Vergangenen Freitag ging Zcash online. Die neue Kryptowährung mit der Option anonymer Transaktionen legte den wahnsinnigsten Start in der Geschichte der Kryptowährungen hin. In wilden Preisschwüngen, maßloser Werbung und grundsätzlicher Kritik ging beinah unter, dass hier eine faszinierende Technologie entsteht.
Nachdem Zerocoin seit mehr als drei Jahren im Gespräch ist, ging am Freitag mit Zcash (ZEC) die erste Implementierung der anonymen Kryptowährung live. Auf den Börsen erlebte Zcash die wildesten Preissprünge, die es jemals im Krypto-Markt gegeben hat, der wahrlich nicht arm an wilden Preissprüngen ist.
Kurz nach dem Launch erreichte Zcash (ZEC) auf Poloniex eine Spitze von 3.299 Bitcoin. Nein, kein Komma-Punkt-Fehler, sondern ernst gemeint: Dreitausend-zweihundert-neunundneunzig Bitcoin. Oder, pi mal Daumen: 2,3 Millionen Dollar. Für einen einzigen Zcash-Coin. Irre, oder?
Natürlich war der Wahnsinn recht bald vorbei. Zcash stürzte ein wie kein Coin jemals zuvor. Gestern lag der Preis bei etwa 0,7 Bitcoin, womit der ZEC mehr als 99,97 Prozent verloren hat. Heute steht er wieder bei 2,5 Bitcoin.
Kursverlauf von ZEC. Dieser Chart sieht wild aus, da es von fast 20 BTC auf 0,6 runtergeht. Aber er ist nur ein Ausläufer der echten Kursschwankungen. Quelle: Poloniex
Was ist da los? Was steckt hinter diesem Coin, der die verrückteste Preis-Hysterie auslöste, die es in Kryptoland jemals gegeben hat?
Eine Allstar-Unternehmung
Zcash basiert auf dem Zerocoin-Protokoll, einem kryptographischen Konzept, das vollständige Anonymität auf eine Kryptowährung bringen soll. Es macht etwas, das wie Magie wirkt: Es verschlüsselt alle Bestandteile einer Transaktion, die die Privatsphäre verletzen – die Adressen von Sender und Empfänger sowie den Betrag. Mithilfe eines sogenannten „Zero Knowledge Proofs“ kann jedoch weiterhin geprüft werden, ob die Transaktion gültig ist. Das ist ein wenig, als würde das Finanzamt eure Steuer prüfen, ohne eure Namen und euer Einkommen zu kennen.
Das klingt verrückt, oder? Man kann aber mathematisch beweisen, dass es funktioniert.
Nachdem klar geworden war, dass es dieses bezaubernde Konzept nicht ins Bitcoin-Protokoll schaffen würde, begann eine Gruppe um den Cypherpunk und Kryptographen Zooko Wilcox, einen Altcoin zu entwickeln, der auf Zerocoin basierte: Zcash.
Um Zcash zu entwickeln, gründete Zooko Wilcox eine Firma mit Sitz in den USA. Er schloss Partnerschaften mit Wissenschaftlern, überwiegend aus den USA und Israel, und heuerte einige Entwickler an. Später wurde er von Investoren unterstützt, die in der Crypto-Szene recht bekannt sind. Unter anderem Pantera, Barry Silberts Digital Currency Group, Roger Ver, Eric Vorhees, Fred Ehrsam von Coinbase. Außerdem gewann er bekannte Entwickler wie Gavin Andresen und Vitalik Buterin als Berater.
Zooko Wilcox und seine Wissenschaftler. Screenshot der Webseite z.cash
Klingt nach einem Allstar-Team, oder? Ein Team, das die digitale Währung entwickelt, die Bitcoin hätte sein sollen. Mehr Kapazität, mehr Fungibilität, mehr Privacy. Ein No-Brainer, oder?
Unter diesen glänzenden Voraussetzungen war die Medienkampagne, die den Start con Zcash begleitete, ein Selbstläufer. Einige nicht-ganz-so-unabhängige Magazine und einige nicht-ganz-unabhängige Experten feuerten den Launch an.
Gavin Andresen, ausgebrannter Bitcoin-Entwickler und Berater von Zcash, twitterte etwa:
If fungibility is the overwhelming value proposition for digital cash then Zcash should crush Bitcoin over the next several years.
— Gavin Andresen (@gavinandresen) October 27, 2016
Frei übersetzt: Wenn Fungibilität die überragende Eigenschaften ist, die digitalem Bargeld einen Wert verleiht, dann sollte Zcash Bitcoins Wert in den nächsten Jahren einholen.
Aber das ist erst der Anfang. Bitcoin.com, das Bitcoin-Portal von Roger Ver, Investor in Zcash, titelte: „Snowden: Anonymes Zcash kann Bitcoins Überwachungsprobleme lösen.“ Auch Coindesk, ein Magazin, in das die Digital Currency Group – ebenfalls Investor in Zcash – investiert hat, ließ sich nicht lumpen und veröffentlichte gleich drei Artikel zum Launch von Zcash.
Nach all dem könnte man entweder meinen, dass Zcash die Kryptowährungen neu erfindet – oder dass es sich um einen dieser Pump’n’Dumps handelt, mit denen auf den Altcoin-Märkten oft und gerne schnelles Geld gemacht wird. Die Wahrheit ist mal wieder irgendwo dazwischen. Zcash ist eine faszinierende Software, die jedoch ein paar Nachteile hat, die das ganze Unterfangen womöglich ruinieren.
Aber lasst uns das Ganze genauer anschauen.
Die Zcash-Technologie
Zcash ist, im Großen und Ganzen, nicht viel mehr als Bitcoin mit Zerocoin. Die Entwickler haben sich bei ihrer Arbeit an das Prinzip der „konservativen Innovation“ gehalten, wie die FAQ auf der Webseite erklärt: „Vermeide Änderungen an Bitcoins Design, sofern es keinen starken Grund für sie gibt.“
Die meisten Eigenschaften von Bitcoin wurden also übernommen. Beispielsweise das Halving alle vier Jahre oder die Gesamtmenge von 21 Millionen Coins. Es gibt allerdings einige sehr markante Änderungen:
- Die Einführung eines „Slow Start Minings“, das den Mining-Reward innerhalb von 34 Tagen langsam auf den Betrag hochfährt, der für die kommenden vier Jahre gelten wird
- Die Erhöhung des Blocksize-Limits auf 2 MB und die Reduktion der Zeitspanne zwischen den Blöcken auf 2,5 Minuten. Damit hat Zcash die 8-fache Kapazität von Bitcoin.
- Eine sanftere Anpassung der Mining-Schwierigkeit
- Die Einführung des „zk-SNARK zero-knowledge-proofs“. Diese ermöglichen ein zweites, optionales Transaktionsformat, das vollständig anonym ist, da es Adressen und Beträge verschlüsselt.
- Das Austauschen des Mining-Algorithmus, um Zcash resistent gegen Asics zu machen
- Die Einführung einer „Steuer“, die 10 Prozent der Mining-Erträge an die Gründer weiterleitet
Das wären die markantesten Änderungen. Eine komplette Übersicht über das Design von Zcash könnt ihr auf der Github-Seite des Projekts finden. Während einige der Eigenschaften von Zcash wie die erhöhte Kapazität und die Option, anonyme Transaktionen zu bilden, als klare Verbesserungen angesehen werden können, wurden einige andere Innovationen von Zcash mit vernichtender Kritik aufgenommen.
Möglicherweise kein gutes Mittel der Wertaufbewahrung
Die Erfindung von Zcash, die den Leuten offensichtlich am wenigsten gefüllt, ist die Steuer für die Gründer.
Die FAQ erklärt: „10% des Mining Rewards werden an die Stakeholder der Zcash Company verteilt – Gründer, Investoren, Angestellte, Berater. Wir nennen dies die ‚Belohnung der Gründer‘ … diese Belohnung wird über die ersten vier Jahre hinweg verteilt, so dass es einen fortlaufenden Anreiz und fortlaufende Ressourcen für die Gründer gibt, um den Coin wertvoller zu machen.“
Klar, Entwickler wollen auch von etwas leben. Aber wenn man das ganze nachrechnet, kann man nicht umhin, dem Team ein wenig Gier zu unterstellen. Bei einem Preis von 3.299 Bitcoin für ein Zcash Token, wie man es kurzzeitig sah, würden die Gründer eine Belohnung von 16 Milliarden Bitcoin erhalten. Selbst bei einem Preis von 1 Bitcoin liegt die Belohnung der Gründer alleine aus dem Reward bei mehr als einer Milliarde Dollar. Das ist schon viel für die Implementierung eines Zero-Knowledge-Proofs in eine Software, die zuvor schon da war.
Darüber hinaus verletzt eine solche Steuer heilige Grundprinzipien von Blockchains. Denn das Bitcoin-System bezahlt Akteure in einem dezentralen Netzwerk für Arbeit, die sie leisten und die auf der Blockchain beweisbar ist. Die Arbeit von Entwicklern kann nicht auf der Blockchain bewiesen werden. Sie sollten daher nicht durch das Protokoll bezahlt werden.
Neben dem Problem mit der Steuer scheint der Zero Knowledge Proof von Zcash selbst die Wertstabilität der Währung zu beeinträchtigen. Ohne hier zu tief ins Detail zu gehen, müssen wir uns einen Teil von Zcashs anoymen Transaktionen anschauen: die Verschleierung des Betrags. Um zu beweisen, dass der gesendete Betrag in Einklag mit der Geldmenge von Zcash ist, obwohl man ihn nicht kennt, braucht man einen Beweis, der wohl nur durch das Grund-Setup gelegt werden kann. Man kann sich diesen Beweis wie einen öffentlichen Schlüssel vorstellen, der durch einen privaten Schlüssel erzeugt wird. Wenn man diesen verifizieren kann, stimmt alles.
Nun kann man mit dem hierfür verwendeten privaten Schlüssel allerdings das ganze System unterminieren. Man kann mit ihm beliebig Geld erzeugen, und, das schlimmste: Niemand wird es merken, da die Geldmengen und Beträge verschleiert sind. Die Entwicker von Zcash nennen diesen Schlüssel daher „Giftmüll.“
Zcash hat sich offenbar alle Mühe gegeben, den Giftmüll zu entsorgen. Der Beweis wurde durch sechs Leute erzeugt, und diese sechs Leute müssen kooperieren, um das System zu manipulieren. Wenn nur ein einziger seinen Schlüssel vernichtet, kann nichts passieren.
Das Risiko mag minimal sein – aber es bleibt vorhanden. Und man wird niemals wissen, ob das System gebrochen ist oder nicht. Dies allein dürfte Zcashs Eignung als Mittel der Wertaufbewahrung erheblich einschränken. Wenn man dies und die Steuer für die Gründer zusammennimmt, könnte man sagen, dass der Währungs-Teil von Zcash nicht viel mehr ist als eine clevere, aber etwas schäbige Methode, um Investoren zu motivieren, die Entwicklung eines anonymen Zahlungs-Netzwerks zu finanzieren. So ähnlich wie Ripple Labs die Währung XRP nutzt, um die Entwicklung des Ripple-Zahlungssystems zu finanzieren.
Allerdings stieß auch dieser Teil von Zcash – das anonyme Zahlungssystem – auf deutliche Kritik.
Wenn Anonymität nur eine Option ist, ist die Fungibilität in Gefahr
Keiner bezweifelt, dass der Zero Knowledge Proof von Zcash brillant ist. Er scheint seine Aufgabe – die Privatsphäre der User zu schützen – perfekt zu erfüllen.
Das Problem, das einige Leute jedoch mit ihm haben, ist, dass er optional ist. Man kann weiterhin Standard-Transaktionen senden, die ebenso transparent sind wie Bitcoin-Transaktionen. Anonymität bei Zcash ist eine Option, die man aktivieren muss. Dementsprechend gibt es zwei Arten von Token auf dem Zcash-Netzwerk: sauber-transparente und schmutzig-anonyme Coins. Börsen können – und müssen vielleicht – die anonymen Token auf eine Blacklist setzen. Die Fungibilität – die Gleichheit aller Coins – ist damit in Gefahr.
Schlimmer noch ist dass das Anonymisieren von Coins mit Zcash mit einer beträchtlichen Arbeit von Computern verbunden ist. Man braucht mehr als 8 Gigabyte Arbeitsspeicher, womit die meisten Privatnutzer schon mal ausscheiden. Möglicherweise machen diese Anforderungen es für Börsen, Online-Wallets und Märkte unmöglich, den Usern anonyme Transaktionen anzubieten. Es ist denkbar, dass anonyme Zcash-Transaktionen gar nicht genügend skalierbar sind, um eine nennenswerte ökonomische Aktivität zu erreichen. Zcash wäre, in diesem Fall, lediglich eine weitere transparente Kryptowährung mit einer nicht genutzten Anonymisierungsfunktion. Ob dies zutrifft oder nicht ist jetzt allerdings noch nicht zu sagen.
Wenn man nach all dem Gesagten noch bedenkt, dass mit Monero bereits eine Kryptowährung existiert, die für alle Transaktionen eine passive und weitreichende Anonymisierung implementiert, fragt man sich, was der Hype um Zcash soll.
Trotz aller Kritik: eine interessante Technologie
Nach all dieser Kritik und den Eskapaden auf den Märkten könnte man meinen, Zcash sei eine Totgeburt. Aber für solche Schlussfolgerungen ist es noch zu früh. Wenn sich der Staubt legt, wenn der Preis einen Boden findet, wenn es die ersten Forks gibt – dann wird Zcash vermutlich das, was es sein soll: eine spannende Technologie, um die Privatsphäre der Nutzer von Kryptowährungen zu schützen.

