Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat einen Bericht über virtuelle Währungen schreiben lassen. Auch wenn sie weder Geld noch eine ernstzunehmende Gefahr für die finanzielle Ordnung sind: Virtuelle Währungen fordern das Monopol der Zentralbanken heraus und sind ein Problem für Regulierer – ironischerweise gerade deswegen, weil sie viele Fehler des bisherigen Geldes ablegen.
Es ist gut, mal eine andere Perspektive mitzubekommen, die Betriebsblindheit abzulegen und durch die Augen anderer zu sehen, worauf es vielleicht wirklich ankommt. Eine radikale Vogelperspektive auf den Bitcoin dürfte der Internationale Währunsfonds (IWF) einnehmen. Der IWF ist der Hüter der internationalen Währungsstabilität; er hält und verleiht Reserven der Währungen seiner Mitglieder. Er ist die mächtigste internationale Wirtschaftsorganisation und kann erwiesenermaßen kleine Staaten ruinieren und Revolutionen hervorrufen, aber auch bankrotte Staaten vor der Anarchie bewahren.
Ein internationales Team von hohen IWF-Mitarbeitern und Beratern hat sich nun auch den Bitcoin bzw. virtuelle Währungen im Allgemeinen angeschaut. Der Bericht arbeitet sich auf etwa 35 Seiten durch verschiedene Aspekte von virtuellen Währungen. Er gibt nur selten Antworten, sondern stellt meist Fragen und notiert Beobachtungen und Thesen. Er dürfte demnach auch eher den Zweck haben, Leute auf virtuelle Währungen hinzuweisen und weitere Fragen und Forschungen anzuregen. Wenn wir aber wissen wollen, wie Personen in weltwirtschaftlichen Schlüsselpositionen zum Bitcoin stehen, dürfte der IWF-Bericht der Sache recht nahe kommen.
Bei der Definition von Virtuellen Währungen orientiert sich der IWF an der Europäischen Zentralbank und an der BIZ: „Virtuelle Währungssysteme sind private Systeme, die in vielen Fällen einen peer-to-peer-Handel ermöglichen und traditionelle zentrale Stellen wie ein Clearinghouse umgehen. Virtuelle Währungen und die mit ihnen verbundenen Technologien (vor allem distributed ledger auf Basis von Blockchains) entwickeln sich rasend schnell …“
Wie die meisten Institutionen kann auch der IWF nicht umhin, einige Vorteile virtueller Währungen zu konstatieren: Sie sind schneller und effizienter als bisherige Systeme und können dazu beitragen, die Bankenlosen und Ausgegrenzten ins Finanzsystem zu integrieren. Blockchain-Technologien können möglicherweise noch viel mehr leisten. Allerdings sieht auch der IWF Risiken wie Geldwäsche, Terrorfinanzierung, Steuerflucht, Betrug und, langfristig, eventuell Bedrohungen für die monetäre Politik und die finanzielle Stabilität. Während der Bericht die volkswirtschaftlichen Vorteile nicht weiter erwähnt, kümmert er sich im folgenden um die genannten Risiken.
Für Regulatoren, Zentralbanken und staatliche Akteure sind virtuelle Währungen eine Herausforderung. Dies beginnt schon bei der Frage, ob sie Geld sind. Juristisch betrachtet können virtuelle Währungen – streng genommen – gar kein Geld sein, da Geld rechtlich als „Banknoten und Scheine, die durch eine zentrale Authorität herausgegeben werden“ definiert werden. Demnach wäre nicht-staatliches, dezentrales Geld ein Widerspruch in sich. Geld kann zwar von privaten Parteien erzeugt werden – z. B. durch Banken – aber es muss dann in einer Währung nominiert sein, die von einem Staatlich herausgegeben wird. Demnach wäre ein Geld mit einem auf dem Markt entstandenen Wert ebenfalls ein Widerspruch in sich.
Auch wenn es eher ein Problem der Kategorien ist – virtuelle Währungen wie Bitcoin sind nach Definition des IWF kein Geld. Dies hat der IWF bereits im Sommer 2014 in einem Bericht klargemacht, in dem es hieß, dass nicht alle elektronischen Zahlungen Geld beinhalten: Gutscheine oder virtuelle Währungen wie Bitcoins sind etwa elektronische Zahlungsmittel, aber kein elektronisches Geld. Bitcoin erfülle die Bedinungen für Geld nicht. Dabei stellt sich aber erneut die Frage, ob dies das Problem des Bitcoins oder der (technischen, rechtlichen) Bedingungen für Geld ist.
Virtuelle Währungen wie Bitcoin fordern zwar das Paradigma von von Staaten herausgegebenen Fiat-Währungen sowie die dominante Rolle der Zentralbanken heraus, sind aber derzeit keine relevante Gefahr. Dazu sind sie einfach noch zu klein und auch zu ungünstig zu gebrauchen. Die hohe Volatilität schmälert ihre Eignung als Wertspeicher, die kleine Größe und die begrenzte Akzeptanz begrenzen ihre Nützlichkeit als ein Tauschmittel. Hinweise, dass virtuelle Währungen als unabhängige Verrechnungseinheiten verwendet werden, gibt es kaum.
Dennoch bereiten virtuelle Währungen den Regulatoren Kopfzerbrechen. Alleine schon die Entscheidung, welche Behörde zusändig ist, ist problematisch, da virtuelle Währungen, je nachdem, wie man sie definiert – als Geld, Wertgegenstand, Zahlungssystem – in andere Zuständigkeiten fallen. Es sei bereis innerhalb einer Jurisdiktion schwierig, virtuelle Währungen konsistent einzuordnen. Die Arbeit von Regulatoren wird weiter dadurch erschwert, dass virtuelle Währungen schwer zu beobachten sind, Grenzen überschreiten und Mittelsmänner – die eigentlich Ziel der Regulierung sind – umgehen.
Dies allerdings klingt, einmal mehr, eher nach einem Problem der Regulierer. Wenn eine grenzüberschreitende, private, die Mittelsmänner umgehende Währung wegen eben dieser Eigenschaften zum Problem wird, dann bedeutet dies, dass Regulation grundsätzlich Probleme damit hat, mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten und prinzipiell auf den Schwächen bestehender Währungen aufbaut.
Neben den üblichen, hinlänglich bekannten Risiken für Konsumenten – Wallet verlieren, etc. – beschäftigt sich der Bericht auch mit Risiken für die finanzielle Stabilität und die monetäre Politik. Beide Risikogruppen sind derzeit noch gar nicht existent, da der Bitcoin noch viel zu klein ist, aber sie könnten in Zukunft einmal relevant werden. Wenn der Bitcoin einmal weitläufiger verwendet wird und sich mit dem Rest der Wirtschaft verzahnt, kann dies systematische finanzielle Risiken hervorrufen. Etwa die Erosion der Einnahmen von Banken aus dem Zahlungsverkehr oder dass virtuelle Währungen „too big to fail“ werden, was deren Abwicklung verkomplizieren würde.
Sollten virtuelle Währungen einmal einen hohen Anteil der Transaktionen einer Wirtschaft einnehmen, drohen ferner Risiken für die monetäre Politik. Währung es aufgrund der limitierten Anzahl von Währungseinheiten kein Inflationsrisiko gebe, drohe eine strukturelle Deflation wie man sie vom Ende des Goldstandards kennt. Außerdem würden virtuelle Währungen den Handlungsspielraum der Zentralbanken eingrenzen, wodurch die Geldpolitik nicht mehr flexibel genug sein könnte, um auf monetäre Schocks zu reagieren und die Wirtschaftszyklen zu steuern.
Dies jedoch sind noch wilde Zukunftsphantastereien. Für die Gegenwart empfiehlt der IWF den Regulierern, die bestehenden Risiken einzuhegen, ohne Innovationen auszubremsen. Sie sollten flexibel auf die neuen Umstände reagieren, Ansätze speziell für virtuelle Währungen entwickeln und Akteure ausmachen, die zu regulieren sind. Denn virtuelle Währungen mögen eine Herausforderung für Regulierer sein – sie sind aber nicht unregulierbar.

