Die Sparkasse wird ihren Kunden voraussichtlich doch keinen Bitcoin-Handel anbieten. Das war zu erwarten. Die Begründung der Sparkassen-Granden überraschen jedoch mit einem süßen Beigeschmack von Nostalgie.
Wo viel Lärm ist, findet man meistens wenig von Substanz. Diese alte Weisheit trifft auch zu beim Bitcoin-Vorstoß der Sparkassen. Als Mitte Dezember die Nachricht die Runde machte, dass die deutschen Sparkassen ihren Kunden noch im ersten Halbjahr 2022 den Bitcoin-Handel anbieten wollen, war davon in jedem Wald- und Wiesenblatt zu lesen.
Nun mehren sich die Hinweise, dass die Sparkassen zurückrudern. Der Verband der deutschen Sparkassen sei „gespalten“ über die Frage, berichtet die FAZ. Der bayerische Sparkassen-Präsident Ulrich Reuter sagte dem Börsendienst Bloomberg, dass Kryptowährungen „keine Geldanlage“ seien, „die die Sparkassen ihren Kunden anbieten wollen.“ Weder durch Beratung noch über ein Angebot im Online-Konto wolle man „das“ zu „unseren Kunden bringen“. Denn Kryptowährungen, so Reuter weiter, seien „hochspekulativ und erinnern an ein Schneeballsystem.“
Kurz darauf schaltete sich Helmut Schleweis ein, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. „Sogenannte Kryptowährungen“ würden, sagte auch er, „Schneeballsystemen ähneln“. Unterfahrenen Kunden drohten „hohe Verluste“, und die Sparkassen stünden in der Pflicht „Kunden vor so etwas zu schützen.“ Einige weitere Verbände unterstützten diese Skepsis auf Anfrage von Finance Forward, wenn auch weniger eindeutig.
Doch manche Landesverbände geben sich auch wenig begeistert über die allzu drastischen Aussagen von Reuter und Schleweis. So erfuhr die FAZ etwa vom Sparkassenverband Hessen-Thüringen, dass „Krypto-Assets“ ein „relevantes Thema“ seien, mit denen sich Sparkassen unbedingt auseinandersetzen sollten. Dieser Prüfprozess solle „ergebnisoffen“ sein. Zwar sei ein breit angelegter Einstieg in den Krypto-Handel nicht geplant, doch etwa 10 Prozent der Sparkassenkunden besäßen bereits Kryptowerte. Daher sollte man die Türen nicht vorschnell zuschlagen.
Immerhin meint auch Reuter, dass man die aktuellen Entwicklungen im Krypto-Markt beobachten solle. Allerdings zielt er dabei weniger auf Kryptowährungen selbst, sondern, man höre und staune: auf die Technologie, beispielsweise die Blockchain. Diese werde bereits für digitale Schuldscheine genutzt, womit er, vermute ich, auf ein innovatives, aber im Vergleich zum Kryptomarkt winziges, bedeutungsloses und langweiliges Pilotprojekt der französischen Zentralbank anspielt.
So verblüffend der erstaunlich tatkräftig formulierte Vorstoß der Sparkassen Mitte Dezember war, so erstaunlich fallen die Gründe für die Ablehnung aus. Reuter und Schleweis, zwei der wichtigsten Sparkassen-Granden, sehen in Bitcoin und Kryptowährungen hochspekulative Investments mit Ähnlichkeiten zu Schneeballsystemen. Dies weckt nostalgische Erinnerungen an das Jahr 2013, als Bitcoin noch 100 Euro wert war, vor allem von Drogendealern, Glücksrittern und Idealisten genutzt wurde und auch hochrangige Finanzexperten von Schneeballsystemen redeten.
Dass die Sparkassen-Bosse diese Formulierung achteinhalb Jahre später aufgreifen, während die allermeisten Experten sie schon längst fallengelassen haben, ist vielsagend. Nicht jede Uhr läuft gleich schnell. Mit der Idee, die Technologie hinter Bitcoin, beispielsweise die Blockchain, interessant zu finden, ist Reuter immerhin nicht ganz so weit hinterher. Die Phrase „Blockchain anstatt Bitcoin“ wurde ab 2015 von Finanz- und Technologieberatern sowie Großbanken exzessiv geschwungen, bis sich irgendwann 2018/19 die Erkenntnis breitmachte, dass die Blockchain in jeder einzelnen, rein technologisch konzipierten Anwendung enttäuschte, aber sie überall da, wo sie Technologie und Finanzen verschmilzt, alle Erwartungen weit übertrifft.
Beispiele sind etwa der ICO-und Token-Boom 2017/18, der alle bisherigen Versuche, Crowdfunding auf eine solide Basis zu stellen, in einen bergmassivgroßen Schatten stellte. Bestätigt wurde dieses Erfolgsrezept durch die DeFi- und NFT-Booms der letzten Jahre.
Aber man sollte den Sparkassen-Chefs verzeihen, dass sie in dem Diskurs das eine oder andere Jährchen hinterherhängen. Denn auch die an sich junge und weltoffene Presse weiß es nicht besser, bestand aber Mitte Dezember aggressiv darauf, ihren Rat Sparkasse und Co entgegenzubrüllen. Mit dabei war natürlich Jens Tönnesmann, ZEIT-Fachmann für die Abneigung gegen Gold und Bitcoin, der in seiner typischerweise allzu-meinungsstark-eindeutigen Weise titelt: „Lasst es lieber!“.
In der Süddeutschen Zeitung urteilte Paulina Würminghausen immerhin etwas besinnlicher, der Vorstoß der Sparkassen sei eine „Einladung zum Zocken“. Unter der plakativen Überschrift erklärte die Autorin aber relativ nüchtern, dass Kryptowährungen vielleicht ein zu modernes, komplexes Phänomen für die Kundschaft der Sparkassen seien. Wie sich nun zeigt, nicht nur für die Kundschaft.

