Der Gewinner der heutigen US-Wahl ist schon jetzt Polymarket – der größte Prediction Market. Doch die Voraussagen weichen so stark von Umfragen ab, dass die US-Wahl auch entscheiden wird, wie valide Prediction Markets sind: Macht Kryptogeld die Masse wirklich weiser?
Für eine lange Zeit waren Prediction-Markets mit Kryptowährungen, also Märkte für Prognosen, ein Nischenthema, so ähnlich wie das Elektroauto: seit langem als Killer-App herbei geschrieen, in der Praxis aber irrelevant.
Mittlerweile haben sich Elektroautos durchgesetzt – und Prediction-Markets mit Polymarket. Es brauchte dazu vor allem zwei Zutaten: Stablecoins und die US-Wahl des heutigen 5. Novembers. Auf ihren Ausgang wird auf Polymarket so viel gewettet, dass die Vorhersagen schon ähnlich wie Umfragen gehandelt werden.
Aber fangen wir vorne an.
Was ist ein Prediction Market?
Ein Prediction Market meint, dass man Wetten auf Ereignisse kaufen kann. Sagen wir, ob Russland 2024 eine Atombombe im All abfeuern wird. Man kann nun ein „Ja“ kaufen oder ein „Nein“, wie ein Los, und damit handeln, so dass der Markt entscheidet, wie die Optionen gewertet werden, bevor sie am Stichtag aufgelöst werden.
Solche Prediction Markets werden schon lange als eine der Killer-Apps von Kryptowährungen vorhergesagt. Sie feierten bereits Ende 2013 eine gruselige Ankunft, als jemand im Darknet einen „Assassination Market“ veröffentlichte, bei dem man auf einen Todeszeitpunkt öffentlicher Personen tippen konnte, was indirekt eine Auslobung für ein Attentat war. Aber dies blieb, glücklicherweise, irrelevant.
Eine der Probleme bei Prediction Markets ist die Frage, wer am Ende entscheidet, ob ein Ereignis eingetroffen ist. Bei einem zentralisierten Markt ist dies der Betreiber einer Plattform. Er hat, wie bei allen zentralisierten Plattformen, die Möglichkeit, Ergebnisse zu manipulieren. Daher war schon früh der Ruf nach einer dezentralen Plattform laut geworden.
Es gab verschiedene Ansätze, dies umzusetzen, die auch, mehr oder weniger, gelungen sind. Doch die erste, die wirklich abhebt, ist Polymarket.
Wie funktioniert Polymarket?
Für den User ist Polymarket zunächst überschaubar komplex. Die Reduktion auf das Notwendige könnte mit ein Grund für den Erfolg sein.
Einloggen kann man sich entweder konventionell, nach Art des Web2 mit Email oder Google, oder, zeitgemäß zum Web3, mit einer Wallet. Anschließend kann man über die Blockchain Polygon USDC-Stablecoins einzahlen. Wer keine besitzt, kann sie auch direkt auf der Plattform kaufen, vermutlich mit Kreditkarte oder PayPal.
Es wirkt zwar so, als zahle man auf eine zentralisierte Treuhandplattform ein. Doch tatsächlich ist es möglich, den privaten Schlüssel über magic.link zu exportieren, und Polymarket hat laut eigener Beschreibung keinen Zugriff.
Danach kann man Lose für oder gegen bestimmte Ereignisse kaufen und verkaufen. Etwa: Wird Donald Trump der nächste US-Präsident? Wird 2024 das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen? Wird Ethereum 2024 ein neues Allzeithoch erreichen? Ja oder Nein?
Die Lose haben einen Wert zwischen 0 und einem Dollar. Beide zur Verfügung stehende Optionen ergeben zusammen genau einen Dollar. Man wettet, anders als bei traditionellen Sportwetten, dabei nicht gegen „das Haus“, also die Plattform, sondern gegen andere User.
Wer eine neue Wette aufstellen will, kann sie Polymarket über Twitter und Discord vorschlagen. Wenn das Team der Ansicht ist, dass sie Potenzial hat, wird es sie annehmen.
Die Wette löst sich zu einem bestimmten Stichtag auf. Die Bedingungen sind vorher festgelegt, etwa, im Falle der US-Wahl, „wenn die Associated Press, Fox und NBC denselben Kandidaten für gewählt erklären“.
Dies wird aber nicht direkt von Polymarket entschieden. Stattdessen geschieht dies über „UMA Smart Contract Oracle„. Denn jede Wette ist ein Smart Contract, und die UMA Oracles erlauben es jedem, ein Ergebnis einzureichen, wenn er ein Pfand bereitstellt – und dieses zu bestreiten – was dann vom Smart Contract entsprechend der anfangs gesetzten Regeln selbst verarbeitet wird.
Mehr als drei Milliarden Dollar tippen auf die US-Wahl
Polymarket hatte zum richtigen Zeitpunkt ein gut funktionierendes Produkt, um zur US-Wahl durchzustarten. Die Wetten auf zuerst Trump oder Biden, dann Trump oder Harris, wurden zum weiten, globalen Erfolg – mehr als 3,25 Milliarden Dollar liegen im Topf – so weit, dass sie immer öfter zitiert werden.
Polymarket hat es geschafft, dass Prediction Markets erstmals neben Umfragen genannt werden, um Prognosen zur wichtigsten demokratischen Wahl der Welt abzugeben. Und dabei weicht Polymarket vom Konsens der Umfragen ab – und zwar deutlich.
Nachdem Joe Biden seiner Vizepräsidentin Kamala Harris den Vortritt überließ, zog diese in so gut wie allen Umfragen an Donald Trump vorbei. Zwar rückte der näher, teilweise waren sie gleichauf, doch tendenziell liegt Harris vorne.
Anders auf Polymarket. Dort hat Kamala Harris Trump kurzzeitig überholt – aber immer nur knapp – und rutschte dann ab Oktober immer weiter ab. Zwischenzeitlich stand es 66:34. Ein Trump-Los kostete fast doppelt so viel wie ein Harris-Los, womit Trump auf Polymarket sehr viel besser dasteht als in allen Umfragen.
Der Unterschied zwischen Umfragen und Prediction Markets
Über diese erheblichen Abweichungen wurde einiges spekuliert. An sich sollen Prediction Markets, so die Beschreibung in der Doku von Polymarket, „akkurater sein als traditionelle Umfragen und Vorhersagen von Experten. Die kollektive Weisheit diverser Teilnehmer, die sämtliche durch das Potenzial für Profite motiviert werden, führt zu hochgradig zuverlässigen Vorhersagen.“
Eine Stimme bei einer Umfrage kostet nichts – eine Stimme auf einem Prediction Market dagegen schon. Daher, so die Idee, sind diese zuverlässiger als jene, weil man dort „Skin in the Game“ hat, also seine Haut mit zum Markt trägt.
Die These geht jedoch nicht immer auf. Vermutlich hängt es davon ab, worum es geht. Bei einer demokratischen Wahl basieren Umfragen auf einer repräsentativen Stichprobe, in welcher die Teilnehmer ihre Präferenz artikulieren. Bei Prediction Market dagegen setzt eine nicht-repräsentative Gruppe ihr Geld darauf, was die Menschen wollen.
Bei vielen Wahlen wirkt Polymarket nicht eben sonderlich zuverlässig. Etwa die Wahl in Island am 2. Juni. Die Gewinnerin, Halla Tómasdóttir, erreichte erst am 2. Juni mehr als 50 Prozent. Ähnlich bei den EU-Wahlen in Frankreich und Deutschland. Noch am 8. und 9. Juni waren die Prognosen auf Polymarket zu Marcrons Ensemble oder der AfD viel zu optimistisch.
Während diese Wahlen jedoch ein eher geringes Volumen hatten – im Falle der AfD bei der EU-Wahl keine 20.000 Dollar – sind bei der US-Wahl heute mehr als drei Milliarden Dollar im Spiel. Man könnte sagen, die Wahl entscheidet nicht nur über den Präsidenten der USA – sondern auch darüber, wie zuverlässig Prediction Markets demokratische Wahlen voraussagen.
Oder, anders gesagt: Wie sehr können sich drei Milliarden Dollar irren? Macht Geld die Masse intelligenter – oder gar dümmer?
Eine Schlagseite ausnutzen
Man könnte den Unterschied zwischen Umfragen und Prediction Markets so ausdrücken: Umfragen zeigen, was Statistiker aufgrund empirischer Methoden darüber denken, was die Leute wünschen – und Polymarket zeigt, was Krypto-User mit Lust zur politischen Spekulation denken.
Die Krypto-Branche hat bekanntlich eine klare Schlagseite zu Trump, was schlicht daran liegt, dass die Regierung Biden nicht eben besonders kryptofreundlich war, während Trump der Branche das Blaue vom Himmel herabspricht.
Wer nun meint, diesen Unterschied zwischen Umfragen und Prediction Market, zwischen der Vorhersage von Statistikern und Spekulanten auszunutzen – oder es, in der Hoffnung, dass Kamala Harris gewinnt, zu versuchen – der hat auf Polymarket heute noch eine gute Gelegenheit dazu, seine eigene Haut auf den Markt zu tragen.

