Die USA kündigen an, die Finanzsanktionen gegen die Ölwirtschaft von Venezuela wieder einusetzen. Diese reagiert damit, dass sie auf Tether-Dollar ausweicht.
Vergangene Woche hat die US-Regierung angekündigt, die Sanktionen auf venezolanisches Öl wieder einzusetzen. Sie hatte sie vorübergehend gelockert, wird sie wegen ausbleibender demokratischer Fortschritte wieder verschärfen. Das Finanzministerium erklärte vergangenen Mittwoch, dass Unternehmen 45 Tage Zeit haben, um ihre Geschäfte mit dem Öl- und Gas-Sektor von Venezuela abzuwickeln.
Die staatliche venezolanische Ölfirma PDVSA reagiert darauf kämpferisch. Sie verkündet, berichtet Reuters, künftig noch stärker digitale Währungen zu nutzen, um Öl und Benzin zu verkaufen. Damit meint sie weder Bitcoin noch den venezolanischen Petro, sondern die Tether-Dollar USDT.
Schon im vergangenen Jahr hat die PDVSA begonnen, Öl immer öfters gegen Tether-Dollar zu verkaufen. In vielen Verträgen verlangt sie bereits, dass die Anzahlung der Hälfte des Kaufpreises in USDT geleistet wird; Neukunden müssen nachweisen, dass sie eine Kryptowallet mit USDT haben.
Für regulierte westliche Ölhändler waren diese Anforderungen eher ein Ärgernis. Da die Compliance-Abteilungen der Ölmultis keine Tether-Zahlungen freigaben, mussten diese über Mittelsmänner abgewickelt werden. Insgesamt seien Krypto-Zahlungen, erklärt ein Ölhändler Reuters, in der Branche rar.
Allerdings scheinen sich Zahlungen mit USDT dort durchzusetzen, wo direkte oder indirekte Sanktionen Zahlungen mit Banken-Dollar erschweren. So gibt es beispielsweise Berichte über Öllieferungen von Venezuela an Russland, bei denen die Sanktionen durch USDT umgangen wurden.
Für die Ölbranche in Venezuela war die Lockerung der Sanktionen durch die Regierung Biden ein Geschenk. Das erste Quartal 2024 war enorm erfolgreich, mit 900.000 Barrel am Tag erreichten die Exporte im März einen Vier-Jahres-Rekord. Um sich den Boom nicht von den wieder einsetzenden Sanktionen verderben zu lassen, beschleunigt die PDVSA nun den Übergang zu Kryptowährungen bzw. USDT. Der staatliche Ölkonzern hofft damit, das Risiko zu reduzieren, dass die Öleinnahmen von ausländischen Banken eingefroren werden.
Bei Tether wird man auf diese Nachricht sowohl mit Freude als auch Sorge reagieren. Mit Freude, weil man mehr Kunden haben wird, doch mit Sorge, weil sie droht, das fragile Verhältnis zur USA weiter zu schädigen – und damit das lukrative Geschäftsmodell gefährdet, durch das simple Halten von US-Staatsanleihen als Reserve himmlische Gewinne einzufahren.
Erst vor zwei Wochen nannte das US-Finanzministerium explizit Tether im Zusammenhang mit illegalen Geldtrömen. Neben Nordkorea verwende mittlerweile auch Russland zunehmend „alternative Zahlungsmechanismen“, um Sanktionen zu umgehen und seine Kriegsmaschine zu finanzieren, darunter, so das Finanzministerium wörtlich: „der Stablecoin Tether“.
Sowohl für Tether als auch die US-Regierung beginnt hier ein feiner Balanceakt: Tethers Geschäftsmodell basiert darauf, als unabhängig wahrgenommen zu werden, also als eine Art Piratenfirma, die sich US-Anordnungen nicht bedingungslos unterwirft und im Zweifel auch dagegen klagt – während es aber sowohl zur Sicherheit der Mitarbeiter als auch zur Aufrechterhaltung des Geschäftsmodells einen zumindest erträglichen Kontakt mit den USA erhalten muss. Die US-Regierung hingegen muss erkennen, wie USDT ihren Sanktionen die Zähne und Klauen zieht – möchte aber auch den Einfluss auf den erfolgreichsten digitalen Dollar aller Zeiten nicht verlieren. Als Upgrade des Greenbacks und Vehikel der Hyperdollarisierung dürfte Tether auch im US-Finanzministerium willkommen sein.
Und die EU? Die hat sich mit MiCA in diesem Spiel selbst disqualifiziert. Die Revolution des Geldwesens findet derzeit in tokenisierten Dollar statt – und die EU hat dabei nicht mehr viel mit zu reden.

