Mehrere Aussagen von Repräsantanten der Indischen Zentralbank RBI (Reserve Bank of India) geben derzeit Anlass zur Befürchtung, dass Indien plant, Kryptowährungen zu verbieten oder zumindest strenger zu regulieren. Allerdings lassen die Aussagen einen relativ breiten Intepretations-Spielraum zu.
Schon im September hat die Zentralbank von Indien (Reserve Bank of India, RBI) eine Arbeitsgruppe beauftragt, zu prüfen, ob Bitcoin ein rechtsgültiges Zahlungsmittel sein kann und wie man im Allgemeinen mit Kryptowährungen umgehen wird. Dies ging auf eine Aufforderung des Finanzministeriums im August zurück, Bitcoins und andere Kryptowährungen streng zu regulieren.
Sudarshan Sen, ein Direktor der RBI, erklärte nun vor kurzem auf einer Konferenz in Mumbai: „Derzeit haben wir eine Gruppe, die sich Fiat-Kryptowährungen anschaut. Damit meinen wir etwas, das eine Alternative zur indischen Rupie sein kann, um es so zu sagen. Wir schauen uns das genau an.“ Sen hat darüber hinaus erläutert, was der Unterschied zwischen Fiat-Kryptowährungen und Bitcoins ist: „Es wird Fiat sein, wenn zum Beispiel eine Zentralbank eine digitale Währung herausgibt, die man im Cyberspace bewegen kann, ohne physisches Geld in der Tasche zu haben.“ Nicht-staatliche Kryptowährungen wie Bitcoin sieht die Zentralbank dementsprechend eher als Konkurrent an: „Was Nicht-Fiat Kryptowährungen angeht, denke ich, dass wir uns mit ihnen nicht wohlfühlen.“
Man könnte dies auf zwei Arten verstehen: Erstens sucht die Zentralbank aktiv nach einer digitalen Ergänzung zur Rupie, die sie selbst benutzen und fördern will. In diesem Fall hat sie sich nun entschieden, nicht Bitcoin oder eine andere freie Kryptowährung zu benutzen, sondern selbst eine eigene „Fiat-Kryptowährung“ zu entwickeln. In der zweiten Variante prüft die Zentralbank, ob sie bereits vorhandene Kryptowährungen als mögliche digitale Ergänzungen zur Rupie zulassen wird. In dem Fall hat sie sich nun entschieden, nur „Fiat-Kryptowährungen“ zu erlauben, aber Kryptowährungen wie Bitcoin zu verbieten oder streng zu regulieren.
Weitere Details sagte Sen auf dieser Konferenz nicht.
Sein Kollege S. Ganesh Kumar, gab jedoch einen weiteren Hinweis, der die zwei zur Debatte stehenden Varianten weiter ausbaut: „Unsere gegenwärtige Position zu Bitcoins ist, dass wir sie nicht benutzen werden für irgendwelche Zahlungen und Settlements … allerdings wird die den Kryptowährungen unterliegende Technologie damit nicht enden.“
Hier spitzt sich die Entscheidung zwischen den beiden Varianten auf die Interpretation des Wörtchens „we“ (wir) zu: Meint „wir“ die Mitarbeiter der Zentralbank? Hat sie also wie schon angedacht nicht vor, Kryptowährungen wie Bitcoin zu prozessieren und zu settlen – was ein unerhörter und interessanter, aber doch recht unerwarteter und unwahrscheinlicher Schritt gewesen wäre? Oder meint sie mit „wir“ die Gesamtheit der Inder, was bedeuten würde, dass sie den von China Ende 2013 eingeschlagenen Weg gehen und es verbieten möchte, dass man mit Kryptowährungen bezahlt?
Die Zentralbank hat schon kurz zuvor Bedenken gegen Bitcoin und andere Kryptowährungen geäußert. Bereits im Frühjahr gab es Gerüchte, dass ein Bitcoin-Verbot anstehe. Nachdem diese offenbar falsch waren, hieß es im Sommer, Bitcoin und Kryptowährungen seien „Schwarzgeld“, das von Terroristen und Betrügern missbraucht werden kann, um Geld zu waschen. Weiter sagte die Zentralbank, dass sie keine Lizenz oder Erlaubnis an Firmen vergeben habe, die mit Bitcoin oder anderen Kryptowährungen arbeiten.
Für die aufblühende Bitcoin-Branche in Indien sind diese Nachrichten zumindest besorgniserregend. Nachdem Indien vor rund einem Jahr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mehr als die Hälfte des zirkulierenden Bargelds aus dem Verkehr gezogen hatte, explodierte die Nachfrage nach Bitcoin in Indien.
Heute hat sich die anfangs sehr chaotische Situation wieder einigermaßen beruhigt, doch die großen Erfolge blieben aus: Die Anzahl der Steuerzahler konnte um 10 Millionen gesteigert werden, was angesichts von 1,3 Milliarden Indern nicht so arg viel ist. Die als Hauptzweck genannte Austrocknung der Schwarzmärkte ist weithin nicht geschehen; nahezu 99 Prozent des Bargelds fand seinen Weg auf ein Bankkonto. Andere Beobachter erkennen in Indien sogar einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit und einen Rückgang der Konjunktur durch das Verbot von Teilen des Bargelds.

