Ein Konvoi von Truckern bringt Kanada an den Rande einer Nationalkrise. Die Crowdfunding-Plattform GoFundMe verweigert die Weiterleitung von Spenden an die Trucker. Diese finanzieren sich daraufhin durch Bitcoin. Wozu sonst braucht es ein unzensierbares digitales Bargeld?
Nachdem GoFundMe rund 9 Millionen Dollar an Spenden für Kanadas „Freedom Convoy“ eingefroren hat, haben Bitcoiner über Tallyco.in eine neue Spendenkampagne ins Leben gerufen.
Die „Honkhonk Hodl“-Kampagne brachte bisher Spenden von gut 12,4 Bitcoins durch gut 4.300 Spender zusammen, was knapp einer halben Million Euro entspricht. Damit ist das Spendenziel von symbolischen 21 Bitcoins fast zur Hälfte erfüllt.
Hilfreich war dabei sicherlich das Versprechen eines Twitter-Accounts mit dem bezeichnenden Pseudonym „LaserHodl“, einen ganzen Bitcoin zu spenden, wenn 9 andere Bitcoiner dasselbe tun.
Die Aktion schlug ein. Unter den möglicherweise bekannten Bitcoinern, die einen Bitcoin für die Trucker übrig haben, sind unter anderem der Chef des Bitcoin Magazines, Davild Bailey, der CEO von Kraken, Jesse Powell, sowie einig weitere.
Mit den Spenden werden die Trucker Nahrungsmittel, Benzin, Rechtsberatung und andere Mittel beziehen, durch die sie ihren Protest fortsetzen können.
Ottawa verhängt Notstand wegen Freedom Convoy
Auch in Kanada spaltet die Corona-Pandemie sowie die durch sie ausgelösten politischen Maßnahmen die Gesellschaft. Zwar unterstützt wohl eine klare Mehrheit den strengen Kurs von Premierminister Justin Trudeau, doch eine nicht unerhebliche Minderheit lehnt diesen radikal ab.
Was hierzulande die Montagsspaziergänge sind, ist in Kanada derzeit der „Freedom Convoy“, durch den zahlreiche Trucker in die Hauptstadt Ottawa zu fahren, um gegen die Impfpflicht für LKW-Fahrer zu demonstrieren.
Über die konkreten Zahlen des Freedom Convoys zirkulieren unterschiedene Angaben. Sie reichen von „hunderte“ (Tagesschau) bis zu 50.000 (RT Deutsch). Was genau die Wahrheit ist, ist aus der Distanz ebenso schwer zu ermitteln wie die Frage nach Rechtsextremismus und Hasskriminalität unter den Truckern. Auf der einen Seite sind Berichte davon, dass der Convoy von Rechtextremen und Rassisten unterwandert sind, auf der anderen Seite Bilder von friedlichen kanadischen Bürgern, die die Proteste unterstützen.
Wie stets beim Thema Corona sind Informationen, ob von der einen oder anderen Seite, selten zufriedenstellend, weil sich die Berichterstattung immer weniger an dem orientiert, was wahr ist, sondern vermehrt an dem, was wahr oder eben unwahr sein soll.
Ohne Zweifel jedoch dürften die Kommentare Kanadas Premierminister Justin Trudeau wenig versöhnlichgewirkt haben. Zuerst bezeichnete er die Trucker als „eine kleine, randständige Minderheit“, deren Protest eine „Beleidigung der Wahrheit“ sei. Er verurteit bei den Protesten angeblich zur Schau gestellte Vorfälle von „Rassimus, Islamfeindlichkeit, schwarzenfeindlichen Rassismus, Homophobie und Transphobie“. Das allerdings schüttete – wer hätte es gedacht? — nur noch mehr Öl ins Feuer.
Today in the House, Members of Parliament unanimously condemned the antisemitism, Islamophobia, anti-Black racism, homophobia, and transphobia that we’ve seen on display in Ottawa over the past number of days. Together, let’s keep working to make Canada more inclusive.
— Justin Trudeau (@JustinTrudeau) February 1, 2022
Mittlerweile scheint der Freedom Convoy im Begriff zu stehen, eine Staatskrise auszulösen. Ottawas Bürgermeister Jim Watson hat mittlerweile den Notstand ausgerufen, weil die Situation „völlig außer Kontrolle“ geraten sei. Die Präsenz der Trucker in Ottawa sei eine „Gefahr und Bedrohung der Sicherheit der Anwohner“, weil sie und ihre Unterstützer – man höre und staune und fürchte sich: hupen, Feuerwerkskörper abfeuern und eine Party feierten.
Die Anzahl der Demonstranten übersteige die der Polizeikräfte bereits deutlich, so Watson, und man müsse „unsere Stadt zurückerobern“. Die Polizei verhaftet immer mehr Leute, etwa deswegen, weil sie die Trucker mit Treibstoff versorgen.
Not You Keys, Not you …: GoFundMe konfisziert die eingezahlten Spenden
Finanziert haben sich die Proteste zum Teil über Spenden über die Crowdfunding-Plattform GoFundMe, wodurch in relativ kurzer Zeit gut 10 Millionen Dollar anliefen. Doch dann brach GoFundMe die Kampagne ab.
Deren Organisatoren, so die Plattform, hatten angekündigt, die Mittel für Teilnehmer zu verwenden, „die nach Ottawa reisten, um an einem friedlichen Protest teilzunehmen.“ Nach „mehreren Diskussionen mit lokalen Gesetzeshütern und Polizeiberichten von Gewalttätigkeiten und anderen gesetzeswidrigen Aktivitäten“ hatten die Trucker diese Ankündigung aber gebrochen. Daher entfernte GoFundMe die Kampagne und fror die eingezahlten Spenden ein.
At the request of Trudeau, @GoFundMe has just stolen $9,000,000 from the truckers. Rather than automatically refunding it to the donors, they say they’re going to give it to groups of their own choosing. What a windfall for Black Lives Matter, Greenpeace and Planned Parenthood! pic.twitter.com/prEwLnypfe
— Ezra Levant 🍁🚛 (@ezralevant) February 4, 2022
Zunächst kündigte GoFundMe an, Geld nur dann an die Spender zurückzuzahlen, wenn diese sie aktiv zurückforderten. Was übrig bleibe, werde an „glaubwürdige und etablierte“ Wohltätigkeitsorganisationen ausgezahlt. Nachdem dieses an Diebstahl grenzende Vorgehen einen lauten öffentlichen Protest provoziert hatte, ruderte GoFundMe zurück: Die Organisatoren des Freedom Convoys sollten an der Auswahl der Organisationen beteiligt werden.
Weil das die Sache nur marginal besser machte und der Protest anhielt, entschied GoFundMe sich schließlich, die Spenden automatisch in den kommenden 7-10 Tagen zurückzuzahlen. Damit wäre immerhin der Vorwurf des Diebstahls vom Tisch.
Doch die Trucker des Freedom Convoys kamen weiterhin nicht an die für sie bestimmten Gelder, und die spendenden Kanadier oder ausländische Unterstützer lernten einmal mehr, was es bedeuten kann, wenn man sein Geld Mittelsmännern anvertraut – und warum Bitcoin für sie plötzlich notwendig wurde.
Nicht perfekt, aber ein guter Fortschritt
Ein unzensierbares Internet-Geld wie Bitcoin ist genau für diese Fälle gemacht: Wenn der politische Druck auf Mittelsmännern zu groß wird, und sie fürchten, sich die Finger zu verbrennen, wenn sie Geld an unliebsame Individuen oder Organisationen weiterleiten.
Der auf seine Freiheit und Demokratie zurecht stolze Westen erkennt dies gerne, wenn es um Demonstrationen in Nigeria geht, um Proteste in Russland oder Weissrussland, um den Underground in China und um Kapitalflucht in Venezuela. Aber wenn es dagegen um Personen wie Julian Assange geht oder um Organisationen wie WikiLeaks oder nun eben die Freedom-Trucker, zeigt sich immer wieder, dass auch der Westen bereit ist, Kompromisse der Freiheit in Kauf zu nehmen, um widerspenstigen Akteuren den Geldhahn zuzudrehen.
Die Trucker hätten an sich nicht mehr gebraucht als eine Bitcoin-Adresse, um Spenden zu empfangen. Eine Crowdfunding-Plattform wie Tallyco.in freilich macht es wesentlich bequemer, eine hübsch anzusehende Kampagne zu starten, bei der die Besucher den Zufluss von Coins verfolgen und Spender sich mit einem Kommentar verewigen können.
Darüber hinaus erlaubt Tallyco.in auch die Zahlung mit Lightning, was wesentlich komplexer wäre, als einfach nur den QR-Code einer Adresse online zu stellen. Allerdings wurde Lightning nur für einen kleinen Teil der Spendensumme verwendet.
Aber ist das dann nicht dasselbe in Grün? Kann Tallyco.in nicht ebenso die Coins einfrieren, wie GoFundMe die Dollar? Nicht ganz. Zwar kann Tallyco.in als Besitzer der Plattform selbstverständlich die Kampagne entfernen, wenn der politische Druck zu groß wird. Doch die Bitcoins selbst sind niemals in ihrer Hand – sie fließen direkt von den Spendern in die Wallet des Organisators einer Kampagne.
Das ist nicht perfekt, aber schon mal ein deutlicher Fortschritt.
Update: Mittlerweile gibt es auch schon einen Bitcoin-Cash-Crowdfunding-Kampagen auf Flipstarter für die Trucker. Diese spielt bisher naturgemäß deutlich weniger ein als die prominentere auf Tallyco.in, hat aber mit 24,3 BCH, was gut 7.000 Euro entspricht, doch schon eine nette Summe eingesammelt.

