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Und dennoch: Bitcoin!

Aus einer Blase raus sieht die Welt ganz anders aus: Schön, aber auch trügerisch. Bild von Teus Kappen via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Es gibt vieles, wofür man Bitcoin kritisieren kann. Und zwar zu recht. Dennoch überwiegen die Vorteile die Nachteile. Denn Bitcoin gibt Hoffnung.

Vor einigen Tagen hat der einigermaßen bekannte deutsche Bitcoin-Kritiker Jürgen Geuter aka tante eine interessante Frage gestellt:

„Immer wenn ich einen Aspekt von Bitcoin kritisiere, werde ich als ahnungslos, uninformiert und dämlich hingestellt. Also, Bitcoin Fans, was ist eure intelligente und gute Kritik an Bitcoin?“

Geuter hat recht: Viele Bitcoiner reagieren empfindlich, wenn man ihre Lieblingswährung kritisiert, und neigen dazu, Kritik damit abzuwatschen, dass sie dem Kritiker unterstellen, Bitcoin nicht zu verstehen. Sie wollen nicht glauben, dass jemand Bitcoin nicht zu 100 Prozent unterstützt, wenn er es einmal begriffen hat.

Dies verrät eine Position der Schwäche: So als würde die eigene Überzeugung platzen, wenn man nur eine Nadel des Zweifels hineinsticht. Wem es so geht, der hat meist mehr Geld oder Leidenschaft investiert, als gut für seinen Seelenfrieden ist, und ihm ist zu raten, beides herunterzuskalieren.

Denn tatsächlich können es sich Bitcoiner leisten, aus einer Position der Stärke aus auf Kritik zu reagieren. Eine Position der Stärke hat kein Problem damit, Kritik anzuerkennen oder auch selbst zu formulieren. Ein fest verwurzelter Baum steht auch im Sturm stabil.

Viele Bitcoiner operieren aus dieser Position. So kam es, dass Geuter mit „guter Kritik“ überflutet wurde. Ich habe auch einen Beitrag zu dieser geleistet:

Es gibt eine lange Liste von Kritikpunkten, die auch Bitcoiner teilen. Sechs davon möchte ich hier etwas ausführlicher darstellen. Betrachtet es als einen Test: Wer sie nicht erträgt, hat zuviel investiert

Bild von Rebecca Chatfield via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Gefahr sozialer Unruhen und Massenüberwachung

1. Die Gefahr für den sozialen Frieden

Das maximale Ziel von Bitcoin kann nur eine globale, dezentrale Währungsreform sein. Wenn Bitcoin dies erreicht, wird er die größte Umverteilung von Wohlstand auslösen, die es jemals gegeben hat.

Eine solche ist nicht ohne massive, den Frieden gefährdende soziale Umwälzungen denkbar. Jede Zeitenwende verlangt nacht Blut. Es wird zu Wirtschaftskrisen und Massenverelendung kommen, und es gibt keine Garantie, dass die Umverteilung nicht “falsch” abläuft: von den Armen zu den Reichen, den Produktiven zu den Unproduktiven, den Ehrlichen zu den Skrupellosen und so weiter. Nicht ohne Grund kursiert das Meme der “Bitcoin Zitadelle”, in der sich die maßlos reichen Bitcoin-Barone vor dem in Armut gefallenen Pöbel verschanzen.

2. Die Einrichtung einer finanziellen Massenüberwaschung

Die Transparenz von Bitcoin hat ihre Vorteile. Sie erlaubt es der Öffentlichkeit besser als jedes andere Geld, die Reichen und Mächtigen, die Finanzinstitutionen und öffentlichen Haushalte zu überwachen. Wer das Gebot der Transparenz ernst meint, muss JA zu Bitcoin sagen.

Die Transparenz von Bitcoin droht aber auch, einer kaum kontrollierbaren, automatisierten Massenüberwachung von Finanzströmen den Weg zu bereiten. Wenn die Wallets, mit denen die Menschen Bitcoin verwenden, nicht richtig programmiert sind – wenn sie nicht sehr sorgfältig die auszugebenden Coins auswählen und das Wechselgeld verwalten – und wenn Börsen dem Druck, Daten weiterzugeben, nicht widerstehen: dann könnte Bitcoin die Bankkonten der Bürger auf eine Art gläsern machen, die bisher unvorstellbar ist.

Hütte oder Palast? Im Nebel ist das nicht immer direkt zu erkennen. Bild von waferboard via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Das Vertrauen in Experten und die mangelnde Skalierbarkeit

3. Vertrauen in eine kleine Gruppe von Experten

Eine Welt ohne Vertrauen ist unrealistisch. Alles, was wir wissen und machen, basiert auf der Arbeit anderer Menschen. Wenn wir ihnen nicht vertrauen, müssen wir alles bezweifeln und prüfen und testen. Wir wären lebensunfähig.

Im klassischen Finanzwesen vertrauen wir darauf, dass die Akteure ehrlich handeln. Bei Bitcoin dagegen vertrauen wir auf kryptographische Konzepte. Auf Mathematik, heißt es oft. Wir vertrauen, genauer gesagt, darauf, dass das Problem des diskreten Logarithmus bei elliptischen Kurven weiterhin unlösbar bleibt und es deswegen unmöglich ist, den öffentlichen Schlüssel zu erraten, durch den wir Bitcoins sichern.

Nur eine kleine Gruppe von Menschen ist in der Lage, überhaupt zu verstehen, worum es bei dem Problem geht. Eine noch kleinere Gruppe kann bewerten, wie sicher dies wirklich ist. Als Bitcoiner vertraut man auf die Integrität und Kompetenz einer winzigen Gruppe von Experten.

4. Das Problem der Skalierbarkeit

Bitcoin skaliert onchain nur sehr begrenzt, und die Erfahrungen mit anderen Blockchains zeigen, dass sich das Problem zwar dehnen, aber nicht beseitigen lässt. Die Kapazität von Bitcoin ist gut genug für den aktuellen Bedarf, aber weit davon entfernt, die ganze Welt aufzunehmen.

Die Skalierung von Bitcoin soll über höhere Schichten gelingen, vor allem über das Lightning Netzwerk. Das funktioniert irgendwie, allerdings würde keiner sagen, dass Lightning derzeit gut genug funktioniert. Die effizienteste Lösung scheint es derzeit zu sein, Lightning über Treuhandwallets zu verwenden. Dies verbessert die Nutzererfahrung – aber zum Preis von dem, was Bitcoin eigentlich ausmacht.

Ukrainischer Ort nach Russlands Angriff. Bild von manhhai via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Wallet-Entwicklung und Verbrechen

5.Die schwierige Monetarisierung von Wallets

Die absolut essenzielle Software für Bitcoin ist die Wallet: Sie erlaubt es den Usern, Bitcoin autonom zu verwenden. Ohne Wallets wäre Bitcoin nicht anders als eine Bank.

Das Problem ist nun, dass das Kerndesign von Bitcoin die Monetarisierung von Wallets schwermacht. Einfache Lösungen wie Transaktionsgebühren oder der Verkauf der Software scheinen nicht zu funktionieren. Wallet-Entwickler verkaufen daher oft Hardware-Wallets, was, wie im Falle von Ledger, zu Verlusten der Privatsphäre führen kann, oder bieten in Wallets den Tausch von Coins an, was ebenfalls Nachteile hat.

Damit wird gerade die Entwicklung des wichtigsten Instrumentes für Bitcoin unterfinanziert. Darunter leidet die Benutzererfahrung und durch falsche Algorithmen auch die Privatsphäre.

6.Bitcoin ermöglicht Verbrechen

Bitcoin erlaubt diverse Arten von Transaktionen, mit denen man nur schwer einverstanden sein kann: Russland könnte damit Sanktionen umgehen (und seinen mörderischen Krieg weiter finanzieren), Nordkorea Plutonium für Atombomben kaufen, Hacker können mit Ransomware Geld aus Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen absaugen, Perverse können Kinderpornographie verkaufen und so weiter. All dies sind Transaktionen, die nicht möglich sein sollten, und jeder, der einen Sinn für Anstand hat, sollte unbedingt wollen, dass diese Transaktionen verfolgt und unterbunden werden können.

Bild von Robert Yorde via flickr.com. Lizenz: Öffentliche Domäne

Kritiker aus einer Position der Schwäche

Geuter gab vor, mit seiner Frage lediglich wissen zu wollen, wie die Bitcoin-Szene tickt. Er erfuhr, dass sie in der Lage sind, eine lange Reihe valider Kritikpunkte zu formulieren. Die entscheidende Frage stellte er aber nicht:

Warum stehen Bitcoiner, trotz der Akzeptanz einer solchen Kritik, weiterhin fest entschlossen hinter Bitcoin? Geuter fragt das nicht, und es interessierte ihn nicht, als ich es andeutete.
Ich habe ihn daraufhin herausgefordert, das Spiel andersherum zu spielen: dass er oder andere Bitcoin-Kritiker Vorteile von Bitcoiner benennen. Weder Geuter noch andere Kritiker antworteten darauf.

Das deutet darauf hin, dass Geuter seine Kritik aus einer Position der Schwäche erhebt. Er krallt seine Wurzeln in die Erde, doch das Fundament ist sandig. Daher kann er keine Grautöne zulassen. Bitcoin ist schlecht, in allen Aspekten. Es gibt keinen Spielraum, um mit Vor- und Nachteilen zu jonglieren, und es ist keine Option, wieder hinter die Kritik zurückzugehen, selbst wenn sie auf falschen Informationen basierte.

Das ist das, womit viele Bitcoiner ein Problem haben. Sie sind sehr aufgeschlossen für präzise und konstruktive Kritik – für eine Kritik, die man auflösen kann, indem man etwas verbessert. Was sie aber kaum ertragen, ist der unbelehrbare Absolutismus vieler Kritiker, die als einzige Lösung ein Verbot dulden.

Bild von Steffen O. via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Weil Bitcoin Hoffnung ist

Warum also dennoch Bitcoin? Warum können Bitcoiner in quälender Ausführlichkeit Bitcoin kritisieren, ohne dabei ihren Glauben an die Kryptowährung auch nur minimal zu erschüttern?
Die kurze Antwort ist: Weil die Vorteile die Nachteile überwiegen. Die lange Antwort spaltet sich in mehrere Teile.

Erstens sind Bitcoin und Krypto eine der wenigen Entwicklungen der Gegenwart, die Hoffnung darauf geben, dass wir einer besseren Zukunft entgegengehen.

So wie ich es sehe, hat sich unsere Aussicht in den letzten Jahren sehr verdüstert:

• Russland bringt den Eroberungskrieg zurück nach Europa, und in zahlreichen Ländern der Welt blühen Autokratie und Tyrannei wieder auf, während die Entwicklung von Freiheit und Menschenrechten stagniert.
• Die Inflation verschärft sich, ohne das dies durch Wachstum ausgeglichen wird. Der reiche Westen hat noch immer keine Antwort auf das demographische Problem, während global beispiellose Hunger-, Armuts- und Flüchtlingskrisen drohen.
• Der Klimawandel beschleunigt sich, die Biosysteme gehen derzeit durch das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier, und die Energiewende stagniert.
• Corona hat gezeigt, wie vulnerabel unsere Gesundheitssysteme, aber auch unsere demokratischen Institutionen sind.
• Das Meinungsspektrum der etablierten Medien zieht sich zusammen, während alternative Medien oft eine dumpfe Wut verbreiten oder von Troll-Fabriken instrumentalisiert werden.

Es gibt wenig, das Hoffnung macht, dass die Welt in den kommenden Jahrzehnten besser, anstatt sehr viel schlechter wird. Bitcoin und Krypto gehören dazu. Sie nähren die Hoffnung, dass wir in Zukunft freier und selbstbestimmter und reicher leben.

Aber – wie genau?

Der Izalco, ein Vulkan in El Salvador. Bild von Angela Rucker via wikipedia, Lizenz: Öffentliche Domäne

Der Positive Impact von Bitcoin

Bitcoin hat bereits heute einen positiven Einfluss auf das Leben vieler Menschen:

• Venezolaner, Lebanesen oder Türken retten mit Bitcoin ihr Vermögen vor einer galoppierenden Inflation. Und ja, trotz der Volatilität macht sich Bitcoin besser als ihre eigene Währung.
• Nigerianer oder Salvadorianer sparen durch Bitcoin die teils horrenden Gebühren der internationalen Zahlungsdienstleister. Auch viele Freiberufler aus der zweiten oder dritten Welt, die Kunden aus der ersten Welt haben, ersparen sich viele Gebühren durch Bitcoin.
• Flüchtlinge aus Kriegsgebieten können mit Bitcoin ihr Vermögen mit auf die Flucht nehmen (anstatt dass dieses in den Dienst des Krieges gestellt wird).
• Chinesen bringen ihr Kapital ins Ausland, wenn sie wegen der zunehmenden Tyrannei ihrer Regierung auswandern.
• Kenia oder El Salvador finanzieren die Erschließung geothermischer Energiequellen durch Bitcoin
• Dutzende von Startups weltweit konnten durch ICOs oder Token Kapital einholen. Die Zugangsbeschränkungen hierfür sind durch Bitcoin und Ethereum massiv gefallen.

All dies und mehr geschieht bereits. Es ist aber schwer, festzustellen, in welchem Umfang.

Doch selbst mit einer perfekten Datengrundlage wäre es unmöglich, die Vorteile gegen die Nachteile aufzuwiegen. Wie viele Leute müssen ihr Vermögen vor der Inflation erhalten, um die Schäden durch Ransomware-Zahlungen auszugleichen? Man kann dies nur subjektiv betrachten.

Daher ist ein letzte Teil der Antwort idealistisch.

Quicklebendig und das Gesicht der neuen Tyrannei: Chinas Staatsführer Xi Jinping. Bild von Janne Wittoeck via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Bitcoin ist auf der Seite der Freiheit – gegen die Tyrannei

Bei der Frage, ob man Bitcoin liebt oder hasst, schwingt immer die uralte Frage nach Freiheit und Tyrannei mit.

Ich – und vermutlich auch viele Bitcoiner – bin mit jeder Ader von einer Sache überzeugt: Es ist für das Gesamte immer besser, wenn die Einzelnen mehr Freiheit, Autonomie und Souveränität genießen.

Bitcoin (und Krypto im weiteren Sinne) erlaubt es Menschen, Geld autonom zu verwahren, ohne Mittelsmann und Zensor zu versenden, und selbst zu entscheiden, ob man die Politik der Notenbanken mitträgt oder nicht. Bitcoin ist ein Upgrade der individuellen Freiheit von historischer Reichweite.

Die Ermächtigung des Individuums, die Lösung von Abhängigkeiten und die Beseitigung von Mittelsmännern ist in meinen Augen IMMER richtig. Freiheit wird zwar immer ausgenutzt, für Böses, Dummes und Schädliches. Doch unterm Strich und langfristig überwiegt ihr Vorteil IMMER.

Meiner Meinung nach hat das 20. Jahrhundert diese Frage in erschlagender Klarheit beantwortet. Menschen gedeihen besser, wenn sie in Freiheit leben, anstatt unter der Tyrannei eines Kollektivs.

Aber nicht jeder teilt diese Ansicht. Geuter zum Beispiel nennt sich selbst einen Kommunist. Auch andere prominente Kritiker, etwa Maurice Höffgen oder Fabio di Massi, stehen der Linkspartei nahe oder sind deren Mitglied, und während der heißen Phase der Corona-Pandemie gab es nicht wenige, denen der chinesische Weg plötzlich attraktiv vorkam.

Aber dies bestärkt nur die Erkenntnis: Bitcoin ist das Geld der Freiheit. Und das sagt ziemlich viel über die aus, die Bitcoin verbieten und verbieten wollen.

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