Website-Icon BitcoinBlog.de – das Blog für Bitcoin und andere virtuelle Währungen

Der Bitcoin Standard von Saifedean Ammous – eine Kritik

Der Bestseller „Der Bitcoin Standard“ enthält einige gute Momente, hat aber viele Schwächen. Manche werden ihn lieben, die anderen schreckt er durch Maßlosigkeit und Geiferei eher ab.

Ich habe mich lange gesträubt, den „Bitcoin Standard“ von Saifedean Ammous zu rezensieren. Da ich selbst ein nicht-technisches Buch über Bitcoin geschrieben habe, sehe ich mich hier in einem Interessenskonflikt. Aber nachdem ich wieder und wieder auf das Buch angesprochen wurde und es mittlerweile den Status von DEM Bitcoin Buch schlechthin erhalten hat, habe ich mich verpflichtet gefühlt, es doch tun.

Das Buch hat mir nicht wirklich gefallen, um dies der Besprechung vorauszuschicken.

Was viele angesichts des Titels überraschen dürfte, ist, dass es beim Bitcoin Standard eigentlich gar nicht um Bitcoin geht. Von den zehn Kapiteln beschäftigen sich nur drei mit der Kryptowährung, von denen eines eine ungeordnete Sammlung von Fragen und Antworten zu Bitcoin ist. Man muss, um es mit den Worten der Rezensentin Frances Coppola zu sagen, „durch sieben Kapitel über Österreichische Ökonomie und Hartgeld-Fetischismus waten, bis man das Fleisch des Buches erreicht“. Damit hat die Ökonomin den Kern des Buches ganz gut beschrieben: Saifedean breitet eine extreme und einseitige Perspektive auf Geld aus, die, oh Wunder, darauf hinausläuft, dass Bitcoin das beste mögliche Geld ist.

Am Anfang geht das noch gut. Saifedean kennt sich mit der Österreichischen Schule aus und schafft es, das Thema Geld in deren bewunderswert klaren Begrifflichkeiten bündig und verständlich einzuordnen. Er legt dar, wie Mengers Konzept der Absatzfähigkeit zur Entwicklung des Geldes führte, wie die Stock-to-Flow-Ratio Gold zum überlegenen Wertspeicher macht, welche Folgen die Zeitpräferenz für das ökonomische Handeln von Individuen hat, und wie sich das härtere Geld gegen dem weicheren durchsetzt. Nichts davon ist neu – aber es ist dennoch interessant und erhellend. So weit, so gut.

Missbrauch von Geschichte

Das Problem ist das, was danach oder dazwischen kommt. Saifedeans Buch ist nicht wissenschaftlich oder sachlich in dem Sinn, dass es versucht, ein Phänomen wirklich zu ergründen. Stattdessen möchte er die Welt von seiner Meinung überzeugen, und dafür ist ihm jedes Mittel recht.

Das, was der Autor sagen möchte, ist eigentlich recht schnell zusammengefasst: Weiches Geld, das seinen Wert verliert, ist die Wurzel allen Übels, hartes Geld, das seinen Wert bewahrt, die Medizin für alles. Es ist nicht so, dass es keine guten Gründe für hartes Geld gäbe. Aber Saifedean schießt weit über das Ziel hinaus. So erzählt er eine Weltgeschichte des harten und weichen Geldes, die von den alten Griechen bis zum Ende von Bretton Woods 1971 reicht. Die kulturwissenschaftlich korrekte Bezeichnung für diese Geschichte wäre vermutlich ein Märchen. Sie enthält mehr Irrtümer, Halbwahrheiten und Spekulationen, als ich aufzählen kann; richtig ist bei Saifedean eben das, was seine Perspektive auf das Geld stützt.

Zum Beispiel wenn er das Mittelalter erreicht:

„Nach dem militärischen und ökonomischen Kollaps des Römischen Reiches wurde der Feudalismus zur primären Gesellschaftsordnung. Die Zerstörung von hartem Geld [„sound money“] war zentral, um die ehemaligen Bürger des Römischen Reiches als Leibeigene unter die Willkür ihrer feudalen Herren zu stellen … Steuern und Inflation hatten den Wohlstand und die Ersparnisse der Europäer vernichtet. Neue Generationen kamen zur Welt, ohne von ihren Vorfahren akkumuliertes Vermögen zu erben, und das Fehlen eines guten monetären Standards schränkte die Reichweite des Handels ein, schottete Gesellschaften voneinander ab und beförderte die Engstirnigkeit, als ehemals florierende und zivilierte Handelsgesellschaften in das dunkle Zeitalter von Leibeigenschaft, Seuchen und religiöser Verfolgung abglitten.“

Klingt gut? Ist aber so falsch, dass es weh tut. Der Feudalismus entwickelte sich erst rund 300 bis 400 Jahre nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches. Zu dieser Zeit gab es mit der karolingischen Münzordnung längst einen Silberstandard, während der römische Gold-Solidus weiterhin in ganz Europa florierte, und es einen florierenden internationalen Handel gab. Die Leibeigenschaft der sich herausbildenden Feudalgesellschaft kannte viele Grade der Freiheit, von denen selbst der geringste einen gewaltigen sozialen Fortschritt gegenüber der Sklavenhalter-Gesellschafter der Antike darstellte. Selbst die niedersten Leibeigenen hatten einen ebenso hohen, wenn nicht höheren Lebensstandard wie die Bauern im römischen reich. Steuern und Inflation waren in der Regel sehr gering, und was schließlich Seuchen und religiöse Verfolgung angeht, stand das römische Reich dem Mittelalter in nichts nach. Fast jedes einzelne Wort dieses Absatzes ist falsch oder bestenfalls überinterpretiert.

Frances Coppola hat sich die Mühe gemacht, Saifedeans Geschichte einer umfangreicheren Prüfung zu unterziehen. Sie hat dabei eine beeindruckende Menge an Fehlern oder Halbwahrheiten gefunden. Mit ihnen allen will Saifedean bestätigen, was er sowieso schon weiß: „dass ein Standard von hartem Geld eine notwendige Bedingung für das Erblühen der Menschheit ist, während ohne ihn die Gesellschaft an der Schwelle zu Barbarei und Zerstörung steht.“

Wer hier von vollem Herzen zustimmt, und sich nicht daran stört, dass die eigene Meinung durch Un- und Halbwahrheiten gestützt wird, wird das Buch lieben. Wer nicht, wird vermutlich zur Erkenntnis kommen, dass Lesen nicht immer bildet, sondern bei arglosem Gebrauch auch dumm machen kann.

„Mei, des kann ich doch auch malen.“

Neben dieser Maßlosigkeit leidet das Buch unter der Angriffslust von Ammous. Er wettert gegen alle Ökonomen, die nicht der Österreicher Schule folgen, gegen den akademischen Betrieb im Allgemeinen, gegen Politiker, Beamte, Banker und mehr.

Polemiken können gut sein. Sie können unterhaltsam sein, amüsant, stilvoll und auch erhellend, sofern der Autor über die entsprechenden Fähigkeiten zur Polemik verfügt. Saifedean gehen sie weitgehend ab. Seine Schimpftiraden sind meist ein ausgedehntes, ermüdendes, dumpfes Gegeifere, das im besten Fall pedantisch wird. Erneut dürften diejenigen, die seine Überzeugung schon vor dem Lesen des Buches teilen, darüber hinwegsehen, und die ständigen Attacken gegen andersdenkende Ökonomen vielleicht sogar genießen – während die anderen davon irgendwann einfach nur genervt sind. Vor allem das exzessive und immer wiederkehrende Wüten gegen John Maynard Keynes, den Gründer der nachfrageorientierten Volkswirtschaftslehre, hat mich abgestoßen. Oft gibt er dabei jeden Anstand auf und erschöpft sich in ad hominem Angriffen:

„Als Sohn einer reichen Familie, die ein signifikantes Kapital angehäuft hatte, vergeudete er den größten Teil seines erwachsenen Lebens mit sexuellen Beziehungen zu Kindern, wofür er auch in den Mittelmeerraum reiste, um Kinder-Bordelle zu besuchen … Es ist unmöglich, die Ökonomie von Keynes zu verstehen, ohne die Art der Moral zu verstehen, die er in der Gesellschaft durchsetzen wollte.“

Ok. Keynesianisten sind also Kinder*****? Oder wie sollen wir das verstehen?

Ein anderes Opfer von Saifedeans Bissigkeit ist die Kunst. Das ist eines der Kapitel, die dem Buch sehr schaden. Es ist peinlich. Sein Kunstverständnis geht an keiner Stelle über das von jemandem hinaus, der vor einem modernen Gemälde steht und meint, er könne das auch malen. Den langen Tiraden gegen moderne (Fiatgeld-)Kunst und den modernen, staatlich finanzierten Kunstbetrieb steht ein Lob der alten Kunst gegenüber. Er feiert die Kathedralen des Mittelalters – das er zuvor mit Verachtung überzogen hat – preist die Werke von Bach und Vermeer, die von Regierungen finanziert wurde, und wettert gegen Miley Cyrus, die sich auf dem freien Markt durchsetzt – während er gegen die Beamten wettert, die Fördermittel für Kunst vergeben und den freien Markt preist. Widersprüche? Nicht zu erkennen.

Kunst ist für Saifedean eben auch nur ein Vehikel, um zu bestätigen, was er sowieso schon weiß. Das Kapitel folgt einem System: Weil Saifedean meint, die Wahrheit über Geld zu kennen, wird für ihn alles, was seine Perspektive stützt, zur Wahrheit, während das, was ihr widerspricht, ein Irrtum ist. Dies macht ihn dann zum Experten für alles.

Dabei ist der Autor auch auf seinem eigenen Fachgebiet, der Ökonomie, recht eindimensional. Er verachtet alle Ökonomen, die nicht zu den Österreichern gehören – die Verachtung geht oft mit Verschwörungstheorien über den generellen wissenschaftlichen Betrieb einher – und schöpft daher aus einem sehr begrenzten Pool ökonomischer Erkenntnisse. Das lässt das Buch oft einfach gestrickt wirken. Sein Verständnis von Schulden ist primitiv, wenn überhaupt vorhanden, und er blendet aus, dass Menschen seit Jahrhunderten weniger durch Geld, als vielmehr durch Immobilien, Aktien, Anleihen, Gold und andere Dinge sparen. Ein Blick in die Werke anderer Ökonomen David Graeber oder Thomas Piketty hätte hier viel geholfen. Aber die haben ja a priori unrecht.

Bei all dem vermeidet Saifedean jede Frage, die ihn irritieren könnte. So erklärt er etwa, dass ein hartes Geld, dessen Kaufkraft in Zukunft wächst, dazu führt, dass „Leute weniger Müll kaufen“. An sich eine interessante Idee, gerade unter ökologischen Aspekten, die ich bereits Anfang 2015 in meinem Versuch einer „Blockwirtschaftslehre“ ebenfalls umrissen habe. Aber … wenn Leute weniger konsumieren – wird dann nicht auch weniger produziert? Und wenn es bei der gleichen Geldmenge weniger Produkte auf dem Markt gibt – sinkt dann nicht die Kaufkraft des Geldes? So weit denkt Saifedean nicht. Das wäre ja keynesianisch.

Am irritierendsten finde ich, dass es keinen Kommentar zu der Tatsache gibt, dass die Gegenwart eine doch recht vermögende und erfolgreiche Zeit ist. Wie kann das sein, nach 50 Jahren Fiat-Geld? Müsste das nicht nach allem, was Saifedean schreibt, schon längst in Elend, Barbarei und endlose Kriege geführt haben? Wie ist es möglich, dass nach der Abkehr des guten Geldes vor mehr als 100 Jahren die Menschheit einen beispiellosen Entwicklungsschub gemacht hat? Aber für eine Realität, die Saifedeans Perspektive widerspricht, ist in diesem Buch kein Platz.

Denken und Schreiben kann ein Abenteuer sein, wenn es bereit ist, sich selbst zu irritieren. Bei Saifedean ist es aber eher eine Kaffeefahrt zu den immergleichen Orten, wo sich die immergleichen Passagiere die Langeweile damit vertreiben, über die immergleichen Orte zu schimpfen, die sie noch nie gesehen haben.

Endlich Bitcoin

Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde, dass hartes Geld eine gute Idee ist. Ich habe es auch sehr genossen, Bücher von „Österreichern“ wie Mises, Hayek und Menger zu lesen, und dabei sehr viel über Wirtschaft und auch mein eigenes Leben gelernt. Ich stimme Saifedean auch voll und ganz zu, dass Bitcoin das beste harte Geld sein kann, das wir jemals hatten.

Dementsprechend ist der Teil über Bitcoin auch relativ gelungen. Saifedean betrachtet die Kryptowährung rein ökonomisch als ein Geld, das erstens hart – also knapp – ist und zweitens den direkten, mittelsmannlosen Transfer von Werten über die Distanz erlaubt. Daran gibt es nicht viel auszusetzen – das ist eine seit Jahren etablierte Sichtweise – und er erklärt es auf verständliche Weise mit vielen Schaubildern.

Leider breitet Saifedean dann seine Vision von Bitcoin aus, die, finde ich, etwas dürftig ausfällt. Er preist zwar die Unmittelbarkeit von Bitcoin-Transaktionen – mit vollem Recht – als historischen Durchbruch, erklärt dann aber, dass Bitcoin in Zukunft über Mittelsmänner skalieren wird. Das jedoch sei nicht schlimm. Denn die Mittelsmänner würden weiterhin die transparente Blockchain nutzen müssen, und überhaupt: Die Menschheit erhalte weiterhin das größte Geschenk überhaupt – was, klaro, hartes Geld ist. Langfristig, meint Saifedean, werde Bitcoin nur noch dazu verwendet, die Zahlungen zwischen Zentralbanken auszugleichen.

Geil, oder? Wer will schon die individuelle Souveränität, seine eigene Bank zu sein, wenn Bitcoin auch ein Werkzeug der Zentralbanken sein kann? Weshalb die User in Safedaens Szenario weiterhin Knoten betreiben sollten, um die Geldmenge zu prüfen, und was die Banken davon abhalten wird, wie gewohnt auf Teilreserve zu laufen – das erklärt er nicht.

Immerhin versucht er, zu begründen, weshalb die Zentralbanken und Banken Bitcoin verwenden werden, anstatt andere Kryptowährungen: Alle Altcoins werden von zentralen Entwicklerteams geleitet, die die Währung jederzeit verändern können, weshalb kein einziger unter von ihnen sich als hartes Geld emfehle. Nur Bitcoin sei unveränderlich, da der Gründer Satoshi Nakamoto verschwunden ist. Diese belegt Ammous am Beispiel des Blocksize-Streits, bei dem Entwickler und Unternehmen daran gescheitert sind, das Blocksize-Limit zu lockern. Dabei ignoriert er aber, dass SegWit eine technisch sehr viel invasivere Änderungen war, und dass mit Schnorr und Taproot zwei weitere, womöglich noch tiefgreiferende Änderungen anstehen.

Ohne sich explizit eine technische Meinung zuzugestehen, übernimmt Saifedean hier die verbreitete Ansicht, dass nur eine bestimmte Art von technischer Änderung eine echte Änderung sei – die durch eine nicht abwärtskompatible Hardfork. Damit hält sich Saifedean exakt an die unter den Bitcoin-Maximalisten gängigen Narrative. Das sowie sein Lob des „Hodlens“ könnte vielleicht erklären, weshalb diese sein Buch trotz der vielen, eklatanten Faktenfehler so sehr bejubeln.

Die mobile Version verlassen