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Computerwissenschaftler gegen Krypto

"Ich habe 20 Jahre Erfahrung mit Technik, und ich und alle anderen Techniker wissen, dass das Automobil für keine einzige Anwendung die bessere Lösung ist." Bild von Richard Smith via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

In der Regel meint man, Kryptowährungen sprechen vor allem Nerds und Informatiker an. Das ist nicht falsch – doch es gibt eine wachsene Gruppe von Computerwissenschaftlern, die Bitcoin und Kryptowährungen radikal ablehnen. Liegt das daran, weil sie wissen, wovon sie reden? Oder entgeht ihnen schlicht ein Teil des Gesamtbildes?

Jorge Stolfi ist quasi Mr. Buttcoin himself und mit 5-Sterne-Orden: Der Inbegriff des gebildeten, kompetenten und humorvollen Bitcoin-Kritiker. Während andere, die heute Bitcoin rauf und runter preisen, noch Jahre davon entfernt waren, die Kryptowährung überhaupt nur zu kennen, tobte Jorge schon mit Sachkenntnis und feinderber Ironie durchs Internet und überzog die Bitcoin-Szene mit Spott und Häme.

Und er bleibt dabei, Jahr für Jahr, und weder Märkte noch Preise bringen ihm vom Kurs ab. Kürzlich forderte Stolfi auf Twitter Computerwissenschaftler auf, ihre Ablehnung von Krypto mit ihm in die Welt zu rufen:

„Jeder Computerwissenschaftler sollte in der Lage sein, zu erkennen, dass Kryptowährungen ein vollkommen disfunktionales Zahlungsystem sind, und dass ‚Blockchain-Technologie‘ (einschließlich ‚Smart Contracts‘) eine technologische Abzocke ist. Können sie das bitte laut sagen?“

Und ja, die Computerwissenschaftler sagen das laut. Zumindest einige:

Darüber hinaus wird Stolfis Tweet mehr als 500 Mal retweet. Er ging geradezu viral. Manche kommentieren ihn, etwa damit: „es ist ein Ponzi-System“.

„Dies ist ein Virus. Seine Schäden sind substantiell.“

Etwas zur selben Zeit bringt das Magazin Current Affairs eine Geschichte mit dem Titel „Warum dieser Computerwissenschaftler sagt, alle Kryptowährungen sollten ‚im Feuer verbrennen'“. Darin geht es nicht um Stolfi, sondern um den Berkley-Forscher Nicholas Weaver. Aber es könnte ebenso gut um Stolfi gehen.

Weaver hat nach eigenen Angaben Kryptowährungen Jahre lang studiert. Er fand in ihnen „zwar eine scheinbar interessante Idee“, erkannte aber bald, dass sie „schlicht nicht in der Lage sind, ihren Zweck zu erfüllen“: Weder funktionierten sie als Währung, noch seien sie in sonst einer Beziehung effizient. Alles, was sie schaffen, sind Risiken: „Dies ist ein Virus. Seine Schäden sind substantiell. Es hat Milliarden Dollar schwere kriminelle Organisationen ermöglicht. Es hat es Wagniskapitalisten ermöglicht, Aktienbetrug zum Geschäftsmodell zu machen …“

Bitcoin verbrenne einen signifikanten Anteil der globalen Energie, „um drei bis sieben Transaktionen je Sekunde zu verarbeiten.“ Es könne niemals als Zahlungsmittel funktionieren. Unternehmen, die Bitcoin für Zahlungen akzeptierten, lügen, denn sie bepreisen ihre Produkte weiter in Dollar und wechseln Bitcoin nach Empfangen in diese. Und dies sei ein fürchterlich ineffektiver Vorgang, da Bitcoin „fundamental inkompatibel mit dem modernen Finanzwesen“ sei. Denn dieses habe die Regel, dass elektronische Zahlungen für einen gewissen Zeitraum reversibel sein müssen. Dies schützt Verbraucher vor Betrug. Bei Kryptowährungen existiert solch ein Schutzmechanismus nicht.

Wenn Bitcoin nicht als Zahlungsmittel geeignet ist – wofür sei es dann gut, fragt Weaver? Für Zahlungen, welche Zwischenmänner verbieten: Drogenhandel, Kinderpornographie, Lösegelder, Betrug. All dies verusache viele Milliarden Dollar an Schaden. Während der Aktien- und Anleihenmarkt ein „Positivsummenspiel“ sei, bei dem es mehr Gewinner als Verlierer gebe, seien Kryptowährungen ein „Negativsummengeld“, das mehr Schaden als Nutzen verusache.

Passende Analogien seien ein Kasino oder, unverblümter: ein Ponzi-Schema. Danach formuliert Weaver eine an sich interessante Formulierung: „Ich nenne den Raum insgesamt ein ’sich selbstorganisierendes‘ Ponzy-Schema. Es war nicht die Absicht, ein Ponzi-Schema zu bilden. Aber durch seine Natur ist es das einzige, was es sein kann.“ Da Krypto durch und durch Pyramidensystem sei, müssen die Early Adopter ständig neue Verlierer einlullen. Trocknet der Nachschub an größeren Idioten aus, kollabiere das System.

Das Interview geht noch lange weiter, und es wird irgendwann ermüdend. Gish Gallop wäre wohl der Fachbegriff: Weaver ertränkt den Leser in einer Flut an Polemiken. Über Terra (LUNA), über Stablecoins, Smart Contracts, El Salvador und NFTs. Alles wertlos, alles Betrug, alles falsch, irreführend, und so weiter.

Informatiker außerhalb ihres Fachgebietes

Ich finde all das bemerkenswert. Es gibt natürlich eine Legion an Computerwissenschaftlern und Informatikern, die die Kritik von Stolfi und Weaver nicht teilen, sondern deren Augen vor Verzückung leuchten, wenn sie über Krypto reden. Dennoch ist es auffällig, dass die vielleicht entschiedenste Kritik eben von Informatikern kommt.

Woran liegt das? Ich vermute, dass der Fehler in einer krumm gewickelten Attribution liegt. Stolfi, Weaver und andere legitimieren ihre Kritik an Bitcoin und Krypto durch ihre Ausbildung und Erfahrung als Informatiker. Aber basiert ihre Kritik darauf? Muss man IT studiert haben, um zu wissen, dass Bitcoin nur 3-7 Transaktionen je Sekunde prozessiert? Braucht man einen Doktor in Computerwissenschaft, um zu verstehen, dass man eine Bilddatei auch dann kopieren kann, wenn es ein NFT für sie gibt? Sind Jahrzehnte der Erfahrung als Programmierer nötig, dass Bitcoin sehr viel Energie verbraucht?

Eher nicht. Stolfi hat immer wieder bewiesen, dass er Bitcoin aus technischer Perspektive einigermaßen gut versteht (auch wenn sein Verständnis weit von dem aktiver Bitcoin-Entwickler entfernt ist), und Weaver darf man dies gerne ebenfalls zugestehen. Doch ihre Kritik basiert nicht darauf. Ihre Kritik basiert auf dem Ziel: Sie erklären, dass die Technologie ihr Ziel nicht erreiche – und lehnen dieses Ziel im generellen ab.

Damit urteilen sie nicht mehr als Computerwissenschaftler, sondern als Privatleute. Ein Informatiker hat in einem Unternehmen in der Regel nicht die Aufgabe, Ziele zu definieren. Er setzt sie um. Es ist nicht seine Aufgabe, ein Ziel zu bewerten, sondern die Technologie, um es zu erreichen. Und damit stoßen wir auf den Hund, der in der Kritik begraben ist.

Wenn die Ziele falsch sind, kann die Technik nicht richtig sein

Die scharfe Kritik der Computerwissenschaftler hat kaum etwas mit Technologie zu tun – aber sehr viel mit Politik und Ökonomie. Versuchen wir mal, sie in diese Begriffe zu übersetzen, also in Ziele und Anforderungen:

Und so weiter. Der argumentative Kreis schließt sich: Die Computerwissenschaftler definieren Anforderungen, und Bitcoin und Krypto erfüllen diese nicht. Also folgern sie, dass die Technologie nicht funktioniert und alles Lug und Trug und Ponzi ist.

Der Markt hat in ihren Augen unrecht. Es hat sich ein riesiges, auch nach dem Crash billionenschweres Ökosystem um eine Technologie gebildet, die für kein Problem eine Lösung darstellt. Auf der Autobahn fährt nicht nur ein Geisterfahrer – sie ist voll von Geisterfahrern.

Glaubenssätze, keine Fakten

Wenn man die falschen Ziele hat, kann eine Technologie eben nur falsch sein. Jedes der genannten Ziele ist subjektiv und lässt sich leicht auf den Kopf stellen:

Man könnte noch lange weitermachen. Es geht hier um subjektive, ökonomische, ideologische, politische Glaubenssätze. Jedem steht es frei, diese so oder so zu sehen, Krypto mit Stolfi und Weaver zu verteufeln, oder es mit der weiten, breiten Community zu verherrlichen. Kritik an Bitcoin und Krypto ist nicht „falsch“, aber auch nicht „richtig“, da es dabei nicht um Fakten oder Technologie geht. Sie ist immer eine Meinung, die politische und ökonomische Ideologien ausdrückt.

Mit einer Sache haben die Kritiker aber recht: Man sollte ehrlich sein. Eine Meinung wird zur Lüge, wenn man sie durch Lügen stützt. Weder sollte man als Krypto-Enthusiast die falschen Ziele behaupten, noch sollte man technologische Schwächen übertünchen, und erst recht nicht sollte man dies aus Geldgier tun. Das aber passiert im Krypto-Raum in einer Breite, die ihresgleichen sucht, und das ist vielleicht der wahre Grund für die Empörung der Computerwissenschaftler – das, worauf sie sich verstehen, wird zum Fundament von Lügen.

Shitcoiner bewerben ihren Shitcoin, indem sie falsche Ziele propagieren („der nächste Bitcoin“ — „DIE Smart Contract Plattform“ — „Die Revolution des Bezahlens“), und auch Fans von ernsthaften Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether sind oft nicht verlegen, falsche Behauptungen über die technologischen Fähigkeiten von Ethereum 2.0 oder dem Lightning Netzwerk zu verbreiten, oder zumindest Fakten zu verschweigen, die ein schlechtes Licht auf ihre Lieblingswährung werfen.

Ebenso wenig sollte man aber so tun, als qualifiziere eine technische Kompetenz darüber, zu bestimmen, was die richtigen Fragen und Ziele sind. Das ging noch nie gut. Die Informatiker meinen, aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung besonders geeignet dafür zu sein, Kryptowährungen zu beurteilen. Aber sie sind es nicht.


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