Der perfekte Startschuss: Indien schafft Bargeld ab, während die Bevölkerung beginnt, sich für Bitcoin zu erwärmen

Kann das ohne Bargeld funktionieren? Markt in Indien. Foto von Liv Unni Sødem via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Indische Regierung beginnt eines der größten volkswirtschaftlichen Experimente aller Zeiten: Sie zieht einen Großteil des Bargelds aus dem Verkehr. Dies könnte die Bitcoin-Nachfrage des Subkontinents beflügeln. Schon jetzt ist der Bitcoin-Preis in Indien deutlich höher als in Europa.

Am vergangenen Dienstag hat Indiens Premier-Minister Narendra Modi angekündigt, dass alle Geldscheine mit einem Wert von mehr als 100 Rupien (ca. 1,40 Euro) mit sofortiger Wirkung aus dem Finanzwesen abzuziehen sind. Die so plötzlich ungültig gewordenen Geldscheine machen laut dem BBC 86 Prozent des indischen Bargelds aus.

Premier Modi begründete diesen überraschenden Zug mit dem Kampf gegen die Korruption. “Schwarzgeld und Korruption sind die größten Hindernisse auf dem Weg, die Armut auszurotten,” so Modi. Indien ist eine Bargeld-Ökonomie, in der rund 90 Prozent aller Zahlungen bar gemacht werden. Laut einer Studie der Regierung bezahlte 2013 nur ein Prozent der Bevölkerung eine Einkommenssteuer. Das Ergebnis dieses gigantischen Schwarzmarktes ist, dass eine Menge Inder eine Menge Bargeld hortet.

Chaos und Verzweiflung

Mit der Entwertung des Großteils des Bargelds möchte die Regierung nun das Schwarzgeld auf die Bankkonten drängen. Ein Tag nach der Ankündigung blieben die Banken geschlossen und die Geldautomaten außer Betrieb. Ab dem darauf folgenden Tag konnten die Bürger ihr altes Bargeld gegen neue Scheine von 500 oder 2.000 Rupien einwechseln. Zunächst bleibt der gesamte zu wechselnde Betrag auf 4.000 Rupien beschränkt, mehr wird später möglich sein. Bankeinzahlungen haben hingegen kein Limit, lediglich ab 250.000 Rupien erhält die Steuerbehörde einen Hinweis und beginnt vermutlich eine Untersuchung.

Die BBC nannte das Vorgehen der Regierung “ein außergewöhnliches ökonomisches Experiment”. Das Online-Magazin telepolis verglich es damit, mit Dynamit zu angeln, da die Maßnahmen gut darin sind, den armen Indern zu schaden, aber schlecht darin, Geldwäsche zu bekämpfen. Die Einführung eines 2.000 Rupien Scheins könnte es sogar einfacher machen, größere Beträge zu waschen. Viele andere Medien – etwa der Tagesspiegel oder die Badische Zeitung – berichten von Panik, Verzweiflung und dem Zusammenbruch einiger Wirtschaftszweige. Angeblich sind sogar schon Menschen verhungert, während sie an Geldautomaten Schlange standen.

Bitcoin-Preis in Indien etwa 20 Prozent über Weltmarktpreise

Am selben Tag, an dem Indien einen Großteil seines Bargeldes entwertete, schoss die Anzahl der Suchanfragen nach Bitcoin in die Höhe. Google trends zeigt die höchsten Werte seit dem Allzeithoch Ende 2013. Die deutlichste Sprache spricht jedoch der Bitcoin-Preis: Auf ZebPay kostet 1 Bitcoin mehr als 61.000 Rupien – was etwa 850 Euro entspricht. Auf Bitcoin.de wird ein Bitcoin hingegen zu 700 Euro gehandelt. Es war noch nie so lukrativ, Geld nach Indien zu überweisen!

“Diejenigen, die in Indien Bitcoins besitzen, denken, dass das Vorgehen der Regierung gegen Schwarzgeld der papier-, banken- und staatenlosen Währung dabei helfen wird, Fuß zu fassen,” schreibt die Hindustan Times. Die Zeitung zitiert Saurabh Agrawal, CEO von Indiens führender Bitcoin-Börse ZebPay: “Leute, die niemals von Bitcoin geredet haben, ruften mich plötzlich an. Sogar Finanzinstitute wollen nun in Bitcoin investieren.”

Auch Sathvik Vishwanth, CEO von Unocoin, einer weiteren größeren Bitcoin-Börse in Indien, begrüßt die Abschaffung des Bargeldes als große Chance für Bitcoin: “Wenn es der einzige Weg nach vorne ist, das Bargeld loszuwerden, dann macht Bitcoin, eine grenzen- und vertrauenslose, transparente Währung mit Sicherheit mehr Sinn.” Vishwanth rief zudem die Regierung und Regulierer dazu auf, dabei zu helfen, die Nutzung von Bitcoin zu stärken.

Trotz allem: Kein guter Ersatz für Bares

Beide Börsen berichten von zahlreichen Anrufen und Registrierungen nach der Aktien gegen das Bargeld. Die meisten Leute wollten Bitcoins mit Bargeld kaufen und zogen enttäuscht von dannen, nachdem sie erfahren hatten, dass dies auf den Börsen nicht anonym möglich ist. “Ich musste die meisten meiner operativen Mitarbeiter darauf ansetzen, ans Telefon zu gehen und den Anrufern zu erkären, dass dies nicht möglich ist,” erzählt Sandeep Goenka, Mitgründer von ZebPay.

Nicht nur wegen der fehlenden Anonymität ist Bitcoin ein schlechter Ersatz für Bargeld. Indien fehlt die Infrastruktur und technische Bildung, um Bitcoin, die digitale Währung, so zu nutzen wie Geldscheine. Verglichen mit der Bevölkerung hat Indien mit 5 Nodes eine der geringsten Nodes-je-Kopf-Relationen der Welt. Darüber hinaus ist es äußerst fraglich, ob die Transaktions-Kapazität von Bitcoin auch nur annährend ausreicht, um Bargeld ersetzen zu können.

Dennoch trifft das Vorgehen der Regierung gegen Schwarzgeld auf eine ohnehin schon steigende Nachfrage nach Bitcoin im dem Land mit etwa einer Milliarde Einwohnern. Indien gilt als der am schnellsten wachsende Bitcoin-Markt der Welt; die Börsen UnoCoin und ZebPay berichten regelmäßig von einem rasanten Wachstum. Als einer der wichtigsten Gründe für Indiens Zuwendung zu Bitcoin wird oft der Indische Markt für internationale Überweisungen genannt. Mit mehr als 70 Milliaren Dollar war 2015 kein Land Ziel so großer Summen an Überweisungen von Gastarbeitern aus dem Ausland wie Indien. Und wie es scheint, wird den Leuten langsam klar, dass solche Überweisungen mit Bitcoin billiger sein können als mit anderen Anbietern.

Unocoin machte vor kurzem Schlagzeilen durch eine Kooperation mit Blockstream und einer Investition von 1,5 Millionen Dollar. Die Börse öffnete zugleich ihre API für weltweite User, um die Nutzung von Bitcoins für internationale Überweisungen nach Indien zu verbessern.

Einige Tage bevor die Bargeld-Restriktionen angekündigt wurden, hatte Agrawal von ZebPay in einem Interview bereits von einem steigende Bitcoin-Interesse in China berichtet: “Die Aktienmärke stürzen wegen der politischen Instabilität ab, und in solchen Zeiten nutzen die Leute Gold oder Bitcoins als alternative Investments. Das Volumen des Bitcon-Tradings weltweit ist vor kurzem um 20 Prozent gestiegen, und auch hier sehen wir in den letzten Wochen einen deutlichen Anstieg im Handel.”

Während Bitcoin von Indern eventuell zunehmend genutzt wird, um sich gegen die Volatilität der eigenen Währung abzusichern, gibt es auch Anzeichen, dass die Kryptowährung in den Schwarzmärkten eingesetzt wird. Zumindest hat die Indische Drogenkontrolle, das “Narcotis Control Bureau” (NCB) vor kurzem erstmals festgestellt, dass “Drogenschmuggler das Darknet und Bitcoin nutzen, um illegal in Indien mit Drogen zu handeln,” so der Generaldirektor der NCB, R. R. Bhatnagar, in einem Interview.

Unter diesen Umständen kann der Krieg gegen das Schwarzgeld in Indien tatsächlich einen Bitcoin-Boom befördern – während Bitcoin selbst es für die Inder vielleicht erträglicher machen kann, Bargeld teilweise abzuschaffen.

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2 Comments on Der perfekte Startschuss: Indien schafft Bargeld ab, während die Bevölkerung beginnt, sich für Bitcoin zu erwärmen

  1. Na sollte das Geschehen, das ganz Indien komplett auf BTC setzt,

    dann bricht doch unmittelbar das Chaos aus, 100.000 und mehr in der Warteschlange usw.

    da werden dann anstatt 200.000 mögliche Transaktionen am Tag mindestens das 100fache nötig.

    mfg

  2. Nattydraddy // 19. November 2016 at 6:49 // Reply

    In der Mitte des Artikels steht:
    “Die Einführung eines 2.000 Rupien Scheins könnte es sogar einfacher machen, größere Beträge zu waschen.”

    Da hättest du am Anfang des Artikels schreiben sollen, dass der Statt nicht einfach nur 500 und 1000 Rupien-Scheine aus dem Verkehr zog, sondern gleichzeitig auch neue 500 und 2000 Rupien-Scheine ausgab. Wobei “gleichzeitig” in Indien so eine Sache ist. Die Verteilung der neuen Scheine an die Banken dauert länger als geplant und so stehen die meisten Inder umsonst in den Schlangen vor der Bank.

    “Beide Börsen berichten von zahlreichen Anrufen und Registrierungen nach der Aktien gegen das Bargeld.”
    Den Satz würde ich umstellen. Ansonsten gibt es im 2. Teil des Artikel zwar ein paar kleine Formfehler, aber viele gute Informationen. Das gefäkkt richtig gut.

    Da stört es mich auch nicht, wenn im Alltag Bitcoins nicht genutzt werden kann, wenn 3 tx/s, hohen Gebühren und fehlender Anonymität. ” 70 Milliarden Dollar an Überweisungen von Gastarbeitern” Rein dieser Markt würde Bitcoin weit nach vorne bringen. Mit 2 MB Blöcken gibt auf wieder genug Platz in den Blöcken.

1 Trackback / Pingback

  1. Mehr Kontrolle. Vom weltweiten Kampf gegen das Bargeld. – BitcoinBlog.de – das Blog für Bitcoin und andere virtuelle Währungen

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