In der Regel meint man, Kryptowährungen sprechen vor allem Nerds und Informatiker an. Das ist nicht falsch – doch es gibt eine wachsene Gruppe von Computerwissenschaftlern, die Bitcoin und Kryptowährungen radikal ablehnen. Liegt das daran, weil sie wissen, wovon sie reden? Oder entgeht ihnen schlicht ein Teil des Gesamtbildes?
Jorge Stolfi ist quasi Mr. Buttcoin himself und mit 5-Sterne-Orden: Der Inbegriff des gebildeten, kompetenten und humorvollen Bitcoin-Kritiker. Während andere, die heute Bitcoin rauf und runter preisen, noch Jahre davon entfernt waren, die Kryptowährung überhaupt nur zu kennen, tobte Jorge schon mit Sachkenntnis und feinderber Ironie durchs Internet und überzog die Bitcoin-Szene mit Spott und Häme.
Und er bleibt dabei, Jahr für Jahr, und weder Märkte noch Preise bringen ihm vom Kurs ab. Kürzlich forderte Stolfi auf Twitter Computerwissenschaftler auf, ihre Ablehnung von Krypto mit ihm in die Welt zu rufen:
Every computer scientist should be able to see that cryptocurrencies are totally disfunctional payment systems, and that "blockchain technology" (including "smart constracts") is a technological fraud. Would they please say that out loud?
— Jorge Stolfi (@JorgeStolfi) May 5, 2022
„Jeder Computerwissenschaftler sollte in der Lage sein, zu erkennen, dass Kryptowährungen ein vollkommen disfunktionales Zahlungsystem sind, und dass ‚Blockchain-Technologie‘ (einschließlich ‚Smart Contracts‘) eine technologische Abzocke ist. Können sie das bitte laut sagen?“
Und ja, die Computerwissenschaftler sagen das laut. Zumindest einige:
- Ein Harvard-Absolvent mit vielen Dekaden praktischer Erfahrung bestätigt, „dass es kein Computerproblem gibt, für das die Blockchain auch nur annährend die beste Lösung ist.“
- Jemand erklärt, dass jeder Programmierer, den sie kenne, „überwältigend schlecht über Blockchain denkt, wegen der offensichtlichen Probleme der Skalierung, der Geschwindigkeit und …“
- Jemand anderes bekundet, er habe noch immer niemanden mit Expertise getroffen, „der Geld mit Krypto gemacht hat und danach nicht sagte, es sei ein Betrug“
- Ein weiterer baut Server und las das Bitcoin-Whitepaper 2014. Er war „enttäuscht von der Technologie und wütend wegen der ökologischen Folgen. Und die ’neuen‘ Dinge wie Smart Contracts und POS haben meine Meinung nicht verbessert“.
- Ein anderer, der sich als „ex Bitcoin maxi und Insider, der ein halbes Jahrzehnt mit Smart Contracts experimentiert hat“ vorstellt, gibt Stolfi recht: Bitcoin sei kein skalierbares Zahlungssystem, Blockchain-Technologie stecke in den Kinderschuhen, Smart Contracts seien nicht sicher.
- Der nächste bestätigt, dass „die Mehrheit der Leute, mit denen ich arbeite“ wisse, dass Krypto Betrug sei und es wegen des Einflusses auf die Umwelt „aktiv verabscheuen.“
Darüber hinaus wird Stolfis Tweet mehr als 500 Mal retweet. Er ging geradezu viral. Manche kommentieren ihn, etwa damit: „es ist ein Ponzi-System“.
„Dies ist ein Virus. Seine Schäden sind substantiell.“
Etwas zur selben Zeit bringt das Magazin Current Affairs eine Geschichte mit dem Titel „Warum dieser Computerwissenschaftler sagt, alle Kryptowährungen sollten ‚im Feuer verbrennen'“. Darin geht es nicht um Stolfi, sondern um den Berkley-Forscher Nicholas Weaver. Aber es könnte ebenso gut um Stolfi gehen.
Weaver hat nach eigenen Angaben Kryptowährungen Jahre lang studiert. Er fand in ihnen „zwar eine scheinbar interessante Idee“, erkannte aber bald, dass sie „schlicht nicht in der Lage sind, ihren Zweck zu erfüllen“: Weder funktionierten sie als Währung, noch seien sie in sonst einer Beziehung effizient. Alles, was sie schaffen, sind Risiken: „Dies ist ein Virus. Seine Schäden sind substantiell. Es hat Milliarden Dollar schwere kriminelle Organisationen ermöglicht. Es hat es Wagniskapitalisten ermöglicht, Aktienbetrug zum Geschäftsmodell zu machen …“
Bitcoin verbrenne einen signifikanten Anteil der globalen Energie, „um drei bis sieben Transaktionen je Sekunde zu verarbeiten.“ Es könne niemals als Zahlungsmittel funktionieren. Unternehmen, die Bitcoin für Zahlungen akzeptierten, lügen, denn sie bepreisen ihre Produkte weiter in Dollar und wechseln Bitcoin nach Empfangen in diese. Und dies sei ein fürchterlich ineffektiver Vorgang, da Bitcoin „fundamental inkompatibel mit dem modernen Finanzwesen“ sei. Denn dieses habe die Regel, dass elektronische Zahlungen für einen gewissen Zeitraum reversibel sein müssen. Dies schützt Verbraucher vor Betrug. Bei Kryptowährungen existiert solch ein Schutzmechanismus nicht.
Wenn Bitcoin nicht als Zahlungsmittel geeignet ist – wofür sei es dann gut, fragt Weaver? Für Zahlungen, welche Zwischenmänner verbieten: Drogenhandel, Kinderpornographie, Lösegelder, Betrug. All dies verusache viele Milliarden Dollar an Schaden. Während der Aktien- und Anleihenmarkt ein „Positivsummenspiel“ sei, bei dem es mehr Gewinner als Verlierer gebe, seien Kryptowährungen ein „Negativsummengeld“, das mehr Schaden als Nutzen verusache.
Passende Analogien seien ein Kasino oder, unverblümter: ein Ponzi-Schema. Danach formuliert Weaver eine an sich interessante Formulierung: „Ich nenne den Raum insgesamt ein ’sich selbstorganisierendes‘ Ponzy-Schema. Es war nicht die Absicht, ein Ponzi-Schema zu bilden. Aber durch seine Natur ist es das einzige, was es sein kann.“ Da Krypto durch und durch Pyramidensystem sei, müssen die Early Adopter ständig neue Verlierer einlullen. Trocknet der Nachschub an größeren Idioten aus, kollabiere das System.
Das Interview geht noch lange weiter, und es wird irgendwann ermüdend. Gish Gallop wäre wohl der Fachbegriff: Weaver ertränkt den Leser in einer Flut an Polemiken. Über Terra (LUNA), über Stablecoins, Smart Contracts, El Salvador und NFTs. Alles wertlos, alles Betrug, alles falsch, irreführend, und so weiter.
Informatiker außerhalb ihres Fachgebietes
Ich finde all das bemerkenswert. Es gibt natürlich eine Legion an Computerwissenschaftlern und Informatikern, die die Kritik von Stolfi und Weaver nicht teilen, sondern deren Augen vor Verzückung leuchten, wenn sie über Krypto reden. Dennoch ist es auffällig, dass die vielleicht entschiedenste Kritik eben von Informatikern kommt.
Woran liegt das? Ich vermute, dass der Fehler in einer krumm gewickelten Attribution liegt. Stolfi, Weaver und andere legitimieren ihre Kritik an Bitcoin und Krypto durch ihre Ausbildung und Erfahrung als Informatiker. Aber basiert ihre Kritik darauf? Muss man IT studiert haben, um zu wissen, dass Bitcoin nur 3-7 Transaktionen je Sekunde prozessiert? Braucht man einen Doktor in Computerwissenschaft, um zu verstehen, dass man eine Bilddatei auch dann kopieren kann, wenn es ein NFT für sie gibt? Sind Jahrzehnte der Erfahrung als Programmierer nötig, dass Bitcoin sehr viel Energie verbraucht?
Eher nicht. Stolfi hat immer wieder bewiesen, dass er Bitcoin aus technischer Perspektive einigermaßen gut versteht (auch wenn sein Verständnis weit von dem aktiver Bitcoin-Entwickler entfernt ist), und Weaver darf man dies gerne ebenfalls zugestehen. Doch ihre Kritik basiert nicht darauf. Ihre Kritik basiert auf dem Ziel: Sie erklären, dass die Technologie ihr Ziel nicht erreiche – und lehnen dieses Ziel im generellen ab.
Damit urteilen sie nicht mehr als Computerwissenschaftler, sondern als Privatleute. Ein Informatiker hat in einem Unternehmen in der Regel nicht die Aufgabe, Ziele zu definieren. Er setzt sie um. Es ist nicht seine Aufgabe, ein Ziel zu bewerten, sondern die Technologie, um es zu erreichen. Und damit stoßen wir auf den Hund, der in der Kritik begraben ist.
Wenn die Ziele falsch sind, kann die Technik nicht richtig sein
Die scharfe Kritik der Computerwissenschaftler hat kaum etwas mit Technologie zu tun – aber sehr viel mit Politik und Ökonomie. Versuchen wir mal, sie in diese Begriffe zu übersetzen, also in Ziele und Anforderungen:
- Bitcoin muss ein Onchain-Zahlungssystem sein, das die Anzahl Transaktionen massiv skaliert
- Smart Contracts müssen sicher sein
- NFTs müssen verhindern, dass jemand eine Bilddatei kopiert
- Bitcoin muss weniger Energie verbrauchen
- Zahlungen müssen reversibel sein, um den Verbraucher zu schützen
- Zwischenmänner müssen illegale und unmoralische Zahlungen verhindern können
- Early Adopter dürfen nicht übermäßig verdienen, wenn neue User beitreten
- Ein Wertspeicher muss stabil sein, also nicht volatil
Und so weiter. Der argumentative Kreis schließt sich: Die Computerwissenschaftler definieren Anforderungen, und Bitcoin und Krypto erfüllen diese nicht. Also folgern sie, dass die Technologie nicht funktioniert und alles Lug und Trug und Ponzi ist.
Der Markt hat in ihren Augen unrecht. Es hat sich ein riesiges, auch nach dem Crash billionenschweres Ökosystem um eine Technologie gebildet, die für kein Problem eine Lösung darstellt. Auf der Autobahn fährt nicht nur ein Geisterfahrer – sie ist voll von Geisterfahrern.
Glaubenssätze, keine Fakten
Wenn man die falschen Ziele hat, kann eine Technologie eben nur falsch sein. Jedes der genannten Ziele ist subjektiv und lässt sich leicht auf den Kopf stellen:
- Bitcoin muss nicht onchain skalieren, da es weniger Zahlungsmittel als Geld ist bzw. digitale Knappheit schafft.
- Bitcoin skaliert weniger die Anzahl der Transaktionen (onchain), sondern das Zahlungsvolumen
- Smart Contracts müssen nicht zwingend sicher sein, sondern lediglich deterministisch und transparent
- NFTs müssen kein Kopierschutz für Bilddateien sein. Auch klassische Gemälde kann man googeln und ausdrucken. NFTs erlauben den Handel mit Rechten am Bild.
- Bitcoin soll so viel Energie verbrauchen, wie er Werte schöpft, und hat daneben potenziell einen ökologischen Mehrwert
- Darüber hinaus nimmt der Energieverbrauch von Bitcoin sowieso im Lauf der Zeit ab. Der bis dahin erreichte zivilisatorische Mehrwert stellt eventuelle ökologische Schäden in den Schatten.
- Zwischenmänner und die Reversibilität machen Zahlungen nicht sicherer, sondern ineffizienter und schaffen Abhängigkeiten. Sie sozialisieren den Kampf gegen Geldwäsche, ohne ihn zu gewinnen, und sie kehren die Unschuldsvermutung um.
- Ein privat entstehendes Geld muss, wie eine Aktie, die frühen Investoren übermäßig belohnen, da die Alternative dazu eine zentrale Distribution durch einen Staat oder eine Firma ist.
- Ein neuer Wertspeicher erreicht seinen Wert nicht linear, sondern durch Aufs und Abs. Volatilität ist nicht unbedingt angenehm, aber zwingend notwendig.
- Blasen jeder Art kosten Investoren Geld, sind aber für die Schaffung einer Infrastruktur unvermeidbar
- Pyramidensysteme sind allgegenwärtig (im Marketing, im Rentensystem, in Versicherungen). Sie zu dezentralisieren kann ein mächtiges Werkzeug sein.
Man könnte noch lange weitermachen. Es geht hier um subjektive, ökonomische, ideologische, politische Glaubenssätze. Jedem steht es frei, diese so oder so zu sehen, Krypto mit Stolfi und Weaver zu verteufeln, oder es mit der weiten, breiten Community zu verherrlichen. Kritik an Bitcoin und Krypto ist nicht „falsch“, aber auch nicht „richtig“, da es dabei nicht um Fakten oder Technologie geht. Sie ist immer eine Meinung, die politische und ökonomische Ideologien ausdrückt.
Mit einer Sache haben die Kritiker aber recht: Man sollte ehrlich sein. Eine Meinung wird zur Lüge, wenn man sie durch Lügen stützt. Weder sollte man als Krypto-Enthusiast die falschen Ziele behaupten, noch sollte man technologische Schwächen übertünchen, und erst recht nicht sollte man dies aus Geldgier tun. Das aber passiert im Krypto-Raum in einer Breite, die ihresgleichen sucht, und das ist vielleicht der wahre Grund für die Empörung der Computerwissenschaftler – das, worauf sie sich verstehen, wird zum Fundament von Lügen.
Shitcoiner bewerben ihren Shitcoin, indem sie falsche Ziele propagieren („der nächste Bitcoin“ — „DIE Smart Contract Plattform“ — „Die Revolution des Bezahlens“), und auch Fans von ernsthaften Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether sind oft nicht verlegen, falsche Behauptungen über die technologischen Fähigkeiten von Ethereum 2.0 oder dem Lightning Netzwerk zu verbreiten, oder zumindest Fakten zu verschweigen, die ein schlechtes Licht auf ihre Lieblingswährung werfen.
Ebenso wenig sollte man aber so tun, als qualifiziere eine technische Kompetenz darüber, zu bestimmen, was die richtigen Fragen und Ziele sind. Das ging noch nie gut. Die Informatiker meinen, aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung besonders geeignet dafür zu sein, Kryptowährungen zu beurteilen. Aber sie sind es nicht.
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