Die Preise steigen und steigen und steigen. In Deutschland erreicht die Inflation 7,9 Prozent, in der Eurozone 8,1. Die Europäische Zentralbank (EZB) kündigt die Kehrtwende bei den Zinsen an, doch ihr Handlungsspielraum ist begrenzt. Denn die aktuelle Inflation geht nicht von der Nachfrage aus, sondern vom Angebot.
Gestern hat das statistische Bundesamt seine Berechnungen zur Inflationsrate im Mai veröffentlicht. Mit 7,9 Prozent in Deutschland ist die Teuerungsrate so hoch wie seit 48 Jahren nicht mehr, als die Preise im Winter 1973/74 wegen der Ölkrise explodierten.
In der Eurozone stiegen die Preise sogar um 8,1 Prozent. So hoch war die Inflation seit Einführung des Euro 1999 nicht. Sie liegt nun mehr als vier Mal über den zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank (EZB) als Preisstabilität anstrebt.
Die Inflationsraten seit 1951. Wenn das Jahr so weitergeht, wird es ein Rekord seit Gründung der Bundesrepublik. Quelle: Hypochart.de
Vor allem in Osteuropa kennt die Teuerung kein Halten mehr. Schon im April waren die Preise in Estland fast 20 Prozent über dem Vorjahresmonat, in Litauen, Lettland und der Slowakei, aber auch der Niederlande um mehr als 10 Prozent. Konkrete Daten für Mai sind noch nicht verfügbar, dürften aber noch höher ausfallen.
Die Preistreiber sind dabei vor allem die Energiepreise, die in Deutschland um beinah 40 Prozent gestiegen sind. Sie schlagen sich auf fast alles durch, von der Bauwirtschaft zum Brot. Daher wurden auch Nahrungsmittel im Schnitt um 11,1 Prozent teurer.
Unsere „Experten“
Für die Experten kommt dies einem Offenbarungseid gleich. Seit Jahren redet die EZB-Führung, etwa die Präsidentin Christine Lagarde oder das Ratsmitglied Isabell Schnabel, die Inflation klein. Noch 2020 behaupteten sie, die Preise wären im Schnitt sogar deflationär. Als die Inflation dann nicht mehr zu leugnen war, behaupteten sie sowie zahlreiche weitere überraschte „Wirtschaftsexperten“, dass die Inflation wahlweise sehr gering oder nur vorübergehend sei.
Fakt #6: Die #Inflation wird 2022 wohl wieder unter 2 % (Definition von Preisstabilität) sinken, und auch 2023 wohl fallen.
Prognosen sind immer mit Unsicherheit behaftet, aber: eine zu schwache Inflation ist deutlich wahrscheinlicher als eine zu hohe Inflation. pic.twitter.com/tQ7GOICZKZ— Marcel Fratzscher (@MFratzscher) October 2, 2021
Monat für Monat überführt die Wirklichkeit die „Experten“ der Irrtümer. Monat für Monat geben die „Experten“ weitere Prognosen ab, die sich Monat für Monat wieder als falsch erweisen. Und dennoch bleiben die Experten auf ihren Stühlen. Sie leiten Wirtschaftsinstitute, geben Prognosen ab, leiten Zentralbanken, beraten die Regierung, informieren Medien.
Rücktritte? Eingeständnisse des Irrtums? Neinnein. Sich wieder und wieder zu irren ist doch kein Grund, den Anspruch aufzugeben, Gott und die Welt zu beraten und die Geldpolitik der Eurozone zu führen.
Die andere Art von Inflation
Immerhin muss man zu Gunsten der EZB feststellen, dass die Inflation, vor der schon so lange gewarnt wird, nur zum Teil auf ihr Konto geht.
Für eine lange Zeit hat die EZB Wirtschaftspolitik mit der Notenpresse betrieben. Sie hat die Zinsen gesenkt, um Investitionen zu befördern, und sie hat Staatsanleihen gekauft, um den finanziellen Spielraum der Nationen zu stärken. Damit hat sie die Geldmenge erhöht und eine milde Inflation erzeugt, während der Markt eher zu sinkenden Preisen tendierte.
Die Inflation war durch die Nachfrage injiziert: Die ausgeweitete Geldmenge erhöhte die Nachfrage nach Gütern. Gegen diese Inflation konnte man sich relativ leicht schützen, indem man nicht in Euro sparte, sondern in Gold, Aktien, Kryptowährungen und Immobilien. Seit die EZB diese Politik mit der Finanzkrise 2008 fährt, sind die Preise für Vermögenswerte massiv gestiegen.
Die aktuelle Inflation jedoch wird vom Angebot verursacht: Die Nachwehen der Corona-Politik, der anhaltende Lockdown in China, der Ukraine-Krieg und die durch ihn verursachten geopolitischen Verwerfungen führen zu einer globalen Knappheit von Gütern. Das war bereits lange bei Chips und Grafikkarten zu spüren, erreicht seit einigen Monaten aber die Rohstoffe, deren Preise durch die Bank weg mit meist mittleren zweistelligen Raten steigen. Die massiven Erhöhungen der Einkaufspreise kommen nun bei den Verbrauchern an, wenn auch noch längst nicht in vollem Umfang.
Dementsprechend munkeln die „Experten“ nun, dass Lebensmittel noch teurer werden und die Inflation anhalten werde. Sie sagen also genau das Gegenteil von dem, was sie vor einem halben Jahr sagten. Man darf gespannt sein, welche Prognosen sie im Herbst abgeben.
Was hilft, was schützt?
Anders als die nachfrageinduzierte Inflation schützen Investments nun weniger gut. Die hohen Preise treffen die Wirtschaft; Inflation schafft kein Wachstum mehr, wie zuvor, sondern lässt die Wirtschaft eher schrumpfen. Aktienkurse brechen ein, Gold stürzt ab, Kryptowährungen kollabieren. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Immobilien nachziehen. Aus Branchenkreisen wird bereits von einer massiv sinkenden Nachfrage nach Neubauten berichtet.
Was aber hilft gegen eine solche Inflation? Letzten Endes nur das eine: Die Neujustierung von Angebot und Nachfrage. Wenn das Angebot zurückgeht, aber die Nachfrage bleibt, steigen die Preise. Sie werden damit nur aufhören, wenn entweder das Angebot steigt, oder wenn die Nachfrage sinkt.
Derzeit scheint eine Erholung der Angebotsseite nicht in Sicht zu sein. Sie wird ohne Zweifel kommen. Aber bis dahin bleibt als Stellschraube nur die Nachfrage. Die amerikanische Fed drosselt diese bereits, indem sie den Leitzins erhöht, die EZB stellt in Aussicht, im Herbst nachzuziehen. Allein die Erwartung auf steigende Zinsen dürfte die Einbrüche auf Aktien- und Kryptomärkten teilweise erlären.
Doch das Instrument der Zentralbanken hat seine Grenzen. Erhöhen sie die Zinsen zu stark, drohen Immobilienkrisen, da es teurer wird, die Darlehen zu bedienen; werden Sparbücher zu attraktiv, drohen weitere Einbrüche der Aktienmärkte. Weder ein Immobilien- noch ein Aktiencrash wäre das, was die Märkte in der aktuellen Situation gebrauchen könnten. Die Inflation wird sich fortsetzen, solange die Angebotsprobleme nicht gelöst sind, während zinsbedingte Krisen ein Schrumpfen der Wirtschaft einleiten könnten. Die gefürchtete Stagflation wäre die Folge.
Verbrauchern bleibt vor allem eine Option. Bitcoiner und HODLER praktizieren diese oft schon seit langem: Sparen. Die Zeitpräferenz senken. Die Bedürfnisse reduzieren, jeden Satoshi zweimal umdrehen. Wenn die Verbraucher auf Ausgaben verzichten, wenn sie nur saisonales Obst und Gemüse kaufen, mit dem Rad anstatt Auto fahren, weniger aggressiv aufs Gas drücken, die Hose flicken anstatt wegzuwerfen, helfen sie, die Distribution von Gütern effizienter zu machen – und damit langfristig die kaputte Angebotsseite zu reparieren.

