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„Wartet, bis wir Atomkraftwerke ins Spiel bringen und die überschüssige Energie benutzen.“

Bild von Weißrusslands Hauptstadt Minsk. Bild von Marc Veraart via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Weißrusslands Präsident Aljaksandr Lukaschenko überlegt in einem Interview, die überschüssige Nuklear-Energie seines Landes dafür zu verwenden, Bitcoin und andere Kryptowährungen zu schürfen. Eine gute Idee – oder einfach nur Wahnsinn?

Eigentlich sollte es niemand besser wissen als die Einwohner Weißrusslands. Mehr als jedes andere litt das Land an den Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl – deren Folgen auch nach mehr als 30 Jahren weiterhin zu spüren sind. Wenn irgendein Land dieser Welt kritisch gegenüber Atomenergie sein sollte, dann Weißrussland.

Kürzlich jedoch machte eine Rede von Weißrusslands Präsident Lukaschenke die Runde, in der dieser wohl dafür plädiert, die Atomenergie des Landes zu nutzen, um Bitcoins zu schürfen: „Mining, Farmen aufbauen und so. Wartet, bis wir Atomkraftwerke ins Spiel bringen und die überschüssige Energie benutzen. Wir werden Räume bauen lassen, um Mining-Farmen zu bilden. Und wir werden diese Bitcoins schürfen und verkaufen.“

Die Rede fand bereits im April auf einer Konferenz weißrussischer Informatiker statt, auf der Lukaschenko dem aufstrebenden IT- und Blockchain-Sektor des Landes weitere Unterstützung verspricht. Da sie allerdings derzeit wieder kursiert, ist sie eine gute Gelegenheit, über die Fragen zu diskutieren, die sie aufwirft.

Ist es sinnvoll, überschüssige Atomenergie fürs Mining zu benutzen?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Besser wäre es ohne Zweifel, wenn es überhaupt keine Atomenergie mehr gäbe, und man stattdessen genügend Überschüsse aus erneuerbaren Energien hätte, die man ins Mining stecken kann.

Da es aber die Atomkraftwerke bereits gibt, und die erneuerbaren Energien ihre Leistung noch nicht ersetzen, geschieht der Atomausstieg sukzessive. Ein Meiler nach dem anderen wird heruntergefahren. Da ein Atomkraftwerk, wenn es einmal in Betrieb ist, eine bestimmte Menge Strom erzeugt – ich bin kein Experte, daher verzeiht mir, wenn ich mir irre – wird das Abschalten eines Meilers ein Loch in die Stromversorgung reissen, das schon zuvor geflickt werden sollte. Es wird also unvermeidlich sein, Überkapazitäten zu produzieren. Und bevor diese den Markt für Energie verzerren – und damit die Energiewende teurer machen – wäre es doch sinnvoll, Mining-Anlagen in die Atomkraftwerke zu stellen. Durch den Aufbau der Hashpower könnte man den Atomausstieg auf dem Strommarkt sanfter und weniger ruckhaft gestalten.

Mining-Farmen könnten ein wichtiges Werkzeug für die Energiewende sein. Die Einnahmen, die sie produzieren, könnten wiederum in erneuerbare Energien investiert werden. Dies klingt nach einer sinnvollen Strategie – ist aber offenbar nicht das, was Lukaschenko vorschlägt, den dürren Informationen zufolge, die über seine Rede vorliegen. Es klingt vielmehr, als plane er den Bau oder Ausbau von Atomkraftwerken. Tatsächlich hat Weißrussland derzeit noch gar kein aktives Atomkraftwerk, das AKW Ostrowets wird seit einigen Jahren gebaut und soll ab 2020 in Betrieb gehen.

Sollte das Bitcoin-Mining finanzielle Anreize setzen, um in die Atomenergie ein- anstatt auszusteigen, wäre das, meiner Meinung nach, ziemlich verheerend.

Treten die Staaten ins Mining ein?

Die zweite Frage, die sich aus der Rede von Lukaschenko ergibt, ist, was passiert, wenn Staaten zu Minern werden. An sich ist dies eine naheliegende Konsequenz davon, dass Bitcoin groß wird. Es liegt im langfristigen strategischen Interesse von Nationalstaaten, ein Standort des Bitcoin-Minings zu sein, so, wie der Zugriff auf Öl eine wichtige Ressource ist.

Dass Weißrussland hier eine Pionier-Rolle spielt, könnte dem Land, dessen Wirtschaft unter planwirtschaftlicher Zentralisierung und Inflation leidet, helfen. Eventuell könnte sich auch Bitcoin oder eine andere Kryptowährung als Alternative zum Weißrussischen Rubel herausbilden, was viele Vorteile für etwa den internationalen Handel oder die Vermögenserhaltung in der Bevölkerung haben kann.

Staaten haben beim Mining erhebliche Vorteile gegenüber Unternehmen, gerade in einer Planwirtschaft: Sie haben einen unmittelbaren Zugriff auf die Energiequellen und können quasi umsonst und steuerfrei minen. Dies dürfte die Konkurrenz aus der Privatwirtschaft unter Druck setzen, die keine Kosten scheut, um die Standorte mit den günstigsten Strompreisen zu finden, während es immer wieder vorkommt, dass Staaten oder Regionen die Steuerlast für Miner erhöhen, sobald deren Wirken auf den Strommärkten zu spüren ist. Es dürfte langfristig schwer werden, als privater Miner mit Nationalstaaten zu konkurrieren.

Der Einstieg von Staaten in das Mining hat noch einen weiteren Effekt: Er gibt den Regierungen Kontrolle. Eine Regierung kann die eignen Miner beipsielsweise anweisen, bestimmte Coins zu blockieren und eigene Transaktionen zu bevorzugen. Wenn es Standard ist, dass Regierungen das Mining stellen und beginnen, koordiniert zusammenzuarbeiten, könnte es ihnen möglich werden, Bitcoin zu zensieren.

Als Miner würde eine Regierung bei Bitcoin-Trahnsaktionen – seien sie monetär, seien sie für „Blockchain-Anwendungen“ wie Grundbücher – zudem effektiv keine Gebühren bezahlen. Dies wäre ein enormer Vorteil, der es erlaubt, die Blockchain auf Weisen zu benutzen, die ansonsten sündhaft teuer wären. Man denke hier etwa an die vielen Pläne, etwa in der Ukraine oder in Georgien, Teile der Regierungsdatenbanken auf die Blockchain auszulagern.

Die Idee hat also ein großes Potential – auch wenn man Zweifel haben kann, ob Weißrussland wirklich das richtige Land dafür ist.

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