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Ein ziemlich lukrativer Teufelspakt

EIn Ziegenbock im Wildgehege Granat. Bild von Daniel Grothe via flickr.com.. Lizenz: CC BY 2.0

Der älteste Verbraucherschützer der USA warnt vor Tether (USDT). Der Stablecoin wird für Terorfinanzierung, Drogenhandel und Geldwäsche verwendet – schafft aber auch eine willkomenene Nachfrage nach Staatsanleihen. Die Zeit kann diesen Pakt nur vertiefen.

Consumer’s Research gilt als älteste Verbraucherschutzorganisation in den USA. Zwar hat die ehemals eher linke, in den 20er Jahren gegründete NGO nicht mehr viel mit ihren Usrpüngen gemeinsam, seit sie in den 2020ern von Republikanern übernommen und in den üblichen Kreuzzug gegen Wokeness eingespannt wurde. Doch mit einer aktuellen Kampagne knüpft sie schon wieder fast an alte Zeiten an.

Comsumer’s Research strahlte in der vergangenen Woche am New Yorker Times Square, dem „Center of the Universe“, auf einem riesigen Bildschirm die Anzeige „Tethered to corruption“ aus, zu Deutsch: an die Korruption gekettet. Darunter sah man Bilder von islamistischen Terroristen, Sklaven, Pillen, Scheinen in Briefumschlägen, russischen Soldaten. Die Nachricht ist eindeutig: Mit Tether-Dollar werden Terroranschläge, Menschen- und Drogenhandel, Bestechungen und russische Waffen finanziert. Allein im vergangenen, heißt es dazu, wurden über Tether angeblich mindestens 20 Milliarden Dollar krimineller Transaktionen abgewickelt.

Auf der Webseite tetheredtocorruption.com stellt Consumer’s Research Überschriften und Artikel aus, die zeigen, wofür Tether-Dollar missbraucht werden. Man kann sich beinahe endlos lang nach unten klicken, um immer mehr Schrecken und Verbrechen zu lesen. Außerdem drohe Tether, so die Organisation, das nächste FTX zu werden, und US-Sparer mit sich in den Abgrund zu reissen.

Dabei ist Consumer’s Research nicht pauschal gegen Stablecoins. Die Organisation gesteht sogar zu, dass Stablecoins die Zukunft sein können. Umso notwendiger ist es, sie mit strengeren Gesetzen zu kontrollieren.

Der 18.-größte Inhaber von Staatsschulden

Dies jedoch dürfte schwierig werden. Denn eine etwa zur selben Zeit erschienene Untersuchung von Tagus Capital, einem Web3-Fonds, kalkuliert, dass Stablecoin-Herausgeber mittlerweile zum 18.-größten Inhabern von US-Staatsanleihen geworden sind, noch vor mächtigen Industrienationen wie Deutschland oder Südkorea. Mit 91 Milliarden Dollar ist Tether mit Abstand führend, gefolgt von Circle (USDC), das Staatsanleihen im Wert von 29 Milliarden Dollar hält.

Für die USA bekommen Stablecoins damit schon beinahe eine systemische Relevanz. Das Land steht mit fast 34 Billionen in der Kreide, allein an Zinszahlungen fallen 2024 fast 900 Milliarden Dollar an. Die steigenden Kosten der Verschuldung gelten mit als Grund, warum das Finanzministerium im vergangenen Jahr noch mehr Staatsanleihen als üblich herausgegeben hat, was langfristig vermutlich ein gefährlicher Weg ist.

Die unerwartete erhöhte Nachfrage durch Stablecoins nimmt die Regierung dankend an. Schließlich wird der Bedarf nach Kapital nicht kleiner, schon allein, um Zinsen zu bezahlen, während China derzeit im Begriff ist, seinen Bestand an Staatsanleihen abzubauen, und in den BRICS-Staaten ein Rückgang der Dollar-Abhängigkeit droht. Eine hohe, womöglich langfristig steigende Nachfrage durch Stablecoins könnte für die Regierung extrem hilfreich sein.

Wenn Tether das nächste FTX ist, droht das nicht nur einige Sparer mit sich zu reissen – sondern womöglich auch die Staatsfinanzierung der USA.

„Das ist erst der Anfang!“

Geht es nach Circle-Boss Jeremy Allaire, wird dieser Bedarf nach US-Schulden, den Stablecoins schaffen, auch nicht so schnell zurückgehen. Ganz im Gegenteil. Allaire meint auf Twitter, dass bis 2034 rund 10 Prozent der globalen Handel auf Stablecoins abgebildet sein werden:

„Ich war noch niemals so optimistisch wie derzeit,“ erklärt er. Die Krypto-Branche habe unendlich viel erreicht, mehr, als man aufzählen kann, und noch viel mehr Durchbrüche lauern an jeder Ecke, die Blockchains skalieren, die Infrastrutur härtet sich, die Nutzerfreundlichkeit nimmt zu und so weiter. Und Stablecoins stehen mittendrin, sind immer weiter akzeptiert, durchdringen fast jede Jurisdiktion … — und das ist erst der Anfang.

Was wäre, fragt Allaire, wenn immer größere Teile des Finanzwesens auf öffentlichen Blockchains laufen, Blockchains Apps für Milliarden von Usern unterliegen, Onchain-Organisationen wie DAOs in Konkurrenz zu herkömmlichen Unternehmen treten, politische Organe – Regierungen, Städte, Regionen – Demokratie Onchain leben und so weiter, wenn also all jene wilden, utopischen Träume, die im Krypto-Raum zirkulieren, auch nur im Ansatz wahr werden – und wenn zehn Prozent des global umlaufenden Geldes, zehn Prozent des Handels, in Stablecoins notiert sind?

Jeremy Allaire träumt ein wenig, und er macht daraus auch keinen Hehl. Doch er meint, all das könnte durchaus in den kommenden zehn Jahren geschehen. Und er hat damit nicht unrecht. Die Technologie wird jedes Jahr reifer, die Gesetzeslage gefestigter, das Interesse stabil.

Und wenn es so kommt, wie Allaire meint, dann hat die US-Regierung einen Hebel, um daraus unendlich weit zu profitieren. Selbst wenn der Petrodollar zu Ende geht, wie manchmal gesagt wird, wenn die BRICS eine eigene Währung schöpfen, oder der Yuan zur zweiten globalen Leitwährung wird – selbst dann könnte die USA dank der Stablecoins aus einer niemals versiegenden Nachfrage nach Staatsanleihen zu schöpfen. Dafür muss sie aber einen Preis bezahlen, man könnte sagen, einen Pakt mit dem Teufel eingehen: sie muss hinnehmen, dass die Stablecoins auch den globalen Missbrauch von Geld skalieren – dass sie auch zum Zahlungsmittel des Unrechten und Bösen werden.

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