Wie die Zentralbanken die Chancen verpassen, die in digitalen Währungen liegen

Frankfurt am Main: Gebäudekomplex der Europäischen Zentralbank, von Nordwesten gesehen. Bild von Epizentrum via wikipedia.de. Lizenz: Creative Commons

Fast alle Zentralbanken liebäugeln mit einer digitalen Währung. Das könnte eine große, wundervolle Sache sein und gerade einen Währungsverbund wie die Eurozone verjüngen und wieder attraktiv machen. Doch den Notenbankern rund um die Welt fehlt offenbar Mut, um das riesige Potenzial der Blockhains für Zentralbanken zu heben.

Indien hat es vor, China rollt es bereits vorsichtig aus. Thailand, Hong Kong und Australien planen es, die EU forscht daran. Frankreich führt die ersten Tests aus, die Ukraine kooperiert mit der Stellar-Foudation, das Weltwirtschaftsforum gibt ein Framework heraus, und die Bank für internationalen Zahlungsausgleich koordiniert irgendwie mit.

Angeblich planen 80 Prozent aller weltweiten Zentralbanken, eine digitale Währung herauszugeben. Der Fachbegriff dafür lautet „Central Bank Digital Currency“ (CBDC). Immer dann, wenn eine weitere Zentralbank ein CBDC-Projekt bekannt gibt, schütteln die Online-Magazine einige Überschriften heraus, und der eine oder andere Experte wähnt schon die Stunde gekommen, ab der „das richtige Geld“ Blockchain-Währungen wie Bitcoin überflüssig macht. Doch was dann passiert, ist meistens eher ernüchternd.

Am weitesten ist die digitale Währung bereits in China gediehen. Die Volksrepublik hat den digitalen Yuan energisch vorwärtsgetrieben, hat ein recht durchdachtes Design entworfen, verfolgt mit der CBDC strategische Pläne, die womöglich bis hin zu einer neuen Währungsunion unter chinesischem Dach gehen, und beginnt derzeit, das System in ersten flächendeckenden Tests auszuprobieren.

Die EU verstrickt sich dagegen in Entscheidungsfindungsgremien, -orgien und Vorstudien, so dass man seit fünf Jahren weiß, dass die EU das ganze beobachtet und erwägt. In den USA passiert noch weniger. Die französische Zentralbank immerhin hat vor kurzem in einem Test simulierte Anleihen über zwei Millionen Euro auf einer Blockchain transferiert. Bravo!

Der Gesellschaftsvertrag der Blockchain

Eine digitale, durch die Zentralbank herausgegebene Währung ist eine gute Idee. Sie kann sogar eine starke, mächtige, epochenmachende Idee sein. Dafür aber müssen die Zentralbanken mutig sein. Wenn sie lediglich das bisherige System unter einem neuen, schicken Namen replizieren wollen, können sie sich die Mühe sparen.

Blockchains von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum sind dezentrale und stabile, liquide, wertvolle und geographisch weit verteilte IT-Netzwerke. Sie sind mächtige  Artefakte des digitalen Raums, die vor allem dann nützlich sind, wenn man Werte sicher, schnell und global bewegen will. Jede Zentralbank sollte so etwas haben wollen. Als glühender Anhänger der europäischen Einigung und als Steuerzahler in Europa will ich unbedingt, dass unsere EU und unsere EZB sich eine CBDC-Blockchain zulegen, die diesen Namen auch verdient. Und zwar um jeden Preis. Es kann gar nicht schnell genug gehen.

Die EU muss natürlich bereit sein, sich auf die Technologie einzulassen. Jede Blockchain ist ein Geflecht von Anreizen. Diese Anreize belohnen und bestrafen und bilden ein Gleichgewicht, das die Eigeninteressen aller Akteure nutzt, um Sicherheit zu schaffen. Eine gute Blockchain ist wie ein Gesellschaftsvertrag oder eine Verfassung.

Ein digitaler Euro sollte dies auch haben. Er kann Anreize für die Politik, die Zentralbank, die Banken, Unternehmen aber auch einzelne Bürger setzen. Dies sollte man nicht als Kür begreifen, die es zu absolvieren gilt, wenn man eine Blockchain aufzieht, sondern als Chance – als Gründungsmonument einer neuen, zukunftssicheren europäischen Währungsunion.

DAOs und DEXes

Etwas wagen müsste die EU auch bei der Regulierung. Die Resistenz gegen Regulierung, die echte Kryptowährungen wie Bitcoin auszeichnet, ist sehr viel mehr als nur ein Schleichweg für Kriminelle. Wer Bitcoin schon einmal ausprobiert hat, weiß, wovon ich spreche: Es gibt Zonen, wo es keinen Platz für Regulation gibt, etwa in der eigenen Wallet, oder im Kontakt zwischen Wallet und Blockchain, oder, seit einiger Zeit, in der Gestaltung und Nutzung von dezentralen Börsen (DEX). Das hat den Effekt, dass es keine Mittelsmänner gibt, viel weniger Reibung, aber mehr Liquidität und Chancen.

Die Kombination der Wallet Metamask mit der dezentralen Börse UniSwap ist ein solches Beispiel. Man loggt sich mit nichts als der Wallet ein. Dann kann man beliebige Token tauschen, und man kann auch seine eigenen Token als Liquidität für Wechsel zur Verfügung stellen, um Zinsen zu erhalten. Es gibt keinen Mittelsmann, sondern nur die User und die Blockhain. Die User bilden eine DAO, eine Dezentrale Autonome Organisation, und die Blockchain gewährleistet, dass jeder zu 100 Prozent nach den Regeln spielt. Welcher wahre Zentralbanker fühlt sich nicht genötigt, ein solches System zu vergöttern? So etwas muss die EU doch unbedingt haben wollen.

Dezentrale Börsen sind nur ein Beispiel für eine DAO. Ein Stablecoin wie DAI ist ein anderes. Hier regulieren die Teilnehmer der Maker-DAO den Preis für einen DAI-Dollar, ähnlich wie ein ETF den Preis eines Wertpapiers reguliert. Andere Experimente, wie „Die DAO„, skizzierten faszinierende Entwürfe dafür, wie ein Regelwerk auf der Blockchain eine Organisation gründen kann, welche Aufgaben übernimmt, die man ansonsten nur von Firmen oder Regierungen kennt. Wäre das nicht etwas, das ein Staatenbund wie die EU haben wollen sollte? Hätte die EU hier nicht Chancen, unparteiische Institutionen zu schaffen, die für Jahrhunderte bestehen können?

Wer keinen Mut hat, kann es gleich lassen

Eine Blockchain kann so unsagbar nützlich für Europa sein. Es beginnt bei einer dezentralen Börse, wo europäische Anleihen und Aktien gehandelt werden, und jeder Liquidität beigeben kann; es geht zu speziellen Euro-Token, etwa ein knapperer Edeleuro, zu DAOs, die Funktionen kommunaler oder zwischenstaatlicher Fondverwaltung übernehmen und vielleicht auch Bürger integrieren; über tokenisierte europäische Ausweise oder Fördergeld-Marken zu — die Bandbreite an Möglichkeiten ist gigantisch.

Um dieses riesige Potenzial zu heben, muss die EU nur eines sein: Mutig. Sie darf die Blockchain nicht in Regulierungswünschen ertränken. Sie darf sich bei der Planung nicht zum Knecht bestehender Interessen machen lassen. Und sie darf nicht übersehen, dass eine Blockchain vor allem eines sein muss – offen. Blockchains müssen interagieren und sie müssen frei für jeden sein. Wie mächtig das ist, zeigt die unglaublich vitale Krypto-Ökonomie.

Sobald es die üblichen Beschränkungen der Regulierung gibt, beginnt der Papierkram und die Reibung. Dann wird alles kompliziert und langsam, und dann würde die Blockchain nicht mehr halb so gut funktionieren wie PayPal, wo ein gewinnorientiertes Unternehmen alles tut, um die regulatorisch injizierten Reibungen vor dem Kunden zu verbergen. Die EU kann vieles – aber einen Kundenservice zu leisten, wie ihn ein Unternehmen bietet, gehört nicht dazu.

Man sieht das in China: Die CBDC der Zentralbank rollt derzeit die ersten Tests aus, bei denen einige tausend Menschen mit einer Wallet auf dem Smartphone in Geschäften bezahlen können. Und? Ist daran irgendetwas neu? Die Leute haben Yuan auf dem Konto, und sie bezahlen seit langer langer Zeit, indem sie eine Kreditkarte oder ihr Smartphone an ein Terminal halten. Jede Kryptowährung, die ein IT-Student in seinem WG-Zimmer aufsetzen kann, schafft dasselbe.

Selbst an der vorwärtsweisenden chinesischen CBDC ist so wenig neu außer dem Begriff „Digitale Währung“, dass es geradezu schmerzt. Wenn überhaupt, dann zeigen solche Versuche, dass man eine CBDC nicht braucht.

Frankreichs Zentralbank zeigt, wie man es wohl nicht machen sollte

Die französische Zentralbank hat am 17. Dezember in einem Test simulierte Anleihen über zwei Millionen über eine Blockchain transferiert. Das ist immerhin ein Schritt – aber ein ziemlich zaghafter.

Die Banque de France hätte auch einfach ein ERC20-Token auf Ethereum herausgeben können. Jeder halbwegs erfahrene Blockchain-Entwickler hätte das an zwei Arbeitstagen programmiert, und wenn er mehr Zeit hat, könnte er jeden beliebigen Regulierungswunsch der Bank in den Smart Contract einpflegen. Jeder Bürger, der ans Internet gewohnt ist, bräuchte nur eine Idea-artige Anleitung in drei Schritten, um das Token zu benutzen. Die zwei Millionen Euro wären in Sekunden angekommen. Und man könnte sie auch noch in DeFi investieren, sie hätten über Börsen Kontakt zu allen anderen Blockchains und Fiat-Währungen, und – und – und —

Aber stattdessen: Die Bank von Frankreich benutzt eine „private Blockchain-Plattform“. Die Technologie wird von SETL hergestellt, einem Anbieter aus dem Drittland Großbritannien. Die Technologie von SETL ist laut eigenen Angaben „urheberrechtlich geschützt, am Markt führend und speziell für hochperformante, niedriglatente regulierte Anwendungen entwickelt.“

Der Konsensmechanismus nennt sich „Proof of Identity“, was bedeutet, dass nur autorisierte Parteien am Konsensverfahren teilenhmen können. Daher braucht es nur eine kleine Anzahl an Servern – üblicherweise weniger als 10 – um die Integrität zu wahren. Immerhin kann sich jeder einen Node herunterladen und die Blockchain verifizieren. Details sind aber unbekannt, da die Software Closed Source ist. Angeblich schafft sie eine Milliarde Transaktionen am Tag.

Kann sein, dass es schlechter sein könnte. Immerhin kann sich, wer die Lizenzgebühr bezahlt, nehme ich an, einen Knoten aufstellen. Immerhin können Firmen, die die Lizenzgebühr bezahlen, Wallets betreiben und Blockexplorer aufstellen. Aber wie soll es eine freie Software-Entwicklung geben, wenn die Hauptsoftware Closed Source ist? Microsoft und Google bauen dafür die richtigen Schnittstellen und Treiber. Aber ist SETL das Microsoft der Blockchains?

Und warum sollte man dem digitale Euro trauen, wenn man die Software und den Konsensmechanismus nicht kennt? Wie kann eine Software, die die Zentralbanken zu Betatestern macht, ebenso sicher sein wie eine, die seit mehr als zehn Jahren im freien Kriegsfeld stehen bleibt? Und ist es wirklich sicher genug, wenn es weniger als 10 Konsens-Knoten gibt? Wird eine solche Blockchain jemals ein mit Bitcoin vergleichbares Vertrauen genießen? Wird sie jemals so viele Entwickler anziehen wie Ethereum, die freiwillig Apps und Dapps bilden und der ganzen Geschichte erst Leben einhauchen? Wird sie zum Zentrum eines freien Ökosystems werden, dessen Kreativität jedes Jahr mehr Projekte schafft, als man sich vorstellen kann?

Kein Aufbruch in ein neues Zeitalter

Vermutlich nicht. Vermutlich wird eine solche Blockchain, wenn sie denn jemals läuft, geschlossen bleiben. Man wird weiterhin der EZB vertrauen, anstatt der Blockchain, die Anwendungen werden auf das beschränkt bleiben, was ein Gremium aus EZB und anderen Banken am runden Tisch beschließt und ein SETl-Entwickler dann im Blockchain-Design umsetzt. Es wird eine ziemlich langweilige Sache bleiben, so ähnlich wie DEMail, GiroPay, das „PayPal der Volksbanken“, oder — oder …

Falls es denn segensreiche Wirkungen geben wird, werden die im Bankwesen verbleiben, und nur der eine oder andere technische Experte wird verstehen, dass dies oder das so oder so läuft, weil man auf einer Blockchain aufbaut. Ein Aufbruch in ein neues Zeitalter sieht anders aus. Falls es wahr ist, dass die Ukraine vorhat, eine CBDC auf der Stellar-Blockchain herauszugeben, wird man irgendwann feststellen, dass die digitale Hrywnja besser ins Fintech-Ökosystem Deutschlands passt als der digitale Euro.

Das sind natürlich alles Vermutungen. Vielleicht kommt es auch anders. Aber bis jetzt wirkt es nicht, als würde die EZB – oder eine andere Zentralbank, ausgenommen die der Ukraine – den Mut haben, das riesige Potenzial der Blockchain auch nur anzutappsen.

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8 Kommentare zu Wie die Zentralbanken die Chancen verpassen, die in digitalen Währungen liegen

  1. Du hast vergessen, dass Zentralbanker aus Privatbanken kommen und denen alles zu verdanken haben. Die Loyalität liegt nicht beim Bürger.

  2. > Die User bilden eine DAO, eine Dezentrale Autonome Organisation, und die Blockchain gewährleistet, dass jeder zu 100 Prozent nach den Regeln spielt. Welcher wahre Zentralbanker fühlt sich nicht genötigt, ein solches System zu vergöttern?

    Ich denke das ist das grundlegende Problem: man will sich nicht der Möglichkeit berauben lassen, später noch (einfach) Änderungen am System vornehmen zu können, wenn es denn nötig sein sollte (oder jemand „der Verantwortlichen“ bei der Zentralbank zumindest denkt, dass es eine Änderung braucht). Wenn man die Regeln also „hart“ rein programmiert (via BlockChain-Software oder via Smart Contract), geht das nicht mehr. Auf den „demokratischen“ Open Source Prozess hat man dann (als Zentralbank-Verantwortlicher) logischerweise keinen Bock: es dauert zum einen zu lange, zum anderen ist es noch nicht mal sicher, dass man sich überhaupt durchsetzen wird können.
    Analog wie bei Bitcoin gilt ansonsten (vielleicht etwas abgeschwächt, da man ja noch das Copyright auf den Namen (z.B.) „Digitaler Euro“ hat): wenn ich als Zentralbank einfach auf eigene Faust meine Blockchain-Software aktualisiere, an der Community vorbei, habe ich sofort einen Hard Fork, wenn die Nutzer der Meinung sind, dass die Änderungen für den Allerwertesten sind und einfach auf der alten Software bleiben (ein aktiver Fork wäre wie gesagt aus Namensgründen vermutlich schwieriger, aber auch nicht unmöglich).

    Ich denke, dass wir aus genau diesem Grund, in absehbarer Zukunft *keine offene* CBDC (wie im Artikel gewünscht) sehen werden, zumindest keine, bei der die Zentralbank sich nicht von vornerein in ihrer Software gewisse Rechte (wie Einfrieren, Erschaffen, Vernichtung von Werten) einräumen wird. Und auch keine, bei der nicht die Mitarbeiter der Zentralbank das Open Source Repository managen werden (um z.B. über das letztliche Mergen von Änderungen volle Kontrolle zu haben, analog so wie es Linus Torvalds für den Linux Kernel hat). Damit wären wir also auch wieder beim Thema Vertrauen in die Zentralbank, welches in diesem (in meinen Augen wahrscheinlichsten) Szenario unabdingbar wäre.

    • Im Prinzip wäre auch das kein großes Problem: Man kann einen Smart Contract so schreiben, dass der Besitzer ihn später auch ändern kann. Die Regeln müssen nicht in Stein gemeisselt sein. Aber die Ausführunug geschieht ohne Mittelsmann und absolut sicher.

      • Das hingegen ist ein todesurteil aller Projekte 😉 Wenn der Besitzer einfach so die Regeln ändern könnte ? Oder sogar sperren 😀

  3. Wer gibt schon gerne Macht ab?

  4. Da die Zentral-banken ganz sicher keine de-zentralen Crypto-Währungen herausbringen werden, sollte alles so bleiben wie es ist. Schließlich ist mehr Regionalität und mehr Demokratie die Lösung.

  5. In der Rede des Chefs der Bank für internationalen Zahlungsausgleich wird deutlich wohin die Reise bei CBDC geht: Geldtransaktionen mit zentraler Koordination, Banken als Mittelsmännern und Identifikation der Nutzer. DLT soll in das heutige System integriert werden ohne viel zu ändern. So bringt es keine Vorteile. Disruption geht anders.

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