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Kein Grund zur Panik. Ihr werdet alle nur ein bißchen ärmer

Alles wird gut, nur ein dunkles Wölkchen! Bild von Zooey via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Inflation ist da. Die Preise steigen. Die Experten, die eben noch sagten, es werde keine Inflation geben, beruhigen, und die EZB findet, dass sie alles richtig macht. Ist es schon an der Zeit, in Panik zu fallen – oder Bitcoins zu kaufen?

Langsam spürt man es im Supermarkt. Alles wird teurer. Das Statistische Bundesamt meldet für August eine allgemeine Teuerungsrate von 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahres-August.

Besonders betroffen sind Energierohstoffe. Gas, Öl, Benzin. Sie stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 12,6 Prozent. Die meisten von euch werden das an den Tankstellen mitbekommen. Die Spritpreise sind nahe am Allzeithoch, was besonders unangenehm auffällt, weil sie erst im Frühjahr 2020 auf ein 10-Jahres-Tief gefallen sind.

Aber das ist harmlos im Vergleich zum Gas. Wie der Börsendienst Bloomberg berichtet, stiegen die Gaspreise um beinah 500 Prozent in den letzten 12 Monaten. Auch sie waren im Frühjahr 2020 auf ein Tief gefallen, etwas unter 5 Euro je Megawattstunde. Normalerweise bewegen sie sich zwischen 10 und 20 Euro. Derzeit sind sie bei 70 Euro.

Die Spitze der Gaspreise, so Bloomberg weiter, zwinge bereits Düngemittelhersteller, die Produktion zu drosseln. Dies drohe, den Betrieb von Landwirtschaft kostspieliger zu machen, und dies könne die globalen Preise für Lebensmittel mit hoch ziehen. Nahrung könnte knapp werden.

Außerdem geht Europa mit nicht vollständig gefüllten Gasspeichern in den Winter. Sollte der nicht ebenso mild werden, wie der Sommer feucht war, könnte das Gas ausgehen. Es wäre nicht genügend da für alle Heizungen in Europa.

Obst und Gemüse auf dem Weg zum Luxusgut

Nahrungsmittel werden bereits teurer. Die Teuerung hat bei ihnen im August rund 4,6 Prozent erreicht. Laut Berechnungen von Focus sind die Preise für Lebensmittel seit 2015 um gut 13 Prozent gestiegen.

Der Sozialverband VdK warnt, dass Obst und Gemüse für Geringverdiener und Sozialhilfempfänger schon zum Luxusgut geworden sind. Wenn überhaupt, dann schafft es es mit dem Hartz-4-Tagessatz als Minimalbeilage auf den Teller. Im Detail ist es aber komplizierter. Mit am kräftigsten zog Butter an, mit einer Preiserhöhung von rund 50 Prozent, Milch dagegen nur um rund 25. Bei Kartoffeln, Obst und Gemüse schwankt die Rate, je nach Saison zwischen 5 und 30 Prozent, in Einzelfällen, etwa Paprika oder Zucchini, wohl auch mal mehr.  Nahrung wurde im Lauf der letzten sechs Jahre spürbar teurer.

Es tut noch nicht weh. In Deutschland. In anderen Ländern, im Libanon, aber auch dem Sudan oder der Türkei, so der Focus-Artikel, tut es das aber bereits. Im Libanon stiegen die Preise für Getreide, Gemüse, Obst und Fleisch um 360 Prozent seit August 2020. Das Land ist ein Sonderfall, weil im August 2020 ein Kornspeicher in Beirut explodiert ist. Doch auch im Sudan und in der Türkei steigen die Lebensmittelpreise rasant um teils mehr als 100 Prozent.

All das deutet ist beunruhigend. Zwei zentrale Ressourcen werden knapper: Nahrungsmittel und Wärme. Kehrt die globale Knappheit zurück? Oder ist es die Schuld der Zentralbanken, die mit der losen Geldpolitik die Inflation antreiben?

Kein Grund für Panik. Oder?

Die Experten und Institutionen beruhigen. Es bestehe kein Grund zur Panik. Die Bundesbank, eine im europäischen Kontext eher vorsichtige Institution, schreibt, dass bis zum Jahresende auch Inflationsraten von 4-5 Prozent möglich seien. Aber sie erwartet, dass die Preisdynamik sich Anfang 2022 beruhigen und bei 2 Prozent einpendeln wird.

Das Mandat, dafür zu sorgen, liegt bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Deren Präsidentin, Christine Lagarde, bleibt ebenfalls entspannt. Sie erwartet ebenfalls, dass die Preise im Herbst weiter anziehen. „Doch wir sehen das weiterhin als größtenteils temporären Anstieg an. Eine breite Spanne an Faktoren treibt derzeit die Inflation. Der Einfluss dieser Faktoren sollte im Lauf des kommenden Jahres ausklingen,“ so Lagarde.

Ihre Kollegin, die Ökonomin Isabel Schnabel aus dem EZB-Direktorium, unterstützt sie. Sie beruhigt die Öffentlichkeit etwa in einem Gastartikel in der FAZ. Die Inflation sei heute nur deshalb so hoch, weil sie im Frühjahr so niedrig gewesen sei. Wenn man diese Verzerrung bereinige, sei die Inflation sogar zu niedrig.

In der Tat habe der harmonisierte Verbraucherpreisindex, fährt Schnabel fort, mit 3,4 Prozent in Deutschland den höchsten Wert seit 13 Jahren erreicht. Auch sie kündigt an, dass er in Herbst und Winter steigen werde, und sie hat Verständnis für Sorgen. Höhere Preise schmälern die Kaufkraft, Banken zahlen keine Zinsen, sondern nehmen Gebühren. Anders als zu Sparbuch-Zeiten macht diese Inflation tatsächlich ärmer.

Doch es gebe „nicht den geringsten Hinweis darauf, dass die aktuelle Geldpolitik zu permanent höherer Inflation oder gar zu einer Hyperinflation führen“ werde. Insgesamt, aus einer langfristigen Perspektive, seien die Preise weiterhin etwas zu tief. Selbst wenn die EZB das Inflationsrisiko unterschätze, bestehe weiterhin Preisstabilität. Alles gut also.

Zahlreiche Ökonomen stimmen ein. Eine Volkswirtin der Allianz-Gruppe erwartet, dass der Inflation ab 2022 „die Luft ausgehen“ wird. Ein Analyst der Deutschen Bank sieht keine dauerhaften, sondern nur temporäre Faktoren am Werk, und er geht davon aus, dass sich die Inflation im kommenden Jahr auf zwei Prozent einpendeln werde. Wie die EZB es plant.

Die „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm meint zwar, dass sich einige preistreibenden Effekte nicht so schnell auflösen werden wie erhofft. Etwa die Knappheit bei Mikrochips oder die hohen Rohstoffpreise. Aber solange „die Lohnabschlüsse moderat bleiben“ sei keine dauerhafte Inflation zu erwarten.

Solange die Löhne tief bleiben, ist alles in Ordnung

Auf diese sogenannte „Lohn-Preis-Spirale“ weisen Ökonomen derzeit gerne hin: Erst wenn die Angestellten und Arbeiter es durchsetzen, dass ihre Löhne und Gehälter weit genug erhöht werden, um die Kaufkraft zu erhalten – derzeit etwa drei bis vier Prozent – werde es gefährlich. Solange die Lohnabschlüsse darunter bleiben, ist alles in Ordnung.

Die Logik ist keine Quantenphysik: Wenn die Preise für Waren steigen, und dann die Löhne gleich weit steigen, dann können die Leute es sich leisten, die hohen Preise zu bezahlen. Die Nachfrage bleibt konstant. Die höheren Gehälter fließen in die Lieferketten und Warenpreise ein, wodurch alles wieder teurer wird. Und wenn dann die Löhne erneut steigen — es bildet sich eine Spirale, die alles teurer und teurer und teurer macht. Aber solange das nicht passiert, bleibt alles ok.

Das Argument ist zynisch. Die Leute sollen es hinnehmen, dass die Kaufkraft sinkt: Esst Nudeln, anstatt Gemüse, telefoniert, anstatt Auto zu fahren, kauft einen Pulli, anstatt zu heizen. Ihr müsst es hinnehmen, ärmer zu werden. Wenn ihr versucht, euren Lebensstandard zu erhalten, reitet ihr uns alle nur weiter in das Übel hinein.

Das sage nicht ich. Das sagen Experten, denen die Inflation keine Sorgen bereitet.

Eine Reihe ungünstiger Ereignisse

Aber warum passiert das alles? Man könnte es so sehen: Die Preise steigen wegen einer ungünstigen Reihe von Zufällen, Ereignissen und Entwicklungen.

Zum Beispiel hat die Regierung die Mehrwertsteuer gesenkt, als Corona akut war. Jetzt ist sie wieder auf dem alten Stand, bei 19 Prozent. Oder die Evergiven, der Frachter, der den Suez-Kanal wochenlang gesperrt hat. Der Engpass zittert immer noch nach. Dann der Mangel an Computerchips, weil Homeoffice, Mining, Autos und KIs mehr brauchen, als die Foundries in Taiwan ausspucken können. Und schließlich ein windschwacher Sommer, der die Preise für Strom hochtreibt.

Und so weiter. Unsere Wirtschaft ist global vernetzt, und irgendwas passiert immer. Wir leben in wirtschaftshistorisch spannenden Zeiten.

Daran ist nicht unbedingt die Geldpolitik der EZB schuld. Preise können auch steigen, ohne dass die Zentralbank mehr Geld in Umlauf bringt, wenn es Störungen im Gefüge von Angebot und Nachfrage gibt. Beispielsweise hat die Corona-Krise eine Konsumflaute verursacht. Wie auch nicht, wenn Geschäfte und Gaststätten schließen? Die Deutschen haben unerhört viel Geld gespart im letzten Jahr. Nun gieren sie danach,es auszugeben.

Solche Faktoren können temporär sein. Solange sie keine Eigendynamik entwickeln – die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale – kann die Teuerung wieder abflauen.

Aber muss sie das? Und spielt es wirklich keine Rolle, dass die EZB die Geldmenge in der Eurozone so massiv erhöht hat?

Worte lügen, Geld und Häuser nicht

Temporäre Güter sind ein schlechter Indikator für die Inflation. Bei Obst, Gemüse und Bier kann ein trockener Sommer die Preise versauen. Erneuerbare Energien hängen vom Wetter ab, konventionelle von den Launen von Russland oder den USA.

Gute Indikatoren sind hingegen Güter mit einer zeitlich stabileren Bodenhaftung. Immobilien zum Beispiel. Sie sind ein extrem solider Markt. Die Nachfrage bleibt stabil, solange es nicht zu einem Massensterben oder einer Masseneinwanderung kommt; das Angebot ebenfalls, solange es keinen Bauboom oder Luftbombenangriff gibt.

Die Preise von Immobilien sind mehr oder weniger ein Negativabzug der Erwartung, was Geld in Zukunft wert sein wird. Und sie sprechen eine deutliche Sprache. Wie der Finanzjournalist Daniel Eckert twittert, sind die Preise für Häuser laut statistischem Bundesamt allein im 2. Quartal 2021 um 10,9 Prozent gestiegen. Dies sei der stärkste Anstieg, den Statistiker jemals gemessen haben, seit sie vor 20 Jahren begannen, Preise aufzuzeichnen. „Normal ist das nicht“, kommentiert Eckert.

Ähnlich bei Aktien. Der MSCI-World, mehr oder weniger der universellste aller Aktienindikatoren, stieg seit Jahresbeginn um 22 Prozent, der DAX um 13 Prozent. Staatsanleihen, Gold und Silber hingegen fallen.

Diese Daten zeigen: Die Inflation, die sich derzeit manifestiert, beruht nicht allein auf temporären Ereignissen. Sie hat strukturelle Gründe. Das Kapital misstraut dem Geld. Es geht davon aus, dass es an Kaufkraft verliert.

Diese Meinung scheint unter professionellen Investoren verbreitet zu sein. Das Magazin Institutional Money berichtet von einer Umfrage eines ETF-Anbieters unter 100 institutionellen Investoren und Vermögensverwaltern. 95 Prozent von ihnen fahren bereits Strategien, um sich gegen steigende Inflationsraten abzusichern, 90 Prozent wollen diese Strategien noch ausbauen.

Worte lügen, Geld nicht. Man erwarte, erklärt ein CEO, dass sich der desinflationäre Trend der letzten 30 Jahre umkehren werde. Getrieben wurde dieser davon, dass Niedriglohnländer wie China, Vietnam oder Indonesien in den globalen Arbeitsmarkt eingetreten sind. Der Effekt läuft nun aus und kehrt sich um.

Bitcoin als Notanker

Alles wird teurer, Geld verliert an Wert. Das ist nicht allein eine Ursache des Gelddruckens der Zentralbanken. Aber dieses macht die Situation ohne Zweifel noch schlimmer.

Unbegrenztes, nicht-knappes Geld mag eine gute Taktik in einer Zeit der unbegrenzten, nicht-knappen Güter sein. Vielleicht verliert die Volkswirtschaft wirklich, die angesichts des Überflusses eine künstliche Knappheit über das Geld injiziert. Wenn aber die Knappheit zurückkehrt, wenn die Produktion bereits am Limit fährt, aber der Markt noch nicht satt ist, dann sollte man seine Kaufkraft vermutlich nicht in diesem Geld speichern.

Bitcoin ist eine unter mehreren Optionen, sein Vermögen in einem knappen Gut zu speichern – und zwar eine der Optionen, die am unabhängigsten von den Zufällen und Launen der Weltwirtschaft sind. Das hat vor kurzem erst die Bundesbank herself in einer Analyse festgestellt.

Vielleicht kann die Kryptowährung auch zu dem Instrument werden, das eine inflationäre Welt mehr denn je braucht: Ein Geld, das durch seine deflationären Tendenzen der Inflation entgegenwirkt. Also eine Art Notanker, der die Werte davor bewahrt, davon zu treiben.

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4 Kommentare zu Kein Grund zur Panik. Ihr werdet alle nur ein bißchen ärmer

  1. Starken?

  2. Die aktuellen Zusammenhänge der Weltwirtschaft gut zusammen gefasst!

  3. Tut mir leid, aber das Argument ist nicht zynisch, das ist schlichtweg falsch. Es gibt auch Experten, die was anderes sagen.
    Ich versuche das mal kurz aufzuschlüsseln:

    „Die Logik ist keine Quantenphysik: Wenn die Preise für Waren steigen, und dann die Löhne gleich weit steigen, dann können die Leute es sich leisten, die hohen Preise zu bezahlen. Die Nachfrage bleibt konstant. Die höheren Gehälter fließen in die Lieferketten und Warenpreise ein, wodurch alles wieder teurer wird. Und wenn dann die Löhne erneut steigen — es bildet sich eine Spirale, die alles teurer und teurer und teurer macht. Aber solange das nicht passiert, bleibt alles ok.“

    Was ist denn hier das Gegenmodell? Die Löhne sollen gleich bleiben, die Nachfrage sinkt. Aber das führt doch nicht dazu, dass die Preise automatisch sinken – die Effekte der steigenden Preise wurden ja am Anfang des Artikels wunderbar beschrieben und lassen sich mit dem Schlagwort „Rohstoffknappheit“ zusammenfassen. Wenn wir weniger kaufen werden aber nicht einfach diese eigentlichen Probleme der Preissteigerung in Luft aufgelöst. Im Gegenteil wird das eher dafür sorgen, dass z.b. Leute entlassen werden, Unternehmer pleite gehen – und dann soll das die Kaufkraft steigern? Ich würde ja das Gegenteil vermuten!

    Es ist also eher so, dass die Löhne auch steigen MÜSSEN und zwar im gleichen Verhältnis zur Inflation. Nur dann gibt es eine vernünftige Inflationsrate, die dafür sorgt, dass langfristig auch Schulden zurückgezahlt werden können.

    Und übrigens glaube ich auch, dass Kryptos von höheren Löhnen/Preisen und höherer Inflation nur profitieren können. Langfristig zumindest.

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