Dream Market ist der mit Abstand größte und älteste Underground-Markt im Darknet. Ende März wird der Markt schließen. Die Nachricht sorgt für Verwirrung und Paranoia in der Szene. Wiederholt die Polizei ihr Erfolgsmanöver von 2017?
Drogenmärkte im Darknet haben meist eine kurze Lebensspanne. Sobald ein Markt zu groß wird, wird er das Ziel von Angriffen und Ermittlungen, und die Betreiber machen den „Exit Scam“: Sie schalten die Server ab, sammeln die Bitcoins der Kunden ein und verschwinden in der Dunkelheit des Netzes. Diejenigen, die versuchen, zu bleiben, werden über kurz oder lang verhaftet.
Eine Ausnahme ist der Dream Market. Dieser Drogenmarkt existiert schon lange. Das „Branchenmagazin“ Deepdotweb postet im November 2015 ein Tutorial, wie man dort einkaufen kann, Cryptocoinsnews schreibt dem Markt sogar eine sechsjährige Geschichte zu. Dream Market war schon lange eine relativ große Nummer im Darknet, doch seit im Sommer 2017 Alphabay und Hansa kurz nacheinander hochgenommen wurden, dominierte der Markt das Geschäft mit den Drogen im Darknet.
Gestern wurden Nachrichten in User-Accounts öffentlich, in denen Dream Market ankündigt, offline zu gehen: Der Markt werde am 30. April schließen, und der Service zu einer „Partnerfirma“ migriert, deren Onion-Link bereits genannt wird. Dieser Ankündigung ging wohl ein monatelanger, schwerer DoS-Angriff bevor, bei dem Erpresser von den Dream-Market-Admins erhebliche Summen in Bitcoin verlangt hatten. Die Nachricht sorgt für Verwirrung in den einschlägigen Foren, etwa auf Reddit. Leute fragen, woher sie denn nun ihr LSD oder andere Drogen bekommen, die Szene einigt sich fast sofort auf den zwingenden Nachfolger – das scheint bei solchen Dingen ein soziales Gesetz zu sein -, Verkäufer kündigen ihre Shops auf dem neuen Leitmarkt an, Käufer fragen nach Einladungslinks, und es wird sich beschwert, dass dessen Server nicht stark genug sind.
Gleichzeitig breitet sich Paranoia aus. Wird die Polizei die Massenauszahlungen von den Wallets von Dream Market beobachten? Und könnte es sein, dass das alles nur eine Finte der Strafverfolgung ist? Tatsächlich lässt sich ein Muster erkennen: 2017 schlossen US-amerikanische und thailändische Ermittler den damaligen absoluten Leitmarkt Alphabay. Die ganze Darknet-Szene migrierte in kürzester Zeit zum zweitstärksten Markt, Hansa – der aber bereits seit Monaten unter Kontrolle der niederländischen Polizei stand, nachdem deutsche Ermittler deren Betreiber festgenommen hatten. Ein 2017 erschienener Bericht von Europol und dem EU-Zentrum für Drogensucht notiert:
„Ein integrierter Ansatz auf Basis internationaler Kooperation hat das Potenzial, einen nachhaltigen Einfluss auf die kriminelle Aktivität zu haben. Koordinierte Aktionen, wie gegen AlphaBay und Hansa […] haben die Nutzung des Darknets als eine Plattform für illegalen Drogenhandel reduziert.“ So wie die meisten Verbrechen kann die Polizei den Darknet-Handel nicht völlig ausrotten. Aber sie kann ihn klein halten. Die Best Practice dafür scheint es zu sein, Furcht und Schrecken zu verbreiten. Die Nutzer der Märkte benötigen ein gewisses Grundvertrauen, da sie im Handel zwingenderweise private Daten hinterlassen – irgendwohin muss die Ware ja geliefert werden. Wenn es gelingt, dieses Grundvertrauen zu untergraben und vor allem die Käufer abzuschrecken, werden die Darknet-Märkte so klein bleiben, dass es erträglich ist.
Noch im Jahresbericht über die organisierte Kriminalität im Internet (IOCTA) 2018 stellt Europol fest, wie gut die Strategie funktioniert hat: „Die Ereignisse hatten einen bemerkenswerten Einfluss auf die Darkweb Community.“ Die Schließung von jedem Markt führe unvermeidlich dazu, dass die Käufer und Verkäufer zu anderen Märkten migrieren. Doch selbst alle Nachfolger von Alphabay / Hansa erreichten „zusammen nicht die frühere Größe von Alphabay, was auf einen Rückgang der Gesamtaktivität des Darkwebs hinweist.“ Dies werde dadurch bestätigt, dass das Volumen von Bitcoin-Transaktionen, die dem Darknet zugeordnet werden, drastisch gefallen ist. Dazu beigetragen haben auch die zahlreichen Exit-Scams von anderen Marktplätzen.
Es ist verlockend, nun zu spekulieren: Hat sich das Darknet fast zwei Jahre nach Alphabay / Hansa wieder erholt? Leider gibt es noch keinen neuen IOCTA Bericht, der diese Frage wohl beantworten würde. Die Behörden arbeiten immer enger international zusammen und verstehen immer besser, wie Bitcoins und die Märkte funktionieren. Es wäre denkbar, dass für sie jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um erneut einen Trumpf aus dem Ärmel zu ziehen. Aber das ist, natürlich, Spekulation, und es ist mindestens ebenso gut denkbar, dass einfach nur ein Marktplatz einen überraschend ehrlichen Schlussstrich zieht.
P.S.: Ich habe dem Umgang der Staatsgewalt mit der Herausforderung durch Bitcoin ein ganzes Kapitel in meinem Buch über Bitcoin gewidmet: „Die Rückeroberung der Kontrolle.“ Darin geht es auch ausführlich darum, wie Darknet-Märkte wie Silk Road oder Alphabay aufgespürt und abgeschaltet wurden. Ihr findet dieses Kapitel als Leseprobe auf meiner Seite.

