Das Weltwirtschaftsforum, eine der mächtigsten Nicht-Regierungs-Organisationen der Welt, hat ein Paper über Blockchain und Kryptowährungen veröffentlicht. Dieses erörtert, wie man die „Governance“, also die Führung dieser Innovation verbessern kann, um ihr riesiges Potenzial zu entfesseln. Das von Don und Alex Tapscott geschriebene Paper liefert eine spannende Übersicht über Herrschaft in Blockchain und dem Internet im Allgemeinen.
Das mächtige Weltwirtschaftsforum (WEF) hat Blockchain und Kryptowährungen schon vor einigen Jahren entdeckt. Mittlerweile gibt es keines der elitären Treffen im schweizerischen Davos mehr, in denen nicht Vorträge und Diskussionen zu Kryptowährungen zum Programm gehören. Anders als in früheren Publikationen, in denen das WEF in Kryptowährungen und Blockchain eingeführt und deren Potenzial erkundet hat, widmet sich das neueste Paper konkret der Frage, wie man dieses Potenzial entfalten kann. Dass es gigantisch ist, steht mittlerweile außer Frage.
Das große Thema, um das es in dem Paper geht, ist die sogenannte „Governance“. Es meint Regierung in einem nicht zwingend staatlichen Sinn und kann auch als Herrschaft, Führung oder Leitung übersetzt werden. Es geht um die Frage, wie Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden. Ohne eine klare, definierte Governance werden entweder verdeckte, informelle Herrscher die Macht übernehmen, oder ein System wird in einem Zustand der richtungslosen Anarchie verharren.
Die beiden Autoren des Papers sind Don und Alex Tapscott. Das kanadische Vater-Sohn-Team ist dafür bekannt, ein erstaunlich langweiliges Buch über die „Blockchain-Revolution“ geschrieben zu haben und danach zu den vielleicht wichtigsten Blockchain-Consultants der Welt aufgestiegen zu sein. Wie schon in ihrem Buch misverstehen sie auch in dem Paper für das WEF die Blockchain-Technologie auf groteske Weise, indem sie sie zur „Basis-Plattform der vierten industriellen Revolution“ küren und ihr zuschreiben, willkürlich aufgezählte Innovationen zu ermöglichen, wie Künstliche Intelligenz, Machine Learning und so weiter. Die Ideen über Governance, die die Tapscotts in dem Paper ausbreiten, sind jedoch recht interessant.
Die meisten Leute, die in Blockchain und Kryptowährungen involviert sind, speziell diejenigen, die vom Bitcoin-Blocksize-Streit betroffen sind, dürften nicht bezweifeln, dass die Branche eine Art von Governance braucht. Oder, genauer gesagt: eine bessere Governance. Die Frage ist aber: Wie soll diese gestaltet sein? Wie kann man sicherstellen, dass sie nicht mehr Schaden anrichtet als Gutes zu tun?
Verwalter des Internets als Vorbild
Für die Tapscotts könnte eine mögliche Lösung in der Governance des Internets liegen. „Wie die erste Ära des Internets darf die Blockchain-Ära nicht von Staaten, staatlichen Institutionen oder Unternehmen regiert werden. Die Art, wie wir das Internet der Information als globale Ressource regieren, sollte als Folie dienen, wie wir diese neue Ressource regieren: Durch einen Multistakeholder Ansatz …“
Tatsächlich könnte die Governance-Struktur des Internets lehrreich für Kryptowährungen sein. Das Paper erklärt, dass das Internet nicht durch harte und hierarchische Strukturen regiert wird, sondern durch Netzwerke von „Stewards“ (= Verwalter), die kooperieren, um einen Konsens zu finden. Die Autoren definieren mehrere dieser Netzwerke von Verwaltern, die verschiedene Akteure verbinden, wie Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und Regierungen, und eine informelle, aber weltweite Autorität für verschiedene Aufgaben und Sachgebiete haben.
Beispiele für solche Netzwerke sind das Internet Architecture Board (IAB), die Internet Enginnering Task Force (IETF), die Internet Research Task Force (IRTF), die International Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) sowie die Electronic Frontier Foundation. Jedes dieser Organe bildet eine Art Gremium, in dem sich Experten und Stakeholder treffen, um für verschiedene Gebiete Entscheidungen zu treffen.
Diese Netzwerke prägen die Gestalt des Internets. Nicht in einer hierarchischen Art, in der Befehle immer von oben nach unten fließen, sondern durch Kooperation, Konsens und Anreize. Es ist eine weiche Art von Regierung.
Die Verwalter der Blockchains
Blockchains sind jedoch anders als das Internet. Bisher ging es beim Internet nur um Information. Blockchains sind jedoch „Geld, Wohlstand, geistiges Eigentum und andere Arten von Werten, von denen viele Gesellschaften erwarten, dass sie von der Regierung geschützt werden.“ Regierungen fehlt bisher noch die Kompetenz, Blockchains zu beeinflussen und zu steuern. Aber die beiden Autoren haben keinen Zweifel, dass dies in Zukunft geschehen wird.
Die große Frage ist daher: Wie kann dies geschehen, ohne dass es die goldene Gans tötet? Wie kann man die Blockchain regieren oder verwalten, ohne zu risikieren, dass die harte Hand der Staatsintervention Innovationen abwürgt?
Wie beim Internet sehen die Tapscotts die Lösung in einer „selbst-organisierten, bottom-up und multistakeholder governance.“ Einige Netzwerke von Verwaltern, ähnlich denen des Internets, sind bereits entstanden.
So gibt es „Beratungs-Netzwerke“ wie die Chamber of Digital Commerce (CDC), die in Washington einen Dialog mit den US-Politikern unterhält. Dann gibt es „Wächter Netzwerke“, wie die Blockchain Alliance, die Gesetzeshüter, Unternehmen und Non-Profit-Organisationen verbindet, um Wege zu finden, wie man Kryptowährungen regulieren kann, ohne ihr innovatives Potenzial zu untergraben. Viele Unternehmen im Blockchain-Bereich sind Handels-Verbindungen und Non-Profit-Organisationen beigetreten, Universitäten wie das MIT haben Projekte wie die Digital Currency Initiative gestartet. Es gibt sie, die losen Netzwerke, in denen die Vertreter der verschiedensten Interessen zusammenkommen, um über die Zukunft von Blockchain und Kryptogeld zu entscheiden.
Allerdings scheint dies nicht auszureichen. Die Tapscotts präsentieren einige Fallstudien, die zeigen, dass die Branche unbedingt bessere Governance-Netzwerke braucht.
Bitcoins Blocksize-Krise
Wenn man über die Governance von Kryptowährungen spricht, ist es nicht zu vermeiden, über das Scheitern der Governance von Bitcoin zu sprechen. Die meisten Open-Source-Projekte, etwa Wikipedia oder Linux, beruhen auf meritokratischen Prinzipien, aber „haben noch immer wohlmeinende Diktatoren, wie Jimmy Wales oder Linux Torvald.“ Bitcoin hat keinen Diktator, sondern wird in einem offenen, ein wenig anarchistischen Umfeld entwickelt.
Leider kam es, dass sich die Bitcoin-Szene in zwei feindliche Lager gespalten hat und von informellen Machtstrukturen beherrscht wird. Diese Anarchie sowie der Krieg um die Skalierung, „haben Bitcoin deutlich geschadet. Dies ist vermutlich einer der Faktoren des möglichen Flippening, durch das die neue Blockchain Ethereum Bitcoin in den Schatten stellen wird,“ erklären die Autoren.
In Bitcoin finden wir verschiedene Gruppen, die sich der Protokoll-Entwicklung widmen. Früher hat die Bitcoin Foundation die Arbeit von Bitcoin Core (bzw. dem Vorgänger, Bitcoin-QT) finanziert. Sie ist jedoch unter der eigenen Misswirtschaft kollabiert. Heute werden die Core-Entwickler durch das MIT unterstützt sowie durch Firmen wie Blockstream oder ChainCodeLabs. In den letzten Monaten hat auch der chinesische Mining-Fabrikant Bitmain zunehmend begonnen, Entwicklerteams zu finanzieren, etwa Parity Bitcoin oder Rootstock.
Diese verschiedenen Lager in der Bitcoin Protokoll-Entwicklung scheinen nicht in der Lage zu sein, einen Konsens zu finden, wie es mit Bitcoin vorwärts geht. Ein Twitter-Dialog, in dem einige Core-Entwickler beteiligt waren, demonstriert für die Blockchains ein grundsätzliches Problem: Es scheint niemanden zu geben, der verantwortlich ist. Bitcoin Core ist, wie oft gesagt wird, nur eine Gruppe von freien Individuen und hat an sich keine Macht. Allerdings scheinen sich zurselben Zeit starke informelle Machtstrukturen um die Firma Blockstream gebildet zu haben, die die Bitcoin-Entwicklung erheblich beeinflussen.
Manche halten dieses Patt der Entwicklung nicht für einen Nachteil, sondern für eine Stärke von Bitcoin. Denn es macht Bitcoin schwerer zu ändern, was im Sinn der Sache liegt. Die Tapscotts glauben jedoch nicht daran. „In mehrere Jahrzehnten, in denen wir Technologie und Innovation erforscht haben, wurde ein solcher Stillstand niemals als positiv wahrgenommen, vor allem dann nicht, wenn sich beide Seiten gegenseitig beschuldigen, Unwahrheiten zu verbreiten, Meinungen zu zensieren und zu trollen.“
Die Regierung von Ethereum und die DAO Fork
Die Governance Strukturen von Ethereum sind deutlicher und transparenter als bei Bitcoin. Hier haben wir etwa die Ethereum Foundation, „eine Non-Profit Organisation, die aus etwa 40 Entwicklern und Forschern besteht.“ Laut dem Mitgründer der Foundation, Vitalik Buterin, hat sie die Aufgabe, die Zukunft des Protokolls von Etheruem zu erforschen, Clients wie Geth zu entwicklen und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.
Diese stärker formalisierte Machtstruktur bei Ethereum ermöglichte etwa die Entwicklung des ERC-20 Standards für Token. Dies wurde ein mächtiges Werkzeug, das Ethereum zur einer gigantischen Crowdfunding-Plattform gemacht hat, auf der Startups mit der Herausgabe von Token durch eine ICO viele Millionen einstreichen können.
Die Ethereum Foundation wird flankiert von der Enterprise Ethereum Alliance (EEA), die gegründet wurde, um Standards für private Ethereum-Blockchains zu bilden und diese kompatibel zur Ethereum-Mainchain zu halten. Die EEA besteht aus einer großen Anzahl großer Unternehmen wie Microsoft.
Wie in allen Kryptowährungen gibt es bei Ethereum verschiedene Gruppen von Stakeholdern: Miner, Mining-Pools, Investoren, Entwickler, User und mehr. Im Sommer 2016 führten diese Gruppen eine hitzige Diskussion über die berühmt-berüchtigen DAO Fork. In diesen Diskussionen zeigte sich recht rasch, dass die überwältigende Mehrheit der Stakeholder für die Fork war. Die Ethereum Foundation hat sich jedoch lange zurückgehalten und nach der Fork das Existenzrecht von Ethereum Classic anerkannt. Ein Grund für diesen relativ reibungslosen Ablauf einer uneinigen Hardfork lag womöglich in Vitalik Buterin. Buterin ist der einflussreichste Kopf in Ethereum. „Er mag nicht der ultimative Entscheider sein, wie Linus Torvald bei Linux, aber Buterin steuert mit Sicherheit das Ethereum Ökosystem.“
Herausforderungen der Governance und das Ökosystem
Weniger kontrovers und giftig als die Steuerung der Protokoll-Entwicklung ist die Beeinflussung von der Entwicklung von Anwendungen und des Ökosystems. Allerdings steht die Krypto-Szene auch hier vor immensen Herausforderungen, die nur mithilfe gelungener Governance zu lösen sind. So werden etwa händeringend Fachkräfte und Talente gesucht, da es noch immer viel zu wenige Leute gibt, die in der Lage sind, Anwendungen für Blockchains wie Smart Contracts zu entwickeln. Dies kann nicht durch individuelle Vorstöße, sondern durch koordinierte Bemühungen um Bildung gelöst werden. Man sieht dies etwa an den Industrieverbänden IHK, die lokal die Aus- und Fortbildung unterstützen.
Eine ebenso große Herausforderung sind die User-Interfaces, die GUI. „Viele der Apps sind für normale Menschen nicht zu bedienen. Es gibt nicht genug Support für Wallets, viele Benutzeroberflächen sind nicht nutzerfreundlich und verlangen nach einer hohen Toleranz für alphanummerischen Code und Geekspeak.“ Auch hier ist eine branchenweite Anstrengung notwendig, etwa um gewisse Standards für Wallets zu entwickeln.
Eine andere, mehr generelle Herausforderung für das gesamte Ökosystem ist die rechtliche Unklarheit. Irreversible Transaktionen und unaufhaltsame Smart Contracts, was juristisch betrachtet etwas vollkommen neues und unerhörtes ist. Dies ist es, was die Magie von Blockchains ausmacht – aber es ist, zur selben Zeit, das, was der Branche Probleme bereitet. Wie kann man der Regulierung gehorchen, ohne „Innovation zu blockieren, indem man aufgrund der schlimmsten möglichen Fälle überreagiert – Menschenhandel, Drogenhandel, Schießereien, Kinderpornographie, Terrorismus, Steuerhinterziehung?“
Zugleich müssen die Unternehmen acht geben, „dass sie nicht beginnen, mit neuen Blockchain basierten Anwendungen, etwa für das Identitäts-Management, bürgerliche Freiheiten angreifen.“ Dies ist nicht weit hergeholt. Die Transparenz der Blokchain sowie Projekte wie die Nutzung von Irisscans für die Wallets von Flüchtlingen zeigen, dass die Kryptoanarchie nicht die einzige Dystopie ist, die aus der Blockchain-Technologie erwachsen kann.
Notwendig ist ein regulatorischer Rahmen, der maßgeschneidert für die Bedürfnisse des Ökosystems um Blockchains ist. Die Regulierer in New York haben dies mit der BitLizenz versucht. Doch da diese zu streng war, verursachte sie einen Exodus von Krypto-Unternehmen aus New York, da die meisten es sich nicht leisten konnten oder wollten, sich der Lizenz zu unterwerfen.
Solche breiter gefassten Herausforderungen – das Userinterface, die Ausbildung von Fachkräften, die richtig ausbalancierte Regulierung – schreien nach der Kooperation der Verwalter. Die harte Frage ist jedoch noch nicht beantwortet: Wer sind diese Gruppen von Verwaltern? Und wie kann man sie verbessern?
Die Verwalter der Blockchain und wie ihre Netzwerke verbessert werden können
Die Tapscotts definieren verschiedene Gruppen im Bitcoin-Ökosysteme und ihre Rolle als Verwalter: Unternehmer und Unternehmen, Wagniskapitalgeber, Banken und Finanzinstitute, Entwickler, Wissenschaftler, Nichtregierungsorganisationen, Regierungen, User.
Jede dieser Gruppen ist in sich alles andere als homogen, grenzt sich aber durch Regeln und Ziele von anderen Gruppen ab. In den meisten Gruppen ist der Grad der internen Organisation sehr gering. So sind bisher nur wenige Unternehmer den Handelsorganisationen beigetreten, die Entwickler haben kein formales Gremium wie die ICANN, die IETF oder die W3C, sondern nur informelle Regeln und Normen. Auch Regierungen haben keine einzelne Behörde, die mit virtuellen Währungen umgeht, sondern kaum koordinierte Gruppen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen. Und so weiter.
Zwar entstehen immer mehr Gruppen, die versuchen, Einfluss auf die Governance der Blockchain zu nehmen. Die meisten Altcoins haben ihre Foundation, und erst jüngst wurde der Bundesverband Blockchain gegründet, um die Regierung bei der Regulierung von Blockchains zu beraten. Allerdings fehlen noch zahlreiche Strukturen und formalisierte Regeln, wie sie die Graswurzel-Regierung des Internets entwickelt hat. „Damit diese Technologie ihre nächste Phase erreicht und ihre langfristigen Versprechen erfüllt, brauchen wir weiterhin Koordinierung, Organisierung und Führung.“
Die Autoren zitieren Vintg Cerf, der Gründer der Internet Society und der Internet Engineering Task Force (IETF). Cerf schlägt vor, dass es „ein guter Anfang wäre, wenn man eine Gruppe für Blockchain in der IETF gründet.“ Zudem könne die „IGF Sitzungen zu Blockchain und Bitcoin organisieren.“ Blockchain und Kryptowährungen könnten als denselben Governance-Gremium unterliegen, die bereits das Internet steuern.
Wird das reichen? Immerhin ist Blockchain etwas anderes als das Internet. Die Tapscotts schlagen daher vor, dass „respektierte globale Netzwerk-Institutionen,“ wie das Weltwirtschaftsforum oder die Internet Society, beginnen, die Regierbarkeit von Blockchains zu diskutieren und Kontakt zu Schlüsselakteuren aufbauen. Sie schlagen darüber hinaus vor, „den Stillstand der Bitcoin Plattform-Entwicklung zu durchbrechen, indem man eine Bitcoin Engineering Task Force (BETF) gründet, die eine lose, selbstorganisierte Graswurzelgruppe ist, die aus neun Stakeholder Gruppen besteht.“ Anders ausgedrückt: Wir machen noch mehr und noch größere runde Tische. Irgendwann wird es klappen.
Darüber hinaus raten sie, mehr Netzwerke zu bilden, die Entscheider aufklären. „Die Arbeit des Chamber of Digital Commerce (CDC) ist beispielhaft, aber das Ökosystem braucht mehr. Wir ermutigen Organisationen in jedem Land dazu, dem CDC beizutreten und an seiner Arbeit teilzunehmen.“ Darüber hinaus fordern sie, mehr Blockchain Kurse an Universitäten ins Leben zu rufen, und die Blockchain Forschung zu stärken.
Ob das reicht, um ein Phänomen wie Kryptowährungen zu bändigen und anzuleiten, ist freilich eine andere Frage. Aber es könnte ein Anfang sein.

