chain in diesem und in der anderen Chain in jenem Block stehen, ist an sich egal, solange die Zustände der Accounts dieselben sind. Durch die Hardfork wurden jedoch 11,5 Millionen Ether (insgesamt gibt es 82 Mio.) in andere Accounts versetzt (was tatsächlich ein komplexerer Vorgang war als ein reines Versetzen, aber denselben Effekt hat). Die Folge ist, dass alle auf diesen Ether beruhenden Transaktionen in der anderen Blockchain unsichtbar werden. Es gibt ein Loch in der Blockchain, und von diesem aus spalten sich die beiden Chains.

Auf der einen Blockchain – ETC – gehören die 11,5 Millionen Ether dem Hacker, auf der anderen – ETH – den Tausenden von Leuten, die in die DAO investiert haben. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Chains.

Wem sollte das Geld gehören? Ist Ethereum noch im „Welpenschutz“ und der Phase des Experimentierens, in dem man ein Unglück rückgängig machen darf? Oder muss die harte Hand des endgültigen Codes regieren? Braucht es jetzt ein Exempel dafür, dass Code das Gesetz ist, so schmerzhaft dieses Exempel auch ist, und dass die Unveränderbarkeit der Blockchain nicht zur Verhandlung steht – oder muss man vielmehr Ethereum davor bewahren, zu einer Währung zu werden, in der ein Hacker derzeit gut 10 Prozent aller Einheiten besitzt? Ist der Eingriff ins Kontenbuch ein Bug – oder ist er ein Feature? Oder ist es das wahre Feature, dass eine Kryptowährung gleichzeitig beides sein kann – durch die Mehrheit umschreibbar und absolut unveränderlich?

Der Markt ist gerade dabei, sich zu entscheiden.

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